MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Ausbruch aus dem Hamsterrad

Text Johannes Reichl
Ausgabe 06/2011

Es hatte etwas Bezeichnendes: Zum einen wählte Martin Lammerhuber zur Präsentation seines Bucherstlings „ZeitT!RAUM“ einen vermeintlich zeitlosen Ort – die Schallaburg –, zum anderen kam manch Gast einigermaßen gestresst auf den berühmten letzten Drücker, weil die Zeit knapp geworden war.

Dass aber alle kamen, war den meisten der Geladenen schlichtweg ein Herzensanliegen, wie der übervolle Saal bewies. Zum einen, weil Lammerhuber einfach ein sympathischer Zeitgenosse ist, zum anderen, weil er in seinem Buch genau jenen Themenkreis aufgegriffen hat, der eben sovielen selbst auf der Seele brennt: Zeit – sowie das Gefühl, keine oder zu wenig davon zu haben oder, um der Wahrheit die Ehre zu geben, sich zu wenig zu nehmen für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Schließlich lag da auch noch eine Frage im Raum, deren Klärung man im Zuge der Buchpräsentation erhoffte: Ausgerechnet Martin Lammerhuber, umtriebiger Marketingleiter der NÖN, Topmanager, ständig unter Strom-Stehender, humanoide Form des Duracell-Häschens, gerade dieser vermeintlich „Zeitlose“– er schreibt über Zeit?
Ja – gerade er, weil er weiß, wovon er spricht! Und, dies war eine weitere Überraschung, er tat es nicht etwa im „schnittigen“ Werbedeutsch oder im trockenen Manager-Jargon, sondern in Form von Lyrik, also direkt aus der Seele heraus.

Die Sehnsucht
„Ich arbeite seit 20 Jahren auf Hochtouren, seit 10 Jahren bei den NÖN – und das macht mir Spaß, ich bin sozusagen ein zeitvoller Lustarbeiter“, stellt Lammerhuber eingangs des Gesprächs gleich klar, dass er nicht etwa zu jenen gezählt werden möchte, die über den steten Stress („Dieses Wort gibt es für mich gar nicht!“) lamentieren. Dennoch dürfte über die Jahre, in denen der Manager „bisweilen eine sechseinhalb Tage Woche hatte und 85-95 Stunden pro Woche arbeitete“ ein gewisses Unbehagen oder zumindest Umdenken herangereift sein, das letztlich in der Erkenntnis mündete, „dass es so nicht weitergeht. Ich möchte kein Getriebener sein, zähle nicht zu jenen, die sich ausschließlich über den Beruf definieren. Da gibt es noch mehr, einen tieferen Sinn!“ Freilich einen, der – möchte man ihm nachspüren – Zeit bedarf! So betrachtet ist das Buch selbst schon Ergebnis dieses Selbstreflexions- und Erkenntnisprozesses, zum einen Ausdruck „meiner Sehnsucht nach mehr Ruhe, mehr Sein, mehr ich, mehr Tiefe“, zum anderen aber auch Manifestation des Willens, nicht nur davon zu reden, etwas zu ändern, sondern es auch zu tun.

Ausstieg aus dem Hamsterrad
Lammerhuber trifft damit einen Nerv der Zeit. Viele fühlen sich gehetzt, reden von der „Schnelllebigkeit der Zeit“, der sie nicht mehr gewachsen sind. Die Gazetten sind voll mit Berichten über DIE neue „Modekrankheit“ Burnout. „Natürlich hab ich auch die Gefahr gefühlt, dass der Motor heißläuft. Es gibt ja permanent Warnsignale, aber man fährt halt weiter, weil man glaubt, es ist noch grün, obwohl es vielleicht schon längst rot ist.“ Wobei Lammerhuber auch in vermeintlich banalen Dingen Warnsignale erkennt. „Es gab Zeiten, da war ich vielleicht zweimal im Jahr in meinem Garten, und die Felder hab ich erst bemerkt, als sie schon abgeerntet waren.“ Kurzum, das „normale“ Leben rinnt an einem vorbei, ohne es zu merken. „Heute gehe ich viel bewusster durch die Welt, schaue etwa ganz bewusst der Baumblüte zu, genieße die Natur – das muss man auch lernen!“ Es geht also gar nicht um die großen, immer zeitintensiven Würfe, sondern primär um die kleinen, vielleicht auch nur Augenblicke währenden Schritte. Wichtig ist letztlich nur, dass man sie setzt, denn „aus einem Hamsterrad kann ich noch selbst aussteigen, aber wenn ich einmal in die Zeitzentrifuge gerate, wird es gefährlich.“
Lammerhuber, der Vielarbeiter, gibt in seinem Buch daher unter dem Titel „ZE!T-FREUDE“ bzw. „ZE!T-NEU“ auch ganz konkrete Tipps, wie man aus dem Hamsterrad ab und zu aussteigt. Viele davon klingen unspektakulär, aber letztlich sind sie gerade in ihrer Einfachheit ganz bewusste Akte des Sich-Zeit-Nehmens. Da ist z. B. die Rede davon einen Spaziergang zu unternehmen, sich ein Gläschen Wein zu gönnen, ein Licht zu entzünden, früh aufzustehen und den Sonnenaufgang zu genießen, kalt zu duschen, einen Fasttag einzuschieben oder persönliche Kraftplätze zu definieren. Praktiziert er das auch alles selbst? „Bis auf ein, zwei Sachen habe ich schon alles selbst ausprobiert, was im Buch steht.“
Und er hat für sich einen ganz besonderen persönlichen Kraftplatz gefunden: den Attersee. Dorthin „entflieht“ Lammerhuber immer wieder zwischendurch, um die Seele baumeln zu lassen, mit den Vermietern ausgedehnt zu plaudern, einfach nur für sich zu sein oder „verrückte Sachen zu machen. Etwa am 25. Dezember in den See baden zu gehen – natürlich wissend, dass in der Wohnung die warme Badewanne wartet“, schmunzelt Lammerhuber und zeigt ein Beweisfoto am Handy. Dabei war die Wohnung am See selbst schon wieder so ein Emanzipationsakt – einen, den er dank des Zuspruches seiner Frau auch wirklich umgesetzt hat. „Als ich ihr von der Idee erzählt habe, meinte sie bloß ‚Martin, wenn das deine Sehnsucht ist, dann tue es´!“ Überhaupt dürfte ihm seine Frau stets den Rücken gestärkt haben, „sie hat mich immer akzeptiert mit meinen Stärken und Schwächen“, während bei anderen Teilen der Familie seine Arbeitswut oft auch auf „völliges Unverständnis gestoßen ist. Die haben gemeint, warum ist er nicht da, warum ist ihm die Arbeit wichtiger.“ Nachsatz: „Ich habe sicher auch Zeit vergeudet.“ Allerdings nicht nur für sich oder nur für die Arbeit, sondern Lammerhuber ist auch ein sozial sehr engagierter Mensch. Er ist bei den Lions, in einer Selbstbesteuerungsgruppe, besucht Senioren, macht Benefizmoderationen. Beschäftigungen, die zeitintensiv sind. „Es ist oft leicht, die Übernächstenliebe zu praktizieren. Schon schwieriger wird es mit der Nächstenliebe, und am allerschwierigsten ist die Eigenliebe. Da kam schon irgendwann der Punkt: Tu etwas für dich!“

Carpe diem
Um es auf die Spitze zu treiben, könnte man formulieren „Tue etwas für dich, solange es dir vergönnt ist.“ Denn auch wenn wir sie für unendlich halten, so ist unsere Zeit doch bemessen, steht hinter allem der Tod in seiner Kompromisslosigkeit. Und trifft es einen uns nahen Menschen, werden wir brutal daran erinnert. „Der Tod meines Freundes Werner Grassmann hat mich sicher am meisten beschäftigt. Ich habe ihn ein paar Tage vor seinem Tod getroffen. Wir haben noch Ideen gesponnen, wie man das Buch promoten könnte, haben über witzige Give-Aways philosophiert, Zeitpolster oder Zeitfenster, die wir verschenken könnten.“ Lammerhuber wirft einen nachdenklichen Blick aus dem Fenster. „Er hat angespannt, unruhig gewirkt. Er war in der Blüte seines Lebens, durchtrainiert, hatte neues Liebesglück gefunden, und plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, ist es vorbei. Da taucht schon die Frage auf: Was ist wichtig? Was bleibt? Und man spürt schnell, dass wir doch nicht so allmächtig sind, wie wir immer glauben.“

Der rote Faden
Um sich den unermesslichen Wert der Zeit im Bewusstsein zu halten, hat Lammerhuber ein persönliches Totem gefunden: Den „berühmten“ roten Faden, den er auch im Zuge der Lesung symbolisch in Form eines roten Wollknäuels an die Gäste verschenkte. „Den roten Faden habe ich immer bei mir“, erzählt er und zieht ein Stück zum Beweis aus der Hosentasche. „Im Grunde ist er ein Wegbegleiter, ein Schutzengerl. Er erinnert mich an meine Eigenzeit. Daran, dass ich meine Zeit auch für mich nutzen muss, daran, etwas Sinnvolles zu tun!“
Etwas derart Sinnvolles war ohne jeden Zweifel das Schreiben seines Buches. „Es ist schön, seine Gedanken auf diese Weise auszudrücken.“ Sinn gestiftet hat dies aber nicht nur für ihn selbst, sondern auch für viele andere Menschen. Man merkt Lammerhuber seine Freude an, als er uns die zahlreichen Mails im Posteingang zeigt. „Ich bin wirklich überwältigt von den teilweise berührenden Reaktionen – da rinnt mir die Ganslhaut auf!“ Und das ist keine Floskel, sondern sie tut es tatsächlich!
Mit dem Gedanken, ein Buch über Zeit zu schreiben, ging Lammerhuber schon gut sieben, acht Jahre schwanger. Hatte anlässlich seines 40. Geburtstages noch Frank Hoffmann von Lammerhuber ausgewählte Texte anderer Autoren zum Thema Zeit gelesen, so hat er nun seine eigenen formuliert und zu Papier gebracht. Gedankensplitter, Gedichte, Aphorismen, Interviewzitate oder auch von ihm selbst geschossene Fotos reihen sich in dem von Alexandra Höferl gestalteten Buch aneinander. Die Sehnsucht nach, der Kampf um, die Freude über die Zeit klingt in fast jedem durch. Ebenso wie die Tatsache, dass Lammerhuber sich selbst und anderen mit ihren Ausreden und Alibis, warum sie nicht Zeit haben, auf die Schliche gekommen ist.

Nachahmer erwünscht
In gewisser Weise hat der Manager mit ZeitT!RAUM ein sehr positives und mutiges Outing gemacht, ein Stück seiner Seele preisgegeben „Das hat auch manche Kollegen überrascht, die gemeint haben, diese Seite kennen wir noch gar nicht an dir.“
Mögen ihm viele, die mit ihrem „Zeitmanagement“ hadern, auf diesem Weg folgen, auch weil die Zeit, wie es Lammerhuber so treffend in seinem Gedicht „Garantiezeit“ formuliert „keine garantierte Zeit“ ist. „Wie viele Menschen gibt es, die sagen: ‚Das mache ich irgendwann.‘ Und dann läuft es anders, und zuletzt bleibt die bittere Erkenntnis ‚Ich wollte noch so viel tun, aber jetzt ist es zu spät dafür.‘“ Lammerhuber, der Vielarbeiter, versucht das richtige Maß zu finden, sich Aus-Zeiten zu gönnen – manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg. Aber er hat ein Bewusstsein dafür entwickelt, und das ist der grundlegende Schlüssel zum Erfolg. Und so ist der Titel seines Buches „ZeitT!RAUM“ einerseits durchaus eine Anspielung auf seine eigene Sehnsucht danach, aber zugleich auch Bekenntnis, wie traumhaft es ist, Zeit zu haben, sich Zeit zu nehmen. Freilich nur, wenn man den Traum Wirklichkeit werden lässt – sooft es geht, „und dafür ist jeder selbst verantwortlich!“