Gut versorgt?
Text
Sascha Harold
Ausgabe
11/2025
Im Universitätsklinikum St. Pölten musste im November aufgrund Personalmangels eine Bettenstation gesperrt werden. MFG hat sich umgehört, wie die Lage im Krankenhaus ist.
Wir sind am Limit“, so zitierte „Heute“ einen langjährigen Pfleger im Uniklinikum St. Pölten und berichtete über die Schließung, die das Krankenhaus bestätigte. Inzwischen sei die Station aber wieder in Teilbetrieb. „Auf der 2. Medizinischen Abteilung war bis 16.11.2025 eine Bettenstation gesperrt, mit 17.11.2025 ging diese wieder in den Teilbetrieb. Die Bettensperre betraf nur die 2. Medizinische Abteilung, doch auch wir sehen uns – wie derzeit ganz Österreich – generell in vielen Bereichen des Pflegewesens mit der Herausforderung des Fachkräftemangels konfrontiert“, heißt es dazu aus dem Universitätsklinikum.
GESUNDHEITSPLAN 40+
Auch die NÖ Landesgesundheitsagentur (NÖ LGA) bestätigt als Betreiberin der Landeskliniken den Fall und erklärt: „Der aktuelle Engpass im Universitätsklinikum St. Pölten ist auf eine Kombination mehrerer Faktoren zurückzuführen. Neben krankheitsbedingten Ausfällen spielt auch der generelle Fachkräftemangel im Pflegebereich eine bedeutende Rolle. Diese Situation betrifft nicht nur uns in Niederösterreich, sondern ist österreichweit – und darüber hinaus – spürbar.“ Begegnen will man diesen Problemen mit dem sogenannten Gesundheitsplan 2040+. „Der Umgang mit dem Fachkräftemangel ist eines der zentralen Themen der kommenden Jahre. Dabei wurde einerseits mit dem Gesundheitsplan 2040+ ein wichtiger Meilenstein gelegt, um die Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Andererseits wurden bereits Maßnahmen gesetzt, um die Rekrutierung zu stärken und die Mitarbeiterzufriedenheit nachhaltig zu fördern“, so die NÖ LGA.
PERSONALSITUATION ANGESPANNT
Klar ist, dass die Personalsituation im Pflegebereich angespannt ist. Seit der Corona-Pandemie habe sie sich noch verschärft. „Die Erfahrungen der Pandemie haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, gemeinsam tragfähige Strukturen zu schaffen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langfristig unterstützen. Gleichzeitig war es rückblickend nicht nur hilfreich, dass der Pflegeberuf über lange Zeit fast ausschließlich im Zusammenhang mit hohen Belastungen und Erschöpfung dargestellt wurde. Dadurch ist vielerorts ein einseitiges Bild entstanden.“ Freilich eines, das vielfach – wenn man mit Betroffenen spricht, die oft „am Semmerl“ daherkommen, aber anonym bleiben möchten – der Realität entspricht. Seitens der Personalvertretung heißt es dazu nur, „dass die Situation nicht nur St. Pölten betreffe, sondern in ganz Niederösterreich gleich und lange bekannt sei. Eine Sperre der Bettenstation, wie in St. Pölten, sei das letzte Mittel, komme aber auch im gesamten Bundesland immer wieder vor.“ Dass es also nicht nur an einer falschen Wahrnehmung des Berufes liegt, sondern es reale Probleme gibt, die adressiert werden müssen, ist offensichtlich.
GESUNDHEITSPLAN NIEDERÖSTERREICH 2040+
Der Gesundheitsplan 2040+ wurde im Frühling 2025 präsentiert und soll die Gesundheitsversorgung in Niederösterreich in Zukunft sicherstellen. Im Hintergrund steht ein von Experten ausgearbeiteter Plan, der das Gesundheitssystem von der Prävention, über Notfallbehandlungen bis hin zur Nachsorge umfassend analysiert. Dabei sollen etwa medizinische Leistungen an einzelnen Standorten gebündelt werden und Patientenströme besser gelenkt werden. Erreicht werden soll das unter anderem durch den Ausbau der Primärversorgung.
„DIENSTPLANSICHERHEIT IST DAS A UND O.“
Der aktuelle Fall einer gesperrten Bettenstation im Krankenhaus St. Pölten zeigt die Probleme in der Pflege, aber auch im Gesundheitssystem insgesamt auf. MFG hat mit Gesundheitsökonom Alexander Braun über Herausforderungen und Lösungen gesprochen.
Im Universitätsklinikum St. Pölten musste zuletzt eine Bettenstation geschlossen werden. Ein Einzelfall oder Symptom einer größeren Krise?
Alexander Braun: Zum aktuellen Fall kann ich wenig sagen, aber es ist kein großes Geheimnis: Wir haben in Österreich ein zunehmendes Problem von knapper werdenden Personalressourcen in vielen Bereichen. Wir sehen hier ein doppeltes Problem. Einerseits steigt der Bedarf stark an, insbesondere bei multimorbiden Problemstellungen und geriatrischen Krankheitsbildern. Andererseits wird unsere Personaldecke selbst älter; knapp jede dritte Pflegekraft oder jeder dritte Arzt wird in den nächsten zehn bis 15 Jahren in Pension gehen.
Ein zentrales Problem ist das Recruiting. Warum finden die Krankenhäuser, insbesondere in der Ärzteschaft und Pflege, nicht genug neue Leute? Gibt es die Leute einfach nicht?
Das ist ein vielschichtiges Problem. Bei den Ärztinnen und Ärzten sehen wir eine sehr hohe Teilzeitquote. Die Landesgesundheitsagentur spricht davon, dass die Hälfte der Ärzte in Teilzeit arbeitet, Tendenz steigend. Viele arbeiten beispielsweise 20 Stunden im Krankenhaus und kombinieren dies mit einer Wahlarztordination oder einem Primärversorgungszentrum. Ein weiteres Problem ist die Spezialisierung. Die Medizin verlangt heute sehr tiefes Wissen zu bestimmten Krankheitsbildern. Wir haben sehr gut ausgebildete Spezialisten, die aber nicht universell einsetzbar sind, was die Einsatzplanung zusätzlich kompliziert. In der Pflegeausbildung haben wir das Problem, dass die Fachhochschulen und Pflegeschulen Schwierigkeiten haben, ihre Studiengänge zu füllen. Es dauert eine gewisse Zeit, bis neue Pflegekräfte nachkommen, während gleichzeitig viele aussteigen. Wir sehen also, dass mehr Personen das System verlassen, als neue hinzukommen.
Das Gehalt wird oft als Mittel genannt, um Pflegekräfte zu halten. Doch besteht nicht die Gefahr, dass höhere Löhne von einem anstrengenden Berufsstand genutzt werden, um die Arbeitszeit zu reduzieren und das Problem der Personaldecke damit nicht zu lösen?
Absolut, das ist ein großes Thema. Was man bei Gesprächen mit Pflegekräften jedoch feststellt, ist, dass sogenannte Kontextfaktoren oft viel wichtiger sind als das Gehalt. Das A und O ist die Dienstplansicherheit. Es nützt mir wenig, ob ich vertraglich 30 oder 40 Stunden die Woche arbeite, aber ständig einspringen muss und Überstunden aufbaue, die nicht weniger werden. Das Mehrgehalt bringt mir dann nichts, wenn ich die gewonnene Zeit auf der Arbeit verbringe, weil eine Kollegin oder ein Kollege im Langzeitkrankenstand ist. Nach wie vor merken wir außerdem die Nachwirkungen von Corona, es gibt viel Erschöpfung im System.
Was kann konkret getan werden, um mehr Menschen in die Pflege zu bringen?
Eine Studie von uns, die die Arbeiterkammer Niederösterreich finanziert hat, hat für die Langzeitpflege vier große Stellschrauben identifiziert. Das ist erstens die angesprochene Dienstplansicherheit, zweitens der Bereich Ausbildung und Praktika von Studierenden direkt in Pflegeheimen, die Stärkung der Beziehungspflege und drittens auch die Außendarstellung. Es ist wichtig, das reale, positive Bild des Berufs zu zeigen, wenn Personen positiv über ihren Beruf sprechen, sind sie auch deutlich häufiger bereit, in diesem Beruf zu bleiben. Aktuell haben wir die Situation, dass etwa die Hälfte der Pflegekräfte gerne in ihrem Job ist und ihn auch empfiehlt, die andere Hälfte sich aber nicht vorstellen kann, das bis zur Pension durchzuhalten. Daran muss man arbeiten.
Die Landespolitik will die Herausforderungen mit dem „Gesundheitsplan Niederösterreich 2040+“ adressieren. Was sind dabei die wichtigsten Eckpunkte?
Der Gesundheitsplan 2040+ ist eine Initiative, die das gesamte niederösterreichische Gesundheitssystem anhand von sieben Leitprinzipien reformieren soll. Es geht dabei bewusst nicht nur um eine Krankenhausreform, sondern um eine ganzheitliche Betrachtung, von der Prävention bis zur Nachsorge. Der Gesundheitsplan 2040+ verfolgt das Ziel, die Versorgungsstrukturen grundlegend zu modernisieren – und zwar dort, wo die Menschen leben. Ein Schwerpunkt liegt auf der Stärkung der wohnortnahen Betreuung. Die Community Nurses sind dafür ein praktisches Beispiel: Ihre Angebote werden gut angenommen, Probleme können direkt vor Ort gelöst werden, und viele Krankenhausaufenthalte werden dadurch vermieden. Auch die Spitalslandschaft wird neu gedacht. Bündelungen von Leistungen erhöhen die Qualität und sichern den Zugang zu moderner Medizin. Damit wird gewährleistet, dass Patientinnen und Patienten auch in Zukunft bestmöglich versorgt sind. Wichtig ist: Der Gesundheitsplan 2040+ ist kein Sparpaket. Er ist eine klare Investition in die Gesundheitsversorgung in Niederösterreich – für eine sichere, hochwertige und zukunftsfähige Versorgung.
Gerade die Krankenhausbündelung führt aber oft zu Ängsten in der Bevölkerung. Wie wird die Versorgung in der Fläche künftig gewährleistet?
Wir haben in Niederösterreich fünf Versorgungsregionen. In diesen gibt es Spitäler der Grundversorgung, die alle akutmedizinischen Behandlungen wie internistische Probleme oder kleine Unfälle umsetzen können. Darüber hinaus gibt es in jeder Region ein regionales Schwerpunktkrankenhaus. Außerdem soll es künftig zwei anstatt einer Klinik mit überregionaler Zentralfunktion geben: St. Pölten und Wiener Neustadt. Die Bündelung betrifft Behandlungen mit sehr hohem Koordinationsbedarf, wie beispielsweise Krebserkrankungen oder dort, wo die Zusammenlegung medizinisch auch Sinn ergibt. Beispiele hierfür sind die Zusammenlegung von Psychiatrie und Neurologie oder Geburtshilfe und Neonatologie in einem Spital. Die Befürchtung, dass alle Patienten nur noch nach Sankt Pölten oder Wiener Neustadt strömen, ist unbegründet. Ein wichtiger Teil des Konzepts ist die Patientensteuerung. Es ist geplant, an jedem Krankenhaus allgemeinmedizinische Erstversorgungszentren zu etablieren. Dort können Patienten mit Bagatellfällen wie einem Zeckenbiss oder einer kleinen Wunde, die eigentlich nicht in die Notaufnahme gehören, vorab gesichtet und behandelt werden. Das entlastet die Notfallmediziner.
Vielfach geht es bei der Reform um Effizienzsteigerungen, reichen diese aus, um die Krise zu lösen, oder braucht es mittelfristig einfach mehr Personal?
Das ist für Mediziner gerade schwer vorhersehbar. Wir stehen einerseits in der Medizin vor einem technischen Wendepunkt. Tätigkeiten können teilweise durch technologische Lösungen, etwa KI-gestützte Maßnahmen zur Identifikation von Lungenkrebs, teilweise ersetzt werden, was Radiologen für andere Aufgaben freistellt. Gleichzeitig werden die medizinischen Möglichkeiten aber komplexer und teurer, was einen künftig größeren Bedarf erzeugt. Hier wird sich in den nächsten Jahren einiges tun und die Medizin befindet sich in einem rasanten Wandel. Im Pflegebereich sagt jedoch jede Prognose, dass wir deutlich mehr Menschen in Ausbildung brauchen. Grundsätzlich geht es aber nicht darum, mehr Geld ins System zu pumpen, sondern um einen klugen Einsatz der Ressourcen.
Alexander Braun ist Gesundheitsökonom und leitet das Zentrum für Evidenzbasierte Versorgungsforschung am Department für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Universität für Weiterbildung Krems. Er war außerdem Teil des Expertengremiums, das an der Erstellung des Gesundheitsplans Niederösterreich 2040+ mitgearbeitet hat.





