Spirit auf Augenhöhe
Text
Althea Müller
Ausgabe
11/2025
Eine römisch-katholische Kirche und Pfarrgemeinde als Ort und Gemeinschaft, wo du willkommen bist, und in der Vielfalt selbstverständlich ist: Vielfalt an Herkunft, an Lebensformen und an Glaubenswegen? Gibt’s. Zum Beispiel in St. Pölten.
Eine moderne Kirche mit großzügigem Parkplatz an der Josefstraße 90 kennzeichnet die Pfarre von St. Johannes Kapistran. Farbenfroh und freundlich gestaltet, lädt ihr heller Kirchenraum im Kreis zum Gottesdienst ein. In die Pfarr-Räumlichkeiten zu Kontaktkaffee und Kapistran-Heurigen. Oder auf die große Wiese – zu Lagerfeuer oder zur Open Air-Messe.
Mit einem Team von Hauptamtlichen und zahlreichen Ehrenamtlichen wird das Pfarrleben hier jede Woche mit verschiedenen Angeboten gestaltet. Zwei Musikgruppen spielen zweimal im Monat. „Junge Messen“ und Familienmessen gehören selbstverständlich ins Programm. Auf die Minis(trant:innen) warten Ausflüge und „Mini-Stunden“. Und im Mai diesen Jahres fand der (von Vertreter:innen der evangelischen, altkatholischen und römisch-katholischen Kirche gestaltete) ökumenische Pride Prayer von ST*PRIDE statt. Natürlich im Beisein von Pfarrer Franz Schabasser. Von dem wir wissen möchten, warum es in seiner Pfarre so lebendig und bunt zugeht.
Aktiv gestalten, ohne Ausgrenzung
„Bereits mein Vorgänger Pfarrer Floh hat versucht, wirklich allen immer auf gleicher Ebene und Augenhöhe zu begegnen – in Liebe und Einheit“, erzählt er. Diesen Spirit führt Franz gerne fort, als er 2005 auf seinen eigenen und den vielfachen Wunsch aus der Gemeinde hin die Nachfolge als Pfarrer antritt. „Der Gemeindeleiter bin aber nicht ich als Pfarrer“, betont er, „sondern Jesus Christus.“ Zusammen mit Pastoralassistent Martin und Pfarrsekretärin Monika bildet er ein harmonisches Kernteam, das von vielen engagierten Menschen unterstützt wird.
Wie von Reinhard, seines Zeichens stellvertretender Vorsitzender des Pfarrgemeinderates, und seiner Frau Beate. „Ich habe als Kind am Land die Kirche so kennengelernt, dass sie aus Geboten und Verboten bestand“, erinnert sich Reinhard jetzt, „es war für mich ein gesellschaftlicher Zwang, etwas, das man halt so macht.“ 1975, vier Jahre nach der Gründung der Pfarre St. Johannes Kapistran, lernt er diese als junger Mensch kennen – und erlebt damit ein völlig neues Kirchenbild.
„Durch den ‚Floh-Toni‘ (Pfarrer Floh, Anm.) wurde mir bewusst, dass es auch so sein kann – und das hat mich wahnsinnig geprägt. Für mich ist unsere Pfarre so, wie sie sich jetzt darstellt, ein Idealbild davon, wie Gesellschaft funktionieren könnte. Jede:r hat Platz, so wie er oder sie ist.“ Das stelle sie als Pfarrgemeinde natürlich auch vor die Herausforderung, Toleranz zu üben, dazuzulernen sowie mit Kritik umzugehen. „Religion ist für mich nicht Privatsache“, ergänzt er. „Ich möchte mein religiöses Leben so leben, dass andere das bemerken – mit Respekt, Liebe, Wertschätzung. Und wenn das mehrfach passiert, kann sich auch etwas in einer Gesellschaft verändern. Daran glaube ich. Ich sehe es als getaufter Christ als Auftrag, so zu leben und aktiv zu sein.“
Aktive Gestalter:innen sind auch Christina und Bernhard, seit sie im Jahr 2000 über Reinhard zur Pfarrgemeinde fanden. Während Bernhard als gebürtiger St. Pöltner die Kirche noch aus seinen Zeiten als Gymnasiast kannte und grundsätzlich dank Linoleumböden, Beton und Neonröhren vor allem hässlich fand (denn zu seiner heutigen Architektur und Schönheit fand das Gotteshaus erst im Jahr 2015), vermisste die von Wien stammende Christina als ehemalige Jungschar-Führerin vor allem Aktivitäten für den Nachwuchs. Schnell erkannten beide aber, dass in der Kirche eine unübliche Offenheit herrscht. „Zu Weihnachten haben wir die kalte Neonbeleuchtung bei der Messe so unstimmig gefunden“, erzählt Bernhard, „woraufhin wir damals zum Pfarrer gegangen sind und vorgeschlagen haben, den Christbaum elektrisch zu beleuchten, und dass es schöner wäre, wenn es beim Reinkommen finster ist, damit eine weihnachtliche Stimmung aufkommt. Der Pfarrer hat gesagt, wenn wir das möchten, sollen wir es machen – und das Jahr drauf haben wir bereits Lichterketten-Spenden gesucht und die Weihnachtsmesse genauso organisiert.“ Dieses Credo ist es auch, dass die Pfarre bis heute so lebendig macht.
„Das Prinzip in unserer Kirche, wenn es Ideen gibt, ist: Macht es! Wenn es sich bewährt, wird es bleiben“, so Reinhard.
Anders und besonders
Der gute Ruf der St. Pöltner Kirche eilt ihr seit langem gerne voraus, wie auch Pastoralassistent Martin berichtet: „Schon während der Ausbildung haben wir immer mitbekommen, dass es in St. Johannes Kapistran anders und besonders ist. Das wusste ich darum schon, bevor ich hierhergekommen bin. Es war bekannt, dass Franz und meine Vorgängerin Maria ein besonders gutes Team sind. Immer wieder kamen deshalb neue Pastoralassistent:innen hierher, um die Pfarre kennenzulernen.“ Er selbst war zuvor in Spratzern, „und da haben wir uns damals auch den Pfarrer Franz als Nachfolger für Pfarrer Josef gewünscht.“
Als vor zehn Jahren schließlich der Pfarrverband St. Pölten-Süd gegründet wird, bestehend aus den Pfarren St. Johannes Kapistran und Spratzern, wird Martin dessen Pastoralassistent. Hier begleitet und unterstützt er bis heute das Pfarrleben und die Menschen in der Pfarre. „Ich durfte auf dem aufbauen, was sehr lange gut vorbereitet wurde – von den Pfarrern Toni und Franz und von Maria“, betont er sehr wertschätzend.
Dankbar, ihren Weg hierher gefunden zu haben, ist auch die besonders aktive Mitarbeiterin Ingrid. Sie kommt ursprünglich aus „einem sehr aktiven religiösen Leben in Oberösterreich“. Ein Tipp von jemandem führt sie hierher, wo sie dann „gleich leidenschaftlich hängengeblieben“ ist. Was sie in den 30 Jahren, die sie nun schon hier ist, besonders schätzt? Die offene Zusammenarbeit, die Gestaltungsmöglichkeiten und den Teamgeist.
Das Kirchenjahr wird immer gut im Voraus geplant, mit Schwerpunkten und Besonderheiten. So gibt es meditative Nachtgottesdienste, Erntedank und viele Themen mehr. Was Ingrid dabei auffällt, ist der Trend hin zu mehr Flexibilität – was dafür sehr gut angenommen wird: Wurden früher Kirchendienste oft für viele Jahre von einzelnen Personen übernommen, können sich die Menschen heute ganz flexibel punktuell für Mitarbeit, Dienste und Aktivitäten melden. Das lässt sich besser mit dem lauter und schneller gewordenen Leben der Menschen vereinbaren. „In Wahrheit bedeutet es mehr helfende Hände als früher“, freut sich Ingrid, „und auch mehr Abwechslung. Für den Blumenschmuck haben wir einen Pool mehrerer Personen. Deshalb schaut es jedes Mal auch anders aus – immer besonders und individuell. So wie die Menschen dahinter.“
Kirchenleben mit Weitwinkel
Die Sonntagsgottesdienste werden ganz bewusst abwechselnd als Messfeiern und Wort-Gottes-Feiern gefeiert. „Und beides ist gleich viel wert“, betont Pfarrer Franz eindrücklich. „Die geläufige Meinung ist ja, dass der Pfarrer die Messe halten muss, damit die ‚Sonntagspflicht‘ erfüllt ist. Diese Meinung teile ich nicht.“ Vielmehr haben die ausgebildeten Leiter:innen von Wort-Gottes-Feiern (zu denen auch Ingrid, Reinhard und Bernhard zählen) damit viel Freiraum und Möglichkeit zur Umsetzung mit zahlreichen Mitwirkenden aus der Pfarre – Musik, Lesungen und persönliche Worte inklusive.
Auf Du und Du mit dem Nachwuchs
Dass heute übrigens so viele Ministrant:innen ihren Platz in der Gemeinde haben und die Messen mit Begeisterung mitgestalten, hat ihren Beginn vor rund 10 Jahren. Damals waren „die Minis ziemlich am Ende“, holt Reinhard aus. „Die wöchentliche Gruppenstunde am Freitag etwa wollten oder konnten immer weniger Kinder besuchen. Das hat einfach nicht mehr in den Alltag gepasst, denn viele hatten da Fußball oder Ballett oder sonstiges Programm.“ Gemeinsam mit seiner Frau Beate sowie Christina, Bernhard und dem damaligen Ministranten Sebastian begründet er darum eine völlig neue Mini-Struktur: Statt wöchentlicher Treffen wird eine monatliche Mini-Stunde organisiert – am Sonntag, gleich im Anschluss an die Messe. Außerdem werden schon die Erstkommunionskinder ganz besonders dazu eingeladen, mit der Möglichkeit vom unverbindlichen Reinschnuppern ins Mini-Sein. So wächst die Ministrant:innen-Truppe stetig an. „Wir erleben in der Gruppe sehr wenig Streit“, strahlt Christina, „alle haben Platz, es ist kein Wettbewerb, und auch auf besondere Bedürfnisse wird Rücksicht genommen.“
Dazu werden im Ehrenamt weitere liebevoll betreute Aktivitäten organisiert – wie Ausflüge oder die sommerliche Kirchen-Übernachtung mit Disco und Kindersegnung. „Für viele Kinder ist die Segnung vom Pfarrer das eigentliche Highlight“, weiß Christina, „weil sie von der spirituellen Stimmung sehr gerührt sind und sich davon wirklich viel mitnehmen können.“
Visionen von mehr Offenheit
Gibt es Wünsche für die Zukunft der Pfarre? Hier sind sich alle einig: Das, was jetzt so gut läuft, soll so weitergehen – gemeinschaftlich, und offen für immer neue Impulse. Und: Dass mehr und mehr Menschen diese Angebote annehmen möchten.
Spezielle Anliegen die Kirche an sich betreffend äußert abschließend Pfarrer Franz: Erstens, auch verheiratete Männer sowie Frauen im Priesteramt. Zweitens, die Annäherung der Kirchensprache an die normale Umgangssprache der Menschen, um auch auf dieser Ebene Barrieren abzubauen. Sprache auf Augenhöhe also. So, wie sie bei den Menschen in der Pfarre von St. Johannes Kapistran schließlich schon lange üblich ist.
WAS EINE KIRCHE TRÄGT
Die Feier der Gottesdienste, die Verkündigung von Hoffnung und Liebe, der Dienst an der Gemeinschaft und die Nächstenliebe sind die vier Säulen eines Pfarrlebens. Diese werden in St. Johannes Kapistran aktiv und facettenreich gelebt. Messfeiern und Wort-Gottes-Feiern im Wechsel prägen den Sonntag. Samstagabend-Messen oder „Specials“ wie der Gottesdienst für Liebende am 14. Februar und Nachtgottesdienste sind ebenfalls verankert – genauso wie spirituelle und saisonale Schwerpunkte. Pfarrkaffee und Kapistran-Heuriger, Flohmarkt, Familien-Lagerfeuer und viele Veranstaltungen mehr runden das Kirchenjahr ab.
Infos: www.kapistran.at





