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Der Türöffner

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 06/2026

Zu seinem 75. Geburtstag gestaltete der St. Pöltner Künstler Ernest A. Kienzl die Solo-Ausstellung „Zyklen“ im Stadtmuseum gleichsam als Zeitreise. Thomas Fröhlich durfte ihn noch vor der Vernissage bei selbiger begleiten.

Das Zurückschauen wird zum Werkzeug, das den Blick nach vorn schärft, wie ein stilles Gespräch zwischen Vergangenheit und Zukunft.“ Dieser Satz fällt irgendwann zwischen der Betrachtung von Ernest A. Kienzls erstem Ölbild und seinem letzten Werk und ist auch in ähnlicher Form im prächtig von ihm selbst gestalteten Ausstellungskatalog nachzulesen, der über eine übliche Kataloganmutung weit hinausreicht und mehr ein bisheriges Lebenswerk in Buchform darstellt. 
Der 1951 geborene Künstler, der Anfang Mai Goldene Hochzeit mit seiner Gattin Renate feierte, stammt aus einer Kaufmannsfamilie und studierte sogar Volkswirtschaft; allerdings war ihm bezüglich Letzterem schon bald klar: „Das ist es nicht! In der Endphase meines Wirtschaftsstudiums, das ich allerdings abschloss, habe ich parallel dazu an der Angewandten begonnen.“ Künstlerisch war er schon seit seiner Schulzeit im Gymnasium Josefstraße tätig: „Frau Professor Sturm hat mich sehr gefördert. Sie hat uns aktuelle Kunst gezeigt und auch Kunstgeschichte vermittelt. Mein erstes Ölbild – für das sie mir die Ölfarben besorgte – war ihr zwar zu bunt, aber sie lobte Inhalt und Gestaltung.“ Kienzl lacht. Das tut er übrigens sehr oft – es ist ein eher verhaltenes Lächeln, das aber ausgesprochen ansteckend ist.
Zum Kunstverständnis gehörte in den späten 1960ern und frühen 70ern nicht zuletzt das Spielen in einer Band. Mit der Formation EXP brachte man Rock und „ziemlich avantgardistische, freie Improvisationen“ zu Gehör. Zudem organisierte er auch in den Jahren 1976 bis 1978 die „St. Pöltner Restwochen“: mit Jazz, elektronischer Musik, Lesungen, Film und Theater abseits des Mainstreams und der etablierten Locations. Was damals eine echte Pioniertat war. 
„Auf der Angewandten habe ich unter anderem bei Bazon Brock studiert. Und der hat mich stark beeinflusst, auch, weil er das Didaktische immer sehr hervorgehoben hat.“ Nicht zuletzt daraus resultierte Ernest Kienzls Lehrerberuf, den er bis zu seiner Pensionierung unter anderem bei den Englischen Fräulein in St. Pölten ausübte. „Für mich hat das eine, das Lehren, das andere, die Kunst, immer inspiriert, befruchtet. Und umgekehrt. Es ist faszinierend, mit jungen Leuten zu tun zu haben, ihnen etwas zu vermitteln. Und im Gegenzug habe ich sehr viel von ihnen gelernt.“ Er ergänzt: „Eine ganze Reihe von Schülern ist auch einen künstlerischen Weg gegangen.“ Da darf man auch ein wenig stolz sein. Kunstwerke entstünden zudem ja auch erst in der Rezeption durch die Betrachter. 
Und so reist man mit ihm gleichsam durch die Zeiten: von den Anfängen in den späten 1960er-Jahren, die ein wenig vom Surrealismus und Phantastischen Realismus geprägt sind, über sehr gegenständlich gehaltene Zeichnungen, die seine Beschäftigung mit der Beeinflussung der Wahrnehmung durch die Fotografie dokumentieren, und eine Hinwendung zu geometrischen Figuren bis hin zu den unglaublich farbintensiven, auch emotional packenden Gemälden dieser Tage, über die eine Besucherin während der Vernissage dann erklärte: „Das haut einem das Aug‘ ein!“ Und sie strahlte dabei übers ganze Gesicht.
„Ich habe die Ausstellung ‚Zyklen‘ genannt, weil sich im Rückblick immer wieder Gruppen von Arbeiten zeigen, die Ähnlichkeiten zueinander haben, die man dann verknüpfen kann.“ So Kienzl.   
Fast 19 Jahre lang, bis 2024, war der bekennende, gleichwohl kritische Katholik Obmann des Künstlerbundes, ebenfalls eine Tätigkeit, die mit Didaktik und Vermittlung zu tun hat. Tatsache ist, dass unter Kienzls Ägide der Künstlerbund ein ausgesprochen hohes Niveau erreichte. Auch die Eröffnung des KUNST:WERKs als eigener Ausstellungsraum für den Künstlerbund sowie Gäste fand während seiner Obmannschaft statt, unter der tätigen Unterstützung durch den damaligen Kulturamtsleiter Thomas Karl. Zudem war er Kurator unzähliger Ausstellungen, vor allem im NÖ Dokumentationszentrum für moderne Kunst wie auch im KUNST:WERK. Und auch zahlreiche Preise wurden an ihn verliehen, unter anderem 2019 der Prandtauerpreis der Landeshauptstadt St. Pölten für Kunst und Wissenschaft oder 2022 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich. 
Nun also ist zunächst einmal Erholung angesagt: „Das Buch, die Ausstellung – die letzte Zeit war etwas herausfordernd. Andererseits bin ich durch das große Interesse an meinen Arbeiten voll motiviert und offen für Neues, das ich im Hinterkopf bereits plane.“ Nicht zu vergessen: „Nachholbedarf habe ich beim Lesen von Perry Rhodan, was ich seit über 60 Jahren mit Begeisterung tue.“
Ernest A. Kienzl hat jedenfalls eins geschafft: Für viele, die seine Kunstwerke betrachten, die ihn als Lehrer erleben durften oder die er als Obmann des Künstlerbundes unter seine Fittiche nahm, war er ein Türöffner – für Künstler, denen er gleichsam ein Publikum verschaffte, sowie für jene, denen er die Welt der Kunst nahebrachte und -bringt, ob seine eigene oder die von Anderen.
Und wenn’s „einem dabei das Aug‘ einhaut“, darf man gern applaudieren.