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Entweder Oder

Text Johannes Reichl
Ausgabe 02/2026

Es ist wohl eine der schlimmsten Horrorvorstellungen überhaupt: Eingesperrt im eigenen Körper, völlig gelähmt, bei vollem Bewusstsein. Attila Molnár hat diesen Höllenritt durchgemacht – 2020 erkrankte er am GBS Syndrom und brauchte Monate, um sich wieder in die Normalität zurückzukämpfen. Nun hat er ein Buch darüber veröffentlicht – ein Akt der Selbsttherapie, ebenso eine lesenswerte Lektüre für uns alle, die wir uns allzu oft im Banalen verlieren.

 
GBS hat bei dir klassisch begonnen. Leichtes Kribbeln in den Füßen, ein Gefühl von Schwäche, erste Lähmungserscheinungen, die sich immer weiter im Körper von unten nach oben ausgebreitet haben, bis du ein paar Tage später auf der Intensivstation gelandet bist und ums Überleben gekämpft hast.
Auf der Intensivstation war ich – wie ich später erfahren habe – 10 Tage lang. Mir ist es aber vorgekommen wie eine Ewigkeit. Ich habe völlig das Zeitgefühl verloren, wusste nicht mehr, ob etwas Minuten, Stunden, Tage dauert, ob es Tag ist oder Nacht. Das hatte auch damit zu tun, dass ich mein Sehvermögen eingebüßt habe, nur mehr Schemen wahrnehmen konnte – und das bei offenen Augen, die konnte ich nämlich nicht schließen, was furchtbar gebrannt hat – manchmal gaben mir die Pfleger ein nasses Tuch darauf zur Kühlung und zur Abdunkelung. Probier das einmal aus, leg dich ins Bett und versuche dich nicht zu rühren, die Augen dabei starr offen zu halten – das schaffst du keine drei Minuten.

Wie kann man sich die Schmerzen bei GBS überhaupt vorstellen?
Die Schmerzen sind extrem. Sie waren anders, als alles, was ich bisher gekannt hatte, weil es Nervenschmerzen waren, die den ganzen Körper zugleich betroffen haben. Jede Berührung hat furchtbar weh getan, ich konnte nicht einmal eine Decke aushalten – das kannst du dir vorstellen, wie ganz kleinen Glasbruch, Minisplitter, in die dein Körper fest hineingedrückt wird. Da gab es schon oft Momente, in denen ich dachte – nein, das halte ich nicht mehr aus, ich möchte nicht mehr, ich schaffe das nicht.

Wobei die Schmerzen das eine sind, das andere, dass du vom Kopf weg gelähmt warst bei vollem Bewusstsein. Was war das Schlimmste?
Alles zusammen war schlimm. Abgesehen von den Schmerzen natürlich diese absolute Hilflosigkeit, dieses Ausgeliefertsein, die Angst und Panik – was, wenn das jetzt so bleibt? Was, wenn es das überhaupt gewesen ist mit mir? Anfangs wusste ich ja noch nicht einmal, was ich habe. Dazu kam – das war komischerweise das Unangenehmste – ein schreckliches Schamgefühl, dass ich den Pflegerinnen und Pflegern zur Last falle, sie störe. Ich hab oft, als ich dann später schon die Glocke drücken konnte, die Sekunden zwischen den Rufen gezählt, versucht, es hinauszuzögern. Eine Sekunde und noch eine und noch eine … bis es nicht mehr gegangen ist. Ich hab mir gedacht, die müssen mich schon hassen, weil ich ständig etwas brauche.

Wobei du im Buch ja ein Loblied auf deine Pflegerinnen und Pfleger singst, sie als deine „Engel“ bezeichnest.
Das waren Sie auch! Ich hab mir oft gedacht: Schon klar, wir als Kranke leiden, aber was bedeutet das eigentlich für die Pfleger, wenn sie uns tagtäglich so sehen, wenn sie mit uns mitfühlen, erkennen, wenn es uns schlecht geht. Was für eine enorme Belastung! Trotzdem kümmern sie sich um dich, helfen dir, muntern dich auf – manchmal reicht schon eine kurze Ansprache, auch wenn du nicht antworten kannst, oder eine Hand, die sie dir auf die Schulter legen, so dass du weißt, du bist nicht allein. 

Du beschreibst in deinem Buch sehr eindringlich, wie sich deine ganze Wahrnehmung der Realität sukzessive verändert, in dir. 
Ich bin in eine Art Dämmerzustand verfallen, war aber bei vollem Bewusstsein, wobei es sicher Phasen gab, in denen ich halluziniert habe. Eine einzige Achterbahnfahrt. Hoffnung wechselte mit Phasen tiefster Verzweiflung. Ich machte mir auch große Selbstvorwürfe – jetzt werde ich vielleicht sterben, aber was habe ich zurückgelassen? Was habe ich bisher zusammengebracht im Leben? Das soll alles gewesen sein? Ich habe mit mir Zwiegespräche geführt: Die eine Seite hat geschimpft, Vorwürfe gemacht, die andere kalmiert, sich gerechtfertigt. Manchmal erfasste mich auch ein Gefühl unendlicher Traurigkeit, ganz tief in mir drinnen, so dass mir alles egal wurde, ich alles einfach nur loslassen wollte – doch dann dachte ich wieder an meine Kinder, dass ich sie wieder sehen möchte, wieder in die Arme nehmen möchte – das hat meinen Lebenswillen erhalten. Ohne sie hätte ich nicht die Kraft gehabt, das durchzustehen. Letztlich – das ist eine Lektion für mein Leben insgesamt – läuft alles auf ein Entweder-Oder raus: Entweder du gibst dich auf, oder du kämpfst dagegen an, damit es so nicht bleibt.

Du hast die Achterbahn der Gefühle angesprochen. Ab wann hast du wieder richtig Hoffnung geschöpft?
Ein unglaublicher Moment war – da war ich nicht mehr auf der Intensivstation, sondern bereits auf der Neurologie – als ich das erste Mal geduscht wurde: Gereinigt im wahrsten Sinne des Wortes, denn genau so hat es sich angefühlt: als würde all das Furchtbare, all die Spannung, all die verfestigte Angst, all der Schmerz von mir abfallen und weggeschwemmt werden. Dieses Gefühl war herrlich und hat mir unglaubliche Kraft gegeben. Von da an ging es bergauf. 

Wenngleich steil und mühsam, wie du schreibst.
Gut lässt sich das an der Bewegung nachvollziehen, die ganz langsam, Stück für Stück, zurückgekehrt ist: das erste leichte Zucken eines Fingers, dann die ganze Hand, die zweite Hand, Kopf aufrichten, die Augen, die wieder klar geworden sind, wodurch andere Ablenkungen – etwa Fernsehen – wieder möglich wurden, was auch sehr geholfen hat. Irgendwann der Rumpf, die Beine, die Füße bis ich schließlich im Rollstuhl sitzen konnte – ein Riesenschritt, und ich dachte mir, okay, selbst wenn es so bleibt, ist das schon großartig gegenüber vorher, damit könnte ich leben. Aus dem Rollstuhl wurde dann der Rollator, bis ich schließlich ganz ohne Hilfe gehen konnte. Und was für ein Glücksgefühl, als die Nasensonde endlich entfernt wurde – ich habe einfach nur geweint vor Erleichterung, dass dieser Fremdkörper endlich aus mir raus ist. Auch mein Humor ist zurückgekehrt – auf meinem täglichen „Spaziergang“ durch die Station habe ich etwa immer mit einer Schwester High Five abgeklatscht. Schließlich der erste Spaziergang nach draußen. Jeder Millimeter, den ich mich mehr bewegen konnte, war ein Sieg, löste ein unbändiges Gefühl der Freude aus.

Das hat sich aber über Monate hingezogen, auch mit Rückschlägen.
Ja, weil ich einfach alles wieder neu lernen musste – wie ein Baby, nur dass du eine Erinnerung daran hast, wie es sein soll. Aber du kannst nichts mehr, die Nervenbahnen müssen erst wieder aufgebaut werden – essen, trinken, reden, bewegen etc. Das hat schon sehr mein Bewusstsein, ja meine Dankbarkeit dafür geschärft, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Heute atme ich jeden Tag in der Früh, wenn ich aufwache, ganz bewusst tief ein – das gibt mir enorme Kraft, weil ich einfach so froh bin, dass das wieder geht. 

Für einen Außenstehenden klingt das alles unvorstellbar. Wie bringt man das auf die Reihe, vor allem auch psychisch? War das Buch ein Versuch, das Erlebte zu verarbeiten, und warum erscheint es erst jetzt, sechs Jahre später?
Also begonnen habe ich damit schon relativ früh, eigentlich gleich nach meiner Entlassung, als ich die Reha in Allentsteig begonnen habe. Das war keine leichte Zeit damals. Noch dazu war Corona, ich war ziemlich isoliert, da hat das Schreiben geholfen. Und gedauert hat es solange, weil ich das Buch – das war wohl Teil der Selbsttherapie bzw. Beleg ihres Fortschrittes – sicher fünfmal überarbeitet habe. Die ersten Versionen waren noch sehr düster, voll Negativem, Anklagen, Leid – von dem konnte ich mich aber Stück für Stück befreien, so dass zuletzt dieser lebensbejahende Bericht daraus geworden ist. Heute bin ich sozusagen durch mit dem Thema, daher war die Zeit reif für einen Abschluss. 

Weil du gesagt hast, am Anfang war es nicht leicht – warst du nicht glücklich, die Krankheit überstanden zu haben?
Natürlich. Aber als ich aus dem Krankenhaus gekommen bin, habe ich zunächst einmal mit Panik reagiert. Drinnen hatte ich eine vorgegebene Routine, war ich in Sicherheit – aber draußen war ich wieder auf mich allein gestellt, musste den Alltag bewältigen – das ging auch mit Existenzängsten einher: Wie soll es jetzt weitergehen mit mir? Was mache ich überhaupt? Das Leben hatte sich geändert. Und ich hatte mich auch geändert bzw. wollte es. Ich hab mir damals eine neue Frisur zugelegt, neue Kleidung, und ich kann mich noch gut erinnern – das war kurz nach der Reha und ich bin in der Küche gesessen – dass ich auf einmal aufgestanden und ins Nebenzimmer zu meiner damaligen Freundin gegangen bin und ihr gesagt habe, dass ich so nicht weitermachen kann. Das war schmerzhaft für uns beide, aber es war das, was ich tun musste. Ich wollte einfach mit offenen Karten spielen, niemanden mehr belügen – weder jemand anderen, noch mich selbst. Ich will in Wahrhaftigkeit leben. Entweder – Oder!

Das klingt radikal. Blöd gefragt, aber weil du das auch im Buch sehr philosophisch abhandelst: Warst du nach dieser Erfahrung ein „neuer“ Attila, hat die Krankheit sozusagen dein wahres Ich, das immer schon tief in dir geschlummert hatte, erst freigelegt? 
Nicht neu – diesen Wesenszug hatte ich schon immer, auch schon vor der Krankheit. Ich hatte ja kein leichtes Leben. Daher war da oft der Wunsch, etwas zu verändern. Nur dachte ich immer, ich muss das Umfeld ändern – das hat aber nicht funktioniert. Denn solange du dich nicht selbst änderst, ändert sich gar nichts! Diese Erkenntnis hat sich durch die Krankheit sicher verstärkt. Auch im Hinblick auf das eigene Handeln. Ich hatte immer so viele Pläne, Ideen, Träume – etwa auch in der Kunst – aber ebenso viele Ausreden, warum etwas nicht geht. Heute gehe ich bewusster damit um. Dabei geht es gar nicht darum, um mich nicht falsch zu verstehen, dass die Sachen schnell passieren müssen oder ich sie erzwingen will, das ganz und gar nicht. Die Sachen kommen sowieso von selbst zu dir. Aber du musst ihnen den Raum zur Entfaltung geben –  und das beginnt mit der positiven Einstellung dazu, mit einem Gedanken, dem der Gestaltungswille folgen muss: Was du heute im Kopf hast, das hast du morgen in der Hand. 

Das sind Grundsätze, die sich auch alle Gesunden ins Stammbuch schreiben können. 
Mag sein, ich wollte aber bestimmt keinen Ratgeber oder so schreiben. Das ist mein Bericht, wie ich es erlebt habe, das ist meine Form der Verarbeitung. Ohne meine Ehefrau hätte ich ihn auch gar nicht veröffentlicht, sie hat aber gemeint, das ist wichtig, weil es auch andere gibt, denen das widerfahren ist – das könnte ihnen Trost und Zuversicht schenken. Ich wende mich im Buch eigentlich nur ein einziges Mal direkt an die Leser, da aber in Großbuchstaben: LEB! Wobei das für jeden etwas anderes ist.

Wie gelingt dir das selbst, wo manifestiert sich diese Achtsamkeit? Und hältst du sie durch? Man verfällt ja allzu leicht in den Alltagstrott.
Ich habe nach der Krankheit neue Routinen entwickelt, die ich bis heute durchziehe: Zum Beispiel, ich komme ja aus Siebenbürgen, habe ich während meines Spitalsaufenthaltes begriffen, wie wichtig es ist, die Sprache zu beherrschen. Es war furchtbar, dass ich viele meiner Wünsche, meiner Schmerzen nicht gleich verständlich machen konnte. Daher habe ich in Folge begonnen jeden Tag zwei Wörter Deutsch zu lernen. Oder ich stehe eben jeden Tag in der Früh auf und begrüße, wie in einem Ritual, ganz bewusst den Tag – atme tief durch, gehe, wenn es das Wetter zulässt, raus und genieße den Sonnenaufgang. Danach lerne ich eine Stunde lang, um mich weiter zu bilden – ganz unterschiedliche Sachen: Psychologie, Fotografie, Musik, wonach mir gerade der Sinn steht. 
Aber natürlich erwische ich mich dabei, dass ich bisweilen in alte Muster zurückfalle – nicht mehr dankbar bin, vieles für selbstverständlich erachte, was es aber nicht ist. Das stört mich sehr und ich kämpfe dagegen an, wobei dieser Kampf – nach der Erfahrung – in gewisser Weise noch härter ist als früher. Aber das ist wohl menschlich.

Ebenso wie ein Hadern mit dem Schicksal. Hast du dich eigentlich jemals gefragt „Warum gerade ich?“ – laut Statistik bis du einer von zwei aus 100.000, die an GBS erkranken. 
Während der Krankheit natürlich schon. Aber heute kann ich die Frage eigentlich nur mit einer Gegenfrage beantworten: Warum nicht? Wer bin ich, dass ich bestimmen könnte, was mir im Leben widerfährt – es kommt wie es kommt. Was zählt ist – so du die Chance dazu bekommst – wie du damit umgehst! Heute, in der Nachsicht, verstehe ich, dass mir die Krankheit damals zwar so viel weggenommen hat, dass sie mir aber zugleich doppelt so viel zurückgegeben hat – das Leiden hatte einen Sinn, weil ich heute vieles anders sehe und begreife. Vor allem mich selbst.

GBS

Das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) ist eine Autoimmunerkrankung, die sich gegen das periphere Nervensystem richtet. Dieses ermöglicht uns zu fühlen und uns zu bewegen. 

Bei GBS greifen Abwehrstoffe (Antikörper) irrtümlich die die Nervenfasern umhüllende Myelinschicht an. Dadurch können die Nervenzellen Informationen des Gehirns nicht mehr richtig übertragen. 

GBS beginnt in der Regel mit Schwäche und Kribbeln in den Beinen, das sich auf den Oberkörper und die Arme ausbreiten kann und zu Lähmungserscheinungen führt. In schweren Fällen kann es bis hin zur lebensbedrohenden Lähmung der Atemmuskulatur kommen.  

Die genauen Ursachen für das GBS sind bis heute nicht vollständig geklärt, häufig wird diese Reaktion durch Infektionen von unterschiedlichen Erregern wie Bakterien und Viren ausgelöst. Das GBS tritt jährlich bei ein bis zwei Personen pro 100.000 auf.

Attila Molnár
GBS – Der Weg der Möglichkeiten

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