MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Der Pop-Chronist

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 09/2012

Seit 15 Jahren gibt es ihn: den City-Flyer. Ein unverzichtbares GPS in Sachen (avancierter) Popkultur in und um St. Pölten. Seit 15 Jahre ist er auch mit einer Person ursächlich verknüpft: Werner Harauer. Beide haben St. Pölten (mit)geprägt. Zwei gute Gründe für ein Interview mit dem Mastermind.

Ich bin auf den City-Flyer nicht stolz.“ Meint Werner Harauer gleich zu Beginn des Gesprächs. Worauf sich großes Erstaunen beim Schreiber dieser Zeilen breit macht. Ja, hier in der Seedose an den Gestaden des Viehofner Sees ist’s sommerlich heiß – aber so heiß? Harauer setzt nach: „Ich musste es tun und konnte es tun. Worauf soll ich also stolz sein?“ Determinismus nennt sich der Begriff, der zu derlei Aussagen führt. Vereinfacht gesagt: ein Ursache-Wirkung-Prinzip, das die vermeintlichen Freiheiten (des Tuns, des Denkens) des Menschen in einem beinahe mechanistischen System aufgehen lässt. Doch Stolz oder Nicht-Stolz: Man darf froh sein, dass es den City-Flyer gibt. Früher als Einzelpublikation herausgegeben, seit einigen Jahren ein im St. Pölten konkret inkludierter Vierseiter, macht er die popkulturelle Geographie der Stadt gleichsam lesbar und nutzbar, mit Veranstaltungshinweisen, Storys und Kolumnen. Und ja nicht zu vergessen: die Online-Version, die einen der umfangreichsten Veranstaltungskalender poprelevanter Ereignisse in Niederösterreich birgt.
Die Chefredaktion der Print-Ausgabe – sowie demnächst auch deren Layout – hat Harauer nun an die Wild Publics-Betreiberin und Journalistin Althea Müller abgegeben. Er selbst will sich in Zukunft nur noch um die Online-Version kümmern. Nicht zuletzt, weil Pop ihn als Phänomen nicht mehr sonderlich interessiert. Pop habe in der Vergangenheit auch immer gesellschaftspolitische Strömungen und Krisen reflektiert. „Wenn ich mir aber die aktuelle Krise auf popkulturelle Reaktionen abklopfe, stelle ich fest: Da is' nix!“ Nur ein paar Althippies wie Neil Young gäben da noch Statements ab. Die aber keiner brauche: „Hippies, in der modernen Ausführung die Grünbewegten, sind larmoyante Weicheier, die nix verstehen. Und sie verseuchen mit ihren Ansichten zunehmend den Mainstream.“
Durchaus harsche Worte von einem, für den die Beschäftigung mit Pop immer mehr als nur cooler Zeitvertreib war. Aber auch die Coolness sieht er, der schon in früheren Tagen (als Mod-Leader, Fanzine-Macher und Fulltime-Trendscout) so was wie popkulturelle Meinungsführerschaft inne hatte, inzwischen aus einem anderen Blickwinkel: „Coolness? Das ist quasi die emotionale Haltung, die der individualistische, autonome Mensch einnimmt: Niemals die Contenance verlieren, sonst bist Du ‚Opfer’, Loser. Und Loser sein ist ja bekanntlich das Allerletzte. Kommt dir das nicht bekannt vor?“ Harauer zündet sich eine Zigarette an. Vom uniformiert-militanten Nichtraucher-Gestus der Generation Wellness hält er nicht viel. „Individualistisch, autonom, sich von den Losern distanzieren … das erinnert stark an neoliberale Ideen. Im Nachhinein betrachtet sehe ich mich als Handlanger des Neoliberalismus.“ Gut, wenn man das so sieht …
Aber blicken wir zurück – The Life and Times of Werner Harauer im Schnelldurchlauf: Geboren 1963 in St. Pölten, Schule, danach Studium in Wien – Hauptfach Publizistik und Kommunikationswissenschaften, Nebenfach Kunstgeschichte. Musste sich sein Studententum selbst finanzieren, daher jede Menge Jobs und frühe Hinwendung zum Zeitungmachen (sein Vater war Sportjournalist). Dadurch dauerte das Studium zwar länger, aber „so ein umfangreiches Wissen, wie ich mir an der Uni angelegt hab’, kann jemand in acht bis zehn Semestern unmöglich schaffen. Heut’ hast Du eh keine Wahl mehr – da heißt’s nur möglichst schnell fertig werden.“ Gab unter anderem das philosophisch angehauchte Pop-Fanzine Vampyroteutis Infernalis heraus, vermutlich die erste österreichische Zeitschrift, die sich ernsthaft mit Grunge beschäftigte. Wohnte in Wien in unterschiedlichen Wohnungen bei unterschiedlichen Freundinnen. Danach Rückkehr nach St. Pölten, wo er sich in früheren Jahren schon in der Mod-Szene einen Namen gemacht hatte …
Und dann kam das Jahr 1997: „In diesem Jahr bekam die Stadt einen kräftigen kulturellen Ruck. Bauchklang und Lames entstanden und um diese Szene bildeten sich weitere Subszenen, die alle sehr aktiv waren.“ Und genau diese Aufbruchsstimmung festzuhalten, ihr eine Publikation zu geben, die schnell auf all das reagieren und im Hier und Jetzt verankert sein sollte, schwebte Harauer vor. „Der Name City-Flyer implizierte schon mein Vorhaben, nicht viel mehr als einen Flyer zu verteilen, der das jugendkulturelle Geschehen in St. Pölten periodisch zusammenfasste. Alle 14 Tage 1.000 Stück an den Mann und die Frau zu bringen.“ Geld sollte über Inserate lokaler Anbieter reinkommen. Die ersten selbst vorfinanzierten Ausgaben erschienen und schlugen ordentlich ein: Die Nachfrage war überwältigend. Gleichsam über Nacht wurde der City-Flyer ein Must-have und ein Beweis, dass das angeblich tote St. Pölten ziemlich lebendig war. Auflagen von 5.000 Stück sollten bald keine Seltenheit sein. Ein Mix aus Hintergrundberichten und umfassendem Veranstaltungskalender wurde da angeboten – von Harauer selbst in radikaler Selbstausbeutung sowie einem immer größeren Team in Tag- und Nachtschichten erarbeitet, Redaktionssitzungen beim legendären Koll inklusive. Für die nächsten 15 Jahre war der City-Flyer de facto Lebens-Hauptprojekt
„Aber ohne die Mitarbeiter (insgesamt 100 halfen kürzer oder länger mit) hätte das nie funktioniert.“ Das Team, das Harauer langsam aufbaute, von Schreibern über Grafiker bis zum technical support, stammte selbst aus den diversen einschlägigen Szenen und wusste, worum es ging: kein oberg’scheiter Blick von außen, sondern Insiderwissen und -begeisterung
Anfang 2000 wurde der City-Flyer, nicht zuletzt aus logistischen Gründen, dem St. Pölten konkret beigeheftet, was eine erhöhte Reichweite und endlich eine finanzielle Absicherung des Projektes bedeutete. „Ich teilte davor dem damaligen St. Pöltner Kulturamtsleiter Siegfried Nasko mit, dass ich die Print-Ausgabe des City-Flyer einstellen würde. Meinte dieser: ‚Wieso? Na, des geht doch ned. Jeder schätzt eam.’ Darauf ich: ‚Außer meine Ex-Freundin, meine Gesundheit und meine Brieftasche.’ Und so kam es, dass im Jänner 2000 der erste City-Flyer im St. Pölten konkret in neuem graphischen Look und mit Tim Sklenitzka als neuem Redaktionschef erschien.“
Parallel dazu kreierte Harauer eine Online-Ausgabe, die sich sehen lassen konnte: „Pro Tag im Schnitt 1.000, bei einem Forengefecht aber auch 2-3.000 Zugriffe! Im Raum St. Pölten war das ein unangefochtener Spitzenplatz.“ Web 2.0 wurde dann zur massiven Konkurrenz und sorgte auch für Einbrüche – aber „im Moment schaufeln drei Mitarbeiter und ich zwischen 1000 und 1.500 Termine monatlich in die Datenbank. Wir verfügen so über einen umfangreichen Veranstaltungskalender von Wien und Niederösterreich.“
Nebenbei betätigte sich Harauer auch an der Veranstaltungsfront und entwickelte gemeinsam mit René Voak, der dafür das VAZ zur Verfügung stellte, den Melting Pot – zu Beginn als einmalige Veranstaltung zum fünften Geburtstag des City-Flyer und gleichzeitig zehnten Geburtstag von NXP geplant und mit all den Künstlern, die nicht zuletzt auch via City-Flyer ihr Publikum gefunden hatten. Harauer wollte es dabei belassen, Voak hingegen sah darin die Möglichkeit einer regelmäßigen und auch breitenwirksamen Veranstaltungsreihe, eine Idee, der Harauer auch inhaltlich nicht so viel abgewinnen konnte. Man kam auf keinen grünen Zweig – Voak führte den Melting Pot in Folge alleine weiter. Harauer entwickelte – gleichsam als Parallelprojekt – mit dem Partyspezialisten Richard Zuser den Seniorenfloor, der eher Harauers Geschmack entsprach: „In gemütlicher Atmosphäre bei einem Gläschen Wein aus der Entfernung den Jungen zusehen, wie sie es sich am Melting Pot voll geben. Mit Gleichaltrigen über die Vergangenheit bei ausgesucht guten Songs quatschen.“ Der Seniorenfloor wurde ein Hit. Harauer – „ich bin kein Veranstalter, sondern Zeitungsmacher“ – zog sich allerdings aus dem Eventmanagement komplett zurück und steckte seine Energien wieder vorrangig in den City-Flyer. Neue Pfade durch die Unwägbarkeiten des Neoliberalismus
Harauer, der üblicherweise nach vor, ganz selten zurück und im Moment grad ein wenig gedankenverloren zum See hinüber blickt, während er sich eine weitere Zigarette anzündet und einen Kaffee bestellt, hat noch viel vor. Er, der nunmehr zehn Jahre mit der Fotografin, Kulturredakteurin und Medientechnikerin Claudia Zawadil zusammen lebt und in seinem „Brotjob“ die Öffentlichkeitsarbeit der Fachstelle für Suchtprävention betreibt, fürchtet allerdings, dass die demokratischen Spielräume aufgrund der so genannten Krise und des ausufernden Neoliberalismus auch in Europa immer enger werden.
Und dann? „Das ist mein jetziges Projekt: eine für mich gangbare Lösung zu finden, mit diesen Verhältnissen umzugehen.“
Und eins darf er ruhig: ein wenig stolz auf Erreichtes sein.
Determinismus hin oder her.