MFG - Die "Tourismus-Maschine"
Die


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Die "Tourismus-Maschine"

Text Johannes Reichl
Ausgabe 12/2023

Für einen Verschwörungstheoretiker wäre die Sachlage eindeutig: Wir werden von den Salzburgern unterwandert! Immerhin ist Stefan Bauer, der neue St. Pöltner Tourismusdirektor, nach Raiffeisen-Geschäftsleiterin Ernestine Grießler bereits der zweite Salzburger innerhalb nur einer Woche, den ich im Hinblick auf sein Wirken in der Stadt interviewen darf. Seeeeeeehr verdächtig! Natürlich gar nicht – und sicher nicht zum Nachteil der niederösterreichischen Landeshauptstadt.


Anders als Grießler, die es bereits als Teenagerin an die Traisen verschlägt, ist Bauer quasi ein Spätberufener. Er wächst auch nicht in einem Lungauer Bergdorf, sondern direkt in Salzburg Stadt auf, wo man Tourismus quasi mit der Muttermilch aufsaugt. „In Salzburg ist die Frage ja eher, wie man die Touristenströme in der Innenstadt kanalisiert. In St. Pölten sind klassische Touristen dahingegen nach wie vor eher selten im Stadtbild anzutreffen.“ Was nicht heißt, dass es in der niederösterreichischen Kapitale keinen Tourismus gäbe, „aber der ist aktuell sehr stark auf Geschäftstourismus ausgerichtet“, was u. a. das – im Vergleich zu anderen Destinationen – vermeintliche Paradoxon mit sich bringt, „dass die Auslastung unserer Gästebetten während der Woche sehr gut ist, während am Wochenende Kapazitäten frei sind.“ Ein Umstand, den der Touristiker in eine bessere Balance bringen möchte. 

Tourismus von der Pieke auf
Dass man mit Bauer den richtigen Mann dafür geholt hat – im Frühjahr folgte er Eva Prischl als Chef des St. Pölten Tourismus nach – steht dabei außer Streit, strotzt der Touristiker doch nur so vor Erfahrung und verfügt über ein beachtliches Netzwerk. Wobei er im Tourismus erst über einen Umweg gelandet ist. „In Salzburg habe ich – ein bisserl untypisch für unsere Branche – die HTL für Maschinenbau absolviert, nach der Schule sogar eine Zeitlang in diesem Bereich gearbeitet!“ Lange genug übrigens, um ein waschechter Herr Ingenieur zu sein, „einen Titel, den ich aber nicht trage“, was manch gewitzten Magistratskollegen nicht davon abhält, den Tourismusdirektor mit einem Augenzwinkern als „die Tourismusmaschine“ zu bezeichnen. Zu dieser avanciert er freilich erst während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft und Betriebswirtschaftslehre, beginnt er doch parallel dazu beim SalzburgerLand Tourismus zu arbeiten. Dort lernt Bauer die Branche von der Pieke auf kennen. „Als Pressereferent habe ich zum Beispiel an die 25 Pressereisen pro Jahr organisiert“, erinnert er sich. In dieser Zeit tingelt Bauer landauf landab, lernt dabei nicht nur das Bundesland, die unterschiedlichsten Betriebe und Ausflugsziele kennen, sondern knüpft zugleich hervorragende Kontakte zu in- und ausländischen Tourismusjournalisten. Später beackert er als Marketing-Leiter die sogenannten „Kernmärkte“ wie zum Beispiel Österreich und Deutschland. Eine Bilderbuchkarriere, die ihn aber dennoch nicht davon abhält, sich 2007 auf eine Annonce der Niederösterreich-Werbung hin zu bewerben. „Nach sieben Jahren im SalzburgLand Tourismus hatte ich einfach Lust auf Abwechslung“, konstatiert er trocken. Die findet er – nach einem halbjährigen Intermezzo in Wien, „weil damals die Niederösterreich-Werbung noch in der Bundeshauptstadt situiert war“ – in St. Pölten, wohin er mit seiner Familie zieht. „Das hat damals super gepasst, weil ich zwei kleine Töchter hatte und St. Pölten ein sehr familiäres, nettes Umfeld bot, wo man sich wohlfühlen kann.“ 
Und wo ihm der neue Job Freude bereitet. Ähnlich wie schon in Salzburg durchläuft er wieder zahlreiche touristische Geschäftsfelder, vom Ausflugstourismus über den Bereich Sport und Freizeit bis hin zu Wirtschafts- und Kongresstourismus. Zuletzt steigt er auch in St. Pölten bis an die Spitze auf, wird Prokurist und Geschäftsführer-Stellvertreter der Niederösterreich-Werbung. Doch auch diesmal zieht es den Tourismus-Profi weiter. „Nach 15 Jahren habe ich einfach einen neuen Impuls gesucht“, und dieser ereilt ihn von seiner neuen Heimatstadt, sucht die Stadt St. Pölten doch einen Nachfolger für die bisherige Leiterin des Tourismusbüros. „Die Perspektive, St. Pölten touristisch weiterzuentwickeln und noch besser zu positionieren, hat natürlich nach einer spannenden Herausforderung geklungen! Und – so viel kann ich nach knapp einem Jahr sagen – das ist sie auch tatsächlich!“

Luft nach oben
Zumal die Stadt nach wie vor ein bisschen unter dem touristischen Wahrnehmungsradar zu fliegen scheint, obwohl Bauer jede Menge, teils noch ungehobenes Potenzial ortet. Was ihm zum Beispiel bereits bei seiner Ankunft vor 15 Jahren sofort ins Auge gestochen ist – damals noch aus Sicht des praktizierenden Jungpapas auf der Suche nach Wochenendbeschäftigungen für die Kinder – ist St. Pöltens perfekte Lage als Ausgangspunkt für Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung. „Ein Aspekt, den wir in Zukunft sicher noch stärker in den Köpfen unserer potenziellen Gäste verankern möchten“, ebenso wie jenen, dass die Hauptstadt selbst allemal einen Besuch wert ist, und zwar nicht nur für Geschäftstouristen, sondern alle, die sich gerne positiv überraschen lassen. „Es ist einfach bemerkenswert, welche Entwicklung die Stadt in den letzten zwei Jahrzehnten genommen hat, wie sehr etwa das Freizeit- und Kulturangebot gestiegen sind, von der langen Historie ganz abgesehen.“ Bauer verweist in diesem Zusammenhang etwa auf das hochkarätige Programm der St. Pöltner Kulturbetriebe, auf Formate wie die Triathlon-Challenge und weitere attraktive Sportveranstaltungen sowie auf das Frequency Festival, die allesamt überregional ausstrahlen. Letzteres wird dem Neo-Tourismusdirektor im Übrigen, so viel ist schon fix, im kommenden Jahr einen substanziellen Nächtigungsrekord bescheren. Das neue, mit 1. Jänner 2024 in Kraft tretende niederösterreichische Tourismusgesetz sieht nämlich nicht nur die Vereinheitlichung der Nächtigungstaxe auf 2,50 pro Gast und Nacht vor bei gleichzeitiger Abschaffung des bisherigen Interessenentenbeitrags, „den Unternehmen – im Promillebereich – unter der Prämisse leisten mussten, dass sie quasi auch direkt oder indirekt vom Tourismus profitieren“,  sondern in Hinkunft fallen auch sämtliche Festivalgäs­te, die am Gelände übernachten, in die Melde- und Abgabenpflicht. Manche sprechen deshalb von einer Lex „Frequency“, weil das größte Festival des Bundeslandes jährlich, kumuliert auf die Veranstaltungstage, rund 150.000 Gäste zählt – der Großteil von ihnen „campt“, was die Nächtigungszahlen St. Pöltens statistisch betrachtet  fast verdoppeln dürfte. Zugleich bedeutet es auch eine neue Einnahmequelle für die Stadt (die Hälfte davon bekommt 2024 allerdings das Land NÖ), konkret für den Tourismus, weil die Abgabe zweckgewidmet ist. Da muss er doch recht zufrieden mit seinem Budget sein, frage ich ein bisschen unbedarft und ernte dafür ein herzhaftes Lachen. „Also ich wäre ein schlechter Tourismusmanager, wenn ich sagen würde, ich hätte nicht gerne mehr!“

Positive Vorzeichen
Das ist freilich verständlich, weil im kommenden Jahr wohl touristisch besonders gekurbelt werden wird: Nach der gescheiterten Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt wurde im Schulterschluss mit dem Land Niederösterreich nämlich 2024 zum Kulturjahr ausgerufen, neues Festival für Gegenwartskultur, die sogenannte „Tangente“, inklusive. „Das ist natürlich eine Riesenchance, weil wir dadurch in den Fokus komplett neuer Zielgruppen geraten und damit zusammenhängend neue Impulse für den Tourismus setzen können“, ist Bauer überzeugt. Im Hinblick auf Positionierung und Image der Stadt erhofft sich der Tourismusdirektor von der „Tangente“ sogar ähnliche Benefits, wie sie dereinst das Frequency auslöste und bis heute leistet. „Das Frequency hat zu einer enormen Imageaufwertung St. Pöltens beigetragen. Die jungen Besucher lernen die Stadt in einem positiven Kontext kennen, so dass sie späterhin vielleicht auch als Erwachsene wieder kommen.“ Touristisch fast noch nachhaltiger schätzt er außerdem die im „Schlepptau“ des Kulturjahres angestoßenen Investitionen in öffentlichkeitswirksame Infrastrukturprojekte ein. „Das neue KinderKunstLabor etwa ist absolut einzigartig in Österreich. Ebenso bedeutet die Renovierung der ehemaligen Synagoge eine Aufwertung, weil dort in Hinkunft regelmäßig Programm stattfindet.“ Die Aufgabe des St. Pölten Tourismus bestehe in diesem Kontext darin, „als Produktentwickler nicht nur all diese Möglichkeiten aufzugreifen und zu kommunizieren, sondern auch ein spannendes und schlüssiges Drumherum zu schaffen, ein Gesamtpaket zu schnüren und den Gästen zu vermitteln, was sie noch alles in St. Pölten unternehmen können.“ Und das ist – wie der Tourismuschef überzeugt ist – „viel! Denken wir allein an die Altstadt mit ihrer reichen Geschichte, den authentischen Markt am Domplatz, ja den Domplatz selbst, wo zuletzt – einzigartig in Österreich – 20.000 Gräber freigelegt und untersucht wurden, worum man spannende Geschichten entwickeln kann. Oder die Schanigärten auf den Plätzen, die abwechslungsreiche Gastronomie, vom reichhaltigen, hochqualitativen Kulturangebot ganz zu schweigen.“ All dies lohnt, die Stadt zu besuchen und sie gleichzeitig im Zuge eines längeren Aufenthaltes als idealen Ausgangspunkt für spannende Erkundungen in die Region zu nutzen.

Kooperation & Schwarmintelligenz 
Etwa zu Klassikern wie Wachau, Traisen- und Pielachtal, Stifte und Klöster im Einzugsbereich, ja selbst Wien, wobei es längst nicht nur mehr um schnödes Sightseeing geht. „Für St. Pölten spielt zum Beispiel Radtourismus eine immer relevantere Rolle, weil wir direkt am Traisentalradweg liegen und damit auch an den überregionalen Donauradweg angebunden sind. Ebenso gibt es schöne Mountainbike-Strecken und selbst Rennradfahrer sind dank der Triathlon Challenge mittlerweile auf das geniale Angebot in unserer Region aufmerksam geworden“, führt Bauer aus. 
Es sei daher Gebot der Stunde, sich innerhalb der Region noch stärker zu vernetzen und dementsprechende Angebote zu kreieren „weshalb wir regelmäßig mit den anderen Tourismus- und Kulturorganisationen zusammenkommen, uns austauschen, teils aufeinander abstimmen oder auch gemeinsame Werbemaßnahmen durchführen.“ Ein Indiz für zunehmende Kooperation legt zudem der Umstand nahe, „dass seit kurzem eine Mitarbeiterin des Mostviertel Tourismus bei uns in St. Pölten als Schnittstelle fungiert.“ Dass der neue Tourismusdirektor prinzipiell jemand ist, der nicht nur im eigenen Saft schwimmt, sondern durchaus auf das Konzept „Schwarmintelligenz“ setzt, hat er zuletzt im Zuge der Ausarbeitung einer neuen Tourismusstrategie für St. Pölten bewiesen. 
Dazu lud Bauer nämlich an die 80 Personen aus den unterschiedlichsten Bereichen zu zwei Workshops ein, von Tourismusorganisationen, Beherbergungsbetrieben und Gastronomie über Kultur- und Freizeiteinrichtungen bis hin zu Studenten und Verwaltungsbediensteten. „Mir war wichtig, dass wir nicht nur intern theoretisieren, sondern durch die Einbindung verschiedenster Stakeholder ganz bewusst auch den Blick von außen in die neue Strategie integrieren.“ Zudem würde durch diesen breiten Ansatz „das Zusammengehörigkeitsgefühl gesteigert, weil wir wissen, wo wir gemeinsam hinwollen!“
Mit dem Ergebnis, das am 7. Dezember präsentiert wird, ist Bauer jedenfalls zufrieden. „Ich bin ja jemand, der gerne auf Basis einer klaren Strategie mit klaren Zielvorgaben arbeitet, weil man sonst leicht Gefahr läuft, sich zu verzetteln. Mit der Tourismusstrategie haben wir nun einen genauen Fahrplan.“ Voll Tatendrang fügt er hinzu: „Jetzt kann die eigentliche Arbeit so richtig beginnen!“