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Abschied eines Überzeugungstäters

Text Johannes Reichl
Ausgabe 06/2026

Energischen Schrittes kommt mir Paul Gessl im Foyer des Festspielhauses entgegen und ruft mir schon von weitem ein schallendes „Servus!“ zu. Der Style wie immer à la bonne heure: Das grau-melierte Haar im Wet-Look, Soul-Patch-Bart, das schwarze Hemd weit aufgeknöpft, dunkle Hose, dazu schwarze Sneakers (die Gessl schon trug, als die Manager hierzulande noch in Designeranzug und genagelten Schuhen durch die Gegend stolzierten). Dazwischen blitzen – Gessls Markenzeichen – die berühmten roten Socken hervor. Eigentlich unvorstellbar, dass dieser Mann in knapp drei Monaten in den Ruhestand tritt.


Umso mehr, da Gessl auch nach über 25 Jahren noch immer vor allem eines ist: on fire. „Heute habe ich die letzte Aufsichtsratssitzung, dann geht’s nach Grafenegg, wo wir den Rudolf Buchbinder Saal eröffnen.“ Dazwischen darf ich ihn ein bisschen ausquetschen, vorher hat gerade Maria Happel angerufen, die er im Anschluss trifft. Während andere mit Blick auf den Ruhestand einen Gang zurückschalten und schön langsam ausfaden, bleibt Gessls Gaspedal bis zum letzten Arbeitstag am 31. August durchgedrückt. „Da steht noch einiges an, fünf Jahre Festspiele Reichenau Neu, 20 Jahre Grafenegg, Eröffnung Landesausstellung 2026, 40 Jahre Landeshauptstadt St. Pölten.“ Dazwischen nimmt er in der ehemaligen Glanzstoff-Fabrik Abschied von seinen beruflichen Weggefährten. Passendes Motto des Abends: „Kunst trifft Wirtschaft“, also praktisch Gessls berufliches Leitmotiv, seitdem er 2000 in St. Pölten aufschlug und die Geschäftsführung der damals neugegründeten Niederösterreichischen Kulturwirtschaft, kurz NÖKU, übernahm. 

Das Ende der Intendanten
Die Holding war dabei Ausfluss des Landeshauptstadtprojektes, hatte man St. Pölten doch neben dem Regierungsviertel auch gleich noch einen Kulturbezirk verpasst, dessen Gesellschaften nunmehr in der NÖKU unter ein gemeinsames Dach gestellt wurden. „Den Nukleus bildeten anfangs das Festspielhaus, die Bühne im Hof, Klangturm St. Pölten sowie die Kunstmeile Krems“, erinnert sich Gessl. Dass daraus dereinst ein Imperium aus aktuell 16 Gesellschaften mit 40 Einzelbetrieben, einem Betriebsbudget von knapp 140 Millionen Euro sowie 1.300 Mitarbeitern erwachsen sollte „war nicht vorauszusehen“, räumt Gessl fast ein wenig ungläubig ein. „Über die Jahre hinweg erfolgten zahlreiche Eingliederungen – nicht nur von Landeseinrichtungen, sondern ebenso von Vereinen, kommunalen Betrieben bis hin zu kompletten Neugründungen. Alles bunt gemischt.“ In der Regel spielte dabei immer der wirtschaftliche Aspekt eine wesentliche Rolle „weil die Politik erkannt hatte – was ihr bis heute hoch anzurechnen ist – dass Kultur eben wirtschaftliche und kaufmännische Strukturen braucht.“ Wohl ein Lerneffekt aus manch aus dem Ruder gelaufener Betriebsführung anno dazumal, wenn die öffentliche Hand wieder einmal millionenschwere Budgetlöcher stopfen musste, die allzu selbstherrliche Intendanten gerissen hatten. In der NÖKU schob man dem einen Regel vor, indem man fortan eine künstlerische und eine kaufmännische Leitung installierte, die nach dem Vier-Augen-Prinzip zusammenarbeiten mussten. Die Allmacht der Intendanten war damit gebrochen, in einem Aufwischen auch gleich manch damit einhergehende Eskapade, weshalb Gessl nicht ohne Stolz darauf verweist, „dass uns dank klarer Compliance Regeln und eines stringenten Code of Ethic, wo alle Verantwortlichen ihre Entscheidungen argumentieren und rechtfertigen müssen, Skandale wie über die Jahre  im MAK, Burgtheater, Salzburger Festspiele erspart geblieben sind.“

Bad Boy
Wer nun denkt, dass diese Strukturreform auf ungeteilte Begeisterung stieß, täuscht sich freilich gewaltig. Vielmehr ging in der Kulturszene das Gespenst vom Ende der Freiheit der Kunst um, vielen schmeckte der „Kulturbruch“ gar nicht, was nicht zuletzt auch auf manch Standesdünkel zu fußen schien. So rümpften nicht wenige honorige St. Pöltner Bildungsbürger die Nase, dass da jetzt in Person von Paul Gessl ein schnöder Industriemanager, noch dazu aus einer so uninspirierten Branche wie Petrochemie und Metall, die hohe Kunst mitbestimmen sollte und gar den armen, schöngeistigen Intendanten mit allzu engen Budgetvorgaben Fesseln für ihre künstlerische Entfaltung anlegte.
Endgültig – fürs erste zumindest – zum Bad Boy der St. Pöltner Kulturszene avancierte Gessl aber, als das Land Niederösterreich, wie manch Bürger wähnte, St. Pölten das Stadttheater „wegnahm“ – „abnahm“ traf es besser. Die Stadt stand Anfang der 2000er-Jahre aufgrund des Krankenhausbetriebes vorm finanziellen Kollaps, weshalb sie in Verhandlungen 2004 nicht nur das Klinikum ans Land übergab, sondern obendrein – komplett überraschend, weil nie öffentlich kommuniziert, geschweige denn diskutiert – auch gleich den Betrieb des Stadttheaters on top „mitentsorgte“. „Das war für viele natürlich ein absoluter Schock, ein No-Go!“, erinnert sich Gessl. Vor allem seine Pläne zur Neuausrichtung des Hauses brachten die St. Pöltner Theaterseele zum Kochen. So dampfte Gessl das traditionsreiche Drei-Sparten-Haus, wo man bislang u.a. auch der Operette gefrönt hatte, zum reinen Sprechtheater ein. „Wir mussten damals drei Ensembles entlassen – das Orchester, den Chor und das Ballett. Das war hart. Aber in St. Pölten in einem Haus mit nur 370 Plätzen Musiktheater auf höchstem Niveau umsetzen zu wollen, mit den großen Häusern in Wien vor der Nase, war wirtschaftlich schlicht nicht abbildbar.“ Gessl brachte stattdessen ein Prinzip zum Tragen, das zur Blaupause für zahlreiche weitere NÖKU-Übernahmen werden sollte: „‘Profilieren – differenzieren – positionieren!‘ Es geht darum, ganz klare, unterscheidbare Profile für die einzelnen Marken zu entwickeln, und zwar im niederösterreichischen Gesamtkontext ebenso wie im Wettbewerb zu anderen Kultureinrichtungen in Österreich. Dadurch können wir Überschneidungen innerhalb unserer Betriebe verhindern, nutzen durch den gemeinsamen Überbau Synergien und gewährleisten ein sinnvolles Miteinander bis hin zu Kooperationen.“ In Sachen Landestheater – was Gessl in diesem Leben trotzdem nicht nicht mehr zum best buddy der Operettenfreunde macht – ist seine Rechnung aufgegangen. Heute genießt das Haus einen hervorragenden Ruf im gesamten deutschsprachigen Raum, 2019 wurde es gar von der New York Times unter die besten Theater Europas gekürt.
Zugleich, auch dies ein Faktum, reißen aber die Vorbehalte gegen NÖKU-Umstrukturierungen im jeweils indigenen Kulturbiotop nicht ab, wenn man an die jüngsten Proteste gegen die Auflösung des Orchesters der Bühne Baden denkt. Ab der Spielzeit 2027/2028 übernehmen dort die Tonkünstler als Residenzorchester die Bespielung, zusätzlich wird – wohl eine Art Zugeständnis – auch ein musicalaffines „Spezialensemble“ etabliert. Gessl kann die Proteste damals wie heute nur bedingt nachvollziehen, weil er am Ende des Tages von einer Qualitätssteigerung bei gleichzeitiger verbesserter Wirtschaftlichkeit überzeugt ist. „Ich verstehe ja, dass Veränderungen für manche ein Problem darstellen und mit Protesten einhergehen. Das war die Erfahrung 2003, das ist die Erfahrung 2026. Was mich aber damals wie heute irritiert, ist diese mangelnde Offenheit für Neues, denn wo sollte man diese finden, wenn nicht im Kunst- und Kulturbereich, der sich ja ureigenst aus Wandel speist?  Für viele ist Offenheit aber ein Fremdwort – das ist eine meiner traurigen Erkenntnisse im Laufe der Jahre.“

Das Kreuz gebrochen
Eine Erkenntnis, die ihm durchaus – auch wenn von Gessl gern das Bild des knallharten Managers gezeichnet wird – mitunter emotional schwer zugesetzt hat. „Die ersten NÖKU-Jahre waren definitiv eine Grenzerfahrung, auch eine der persönlichen Überforderung. Ich bin vielfach auf Unverständnis und Widerstand gestoßen, zugleich bin ich aber jemand, der dem nicht aus dem Weg geht. 2004 bin ich dann plötzlich wochenlang mit einem Bandscheibenvorfall ausgefallen. All der Stress, die psychische Belastung, die Anfeindungen haben mir quasi ‚das Kreuz gebrochen‘. Also ja, das ist mir alles schon sehr nahe gegangen“, lässt er tief blicken. Ich selbst kann mich noch gut erinnern, als damals in Gessls Büro plötzlich ein Stehpult stand, um das Kreuz zu entlasten „wobei das war ja nur das Offensichtlichste. Zugleich habe ich begonnen, mehr Sport zu treiben und versucht, mehr zu delegieren, nicht alles persönlich zu nehmen und nicht alles so an mich heranzulassen!“ 
Was nur bedingt gelingt. Denn nachdem er in St. Pölten gerade gemeinsam mit Mimi Wunderer – Gessl ist damals auch operativer Geschäftsführer von Festspielhaus und Bühne im Hof – das Festspielhaus nach einem, formulieren wir es nett, holprigen (Fehl)Start unter Dieter Rexroth in ruhigere Gewässer geführt und seiner Markenkern-Maxime entsprechend als Tanztheater positioniert hat, entbrennt just darum – über die Bande Grafenegg – der nächste Konflikt. „Es herrschte Panik, dass Grafenegg dem Festspielhaus St. Pölten etwas wegnehmen könnte, was aber gar kein Thema war“, schüttelt er noch heute den Kopf. Auch in diesem Fall muss man dem Kulturmanager zugestehen, dass er recht behalten sollte. Sowohl Festspielhaus als auch Grafenegg erfreuen sich heute bester Auslastung, und viele St. Pöltner Kulturfreunde, die ehemals gegen das Grafenegg-Projekt Sturm liefen, pilgern heute brav Sommer für Sommer ins nahgelegene Kultureldorado über der Donau. „Im Falle Grafeneggs spielten ja ganz andere Überlegungen eine Rolle: Was passiert etwa mit dem hochsubventionierten Tonkünstler-Orchester während der Sommermonate? Die Wiener Philharmoniker spielten schon in Salzburg, die Symphoniker in Bregenz – die Tonkünstler sollten daher in Grafenegg eine Sommerresidenz, und damit Auslastung finden. Zugleich war klar, dass dort nicht der 2500. austauschbare Konzertsaal entstehen darf, sondern es etwas Einzigartiges sein muss, das die Besucher, wenn die Häuser in Wien und St. Pölten geschlossen haben, anlockt und sich im Profil ganz klar von den Salzburger und Bregenzer Festspielen unterscheidet. Unser Zugang war Niederschwelligkeit – Grafenegg sollte kein elitärer Ort sein, wo sich nur die Reichen und Schönen in höfischem Gehabe ein Stell-Dich-Ein-Geben, sondern einer, wo man barrierefrei Kunst und Kultur genießen kann – bis hin zu leistbaren Rasenplätzen! Ebenso war uns wichtig, bei selbem internationalen Standard, trotzdem regional verankert zu bleiben. Ich denke, das ist uns ganz gut gelungen!“, resümiert Gessl und fügt schwärmend hinzu. „Letztlich ist Grafenegg ein Gesamtkunstwerk! Wir haben hier das Glück des Naturraumes, das Glück der beeindruckenden Architektur und das Glück, mit Rudi Buchbinder einen genialen, leidenschaftlichen künstlerischen Leiter gefunden zu haben.“ 
Nicht zuletzt auch das Glück öffentlicher Fördergeber, die selbst in Zeiten allgemeinen Sparzwangs – was teils für Kritik sorgte – den Geldhahn weit offen halten. So wurde dieser Tage der „Rudolf Buchbinder Saal“ in Grafenegg eröffnet, Kostenpunkt 16 Millionen Euro. „Das ist aber kein Neubau, sondern die Sanierung des letzten großen Gebäudeteils der Alten Reitschule“, hält Gessl fest und betont, „dass sich daran neben dem Land auch der Bund beteiligt hat und wir selbst als Grafenegg Betriebs Gmbh über Fundraising, Sponsorengelder etc. Eigenmittel in Höhe von rund fünf Millionen Euro eingebracht haben! Für den Standort Grafenegg macht der Saal absolut Sinn, weil wir dort u. a. auch Gastspiele für auswärtige Anbieter ermöglichen können, was unseren Deckungsbeitrag erhöhen wird!“

Die Sache mit dem „Kunstraub“
Flaute die Aufregung rund um Grafenegg alsbald wieder ab, so sah man sich in St. Pölten 2014 dann mit einem echten Verlust konfrontiert, der Paul Gessl als NÖKU-Boss einmal mehr in Clinch mit der Hauptstadtkulturszene brachte. Klammheimlich hatte man ausgemauschelt, dass die Kunstsparte aus dem damals gerade einmal zwölf Jahre geöffneten Landesmuseum in eine neu zu errichtende Landesgalerie nach Krems (Kostenpunkt 35 Millionen Euro) übersiedeln soll. In der Hauptstadt wiederum würde um drei Millionen Euro ein neues „Haus der Geschichte“ etabliert. Nach kurzer Schockstarre gingen die Wogen hoch, schnell machte das Wort vom „Kunstraub“ die Runde, Unterschriften für den Verbleib wurden gesammelt und der damalige Landeshauptmann Erwin Pröll goss zusätzlich Öl ins Feuer, indem er den widerspenstigen Aktivisten „kleinkarierten Provinzialismus“ vorwarf. Am Ende des Tages wurden die Projekte durchgezogen, „auch weil im Landesmuseum die Architektur Hans Holleins, immerhin sein einziger Museumsbau in Österreich, leider nicht so eingeschlagen war, wie erwartet“, räumt Gessl ein. „Wir wussten, dass wir uns im Kunstbereich überregional gegenüber den Häusern in Wien aber nur dann positionieren können, wenn wir Alleinstellungsmerkmale schaffen.“ Also eine reine Landesgalerie, eingebettet in die Kunstmeile Krems, und die Donaustadt – wie ehemals im Zuge der Regionalisierung vorgesehen – als Zentrum für Bildende Kunst, während St. Pölten als jenes für Darstellende Kunst und Baden als jenes für Musiktheater etabliert wird. „In der NÖKU, das ist eine unserer großen Stärken, können wir so lenken, dass die Städte und Landeseinrichtungen nicht untereinander in Konkurrenz treten und sich gegenseitig kannibalisieren, was die Kosten für alle sinnlos in die Höhe treibt – ohne jeglichen Mehrwert“, umreißt Gessl die Philosophie. Die Gegner hingegen sahen gerade umgekehrt in der Absiedlung der Kunstsparte den bislang größten Kannibalisierungsakt auf Kos­ten der Landeshauptstadt, wo sich die Landesgalerie nicht minder gut gemacht hätte. Und auch wenn der Verlust bis heute schmerzt, unbestritten ist, dass das „Haus der Geschichte“ neben dem „Haus für Natur“ aufgrund seiner Programmierung – insbesondere auch in seiner Wirkung innerhalb der Stadt – ein absoluter Gewinn für St. Pölten ist. 

Landeskulturhauptstadt
Ein solcher war (und ist) für Gessl auch eindeutig die Bewerbung St. Pöltens zur Europäischen Kulturhauptstadt bzw. das daraus resultierende Kulturjahr 2024 samt Nachfolgeerscheinungen. „Im Vergleich zu anderen derartigen Projekten können wir guten Gewissens sagen, dass unseres in der Umsetzung und Nachwirkung sicher eines der erfolgreichsten war. Wir haben den Budgetrahmen eingehalten, wir haben den Zeitrahmen eingehalten und wir haben vor allem Nachhaltiges für die Stadt geschaffen, wenn wir etwa an die ehemalige Synagoge, das KinderKunstLabor, die künstlerischen Schwerpunkte am Domplatz, die verbesserte Zusammenarbeit zwischen Institutionen und freier Szene oder die Fortführung von Formaten wie etwa Stadt.Land.Fluss denken!“ 
Umstrittener wurde dahingegen in der hiesigen Kulturszene das ebenfalls 2024 durchgeführte, 17 Millionen Euro schwere Festival „Tangente“ wahrgenommen. In den Augen vieler konnte es die (wohl zu) hohen Erwartungen, sowohl im Hinblick auf die Programmierung, als auch im Hinblick auf seine Effekte auf Tourismus und Wirtschaft, nicht erfüllen. Gessl räumt zwar ein, dass „ein internationales Festival für Gegenwartskultur immer ein Spagat zwischen hochintellektuellem Anspruch, gesamtgesellschaftlicher Relevanz und regionaler Akzeptanz ist – da haben wir sicher Teile der hiesigen Bevölkerung überfordert und nicht erreicht“, zugleich ist er aber davon überzeugt „dass man ein solches Festival in seiner Stringenz nur mit einer gewissen künstlerischen Kompromisslosigkeit durchziehen kann, wenn du ein unverwechselbares Profil entwickeln möchtest. Und das ist uns sehr gut gelungen, mit großer überregionaler Wahrnehmung und Resonanz. Wir haben damit das Image der Hauptstadt weiter aufpoliert, dass sie als mutig, weltoffen, einzigartig, spannend wahrgenommen wird.“ Nachdenklicher Nachsatz: „Das war mir immer ein Herzensanliegen, dafür habe ich immer gekämpft – von allem Anfang an!“

Verbinder
Tatsächlich hat sich für Gessl mit dem Kulturjahr 2024 in Sachen Hauptstadt eine Art Kreis geschlossen, den er in seiner – nach außen hin oft gar nicht so sichtbaren – Rolle als Verbinder über die Jahre unermüdlich vorangetrieben hat. Als er 2004 im St. Pöltner Kulturbezirk landete, stand es um die Beziehungen zwischen schwarzem Land und roter Hauptstadt nämlich, nett formuliert, nicht unbedingt zum Besten – zahlreiche parteipolitische Irrationalitäten sorgten für gegenseitige Irritationen, auch auf Verwaltungsebene fremdelte man noch miteinander. „Es herrschte mehr ein Nebeneinander, denn ein Miteinander“, erinnert sich Gessl. Einen Umstand, den er schleunigst ändern wollte, allen voran über das Vehikel des Fördervereins Kulturbezirk (heute Freunde der Kultur St. Pölten). „Dessen Hauptstoßrichtung war ja nicht, wie die meisten glauben, einfach irgendwelche Veranstaltungen im Kulturbezirk zu pushen, sondern es ging vielmehr darum, eine emotionale Bindung zwischen der St. Pöltner Bevölkerung und ihrem neuen Viertel aufzubauen. Die Rolle des Fördervereins kann daher für die Vertiefung der Beziehung zwischen Stadt und Land, damit aber für die gesamte Hauptstadtentwicklung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden – wofür ich den Gründungsobmännern Herbert Binder und Franz Rupp noch heute dankbar bin!“ Für Gessl wurde damals etwas angestoßen, das mit dem gemeinsamen Kulturjahr 2024 so etwas wie seine Erfüllung fand. „Es hat sich endgültig das Bewusstsein durchgesetzt, dass die bestmögliche Entwicklung der Landeshauptstadt und damit des Landes nur in einem Miteinander erreicht werden kann!“ Einem Miteinander, das sich seit dem Vorjahr in Sachen Kultur auch in einer noch stärkeren Verschmelzung in gemeinsamen Gesellschaften manifestiert. „Die Stadt ist mittlerweile mit 26 % am Festspielhaus und der Bühne im Hof, mit 49% am Landestheater Niederösterreich und mit 50% am Kinderkunstlabor beteiligt. Ebenso setzen wir gemeinsam die Nachfolgeprojekte des Kulturjahres um. Dass uns das gemeinsam gelungen ist, macht uns schon auch stolz“, zieht Gessl positive Bilanz.

Abschied aus der Kultur-Bubble
Auch wenn es zwischen der hiesigen Community und ihm über die Jahre hinweg immer wieder mal fremdelte oder ordentlich krachte, so hat der gebürtige Hollabrunner die Landeshauptstadt längst in sein Herz geschlossen. „Ganz ehrlich, wenn ich zehn Jahre jünger wäre, würde ich mir heute eine Zweitwohnung in St. Pölten nehmen. Die Stadt hat sich einfach großartig entwickelt.“ Was nicht zuletzt – dies sei im Jubiläumsjahr an dieser Stelle einmal explizit festgehalten – auch sein Mit-Verdienst ist. „In Sachen Hauptstadt war ich immer ein Überzeugungstäter“, bekennt er und schließt die rhetorische Frage an. „Warum mache ich mein Abschiedsfest wohl hier in St. Pölten und nicht in Grafenegg, in Baden oder sonst wo? Ich denke, das sagt schon einiges über meine Beziehung zur Stadt aus.“
Einer Stadt, der er nun mit Ende August – zumindest arbeitstechnisch – fürs erste Adieu sagt. Wie es danach weitergeht – einen Gessl im wortwörtlichen Ruhestand kann man sich ja beim besten Willen nicht vorstellen? „Ganz ehrlich – ich weiß es noch nicht“, kommt die überraschende Antwort. „Fix ist, dass ich jetzt einmal aus wirklich allen Funktionen – egal ob Geschäftsführungen, Beratungsgremien, Aufsichtsräten etc. – ausscheide und in nächster Zeit auch sicher keine neuen Angebote annehme. Nach so langer Zeit in der Kulturbubble tut es einfach gut, einmal aus dem Hamsterrad herauszutreten und die neue Freiheit und zurückgewonnene Selbstbestimmung zu genießen! Ich lass jetzt alles mal auf mich zukommen und bin schon selbst gespannt, was sich ergibt.“  Wir auch, man on fire!