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Hippies, Punks oder Smartphone-Junkies

Text Andreas Reichebner Ausgabe 05/2019

Manche suchen sie in der Ewigkeit, einige missbrauchten sie schamlos, wieder andere machten sie zum eigenen Stil – die Jugend. Die derzeitige Sonderausstellung im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich stellt sie in den Fokus – und zwar mutig und engagiert. Die Schau „Meine Jugend – Deine Jugend“ wurde von Jugendlichen kuratiert und läuft interaktiv ab. MFG traf einige der jungen Ausstellungsmacher.

Was ist Jugend, welche sprachlichen Codes verwenden Jugendliche zu unterschiedlichen Zeiten, welche Jugendgruppen lassen sich in der Historie ausmachen oder wie war das erste Mal, etwa in den 50er-Jahren oder heute? Das sind einige der Fragen, die den einzelnen Kapiteln, die sich im Sonderausstellungsraum öffnen und die Besucher auffordern, Sticker, je nach Altersgruppe in verschiedenen Farben, zu picken. Das macht Spaß und sorgte schon am Eröffnungstag für eine wahre Pickerlflut auf den Museumswänden.
„Schon in der Konzepterstellung hat es Workshops mit Jugendlichen gegeben“, erzählt Andrea Thuile, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Haus der Geschichte, „dort wurde gefragt, was für die Jugendlichen wichtig ist. Wir haben uns bemüht, diese Schwerpunkte in der Ausstellung, die nicht chronologisch ist, zu setzen. Es gibt gewisse Aspekte, wie Mode oder politisches Engagement, die etwa in der Jugend der 50er-Jahre und heute eine Rolle spielen. Unsere Aufgabe war es, die jugendlichen Kuratoren zu begleiten.“
Wie die 18-jährige Kuratorin Elena Müller aus Ebersdorf, die von ihrer Geschichtelehrerin auf dieses Projekt aufmerksam gemacht wurde: „Wir haben im Gymnasium ein Projekt über die Jugend nach dem ersten Weltkrieg gemacht, dabei sind wir mit dem Haus der Geschichte in Kontakt gekommen.“
Ihr Vater selbst positionierte sich in seiner Jugend bei verschiedenen Gruppen. „Er hat einiges durchgemacht, von langen Haaren bis hin zu Gothic mit überlangem, schwarzem Mantel. Meine Mutter war ein Freigeist.“ In welcher Jugendgruppe oder Zeit würde sich Elena gerne sehen? „Ich fühle mich schon ein bisserl der Hippie-Bewegung verbunden, vor allem mit der Ernährungsweise. Ich höre viel Musik von damals.“

Gibt es heute noch richtige Jugendgruppen?
Sind heute noch so klar definierte Jugendgruppen, wie die Hippies, Mods, Punks oder die 50er-Halbstarken zu orten? „Ich habe das Gefühl, dass es das nicht mehr so ausgeprägt gibt. Junge Leute tun sich heute zusammen, wenn sie ähnliche Werte oder Gedanken vertreten. Sie werden nicht zusammengehalten durch Äußerlichkeiten wie Kleidung und Make-up“, meint Birgit Schuster aus St. Pölten. Auch Niklas Zimmer (17) aus St. Pölten denkt so: „Es geht um das, wer man ist und nicht wie man ausschaut.“ Dem kann sich Alina Schmidt (18) ebenso anschließen. Die Beschäftigung mit dem Thema Jugend und der Ausstellung selbst hat sie neugierig gemacht, „wie meine Eltern all die Dinge erlebt haben, die wir jetzt auch erleben. Da habe ich jetzt intensiv nachgefragt.“
Dass ihre Eltern nun mehr erzählen über die Inhalte, die von den einzelnen Stickerstationen in der Schau aufgeworfen werden, interessiert Birgit brennend. Die Ausstellung im Museum NÖ dürfte auch die verschiedenen Generationen einander näherbringen, das gegenseitige Interesse aktivieren, das offenbarten schon die ersten Besuchstage. „Es ist schon eine Ausstellung, die ein bisschen aus dem Rahmen fällt. Es ist nicht die typische Schau eines historischen Museums, in gewissem Sinn ein Experiment. Aber bis jetzt haben wir nur positive Erfahrungen damit gemacht, vor allem mit dem interaktiven Ansatz. Der regt zu vielen Diskussionen an, lässt einen Austausch entstehen.“

Hasis Parka
Auch zu den Objekten ist man über persönliche Ebenen gekommen, nicht über die zurzeit so gehypten sozialen Medien. Da ist etwa der Parka von St. Pöltens Edel-Mod Dietmar Haslinger zu sehen oder ein Moped, das in den 50er-Jahren aus vielen verschiedenen Teilen zusammengeschnipselt wurde. „Interessant ist, dass von den 120 Objekten zwei Drittel aus der NÖ Landessammlung stammen, normal sind es drei bis vier“, weiß Florian Müller von der Öffentlichkeitsarbeit des Museums NÖ.  
„Die Ausstellung lebt ganz stark von den persönlichen Geschichten, deshalb sind immer wieder Zitate und Gegenstimmen dargestellt, kleine Geschichten, Interviews zu lesen und zu hören. Jugend ist so ein breiter Begriff, den kann man gar nicht anders darstellen als über individuelle Blickwinkel“, so Andrea Thuile.
Was ist den jungen Ausstellungsmachern wichtig, was gefällt ihnen? „Dass man selber Teil der Ausstellung sein kann, seine Meinung preisgeben kann, wie es einem früher ergangen ist“, erzählt Alina engagiert.
Für Birgit ist essentiell, „dass den Besuchern bewusst ist, dass die Ausstellung nicht über Jugendliche, sondern Jugendliche sie mitgestaltet haben. Dass die Besucher auch mitwirken können. Dass die Ausstellung noch lange nicht fertig ist, sondern durch all die Menschen, die kommen, wirklich vollendet wird und zu Dialogen anregen soll.“

Immer noch die gleichen Dinge, die Jugendliche bewegen
Niklas sieht diese Ausstellung als Beweis dafür, „dass die Generationen gar nicht so verschieden sind. Es haben sich zwar die Medien und die Technologie, Stichwort Smartphone, tiefgehend verändert, aber es sind immer noch die gleichen Dinge, die uns bewegen, wie etwa Politik, Freundschaft, Liebe. Für jede Generation ist etwas dabei.“
Elena sieht den Fokus in der Stellung der Jugend von heute: „Mir ist es am wichtigsten, dass man sieht, dass der Jugend ruhig zugehört werden kann. Das ist oft nicht der Fall, vor allem jetzt, weil scheinbar früher alles besser war. Dass man sieht, mit Hilfe von Jugendlichen kann Tolles entstehen. Auch heute wie damals machen sich Jugendliche viele Gedanken über verschiedenste Themen. Wichtig ist, dass der Jugend zugehört wird. Ich hab noch nie eine Ausstellung über Jugend gesehen, bin froh, dass es hier so etwas gibt. Bin dankbar dafür, dass ich mitmachen durfte.“
Zu Beginn der Ausstellungskonzeption waren großteils Gymnasiasten bei den Diskussionen dabei, später entstand der Dialog auch mit HTL-Schülern, der Landjugend, mit dem moslemischen Verein Wiener Neustadt, mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund. „Wir haben uns bemüht, keine Blase entstehen zu lassen. Ich hoffe, dass es uns auch gelungen ist, verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen, dass die verschiedenen Perspektiven der Generationen, Geschlechter und der Stadt-Land-Kontrast auch sichtbar werden“, so Thuile.
Warum sollte man eigentlich die Ausstellung besuchen? „Weil es keine klassische Ausstellung ist. Meiner Meinung nach hat sie viele verschiedene Facetten. Es wird nicht nur präsentiert, man muss sie selber erfahren. Manche wollen vielleicht nur vor einem Objekt stehen und lesen, was das ist, andere wollen sich vielleicht ein Leben zusammenwürfeln“, ist Elena begeistert von der Schau und Niklas bringt es auf den Punkt: „Es ist gescheit, wenn man sich Zeit für die Ausstellung nimmt, denn wenn man langsam durchgeht, kann man viel erfahren, vielleicht auch über sich selbst.“


Meine Jugend – Deine Jugend

Eine Generation schreibt Geschichte – Sonderausstellung im Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich, noch bis 19. Jänner 2020, Dienstag bis Sonntag und Feiertags, 9.00 – 17.00 Uhr