MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

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Never Underestimate KungFu Energy

Text Michael Reibnagel Ausgabe 06/2015

2015 scheint ein gutes Jahr für Festivals zu sein. Zum einen gibt es mit Rock In Vienna einen –möglicherweise – neuen Stern am Festivalhimmel, zum anderen feiert ein alter Bekannter sein Comeback: Die Rede ist vom Nuke Festival, dessen Erfinder ein Urgestein der St. Pöltner Partyszene ist, und das heuer am 29. August am Freigelände der Messe Graz über die Bühne geht.

Lange war es ruhig um das Fes­tival gewesen, das zuletzt 2010 stattfand. Aber da Totgeglaubte ja bekanntlich länger leben, meldet sich das Nuke heuer lautstark zurück. Die musikalische Ausrichtung ist dabei bekannt, wobei sofort ins Auge sticht: Alle Bands kommen aus dem deutschsprachigen Raum. Als Headliner konnten die Berliner Dancehall Caballeros Seeed gewonnen werden. Begleitet werden sie von ihren Landsmännern Cro, Prinz Pi, Kayef sowie Mono & Nikitaman. Besonders positiv fällt auch der hohe Österreicher-Anteil auf, was für ein Festival dieser Größenordnung eher unüblich ist. So geben sich die Parov Stelar Band, Bilderbuch, Wanda oder Olympique die Ehre am Nuke.
Doch nun ein bisschen History für die jüngeren Semester. Begonnen hat die Nuke-Geschichte im Jahr 2000. „Damals sind die beiden Christophs (Schön & Lehrner, Anm.) auf mich zugekommen, dass am Gelände des nie in Betrieb gegangenen AKW Zwentendorf ein Festival stattfinden soll“, erzählt Norbert „Pauli“ Bauer, Mastermind hinter dem Nuke. „Der Name steht im Übrigen für ‚Never Underestimate KungFu Energy‘, und die Abkürzung Nuke passte für ein Festival in einem Atomkraftwerk natürlich wie die Faust aufs Auge!“ Die erste Ausgabe fand mit ausschließlich österreichischen Acts statt und begeisterte knapp 3.000 Besucher. In den Jahren 2001 und 2002 ging das Festival abermals in Zwentendorf über die Bühne, das Jahr darauf übersiedelte man nach Hofstetten-Grünau. „Wir mussten aus Zwentendorf weg, weil nach der dritten Ausgabe ein Hochwasser den Müll in die umliegenden Ortschaften schwemmte und dort in den Gassen verteilte. Eine interessante Anekdote dazu ist, dass eine halbe Stunde, nachdem der letzte LKW das Gelände verlassen hatte, dieses evakuiert werden musste“, so Pauli. Dem Müll konnte man nicht mehr Herr werden, die Rufe nach einer Verlegung wurden laut.
Das Nuke wanderte weiter nach Hofstetten-Grünau ins Pielachtal, diesmal bereits unter der Ägide von Musicnet-Boss Harry Jenner, der zuvor bereits mit seiner Disco Music Agency involviert gewesen war. Allem Chaos mit Dauerregen, kniehohen Gatschfeldern und rutschigen Hängen zum Trotz brachte das Nuke ein Line Up der Sonderklasse mit Stars wie Lauryn Hill, Jovanotti und allen voran Coldplay zustande! Und die Schlammschlacht sollte auch ihr Gutes haben. Denn ein Jahr später konnte das Nuke, nicht zuletzt dank des Engagements von VAZ-Boss René Voak, nach St. Pölten gelotst werden. „Wenn ich heute auf zehn Jahre Festivals in unserem Haus zurückblicke, kommt mir vieles noch immer vor wie im Traum“, erinnert sich Voak. Das Nuke selbst fand in St. Pölten zwei Wiederholungen, bevor es nach Wiesen wechselte, wo es nach 2010 vermeintlich entschlief.
Eine Schlammschlacht gab es freilich all die Jahre auch hinter den Kulissen. Bauer und Jenner lieferten sich einen Infight um die Markenrechte. „Doch das ist Geschichte“, so Bauer. „Der Prozess ist zu Ende und wir konnten uns einigen. Der Name Nuke gehört jetzt wieder mir“, so der Veranstalter, der daher heuer das legendäre Festival wieder auferstehen lässt. Als Veranstalter funigeren neben der Grünberg & Cie auch Arcadia Live, ein gemeinsames Projekt von FKP Scorpio, Four Artists, Chimperator und KKT aus Deutschland, sowie der Wiener Arcadia Agency. „Mit Filip Potocki gab es schon länger Überlegungen, und jetzt hat es einfach gepasst. Aufgrund der Abwanderung des Urban Art Forms und des Springfestivals aus Graz war für uns klar, dass wir das Nuke ebendort veranstalten.“ Zumal in St. Pölten kein Zeitfenster bestand, wie Voak betont. „Wir wollen ja auch keine Kannibalisierung der bestehenden Festivals, das würde keinem etwas bringen.“

FREQUENCY, die 15.
Während es Pauli Bauer also mit dem Nuke auch nach Graz zieht, geht es in dessen Heimat St. Pölten wie gehabt im Blockbuster-Stil weiter: Stichwort Frequency Festival.
Heuer geht das Festival, das sein 15 Jahr Jubiläum feiert, von 20. bis 22. August im sogenannten Greenpark über die Bühne. In St. Pölten ist man bereits seit 2009, die Skills des Venues wie perfekte Erreichbarkeit, genug Parkplatzmöglichkeiten, wetterfester Untergrund, ausgedehnte Campingmöglichkeiten neben der Traisen, Einkaufsmöglichkeiten in direkter Umgebung etc. sind nicht zu toppen. Zudem überzeugt das Konzept des Festivals im Festival, kommen im sogenannten Nightpark doch auch Fans der Electronicmusic auf ihre Kosten. Und hier ist die grundlegendste Neuerung zu nennen. Selbiger, bisher in der ehemaligen Kopalkaserne beheimatet, die auf Sicht verbaut wird, findet heuer erstmals direkt in den VAZ-Hallen statt. Für die Fans heißt dies noch mehr Kompaktheit und kürzere Wege. Was gleich bleibt, ist hingegen die limitierte Kapazität und ein Ampelsystem, das den Zugang regelt.

BEATPATROL – bleibt alles anders
Auch vom Beatpatrol Festival, das wie das Frequency zum siebten Mal im VAZ St. Pölten stattfindet, gibt es Neuigkeiten. So erfindet sich das Festival unter dem Motto „Bleibt alles anders“ quasi neu, die Hintergründe hierfür erläutern die Masterminds Bauer und Voak so: „Möchtest du in dieser Branche bestehen, musst du dich immer wieder neu erfinden.“ Angesichts einer inflationären Entwicklung am Sommerfestival-Sektor, „in der die Festivals – verschiedener Qualitätsstufen – allerorten wie Schwammerln aus dem Boden schießen“, sowie in Reaktion auf sechs Beatpatrol Auflagen mit Regen und Kälte als (unerwünschte) Dauergäste, streicht man zwar nicht die Segel, zieht aber andere Seiten auf. „Wir übersiedeln in den Herbst und werden einen Tag vor dem Nationalfeiertag, am 25. Oktober, im VAZ St. Pölten Österreichs größtes Indoorfestival aufziehen“, so Bauer. Musikalisch wird man dabei dem gewohnten Weg treu bleiben, „also den aktuell heißesten Scheiß servieren“, und die gesamte Bandbreite des elektronischen Musikspektrums abdecken. VAZ-Boss René Voak verspricht jedenfalls wieder „ein Megaspektakel.“

Dass die angesprochene Festival-Schwemme nicht von der Hand zu weisen ist, dazu genügt ein Blick auf diverse Festivalkalender. Den Besuchern kanns recht sein, denn sie können aus dem Vollen schöpfen – bislang zumindest, denn das Pendel könnte alsbald auch wieder in die andere Richtung ausschlagen. So wird in Veranstalterkreisen unter vorgehaltener Hand bereits von einer Übersättigung sowie einer bevorstehenden Marktbereinigung gesprochen. Dieses Jahr, so der Grundtenor, werden nicht alle Festivals überleben. Kurzum: Feiern wir solange, solange es noch geht!

FESTIVALS 2015 im VAZ St. Pölten:
Holi Festival (25.7.)
FM4 Frequency Festival (20.-22.8.)
Beatpatrol Festival (25.10.)
MASP – Mittelalterspektakel (7.11.)