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St. Pöltens gute Seite

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Wir sind ein 360 Grad Orchester

Text Andreas Reichebner Ausgabe 02/2019

Die NÖ Tonkünstler unter ihrem Chefdirigenten Yutako Sado sind DAS Orchester des Landes Niederösterreich, noch dazu eines, das gleich drei Spielstätten für sich in Anspruch nehmen darf. Und es ist vielseitig wie nie zuvor, wofür auch Geschäftsführer Frank Druschel und Konzertmeister Vahid Khadem-Missagh Rechnung tragen.

Ich betrachte so einen Orchesterorganismus immer als etwas Gesamtheitliches, wir sind ein 360 Grad Orchester, das die verschiedensten Facetten hat. Das ist aber nur möglich, weil wir drei starke Kooperationspartner haben: das Festspielhaus, Grafenegg und den Musikverein“, ist Frank Druschel, der Geschäftsführer der NÖ Tonkünstler, von den drei Residenzen des Orchesters begeistert. „Wir sind hier superprivilegiert, das Festspielhaus wurde ja mit der Intention gebaut, den Tonkünstlern als professionell arbeitendes Sinfonieorchester adäquate Räume, eine Heimstätte zur Verfügung zu stellen, ebenso Grafenegg. Hier wurden zwei Lokalitäten geschaffen, um das Orchester aufzuwerten.“ Druschel sieht das Festspielhaus aber als Homebase: „Wir haben seit der Eröffnung unser Büro hier, wir bekommen die Steuergelder von den Steuerzahlern aus Nieder­österreich, worüber wir superdankbar sind, denn ein Betrieb wie ein Orchester, der aus 85 Prozent Personalkosten besteht, ist ein intensives Unternehmen.“ Ohne Zuschüsse des Landes wäre dies nicht zu finanzieren. Damit ist man in der Lage, ein qualitativ hochwertiges Kulturangebot bereitzustellen. „Wir können hier als Kulturschaffende auftreten und Kultur zu einem leistbaren Preis anbieten, das ist mir ein wichtiges Anliegen.“

St. Pöltner Publikum schätzt sein Orchester
„Das Publikum im St. Pöltner Festspielhaus nimmt für uns Musikerinnen und Musiker eine besondere Stellung ein. Ich darf als Konzertmeister sagen, dass ich das Publikum in St. Pölten als aufgeschlossenes, warmherziges und aufmerksames wahrnehme. Das Publikum schätzt die Tonkünstler als sein Orchester, das spüre ich bei den Konzerten sehr“, zeigt sich Vahid Khadem-Missagh stolz über die starke Bindung der St. Pöltner zum Orchester. Und auch wenn man weiß, dass die Tonkünstler im Musikverein spielen und auf Tournee gehen, sehen das die Menschen mit Stolz. Die NÖ Tonkünstler sind längst in St. Pölten angekommen. Historisch betrachtet, sind sie seit 1945 das Symphonieorchester des Landes Niederösterreich. Man sieht sich zwar als ein klassisches, traditionelles Symphonieorchester mit Standard-Kernrepertoire der großen Romantik und Klassik bis hin zur zeitgenössischen Musik, nützt aber gerne die räumlichen und akustischen Qualitäten des Festspielhauses auch für Spezialproduktionen, wie etwa „Schwanensee“, „Cinderella“ oder Strawinskis Ballett „Der Feuervogel“, das gemeinsam mit Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ von der Tanzkompanie Ballet Vlaanderen unter der Ägide des flämisch- marokkanischen Choreographen und Tanzmagiers Sidi Larbi Cherkaoui am 26. April zu sehen und zu hören sein wird.„Das ist immer eine besondere Herausforderung für das Orchester, denn meistens kommt bei solchen Produktionen die Musik vom Band. Hier im Hause ist es möglich, dass das Orchester im Graben sitzt und wir live dazu begleiten“, freut sich Druschel. „Wir haben uns bei der Produktion mit Sasha Waltz sogar den Luxus erlaubt, die Stühle auszubauen. Da saß das Orchester im Publikumsraum, hochgestuft wie in Bayreuth.“ Und natürlich können auch riesige Konzertprojekte wie Mahlers Achte im Festspielhaus aufgeführt werden. „Das ist schon eine Besonderheit, was  hier das Haus zu leisten imstande ist.“ Den zweiten Standort, das großzügige Areal in Grafenegg mit der Open-Air-Bühne „Wolkenturm“ und dem Konzertsaal „Auditorium“, bespielen die Tonkünstler v. a. im Sommer. Aber auch unter dem Jahr dient Grafenegg mit dem „Schlossklängezyklus“ als Spielstätte. „Grafenegg ist für uns wie für die Wiener Philharmoniker die Salzburger Festspiele, unsere Sommerplattform und  Sommerresidenz. Wir sind sehr stolz, wenn sich dort die Türen und Tore öffnen“, so Vahid Khadem-Missagh. 

Musikvermittlung & Tonspiele
Eine weitere Schiene im Programm der Tonkünstler ist die Musikvermittlung. Mit dem Projekt „Tonspiele“ bemüht man sich schon seit 15 Jahren, klassische Musik einem jungen Publikum nahe zu bringen. Regelmäßig besuchen Musiker Schulen, halten Workshops ab und das Orchester bietet Konzertabende für die ganze Familie. Die Projekte „Tonmahlerei“, „Bonjour Camille!“ und „Die Königin der Farben“ decken die Altersgruppen vom Kindergarten bis zur Oberstufe ab. 45 Prozent der Musiker sind bei den Schulvermittlungskonzepten involviert, bei den Konzerten ist ohnehin der Orchesterapparat zugegen.„Es ist schön zu sehen, wenn unserem Schlagwerker Benedikt, unserem Pauker, der schon viele Workshops in Schulen gegeben hat, dann bei einem Konzert im Festspielhaus von Schülern, die ihn in ihrer Schule erlebt haben, zugewinkt wird“, weiß Druschel um die Qualität der Musikvermittlungsprogramme. „In der heutigen Zeit ist es wichtiger denn je, Kinder mit Musik zu konfrontieren. Musik vermittelt Werte, die man durch andere Dinge woanders kaum bekommt, wie Konzentration, Rhythmus und  Gehör“, so Konzertmeister Khadem-Missagh, „da sind gute österreichische Traditionen etwas in Vergessenheit geraten, andere Ländern haben mehr Angebote. Kinder sind ein ehrliches Publikum, wenn es ihnen gefällt, spürt man das, wenn nicht auch.“Vor kurzem ist vom Tonkünstler-Team eine strategische Entscheidung bezüglich der Vermittlungsformate getroffen worden. „Nachdem wir mit den Tonspielen sehr divergierend unterwegs waren, mit verschiedenen Museen kooperierten, konzentrieren wir uns nun auf das Haus. Das Festspielhaus hat ja eine superstarke Kulturvermittlungskompetenz, wir docken hier an diese an und schaffen einen Mehrwert. Zusammen gestalten wir ein Portfolio, das wir der Bevölkerung, den Familien, den Kindergärten und Schulen anbieten können. Das ist eine ganz runde Sache, wo die Menschen über einen Kommunikationsweg ein Vermittlungsangebot bekommen.“Mit „Tonspiele on tour“ haben die NÖ Tonkünstler zusätzlich ein neues Format kreiert und gehen raus in die Gemeinden. Grundlegender Gedanke ist dabei, Eltern, die aufgrund des großen Angebotes der Schulen kostenmäßig überfordert sind, nicht überzustrapazieren. „Deswegen kommen wir in die Gemeinde, in diesem Jahr nach Breitenfurt, Krems, Melk und Hollabrunn, wo wir einen Saal gefunden haben, und spielen so vor 200 bis 400 Kindern. Die erleben dann die Tonkünstler vor Ort in ihrer Gemeinde“, streicht Druschel die Wichtigkeit, junge Zuhörer zu interessieren, hervor. „Wir sehen bei  vielen Leuten – auch bei unseren Abonnenten – wenn man sie fragt, wann sie das erste Mal mit klassischer Musik in Kontakt gekommen sind, sagen sie: ‚Bei den Tonkünstlern‘. Da merkt man schon, dass da eine Verbindung da ist, und ich sage immer, die Initialzündung müssen wir im Jugendalter schaffen. Wenn Menschen in jungen Jahren einmal etwas außergewöhnlich Starkes, Emotionales erlebt haben, behalten sie das im Gedächtnis und kommen wieder.“ Auch bei der Probenarbeit lässt man sich zuschauen. Aus logistischen Gründen probt man ja im Musikverein, aber es wird auch daran gedacht, ab und dann in Zukunft im Festspielhaus Proben abzuhalten und diese dann auch für das Publikum zu öffnen.

Crossover
Eine schöne Geschichte sind für die Tonkünstler zudem die Cross-Over-Projekte. „Gerade die sind superkompliziert, denn da geht es meistens um Unikatprojekte. Da werden Arrangements vergeben, speziell fürs Orchester komponiert. Bei Plugged-In Konzerten ist es mir wichtig, dass das Orchester in diesem Setting einen anspruchsvollen Part übernimmt“, so Druschel, der seit sechs Jahren hier in St. Pölten agiert.Die Programmplanung ist dabei eine spannende Geschichte und absolute Teamarbeit. Ob nun mit Gastdirigenten Konzerte oder Cross-Over-Projekte kreiert werden. „Es gibt einen künstlerischen Orchesterbeirat, wo die Ideen des Orchesters miteinfließen. Vorschläge sind erwünscht“, so Konzertmeister Vahid Khadem-Missagh, der die Tonkünstler als eines der interessantesten Orchester in Österreich sieht. „Nach einem statt gefundenem Generationenwechsel ist es nun ein junges, professionelles Orchester, und ich sehe mit großer Freude in die Zukunft.“Ins gleiche Horn stößt auch der Geschäftsführer: „Wir sehen uns auf dem Niveau der Wiener Sinfoniker, vergleichbar mit jedem deutschen A-Orchester. Wenn wir gut sind, können wir auch mit den Wiener Philharmonikern mithalten. Unser Anspruch ist es, uns mit den besten Orchestern der Welt zu messen.“Falls St. Pölten 2024 europäische Kulturhauptstadt werden sollte, hat man schon einige Visionen. „Großes Thema wird die Partizipation sein, und die Projekte werden auf jeden Fall umgesetzt“, blickt Druschel in die Zukunft. „Ich denke, wenn man die Neugier des Publikums noch weiter schärfen könnte, mehr Menschen motivieren kann, auch aus den ländlichen Gegenden ins Konzert zu kommen, dann ist es schön“, baut auch der Konzertmeister auf die Miteinbeziehung der Menschen vor Ort.