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„Im Fußball ist vieles nicht berechenbar“

Text Thomas Schöpf, Johannes Reichl Ausgabe 02/2019

Bundesligist SKN St. Pölten steht sportlich so gut da wie noch nie, lockt aber durchschnittlich nur 3.400 Zuschauer an. Die Transfersperre durch die FIFA sorgte für Ernüchterung, die Namensänderung in „spusu“ SKN vor allem bei den Fans für Unmut. Präsident Helmut Schwarzl bezieht im „MFG“-Interview klar Stellung.

Bei ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, dass Sie pro Woche rund zehn Stunden für den SKN aufwenden wollen. Geht sich das aus?
Es ist ganz unterschiedlich. Es gibt Wochen, in denen es sehr intensiv ist. Im Schnitt passt es. Die Spiele rechne ich natürlich nicht dazu. Unsere Sitzungen machen wir regelmäßig hier in der NV Arena am späteren Abend. 

Nach dem Rücktritt von Gottfried Tröstl wurden sie ja sehr schnell Präsident.
Er hat mir quasi das Banner gleich übergeben. Ich habe gesagt, dass ich es vorübergehend machen werde. Übernommen habe ich, weil ich an den SKN glaube. Es war damals keine einfache Zeit. Ich bin aber kein Mensch, der das Handtuch wirft, wenn es schwierig ist. Natürlich gab es bei mir zu Hause intensive Diskussionen. Neben der Geberit habe ich noch einige andere Funktionen und Institutionen, die alle sehr viel Zeit brauchen. Meine Familie war am Anfang nicht erfreut über die Idee, obwohl alle absolut zum SKN stehen. Wir haben zwei Kinder, die 11 bzw. 14 Jahre alt sind, und es ist mir wichtig, dass ich als Papa für sie immer da sein kann.

In einem Interview haben Sie auch gesagt, „die zwei wirklich schwierigen Aufgaben sind Kinder erziehen und richtig zu führen.“ Ist der Präsidentenjob jetzt noch die dritte schwierige Aufgabe?
Definitiv, denn es ist ja auch eine Führungsaufgabe, aber verbunden mit sehr viel Emotion. Und im Fußball ist vieles nicht berechenbar. Du hast die Fäden nur vermeintlich in der Hand, bist auf deine Mitarbeiter angewiesen. Es hilft beispielsweise überhaupt nix, wenn ich als Präsident zum Trainer hin gehe und glaube, ich muss ihm jetzt die Welt erklären. Die Öffentlichkeit, der du ausgesetzt bist, ist auch eine ganz eigene Kategorie, für mich natürlich sehr herausfordernd und spannend. Du gehst sprichwörtlich durch dick und dünn und, ich gebe zu, es ist schon etwas, was ein bisschen süchtig macht. Nach diesem Wochenende (nach einer 0:6-Cupniederlage gegen den LASK, Anm.) ist es gerade wieder weniger lustig.

Wie sehen Sie generell die Amtsausübung eines Fußball-Präsidenten?  Beim SKN dürfen „strategische Partner“ aus der Wirtschaft mitreden, das ist ja ziemlich einzigartig. 
Ein Fußballbetrieb ist eine Firma, eine GmbH, die nach den Gesetzmäßigkeiten eines Wirtschaftsbetriebes geführt wird. Wir haben regelmäßige Kostenberichte, sind transparent, hier ist nichts dem Zufall überlassen. Wir haben Geschäftsführer und haben die notwendigen Funktionen besetzt. Als Vorstand versuchst du, unterstützend zu wirken und am Ende des Tages die Entscheidungen zu treffen. Das System strategischer Partner ist ein Unikat. Das ist richtig.

Es sind derzeit 16 Partner. Reden da nicht vielleicht zu viele mit?
Die Verantwortung haben wir in den Statuten genau geregelt. Es gibt Entscheidungsbereiche, die abgestimmt werden müssen. Operativ nehmen die strategischen Partner natürlich keinen Einfluss. Eine Trainerbesetzung ist schon zu diskutieren und wenn es notwendig ist, wird abgestimmt. In sportlichen Fachfragen, wie zum Beispiel Transfers, wird nicht diskutiert. Darüber hinaus soll die strategische Partnerschaft ein Netzwerk von Wirtschaftstreibenden sein, die sich gegenseitig befruchten. Jeder kann seine Kontakte auch beruflich nutzen und wir schaffen einen Mehrwert. Die Partner müssen etwas einbringen und können selbst einen Nutzen generieren.

War das für Sie auch ein persönlicher Beweggrund, den Präsidenten zu machen?
Das steht nicht im Vordergrund. Mein persönlicher Anspruch ist, dass wir in der Landeshauptstadt St. Pölten einen attraktiven Fußballverein in der Bundesliga haben sollten. Natürlich habe ich als Partner und Sponsor das Interesse, dass wir mehr mediale Präsenz kriegen – natürlich positive Präsenz; und nicht jeden Tag nur über die Wiener Klubs geschrieben wird. 

Wie kann man mehr Präsenz bekommen?
Das geht natürlich nur über das Sportliche, aber auch über das Gesamtpaket. Wir haben ein wunderbares Stadion, haben eine gute Situation hier, die man entsprechend vermarkten kann und soll. Das Ziel ist es schon, dass wir hier einzigartige Fußballerlebnisse schaffen und das Sportevent in der Landeshauptstadt St. Pölten sein wollen. Leider sind die St. Pöltner nicht so leicht zu begeistern, wie vielleicht andere. Wir waren ja gerade in Linz, da brennen die Leute für den Verein. 

Viel erfolgreicher kann man mit einem „kleinen“ Verein nicht sein. Richtig viel Leute kommen nicht ins Stadion, außer gegen Rapid.
Das ist schon sehr bezeichnend. Seit Monaten spielen wir unter den Top 3 und in Wahrheit merkst du es beim Zuschauerschnitt gar nicht. Das war auch für mich persönlich sehr ernüchternd. 

Fehlt vielleicht eine Integrationsfigur? 
Das stimmt zum einen sicher. Vielleicht fehlt der oder die Figuren, die Zugpferde sind, wie es früher ein Mario Kempes war. In der Glanzzeit des VSE St. Pölten hat es schon ältere, klingende Namen gegeben, die bis zur „Pension“ einen guten Fußball geboten haben. Du brauchst klingende Namen, die vielleicht noch mehr den Namen SKN verkörpern und für junge Leute einen Idolcharakter haben. Oder man positioniert vielleicht den Trainer. Unser Trainer muss sich diesen Namen aber erst erarbeiten. Auch das ist eine Möglichkeit. Persönlich glaube ich, dass der Ranko Popovic das Zeug dazu hat. Er war in Graz zur Glanzzeit von Sturm einer der besten Spieler, weil er als Mensch ein cooler Typ ist und einen aufrechten Charakter hat.

Ist die „Tradition“ des VSE St. Pölten sogar ein Hemmschuh?
Das ist weder ein Hemmschuh noch ein Vorteil. Die Tradition ist nicht so sichtbar. Im Fanclub sind viele junge Menschen, die den VSE nicht mehr so wahrgenommen haben und viele der älteren Generation findet man bei uns gar nicht im Stadion. Ich sehe eher die Notwendigkeit, dass wir uns neu erfinden. Die Wurzeln dürfen wir nicht kappen, aber unsere Tradition müssen wir erst entwickeln. Wir sind ein anderer Verein, der vor einigen Jahren entstanden ist, der seine Identität in der Wahrnehmung der Bevölkerung erst finden muss. Ich glaube, man muss ein Sympathieverein werden.

Ein heikler Punkt. Immer wieder sind beim SKN „Nebenschauplätze“ im Blickpunkt.
Ja. Ich höre selbst auch oft, dass wir so abgehoben sind. Ich habe aber das Vertrauen in meine Leute, in die handelnden Personen. Wir sind alle ehrenamtlich hier und wenden unsere Zeit nicht auf, um uns selbst in den Mittelpunkt zu heben. Ich könnte mit meinen zehn Stunden auch anderes anfangen, in Wahrheit. Persönlich glaube ich an St. Pölten, obwohl ich Steirer bin. Die Stadt entwickelt sich, wacht auf aus dem Dornröschenschlaf, hat echtes Potenzial. Das ist natürlich eine Motivation in einer Stadt, die sich entwickelt, auch den Fußball mitzuentwickeln.

Wäre dann nicht auch der nächste Schritt, Spieler von hier aus der Akademie zu holen?
Das Wichtigste ist, dass wir die richtigen Spieler aus der Akademie für uns gewinnen. Ich bin nicht der Meinung, dass wir die Akademie unbedingt integrieren müssen. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Akademie, die in der Vergangenheit nicht so passiert ist, wie sie hätte sein sollen. Wir wollen eng kooperieren und eine sportliche Plattform für die Spieler bieten. Viele gehen ja schon mit 17 nach Deutschland, landen dort auf der Bank, kommen zurück und spielen ohne fertige Berufsausbildung in einer unteren Liga. Da gibt es Beispiele zur Genüge. Wenn sie zu uns kommen, können sie sich bei unseren Juniors entwickeln, parallel die Matura machen und wenn sie dann auch noch bei den Profis aufzeigen, ist immer noch ein internationaler Weg möglich.

Beobachtet der SKN dann auch regelmäßig die Spiele der Akademie-Teams?
Ja. Sportkoordinator Marcel Ketelaer ist der direkte Ansprechpartner der Akademie. Wir haben zuletzt auch wieder zwei Spieler von dort in unser Trainingslager mitgenommen und lassen immer wieder welche mittrainieren. Die Zusammenarbeit muss eine Win-Win-Situation für die Akademie und uns sein. Wenn wir die Spieler wieder weiterverkaufen, kann die Akademie ja auch einen Nutzen daraus haben. Fakt ist, es kommen immer wieder gute Leute aus der Akademie. Daher kann es für unseren Verein nur ein Ziel sein, Spieler von dort zu bekommen.

Ein großes Damoklesschwert ist die Transfersperre der FIFA.
Wir sind mit Anwälten fleißig am Kurbeln und lassen das Verfahren beim CAS neu aufrollen. Das war ja noch unter Schinkels’ Zeiten. Da wundert man sich schon, dass nach Jahren geklagt wird. Wenn wir im Verein einen Spieler hätten, der woanders unterschreibt, würden wir jedenfalls nicht lange warten, bis wir uns einmischen. Außerdem sind wir nie eingeladen worden, persönlich ein Statement abzugeben. Wie eine Keule ist das auf uns niedergegangen. Diese Beweislastumkehr gibt es ja sonst in keinem Verfahren, wir müssen quasi die Unschuld beweisen. Dubios. Klares Ziel ist, die Transfersperre bis zum Sommer gekippt zu haben. Überhaupt nicht nachvollziehbar ist auch, dass die Sperre alle Spieler bis hin zu den Schülern betrifft. Wir haben einen Wiener, der extra die Schule gewechselt hat, um hier zu spielen, und darf jetzt nicht zu uns. Wahnsinn.

Der zweite große Aufreger war die Logo-Änderung. Können Sie die Reaktionen der Fans verstehen bzw. mitfühlen?
Im Prinzip habe ich Verständnis für die Wolfbrigade, wir haben ja auch eine gute Gesprächsbasis. Ich erinnere an die Autokennzeichen-Diskussion in Österreich, schwarz gegen weiß, da hat sich ja sogar der Hundertwasser reingehängt. Letztlich muss ich sagen, ich kann als Präsident nicht in die Vergangenheit schauen und muss Entscheidungen treffen, die unsere Zukunft sichern. Wir haben den Wolf absolut in den Mittelpunkt gerückt, der unser Wappentier ist und auch die Verbundenheit mit St. Pölten symbolisiert und die Farbtreue gehalten. Wir haben es im Vorstand intensiv diskutiert. Ich gebe gerne zu – ich habe dann am Ende ein Machtwort gesprochen. 

Haben die strategischen Partner in der Frage auch mitgeredet?
Nein. Wenn du hier 16 Leute mit einbindest, verlierst du. Das haben sie auch vollkommen verstanden und wir haben sie rechtzeitig informiert, bevor es öffentlich geworden ist. Was am Ende rausgekommen ist, kann man reinen Gewissens präsentieren. Die Wurzeln sind erhalten geblieben und es wird symbolisiert, dass wir Visionen haben und das kannst du nur mit Tradition nicht. Bitte fair sein, rein mit Tradition kannst du nicht weitergehen. Wo ist die Tradition in der Masse? Wir haben ja nicht tausende Menschen, die damit verbunden sind. Diese Masse ist nicht da. 

Fühlt ihr euch dann auch ein bisschen unverstanden, schließlich sollt ihr ja auch gute Spieler holen, die nicht billig sind?
Für mich ist das in Ordnung. Es kann gern jeder seine Meinung kundtun, sofern das Thema dann auch irgendwann auch wieder begraben wird. Wenn wir in Tradition untergehen, hat keiner etwas davon. Wir haben auch viele Sponsoren verloren, die uns nur eine Zeit unterstützen wollten. Spusu hilft uns enorm. Es ist eine wesentliche Sponsoreinnahme, auch für die Lizenzierung.

Welches Level wollen Sie beim Budget erreichen?
Vom Budget zählen wir zu den letzten drei Vereinen. Hartberg hat am wenigsten, dann kommen wir schon bald. Wir müssen mittelfristig schauen, die 10-Millionen-Hürde zu nehmen, also noch 25 Prozent dazulegen. Das ist eine Riesen-Herausforderung, weil die Wirtschaftskraft in St. Pölten nicht so groß ist. Viele niederösterreichische Firmen unterstützen wiederum lieber die Wiener Vereine. Ich sehe das auch bei mir in der Firma: Viele sind Rapid- oder Austria-Fans und man geht halt einmal, wenn es gerade passt, zum SKN. Diese Probleme hat ein Verein wie der LASK beispielsweise nicht, aber das ist halt einmal so. In der Politik ist das Engagement auch nicht so groß, weil wir in Niederösterreich sehr viele Vereine haben. In Graz ist Landeshauptmann Hermann Schützenhofer Stammgast bei Sturm. Unsere Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner hat halt nicht die Affinität; wir verstehen uns jedoch sehr gut. Erwin Pröll hat sein Netzwerk eingebracht und dem Verein gute Dienste erwiesen. Das geht uns jetzt ab.

Die Kooperation mit dem portugiesischen Klub Aves gibt es noch?
Die Kooperation ist tot. Wir orientieren uns anders, versuchen aber weiter in Richtung Internationalisierung zu arbeiten und mit anderen Vereinen zu kooperieren. Die Transfersperre hat uns da natürlich zurückgeworfen. Wir hatten schon einige Angebote von Leihspielern aus Deutschland. Solche Partnerschaften sind in Zukunft ein Thema. Schwerpunkt ist Deutschland, da ist die Integration der Spieler viel einfacher. Wenn einer auch kein einziges Wort Englisch kann, wie beispielsweise Alhassane Keita, dessen Ex-Klub uns ja bei der FIFA die Transfersperre eingebrockt hat, kannst du es in Wahrheit vergessen.

Und auf welchem Platz soll der SKN zu Saisonende stehen?
Wir wollen den vierten Platz. Das ist nicht unrealistisch. Die Mannschaft hat Charakter und Potenzial.