MFG - Freunde aus verschiedenen Welten
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MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Freunde aus verschiedenen Welten

Text Beate Steiner
Ausgabe 11/2025

Leuchtende Wolkenkratzer und bunte Pagoden; wuselnde Roller und stauende Elektro-SUVs auf breiten Straßen; riesige Seen und unzählige Brücken am längsten Fluss Asiens; 14 Millionen Einwohner auf 8.500 Quadratkilometern zwischen den Flüssen Yangtse und Han – das ist Wuhan, seit 20 Jahren St. Pöltens Partnerstadt in China.


Ja, auch in China ist „Corona-Stadt“ das Synonym für Wuhan, lacht Yen. Die chinesische Reiseführerin kann die unterschiedlichen Dimensionen der verpartnerten Kommunen nicht ganz glauben – 8 Millionen Österreicher, darunter 60.000 Einwohner in St. Pölten: „Das ist ein Dorf!“ Dieses „Dorf“ pflegt seit mehr als 20 Jahren eine Beziehung mit dem boomenden Handelszentrum in Zentralchina. Begonnen hat die chinesisch-österreichische Freundschaft mit einer Schulpartnerschaft zwischen der HAK St. Pölten und der Schule für Fremdsprachen in Wuhan. „Die Verantwortlichen aus Wuhan sind auf uns zugekommen“, erinnert sich der ehemalige HAK-Professor Herbert Riedlberger. Der Bildungsaustausch hat sich gut entwickelt, auch dank „Youth Unlimited“, organisiert vom St. Pöltner Partnerstädtekomitee. Das ist ein Wettbewerb an St. Pöltner Schulen, bei dem die Sieger einige Wochen in einer Partnerstadt bei einer Familie verbringen, dort in die Schule gehen, Land und Leute kennenlernen. Im folgenden Jahr kommt dann ein Jugendlicher aus der Partnerstadt zu Besuch. Und heuer gab‘s erstmals einen Austausch zwischen den Unis: Je drei Studenten von NDU und USTP (der ehemaligen Fachhochschule) verbrachten im Sommer einen Monat zum Sprachstudium an der Wuhan Business University.
Beim Jubiläumsbesuch des St. Pöltner Partnerstädtekomitees in China ist gerade der 17-jährige St. Pöltner Heorchii Shoilytsia Gastschüler an der Fremdsprachenschule in Wuhan. Er war heuer einer der Sieger bei „Youth Unlimited“ mit seinem Vortrag zum Thema „Unsere Zukunft“. „Sein Fleiß und seine Integration haben einen tiefen Eindruck hinterlassen“, sagt der Rektor der chinesischen Schule über den HTL-Schüler (siehe Interview). Der gebürtige Ukrainer hat bereits die „Youth Unlimited“-Jury in St. Pölten beeindruckt. „Heorchii hat gewonnen, obwohl er nicht in seiner Muttersprache präsentiert hat“, betont Komitee-Obmann Edwin Flatschart. Er hat für nächstes Jahr bereits Fabian – chinesisch Hongmin – aus Heorchiis Gastfamilie nach St. Pölten eingeladen.

METROPOLE IN MITTELCHINA
Wuhan, das sind die Städte Wuchang, Hankou und Hanyang, die durch die Flüsse Yangtse und Han getrennt sind. Über 12 Millionen Menschen leben in der Hauptstadt der Provinz Hubei. Wuhan-Bahnhof ist der größte Verkehrsknotenpunkt im Zentrum Chinas. Hier starten die Hochgeschwindigkeitszüge.  Mit dem Turm des gelben Kranichs, mit zahlreichen Tempeln und mit dem Hubei-Museum blitzen zwischen den Wolkenkratzern kulturhistorische Sehenswürdigkeiten aus 3000 Jahren Geschichte auf.  Die Xinhai-Revolution in Wuchang beendete 1911 die über 2000 Jahre dauernde feudale Herrschaft in China. In Hankou gibt es zahlreiche gut erhaltene Gebäude aus der Kolonialzeit – hier lebten einst Engländer, Franzosen, Russen, Amerikaner und Japaner. Der East-Lake oder Donghu-See ist der größte städtische See in China und umgeben von Grünzonen. 112 Wolkenkratzer ragen aus der Stadt – das ist Platz zehn weltweit und Platz sechs in China.

INTERVIEW Heorchii Shoilytsia: „Das Lernen verschiedener Sprachen erweitert das Bewusstsein.“ 

Welche Eindrücke nimmst du aus Wuhan mit?
Ich nehme sehr warme Eindrücke aus Wuhan mit. Fabians Familie hat mich äußerst freundlich aufgenommen. Alle haben sich für mich und mein Leben interessiert. Besonders beeindruckt hat mich die starke Freundschaft und die etwas andere Einstellung zur Arbeit. Meine chinesische Klasse ist für mich ein großes Vorbild – die Schüler sind von 7.30 bis 20.20 Uhr in der Schule und verbringen danach noch viel Zeit mit ihren Hausaufgaben. Für mich persönlich habe ich verstanden, dass ich noch härter an meiner Zukunft arbeiten sollte.

Hast du dir das Leben in China so vorgestellt?
In mancher Hinsicht ja, aber zum Beispiel dachte ich, sie lernen ein bisschen weniger, als es in Wirklichkeit ist. Ich wusste, dass sie freundlich sind, aber tatsächlich sind sie noch freundlicher, als ich erwartet hatte.

Was war überraschend oder faszinierend für dich?
Besonders faszinierend fand ich die Freundschaften. Wegen des strengen Handyverbots (sie dürfen ihr Handy nicht einmal mit in die Schule bringen) verbringen sie mehr Zeit miteinander. Außerdem treiben sie oft Sport, weil ihre Pausen viel länger als unsere sind. Ich spiele gerne Volleyball – das hat richtig Spaß gemacht. Ich möchte auch die Kultur der Geschenke erwähnen. Ich habe mehrmals einfach so etwas Süßes oder Schönes (zum Beispiel ein Kuscheltier) geschenkt bekommen. Ich finde diese Gewohnheit sehr schön – kleine Geschenke ohne besonderen Grund machen die Menschen glücklich!

Warum hast du Wuhan als Ziel ausgewählt?
Da gibt es mehrere Gründe: Erstens hatte ich schon lange den Traum, nach Asien zu reisen. Zweitens hatte ich schon vor dem Wettbewerb von Wuhan gehört – leider wegen COVID-19. Außerdem ist Wuhan die größte Stadt auf der Liste der Partnerstädte.

Warum hast du überhaupt an dem Wettbewerb teilgenommen?
Ich habe teilgenommen, weil ich hier eine große Möglichkeit gesehen habe, neue Leute kennenzulernen, eine neue Kultur zu verstehen und mich weiterzuentwickeln. Ich bin sehr dankbar, dass ich die tolle Möglichkeit bekommen habe zu sehen, wie Menschen in einem so geheimnisvollen Land wie China leben. Dank dieses Projektes bin ich für zwei Wochen fast zum Chinesen geworden. Durch verschiedene Veranstaltungen und den Unterricht habe ich tief in die chinesische Kultur eintauchen können. Ich habe sogar an einem Auftritt teilgenommen und die Rolle eines Journalisten gespielt. 

Worüber hast du beim Wettbewerb gesprochen?
Ich habe über globale Herausforderungen gesprochen, wie Klimawandel, Umweltverschmutzung und Ressourcenknappheit. Ich habe auch Projekte vorgestellt, die versuchen, diese Probleme zu lösen. Ich glaube, dass solche Projekte unsere Zukunft gestalten, denn die Zukunft wird genau jetzt geschrieben.

Wirst du dich weiterhin mit China und mit der chinesischen Sprache beschäftigen?
Ja, die chinesische Kultur und Sprache sind für mich sehr interessant, weil sie sich stark von den Sprachen und Kulturen unterscheiden, die ich bereits kenne. Außerdem möchte ich Frau Chen danken – sie ist die Lehrerin, die für internationale Schüler verantwortlich ist. Sie hat mir Chinesisch für Anfänger beigebracht. Sie hat mir die Liebe zur chinesischen Sprache und Kultur vermittelt. Ich habe auch erkannt, dass man durch das Lernen verschiedener Sprachen und Kulturen sein Bewusstsein erweitert. Das habe ich schon beim Deutsch- und Österreichischlernen verstanden.

Du sprichst perfekt Deutsch. Wie hast du das geschafft?
Vielen Dank! Ich habe einfach viel gelernt, weil ich ein Ziel hatte – mich schnell zu integrieren und neue Leute kennenzulernen. Das ist meine Leidenschaft, und das hat mir beim Deutschlernen sehr geholfen.

Was möchtest du nach der Matura machen?
Das ist eine sehr gute Frage. Ich werde im Jahr 2028 die Matura schreiben. Bis dahin kann sich viel verändern. Ich weiß es also noch nicht genau. In Österreich gibt es einen sehr schönen Spruch, der gut dazu passt: „Schau ma mal.“

INTERNATIONALE KONTAKTE
Seit 25 Jahren unterstützt das Partnerstädtekomitee mit Obmann Edwin Flatschart die Stadt St. Pölten beim Aufbau von internationalen Kontakten. Dafür im Magistrat zuständig ist seit heuer Stefanie Daxbeck.