MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Facebook Twitter

Projekt Meistertitel

Text Andreas Reichebner Ausgabe 09/2013

Mit Goldketterln bestückt und im Armani-Anzug – wer da an einen männlichen Fußballtrainer an der Outlinie tippt, hat meist richtig gedacht. Brigitte Entacher, die Trainerin des Champions League Teams FSK Simacek St. Pölten-Spratzern, steht im sportlichen Trainingsanzug am Spielfeldrand – einer der vielen bemerkenswerten Unterschiede zwischen Damen- und Herrenfußball.

Während SKN-Trainer Martin Scherb vor Kurzem sein Projekt „Gipfelsturm 4.1“ schon nach den ersten Runden ad acta legen und den Trainersessel räumen musste, befindet sich das St. Pöltner Frauenfußballteam beim Kampf um den österreichischen Meistertitel voll auf Kurs.
„Nach dem Cup-Titel und dem Genuss jetzt auch in der Champions League zu spielen, wäre der Meistertitel noch mein größter Wunsch“, so Brigitte „Gitti“ Entacher, die seit 2011 den FSK Simacek St. Pölten-Spratzern trainiert. Die Tirolerin, die zehn Jahre lang im österreichischen Nationalteam spielte und seit über 20 Jahren schon Frauenteams trainiert, arbeitet mit ihrer „Frauschaft“ hart für das kollektive Ziel.
Viermal in der Woche wird auf dem ehemaligen Stattersdorfer Fußballplatz das Training abgehalten. Die meisten der Spielerinnen müssen dafür eine mehr als eineinhalbstündige Anreise in Kauf nehmen. Sie kommen mit dem von den Spielerinnen getauften „Party-Bus“ von Wien, in dem gelernt, gechilled oder einfach nur gruppendynamisch geplaudert wird. Geld gibt es nur wenig und das auf Entschädigungsbasis, einer der Hauptunterschiede zwischen Damen und Herren. „Die Gagenverteilung ist nach wie vor eine Frechheit. Während sich die Burschen sogar in den untersten Klassen mit dem Kicken etwa das Studium finanzieren können, müssen unsere Spielerinnen zusätzlich noch arbeiten“, echauffiert sich Entacher über fehlende finanzielle Unterstützung.

Never ending story
Linksverteidigerin Nina Klima, österreichische Nationalteamspielerin und Studentin der Sportwissenschaften, sieht das genauso: „Es ärgert mich schon, wenn ich sehe, wie männliche Kollegen gut davon leben. Schließlich ist das Fußballspielen auf dem Niveau schon ein Job an sich. Da gehört schon eine irrsinnige Leidenschaft dazu.“ Auch die zweikampfstarke Julia Tabotta, die mit fünf Jahren schon Fußballprofi werden wollte, findet diesen Umstand traurig: „Ich denke, Frauenfußballerinnen leisten viel mehr, sie arbeiten, studieren … ich würde gerne nur Fußball spielen.“ Tabotta ballestert übrigens auch im Nationalteam. So wie insgesamt 14 Spratzerner Spielerinnen, die in Nationalteams engagiert sind.
Auch die fehlende Wertschätzung etwa seitens des Fußballverbandes ist zurzeit eine „never ending story“. Hier ortet Trainerin Entacher noch einen extrem großen Nachholbedarf: „Frauenfußball ist nach wie vor nicht mehr als ein Anhängsel des ÖFB“.

Attraktiver Fußball
Ins gleiche Horn stößt auch die sportliche Leiterin des FSK Simacek St. Pölten-Spratzern, Katahrina Ehart: „In den letzten fünf bis zehn Jahren hat es im Frauenfußball eine extreme Steigerung gegeben, tolle Leistungssprünge. Da kann man einfach nicht mehr wegschauen.“
Zuschauen wäre eher das Credo, und das tun immer mehr Leute. Bei Topspielen kommen 500 Zuschauer auf den Voith-Platz, den die Frauen in dieser Saison zeitweise bespielen. „Wir haben eine Kooperation mit dem SKN. Deren Abonnenten können bei uns auch zuschauen kommen. So beleben wir den ehrwürdigen Voith-Platz.“
Beim Spiel gegen Innsbruck, das 3:0 gewonnen wurde, sah man auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl alter SKN-Stammzuschauer rund um die Bierausschank. Alte vertrottelte Wortspenden wie „Leiberltausch“ oder „des is jo ka Fußball“ waren gestern. Jetzt hört man von den Zuschauerbänken eher Akklamationen wie „Super, wie die reingeht“, „Schauts, wie die die Räume ausnutzen“ oder „die lassen den Ball aber schön laufen“.
Trainerguru Entacher weiß um die zunehmende Attraktivität von Frauenfußball, nicht nur wegen der augenscheinlichen, weiblich-figuralen Ästhetik. „Männer, die uns vorher noch nie spielen gesehen haben, von denen bekomme ich oft Feedback wie ‚ihr spielt ja stark!‘ und so.“ Das macht sie stolz auf ihre durchwegs junge Truppe.
„Natürlich sind uns Männer in punkto Dynamik und Schnelligkeit überlegen, aber im taktischen und technischen Bereich haben wir extrem aufgeholt“, gibt sich Nina Klima, die nächstes Jahr während eines Studienjahres im Ausland zu Ajax Amsterdam wechseln möchte, selbstbewusst. „Männer haben halt mehr Muskeln, aber unsere Partien sind auch temporeich, ich denke, im Vergleich zu Spielen in der österreichischen Meisterschaft, durchaus anschaulicher“, geht Julia Tabotta noch ein Stückchen weiter und verweist auf die Cup-Finalpartie gegen die ewigen Rivalinnen aus Neulengbach.

Ewige Rivalinnen
„Da habe ich mir gedacht, Erdboden tu dich auf und lass mich versinken“, so die Gitti. Was war passiert? Während des gesamten Spieles wurden die Dauerrivalinnen diktiert und ein 3:0 Vorsprung herausgeschossen, der in den letzten Minuten versemmelt wurde. „In der Kabine war Emotion pur, einige haben geweint, manche haben gegen alle Dinge getreten, die sie gefunden haben. Wir waren am Boden zerstört“, erinnert sich die Trainerin an diesen Moment. „Die Neulengbacherinnen sind gleich auf dem Platz geblieben, waren sich schon siegessicher.“
Es kam zum Elfmeterschießen. „Wir haben das natürlich schon vorher trainiert.“ Kapitänin Monika Matysová hatte sich immer beharrlich geweigert, einen Elfmeter zu schießen. „Aber im letzten Training hat sie einen Elfmeter direkt ins Kreuz gejagt“, erzählt Entacher, „da hab ich ihr gesagt, du musst schießen, aber als letzte. Und sie hat das entscheidende Ding genauso wie im Training reingemacht. Dann sind die Emotionen übergegangen.“
Der im Jahr 2006 gegründete Vizestaatsmeister FSK Simacek St. Pölten-Spratzern besiegte die Favoritinnen aus Neulengbach und kürte sich zum ÖFB Ladies Cup Sieger 2012/13. Die ewigen Zweiten holten sich damit ihren ersten Titel in der höchsten Spielklasse in Österreich.
„Der Neulengbacher Trainer hat mir gratuliert und sogar am nächsten Tag noch eine SMS geschickt“, so die Röntgen-Assistentin Entacher über die Rivalität zwischen den beiden Spitzenteams.
Jetzt ist das Projekt Meistertitel am Laufen – und da führt nur der Weg über die ewigen Rivalinnen. „Meine Spielerinnen sind aber ehrgeizig, mindestens so wie die Männer, vielleicht sogar zielorientierter, aktiver und ernster. Während die Burschen lässig eine Volleypartie abziehen, so auf cool, sind die Mädels da entschlossener“, findet Entacher

In der Champions League
Ehrgeizig ist auch Nicole Billa, die seit einem Jahr beim Verein spielt. Die junge Tirolerin ist im Frauen-Nachwuchszentrum in der Sportwelt NÖ untergebracht. „Meine ganze Woche besteht aus Lernen und Fußball“, erläutert die zweikampf- und kopfballstarke Stürmerin. „Mein großes Ziel ist es die zwei Quali-Runden in der Champions League zu überstehen und in die Endrunde zu kommen.“ Denn aufgrund der starken Leistungen der Rivalinnen aus Neulengbach darf der Vizestaatsmeister aus St. Pölten heuer auch im Konzert der ganz großen Teams des Frauenfußballs mitspielen. „Da profitieren wir von unseren Konkurrentinnen.“ Dafür nimmt die junge Angreiferin viel in Kauf. „Meine Familie in Tirol sehe ich kaum, aber Fußball bedeutet mir einfach sehr viel.“
Ehrgeiz bei den Fußballerinnen artet aber im Vergleich zu den männlichen Kollegen nicht in hinterfotziger Brutalität am Platz aus. Versteckte und gemeine Fouls á la Zwicken, Beißen und Ellbogen ins Gesicht rammen, findet man äußerst selten. „Die Mädels sind da nicht so fies wie die Burschen“, weiß Entacher. Auch Nina Klima, die sich gerade nach einem Kreuzbandriss wieder ins Team kämpft, wundert sich öfters über ihre männlichen Freunde und deren Tipps: „Du musst zwicken und beißen, sagen sie zu mir oder Ärgeres. Auf diese Ideen würde ich nie kommen.“
Tja, Geld verdirbt bekanntlich den Charakter, und da die männlichen Kicker ja bereits in den „Schutzgruppen“ die Euros einsackeln, wird da bei weitem unfairer zur Sache gegangen.
Und auch das Vorurteil, wonach „Aufbrezerln“ fürs Spiel und die Öffentlichkeit wichtiger als bei den Männern ist, strafen die gelackten, mit Unmengen an Gel aufgerichteten, modischen und teils skurrilen Herrenfrisuren bei den kickenden Möchtegernmodels Lüge. So etwas findet man selten bei den Frauen – entweder sportliches Kurzhaar oder lange Haare, gebändigt mit einem Zopf, so präsentiert sich der Großteil des Teams zweckorientiert.

„Wie Weiberleut ticken“
Zurzeit hat der FSK zwei Teams – das A-Team kämpft in der Frauenliga, während das B-Team etwa vorige Saison den vierten Platz in der 2. Frauenliga Ost/Süd erreichte.
Also eine Menge Frauen, ob da lesbische Beziehungen Thema sind? „Die Mädchen gehen da sehr trocken damit um. Es ist kein Thema bei uns und wird nie angesprochen. Aber natürlich gibt es das, wie bei allen anderen Teamsportarten. Solange die Beziehungen hinhauen und damit auch die Leistungen passen, gibt es keine Probleme“, erläutert die Trainerin nüchtern. Mit Homosexualität unter männlichen Spielern wird da im Allgemeinen nicht so entspannt umgegangen.
Als weibliche Trainerin sieht sie selbst den Vorteil des besseren Hineindenkens in ihre Spielerinnen. „Ich weiß, wie Weiberleut ticken, verstehe die Emotionen besser. Manchmal fahr ich rein, dann und wann muss ich sensibler sein. Ein Mann würde da eher drüberfahren“, sieht Entacher aber nicht nur Vorteile in ihrer eher kumpelhaften Art. „Ich lasse auch Mitspracherecht zu, aber dabei kommt es immer wieder zu vielen Diskussionen. Warum spiele ich im B-Team, warum …, aber das krieg ich immer besser in den Griff.“
Die FSK-Trainerin ist während des Spiels keine Leise. Um ihre bereits angegriffene Stimme zu entlasten, hat sie seit Kurzem ein Pfeiferl. Damit holt sie sich die Aufmerksamkeit beim Training, wenn es darum geht, ihrem jungen Team mit einem Altersschnitt um die 20 Jahre, neue Spielsysteme einzutrichtern. „Grundsätzlich spielen wir 4-4-2, aber es kommt auf die Gegnerinnen an. Ich will aber auf jeden Fall über die Viererkette nach vorne mitspielen. Mir ist die Kontrolle auf dem Platz, speziell beim Spielaufbau, besonders wichtig. Im Vergleich zu Neulengbach fehlt uns die Ruhe und Abschlussstärke vor dem Tor. Aber das werden wir durch mehr Routine hinkriegen.“
Bei den Spratzernerinnen gibt es auch das Projekt Mädchenfußball in St. Pölten, das von Katharina Ehart betreut wird. „Da ist unser Ziel junge Mädchen für das runde Leder zu begeistern und ein reines Mädchen-Team in einen Meisterschaftsbewerb einzugliedern“, berichtet Ehart.
Man könnte also meinen, eine reine Mädelspartie beim FSK. Nicht ganz, so hat Manager Wilfried Schmaus eine bedeutende Rolle. „Ohne den Willi geht fast nix, er hat immer ein offenes Ohr für uns und ist lösungsorientiert, geradlinig“, streut Gitti dem „typischen Manager“ Rosen. Mit Arnold Kraushofer betreut ein Mann das B-Team und assistiert Entacher. Die Physios sind ein gemischtes Team mit Manuel Walzel und Dani Gsenger, während Reinhard Dietl die Torfrauen trainiert.
So arbeitet man bei FSK auch mit Männern daran, dass Frauenfußball noch attraktiver und professioneller wird. Vielleicht spielen die jungen Mädels vom Projekt Mädchenfußball dann auch einmal in der NV-Arena – dort, wo das jetzige A-Team auch gern spielen würde.