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Zum Rockstar erzogen

Text Thomas Winkelmüller Ausgabe 03/2020

Als „Salami Recorder“ und mit den Bands „Scurf“ und „Sausage Bunnies“ spielt sich der 17-jährige Felix Schnabl durch die Bundesländer – stets im Punkoutfit, geschmückt mit Buttons. Sein Weg wurde ihm bereits in die Wiege gelegt.

Felix Schnabl öffnet seine Gürtelschnalle und zieht die enge schwarze Hose bis über die Knie hinunter. „Ein bisschen ausgefranst, aber sonst – perfekt“, sagt er und präsentiert stolz sein erstes Tattoo. Eine Freundin hat es ihm gestochen. „Richtig professionell mit Handschuhen und Desinfektionsmittel“, erzählt Schnabl und grinst. Scurf steht in Blockbuchstaben auf seinem linken Oberschenkel zu lesen. Ob er Angst hat, dass es verrinnt? Ist ihm „eigentlich wurscht.“
Dem Aussehen des Band-Tattoos entsprechend, klingt auch die Musik von Felix Schnabl. Sie ist lofi, stellenweise unsauber und wild. Er selbst fasst das alles unter Fuck-Off-Attitüde zusammen. Sein Name als Solokünstler Salami Recorder kommt daher, „dass ich früher Salamischeiben gegen das Mikrofon geworfen hab, um das Geräusch dann zu recorden.“ Dieser Hang zum Anderssein mag in seinen Genen liegen. Schnabl ist der Sohn von Martin „Filius“ Schnabl, den die meisten unter Filius de Lacroix kennen. Ein exzentrischer Künstler und Musiker der St. Pöltner Art-Szene – mittlerweile in Wien tätig.
Als kleines Kind bekommt Schnabl die künstlerische Seite seines Vaters vermittelt. „Ich weiß noch, an einem Abend hat er mir die White Stripes und Kiss gezeigt. Seitdem waren das meine Lieblingsbands“, erzählt er, „der hat sich wirklich bemüht, mir einen guten Musikgeschmack reinzudrücken.“ Einflüsse der Eltern kommen immer wieder zum Vorschein. Er trägt Converse und Doc Martens in Babygröße. Während seiner Zeit im Kindergarten schneidet er die Ärmel seiner Jeansjacke ab und verkleidet sich als Rockstar oder malt die geschminkten Gesichter von Kiss. „Meine Zeichenlade war immer so g’steckt voll, dass die Blatterl schon am Rand rausgestanden sind“, erinnert er sich, „mein Fach hast dann einfach von der Ferne komplett gesehen.“

Straight outta Harland
Zuhause tanzt er mit seinen Plastikgitarren durch die Harlander Wohnung. „Ich bin damit immer nur herumgehüpft und als mir meine Mama eine echte Gitarre zum Probieren geben wollt, habe ich sofort nein gesagt“, erzählt Schnabl, „ich wollte einfach nur Rockstar werden.“ Ein Instrument zu spielen lernt er erst viel später. Mit dreizehn schenkt ihm sein Vater die Gitarre, die er selbst am seltensten benutzt. Zwei Jahre später wird Felix Schnabl die erste Band gründen.
Einen beachtlichen Teil seiner Kindheit verbringt er im Kaffeehaus. Aus dieser Zeit kennen ihn viele als Grundausstattung der St. Pöltner Innenstadt. Wer sich an einen kleinen Buben mit Anzug oder Punkoutfit erinnert, der am Rathausplatz skatet oder mit sich selbst spricht, hat Felix Schnabl vor Augen. „Wenn du von klein auf immer in die Kaffeehäuser mitgenommen wirst und nicht wirklich andere Kinder dort sind, die man kennt oder mit denen man sich gerne beschäftigen würde, muss man sich eben was anderes finden.“ Oft sitzt er einfach an der Bar und tratscht mit den Kellnern oder den Freunden seiner Eltern. Stets auf Augenhöhe, betont er. Mit acht geht er dann das erste Mal ins Narrenkastl. Damals, als es noch Sitzsäcke gab, besucht er mit seiner Mutter eine ihrer Freundinnen und trinkt neben ihnen sein Erdbeerpago. „Dort hab‘ ich das Reden und Kommunizieren gelernt.“
Heute ist Schnabl in seinem Proberaum im Sonnenpark. Hinter ihm hängt der alte Bass seiner Mutter. Ohne Heizstrahler kann er im Winter hier nicht spielen. Zwischen den blondierten langen Locken blitzen immer wieder müde Blicke mit dunklen Augenringen hervor. Darunter wächst der Flaum über seiner Oberlippe langsam vor sich hin. Links und rechts davon hat sich ein „Fleckerlteppich“ ausgebreitet. „Filzgoschen wäre natürlich besser, aber wurscht, auch wenn ich so ein bisschen schmuddelig aussehe“. Für das Interview hat er ein ganz besonderes Shirt angezogen. Allgemein achtet er – auch wegen seiner Rolle als Musiker – auf sein Äußeres. „Man schaut schon darauf, dass man gut ausschaut“, sagt er, „wobei gut ja was anderes ist, aber ich gebe mir Mühe und setz mich damit auseinander.“

Rampensau
All die beschriebenen Einflüsse kommen in seiner Musik und bei seinen Auftritten zusammen. Filius Schnabl hat selbst in einer 60s-Band mit surfigem Sound gespielt. „Vom Papa kenn ich die uralten Sachen und selber hab‘ ich dann die neuen Bands entdeckt, die immer noch uralt klingen.“ Daraus entsteht eine verzerrte und manchmal fordernde Ästhetik. Live klingt seine Musik noch roher. Schnabl schreit in das Mikrofon bis sein Kopf blutrot anläuft, und trommelt, wenn es sein muss, auch mit dem Hals seiner Gitarre am Schlagzeug. Texte spielen eine untergeordnete Rolle. Der Lärm seiner Saiten übertönt den Gesang und Zuhörer können ihn kaum verstehen. Seine Nachricht bedarf nur weniger Worte. „Ich weiß, dass ich nicht der Beste bin, aber mir geht es darum Energie zu vermitteln.“
Vom Kindergarten ins Kaffeehaus pendeln. Abends Musikerziehung von seinem Vater. Schnabl ist untypisch aufgewachsen. „Dadurch, dass es in unserer Familie immer cool war ein wenig anders zu sein, habe ich auch immer bisschen den Druck dahinter, dass ich nicht mit der Masse mitgehe.“ Das würde er noch von seiner Erziehung mittragen.
Labelvertrag hat er heute noch keinen unterschrieben, von der Musik würde er trotzdem gerne leben, „aber mein Sound ist nicht unbedingt das Genre, wo man’s größte Knödel macht.“ Felix Schnabl ist ein Rockstar, der meistens noch vom Taschengeld leben muss – und trotzdem schon mitunter wildere Gigs spielt als Bands, die seit fünf Jahren im Geschäft sind.