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Steine der Erinnerung

Text Johannes Reichl Ausgabe 11/2018

Blättert man in der Broschüre „Steine der Erinnerung“, kommen einem unweigerlich die Tränen – der Holocaust ist und bleibt unfassbar. Nun hat man begonnen, für die 575 ermordeten Angehörigen der jüdischen Kultusgemeinde St. Pölten an ihrer jeweils letzten freiwilligen Wohnadresse Gedenksteine zu setzen. Wir sprachen mit Initiatorin Martha Keil, Leiterin des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs.

Die Idee, den ermordeten Juden mit Erinnerungssteinen zu gedenken, wurde schon viele Jahre gewälzt. Warum hat es solange mit der Umsetzung gedauert?
In der Vergangenheit gab es aufgrund des Terminus „Stolpersteine“, die es ja anderswo gibt, von offizieller Seite bisweilen das falsche Bild, man könne über derlei Gedenksteine tatsächlich stolpern. Außerdem drehte sich die Diskussion auch um die generelle Frage der Form des Gedenkens. Manche stoßen sich daran, dass man bei den im Boden eingelassenen Steinen ja quasi auf diese steigt, Hunde drüber laufen. Tafeln an Wänden, was auch alternativ diskutiert wurde, gehen aber oft unter im Erscheinungsbild – außerdem sind Erinnerungssteine insofern leichter umsetzbar, weil sie sich auf öffentlichem Grund befinden. Bei einem Haus hingegen könnte ein Besitzerwechsel Probleme bereiten. Den letzten Schub gab im Juni 2016 ein Nachkommentreffen, wo das Projekt „Steine der Erinnerung“ präsentiert wurde und die Zustimmung der Angehörigen fand – und die Zufriedenheit der Angehörigen ist das Wichtigste!

Wie kann man sich die Arbeitsteilung bzw. Finanzierung vorstellen?

Die Stadt hat das Verlegen übernommen, den Rest haben wir uns seitens des Institutes sozusagen erschnorrt. Die Freunde der Kultur St. Pölten haben uns finanziell unterstützt, ebenso Altbischof Klaus Küng, der evangelische Superintendent, und wir bekamen Mittel aus dem Nationalfonds und dem Zukunftsfonds.

Wobei es in St. Pölten nicht die bekannten „Stolpersteine“ Gunter Demnigs geworden sind.
Eine eigene Lösung war uns wichtig. Gunter Demnig hat sich große Verdienste erworben, aber man kann auf das Erinnern kein Monopol haben, weil es um etwas ganz anderes geht, nämlich um die Angehörigen, um die Erinnerung.

Warum sind derartige Gedenksteine generell wichtig?
Für die Hinterbliebenen sind sie eine Art Ersatzgrabstätte, weil es ja keine Gräber gibt, die sie besuchen könnten. Zugleich sind die Steine eine bewusste Sichtbarmachung, dass die Ermordeten nicht vergessen werden!

Im Oktober wurden die ersten Steine verlegt.
Ja, zwölf Steine an acht Adressen für 28 Menschen. Es waren viele Angehörige da, aus der Schweiz, den USA, England, Österreich und Argentinien. Wir haben zu jedem Stein ein Foto mit den Ermordeten gegeben, eine weiße Rose hingelegt und ich habe ein bisschen etwas über die Menschen erzählt. Das war sehr emotional – wir haben alle mitgeweint.

Aber auch „schön“ insofern, weil die Anteilnahme so groß war.

Ja. Es sind viele Menschen mitgegangen, auch der Bürgermeister hat am Rathausplatz für Moritz Frischmann eine Rose hingelegt. Das war das letzte in St. Pölten geborene jüdische Kind, am 13. Juni 1939. Am 26. Jänner 1942 wurden er und seine Schwestern mit den Eltern nach Riga deportiert und dort ermordet. Die Hausbesitzer in der Lederergasse 8 haben zudem selbst ein Fenster gestaltet, Kerzen aufgestellt, die Hinterbliebenen hereingebeten – das war sehr bewegend! Außerdem ist mir aufgefallen, dass manche Hausbesitzer offensichtlich nach wie vor Blumen hinlegen und die Steine, wie es scheint, putzen – ganz von selbst.

Apropos putzen: Wie funktioniert die laufende Betreuung?

Im Hinblick auf die Instandhaltung wäre es schön, wenn wir Paten finden, die sich um die Steine kümmern – vielleicht auch Schulklassen. Und natürlich hoffen wir auf weitere Paten im Hinblick auf die Finanzierung. Wir möchten ja für jeden Ermordeten einen Stein setzen – da ist der Wunsch, dies bis 2024 zu bewerkstelligen. Das ist durchaus eine Herausforderung.

Welche „Baustellen“, wenn man es so nennen möchte, sind noch offen in Sachen einer würdigen Erinnerungskultur in St. Pölten?
Was es bis heute nicht gibt, ist ein Mahnmal für alle ermordeten Juden in Niederösterreich, da würde sich die Landeshauptstadt als Standort anbieten. Für die St. Pöltner Gemeinde selbst haben wir zwar eines hier bei der Synagoge, aber auch da wäre eine exponiertere Stelle wünschenswert.
Im Argen liegt es mit den jüdischen Friedhöfen der Stadt. Zwar gibt es mittlerweile ein Gesetz und auch Geld seitens des Nationalfonds, aber es fehlt noch immer eine Vereinbarung zwischen Stadt und Israelitischer Kultusgemeinde im Hinblick auf die Betreuung des Friedhofes – wobei es da vor allem bislang an Haftungsfragen scheitern dürfte sowie der Frage der laufenden Betreuung. Ich denke, dass mit gutem Willen auf beiden Seiten eine Lösung möglich sein sollte, im Übrigen auch für den alten jüdischen Friedhof in der Pernerstorferstraße  – auch dort ist ein angedachtes Erinnerungsprojekt wieder eingeschlafen. Andere Städte und Orte wie etwa Stockerau oder Lackenbach haben zuletzt ihre jüdischen Friedhöfe anständig renoviert, das sollte auch die Landeshauptstadt zusammenbringen.

Könnte diesbezüglich die Kulturhauptstadt ein Türöffner sein?
Ja, das Wunderjahr 2024! Ich denke, es ist schlüssig, dass sich die Stadt der Besonderheit der Synagoge besinnt – es gibt ja nur mehr zwei erhaltene in ganz Niederösterreich: St. Pölten und Baden. Und das Interesse der Bevölkerung und der Touristen ist groß. Immer wieder läuten Personen an, welche die Synagoge und die Ausstellung besichtigen möchten – im Sommer hatten wir über 1.400 Besucher. Eine ganzjährige Benützbarkeit der Synagoge, die aktuell nicht gegeben ist, wäre wünschenswert, zumal die Synagoge genau auf der Achse zwischen Innenstadt und Regierungsviertel liegt, die bekanntlich verbessert werden soll.

Wo liegt der aktuelle Forschungsschwerpunkt des Institutes?
Mauer-Öhling, das hat mir schon lange so auf der Seele gebrannt! Dort wurden während des NS-Regimes über 1.800 Patienten ermordet – entweder direkt in der Anstalt oder in Hartheim. Man hat dort regelrecht den Holocaust „versuchsweise“ im Kleinen durchexerziert. Eine ganz schlimme Geschichte, die all die menschlichen Abgründe offenbart. Philipp Mettauer, der das erforscht, hat in einem ersten Schritt einige 1.000 Krankenakten von damals aufgearbeitet.

Wie waren die Reaktionen in Amstetten auf die Nachforschungen?
Das hat natürlich regelrecht eingeschlagen und ist ein ganz heißes Eisen. Wir hatten bereits mehrere Veranstaltungen, da sind immer über 200 Personen gekommen. Das Interesse ist riesig, und man merkt, wie notwendig es ist, dieses Thema aufzuarbeiten. De facto war damals ja der ganze Ort involviert, das Krankenhaus war der größte Arbeitgeber der Stadt. Das ging praktisch durch alle Familien, wobei da auch die ganze Täter-Opfer-Thematik aufpoppt.

Inwiefern?
Zum einen war es für viele Angehörige ein Tabu, darüber zu sprechen, weil  in ihrer Familie quasi ein geistig Behinderter war. Viele gingen damit den Nazis auch nach deren Ende noch auf den Leim, weil sie deren Diktion übernahmen – denn zu welchen Zwecken und mit welchen Mitteln wurde denn „diagnostiziert“? Patienten wurden als geistig behindert, und damit als „lebensunwert“ eingestuft, die etwa einen Schlaganfall gehabt hatten, die Epileptiker oder suchtkrank waren und so fort. Zudem wurde das Thema verdrängt, weil sich viele Angehörige schuldig fühlten, weil sie ihre behinderten Verwandten ins Heim gegeben hatten. Nur sie taten es damals ja in der Regel, weil es zum einen ganz üblich war und zum anderen, weil sie den Angehörigen helfen wollten. Doch dann wurden diese ermordet.

Und die Täter?
Es gab nach dem Krieg Prozesse, im Zuge deren Mauer-Öhling-Pfleger wegen Beihilfe zum Mord verurteilt wurden, weil sie Patienten bewusst falsch medikamentiert hatten oder regelrecht verhungern hatten lassen. Auf Anordnung der Ärzte, die sich diesen Prozessen dann sehr geschickt durch Flucht und andere Maßnahmen entzogen haben, oder in einer Grauzone von Handlungsfreiheit, das ist die Frage. Es gibt da wirklich ganz grausliche Geschichten, die einen erschüttern. Wir haben diesbezüglich ein sehr spannendes Projekt mit der Fachschule Amstetten laufen, im Zuge dessen es auch darum geht zu begreifen, wie man im Pflegeberuf verführt und manipuliert werden kann und worauf man achten muss, um sich davor vielleicht zu schützen.

Würden Sie sagen, dass Antisemitismus heute eher rückläufig ist?

Das würde ich nicht sagen. Ich hatte erst unlängst eine Diskussion mit Rabbiner Schlomo Hofmeister und dem ehemaligen Präsidenten der IKG, Ariel Musicant – die werden tagtäglich beschimpft und diffamiert. Zum einen ganz konkret face to face, und dann natürlich auch in den neuen Medien, das geht bis hin zu Morddrohungen – so betrachtet ist also sicher keine Abnahme, sondern eher eine Zunahme konstatierbar. Das mag aber auch daran liegen, dass derlei Angriffe heute mehr angezeigt werden als früher, dass die Diffamierten begreifen, dass sie sich das nicht gefallen lassen und nicht einfach hinnehmen müssen.


BROSCHÜRE
Für die Begleitbroschüre „Steine der Erinnerung in St. Pölten 1/2018“ haben auch Nachkommen Beiträge geliefert, wie etwa Elisabeth Schusser. Die Broschüre ist im Injoest in der Ehemaligen Synagoge erhältlich.

Die Verwandten
Ein paar Zahlen,
waren es Jahre,
Schwarz auf Weiß sind
sie geschrieben,
Lang‘ ist’s her, nichts ist geblieben.
Namen, Straßen, ich sag‘ dir –
sie haben gelebt,
in einer Stadt nicht weit von hier
wo, wie damals auch heute, die Zeit noch vergeht.
Und ich zähle, zähl’s dir vor, sechs Menschen leben dort
In einem Haus, sie nannten Heimat,
an einem vertrauten Ort.
Nichts weiß ich von ihnen, man sagt mir, es waren Verwandte.
Zerstört, vernichtet hat man sie,
Kinder, Onkel und Tante.


Elisabeth Schusser (Urgroßnichte von Hermine Gelb und Franziska Weiss)

Wien, im August 2018


STEINE DER ERINNERUNG UNTERSTÜTZEN

• durch finanzielle Patenschaften (Institut für jüdische Geschichte Österreichs, IBAN:  AT87 2025 6000 0005 6655, BIC: SPSPAT21, Verwendungszweck: Steine der Erinnerung)
• durch Pflegepatenschaft (auch von Schulklassen oder Betrieben)
• durch Anregung von Steinsetzungen in kleineren Orten bei der zuständigen Gemeinde.


MEMORBUCH

• Unter www.juden-in-st-poelten.at finden Sie das Memorbuch über die ehemalige jüdische Gemeinde St. Pölten.
• Unter www.injoest.ac.at finden Sie Informationen zur Arbeit des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs.