MFG - Sappho im Warehouse
Sappho im Warehouse


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Sappho im Warehouse

Text Johannes Reichl
Ausgabe 11/2025

Die sagenumwobene Sappho galt als berühmteste Dichterin der Antike, über die uns etwa Wikipedia wissen lässt: „Sie unterrichtete junge Frauen in musischen Fertigkeiten wie Poesie, Musik, Gesang und Tanz und trat mit ihnen bei Festen zu Ehren der Götter auf.“


Dass Tetiana Kazynkina ihr Unternehmen und Kulturlabel just nach der von Plato als 10. Muse geadelten Dichterin benannt hat, ist natürlich kein Zufall, denn Kunst, Musik, Tanz und Feiern spielen auch in ihrem Leben eine wesentliche Rolle: Einerseits als Künstlerin, andererseits als neue Betreiberin des Warehouse, das sie zu alter – oder eigentlich nein – zu neuer Größe führen möchte! 
Was schon alleine als Vorhaben Respekt verdient, denn immerhin kam die gebürtige Ukrainerin erst vor rund acht Jahren – also noch vor dem Krieg – in die Alpenrepublik, „aus einer Stadt in der Region Saporischschja, die St. Pölten gar nicht unähnlich ist. Anfangs dachten ja viele ich sei Russin, weil sie die Ukraine als eigenständigen Staat gar nicht so am Schirm hatten.“ Mit Russlands Einmarsch änderte sich das abrupt. Nach Österreich kam sie insbesondere wegen ihrer Leidenschaft zur Sprache „ich habe schon in der Ukraine Deutsch gelernt“, wobei der Erstkontakt mit der neuen potenziellen Heimat alles andere denn prickelnd verläuft: „Ich bin an einem Sonntag angekommen. Alles war zu, ich bin irgendwo verloren in Aspern gestanden, und meine Sim-Karte hat auch nicht funktioniert.“ Die damals Zwanzigjährige lässt sich davon aber nicht weiter beeindrucken. „Ich bin ein Mensch, der Herausforderungen liebt, immer etwas aufbauen will und sich mit Haut und Haar in eine neue Sache hineinstürzt.“ Das war schon bei ihrem USA-Trip kurz zuvor so, „wo ich mit nur 1.000 Dollar in der Tasche angekommen bin, um zu arbeiten und Geld zu verdienen“, das ist bei ihrer Mission Österreich nicht anders. Für die zieht Tetiana sogar, um sich der neuen Freiheit zu versichern, gleich einmal blank. „Die Ukraine war damals ja noch sehr konservativ und man erzählte sich, dass man in Österreich angeblich oben ohne baden gehen kann. Das habe ich dann in der Seestadt, wo ich gewohnt habe, gleich ausprobiert“, schmunzelt sie. 
Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt, und so nimmt Tetiana ihr Studium der Kommunikationswissenschaften mit Verve in Angriff, schlägt sich mit verschiedenen Jobs durchs Leben – von Social Media Betreuung über Putzen bis Kellnern – und erobert so Stück für Stück Land und Leute. Wobei ihr Letztere anfangs distanziert begegnen „wenn ich etwa an meinen ersten Tag an der Uni denke, als ich mit einer Sitznachbarin ins Gespräch kommen wollte, sie mir aber nach einer knappen Antwort demonstrativ den Rücken zugekehrt hat.“ Ohne Zweifel eine Enttäuschung, zugleich aber auch wieder eine Herausforderung, die Tetiana annimmt – und bewältigt. Tatsächlich scheint es heute genau umgekehrt zu sein: Wo der Wirbelwind mit seiner fröhlichen, selbstbewussten Art auftaucht, öffnen sich Türen und Herzen. 
Und so geht es sukzessive bergauf, im Übrigen auch mit ihren künstlerischen Ambitionen, die sie vor allem ab der Corona-Zeit intensiviert. „Ich habe damals begonnen, Kerzen zu gießen, allen voran Frauen Torsi – da war ich hierzulande eine der ersten. Später sind dann noch Keramiken hinzugekommen.“ Logo, macht sie auch in diesem Zusammenhang, frei nach Udo Lindenberg, „ihr Ding“, und lässt sich nicht beirren. „Ich kann mich etwa noch gut an ein Telefonat mit meinem Großvater erinnern. Als ich ihm vom Kerzengießen erzählt hab, fragte er ungläubig ‚Hast du keinen richtigen Job?!, und ich musste ihm erklären: ‚Opa, ich habe 10 Euro in Facebook-Werbung gesteckt und schon nach kurzer Zeit 1.000 Euro verdient!“ Möchte man Tetianas Aufstieg örtlich festmachen, so könnte man ihn am besten auf die Formel 22-7 bringen: Vom 22. Bezirk siedelt sie in den 7. Bezirk um. Was kommt als nächstes – gar der 1. Bezirk? „Warum nicht“, lacht sie und wirft dabei ihr Haar demonstrativ divalike zurück. Wobei Diva ein gutes Stichwort ist. Im Wiener In-Lokal „Hannelore“, wo sie eine Zeitlang arbeitet, trifft sie auf die Wiener Schickeria. „Dort bin ich auch erstmals mit dem Nightlife in Berührung gekommen, hab viel gelernt.“ Und eine Erkenntnis gewonnen: „Ich bin nicht der Typ, der ewig hinter der Bar stehen oder als irgendjemandes Assistentin arbeiten möchte, sondern ich will selbst der Boss sein!“ Eine Eigenschaft, die sie dafür prädestiniert, ist ihr Organisationstalent, das witzigerweise einem Paradoxon entspringt. „Ich bin ja Künstlerin und eigentlich sehr chaotisch. Weil ich das aber weiß, zwinge ich mich regelrecht zur Disziplin, mache mir selbst ganz genaue Zielvorgaben und Zeitpläne, die ich akribisch abarbeiten muss.“ Und so beginnt sie, zunächst aus ihrer künstlerischen Ecke kommend, erste Events auf die Beine zu stellen, etwa inszenierte Vernissagen, bietet alsbald auch Workshops an „an denen mittlerweile sicher an die 1.000 Leute teilgenommen haben“ … und landet irgendwann … im Warehouse!

Totgesagte leben länger
„Ins Warehouse bin ich irgendwie hineingerutscht“, resümiert Tetiana rückblickend. Das erste Mal erfährt sie vom St. Pöltner Club im „Hannelore“, später poppt das Warehouse thematisch etwa beim Beatpatrol Festival oder bei einer Veranstaltung in der Wiener Pratersauna auf. Schließlich pilgert Tetiana nach St. Pölten, um den Schuppen endlich einmal persönlich kennen zu lernen. „Ich bin ja ein großer D’n’B-Fan, und wenn man weiß, dass im Warehouse etwa Camo & Krooked zusammengefunden haben – das ist schon Wahnsinn.“ So – als Wahnsinn im positiven Sinne – empfindet sie auch das Closing-Event im April diesen Jahres, als zahlreiche Wegbegleiter und Protagonisten der letzen zwei Jahrzehnte noch einmal gemeinsam abfeiern und dem St. Pölt­ner Kultclub quasi die letzte Ehre erweisen. „Da war eine so unglaubliche Energie zu spüren, dass ich mir dachte, das kann es doch nicht gewesen sein?! Man hat einfach gefühlt und aus den verschiedenen Anekdoten herausgehört, welch wichtige Rolle das Warehouse für viele einmal gespielt hat, für viele – auch Junge – noch immer spielt.“ Tetiana erlebt zugleich auch einen persönlichen Flashback. „In meiner Stadt gab es ja einen ganz ähnlichen Club, wo ich das erste Mal mit 13 Jahren hingekommen bin und dann fortan jedes Wochenende abgetanzt habe! Ich habe es geliebt: Die Freiheit, die Freude, die Freunde. Die Jugend braucht solche Einrichtungen, die Gemeinschaft. Und die Älteren ebenso!“ Und so fällt bei ihr sozusagen der Groschen und sie beschließt „weil da auch ein so enormes Fundament vorhanden ist“, das Warehouse zu übernehmen.
Einmal mehr in ihrem Leben stürzt sie sich voller Elan in ein neues Abenteuer hinein, und wird mit ihrer Sappho GmbH ab Dezember dem Warehouse neues Leben einhauchen. „Eine solche Einrichtung muss in St. Pölten funktionieren – und sie wird funktionieren!“, ist sie überzeugt. Die Eventmanagerin baut dabei auf ein gutes Netzwerk, kennt etwa zahlreiche Booker und Künstler persönlich, zudem setzt sie in der Gastro auf die Expertise von Wirteobmann Matthias „Strunzi“ Strunz, der als gewerberechtlicher Geschäftsführer fungiert. Über einen neu gegründeten Verein bohrt man aktuell Sponsoren und Förderer an „wobei es mit diversen öffentlichen Stellen bereits vielverspechende Termine gegeben hat und wir mit der Raiffeisenbank einen großartigen Sponsor gefunden haben!“
Ganz grundlegend möchte Tetiana das Warehouse nicht umdrehen, sehr wohl aber ihre weibliche Note einbringen „weil Frauen Sachen einfach anders sehen als Männer“, etwa in Fragen des Designs, der Ästhetik oder der Programmierung. Wobei man jetzt keine Angst haben muss, dass das Warehouse zum Klimbim-Blinker-Barbie-Wonderland verkommt – „das Warehouse bleibt das Warehouse“, verspricht die Chefin – „aber wir möchten in manchen Belangen einfach mit mehr Liebe an die Sache herangehen, die Location gemütlicher machen.“ Tetiana schweben da etwa Couches vor, Lichtinstallationen an den Wänden, „wenngleich wir auch manch Graffitis beibehalten“, coole Regale und stylisches Equipment, „vielleicht auch große Spiegel für die Mädls, wo man posen kann. Und wir bekommen – halleluja – neue WC-Anlagen!“
Programmatisch setzt die Neo-Betreiberin auf eine gewisse Angebotsverbreiterung. So ist etwa die Neuauflage bzw. Fortsetzung von Erfolgsformaten wie „Fasten Your Seatbelts“, „Cottage Club“, „90er Klub“ etc. geplant, „außerdem holen wir auch ganz alte Klassiker aus dem Keller, wenn ich an ‚Manshee versus Hennes‘ denke“, lacht sie. Zugleich, was eher fließend vonstattengehen wird, schweben Tetiana auch ganz neue Sachen vor „etwa Mini-Raves mit dem Babyshark of Techno, wo Eltern mit ihren Kleinsten kommen und die Kinder an einem Sonntag von 15-18 Uhr abtanzen können. Oder eigene Formate für Frauen; oder warum sollten wir nicht – wenn wir schon so einen genialen Koch wie Strunzi haben – vielleicht auch einmal zu einer Candle-Light-Dinner-Experience laden?“ Das sei zwar noch Zukunftsmusik, aber im Grundgedanken geht es um eine Öffnung, ja Transformation des Warehouse vom reinen Musikclub hin zur allumfassenden Kreativlocation. „Ich kann mir auch coole Vernissagen, als Event inszeniert, bei uns vorstellen, oder Workshops – etwa im Bereich DJ-ing. Das würde auch mir selbst gefallen, und vielleicht können wir so eine neue Generation von Warehouse DJs ‚heranziehen’, wie es früher eine Stärke des Hauses war.“
Um es also frei nach Grönemeyer zu formulieren: Es bleibt alles anders, was nicht zuletzt auch im neuen Namen „Warehouse – Eventhouse“ zum Ausdruck kommt. „Wir wollen das Warehouse nicht komplett neu erfinden oder gar den Namen einstampfen, dazu ist es eine viel zu wertvolle Marke, aber wir möchten es schon weiterentwickeln.“ Nicht zuletzt, weil das ein Gebot der Stunde, schnöder formuliert eines des Marktes ist. „Der klassische Klub, wo du jedes Wochenende das ganze Jahr über zum Tanzen und Feiern hinkommst, funktioniert so nicht mehr. Dazu haben sich einfach die Zeiten, das Fortgehverhalten seit Corona zu sehr verändert“, ist Tetiana überzeugt. Stattdessen will man mit zwei bis vier hochwertigen Events im Monat punkten, und dies auch nur mehr während der Wintersaison. „Im Sommer zieht es die Leute hinaus, auf die Festivals, wir werden deshalb – uns an der Festivalsaison auf Ibiza orientierend – von November bis April geöffnet haben.“ So hochgezogen, ist Tetiana zuversichtlich, „kann das Warehouse wirtschaftlich überleben und wieder zu einer Erfolgsgeschichte werden.“ Denn eines steht für sie außer Streit: „St. Pölten als Landeshauptstadt braucht eine solche Einrichtung, wir spüren den Bedarf!“ Und so werden ab Anfang Dezember hoffentlich wieder viele shiny happy people in ihrem „Warehouse – Eventhouse“ abtanzen, singen und fröhlich sein -– und Sappho wird mitten unter ihnen weilen!

FIRST DATES

13. DEZEMBER
GRAND OPENING

19. DEZEMBER
CHRISTMAS CLUBBING

25. DEZEMBER
X-MAS SESSION

10. JÄNNER
HAUPTSTADTBALL

17. JÄNNER
NACH 5895 TAGEN PAUSE

24. JÄNNER
COTTAGE CLUB REVIVAL