Brief an meinen Sohn
Text
Tina Reichl
Ausgabe
09/2025
Lieber Sohn, du bist 15, hast dein erstes Ferialpraktikum hinter dir, bist verliebt und hast sogar mit dem Führerschein begonnen. Und während du mit jedem Schritt erwachsener wirst, erwarten mich in meiner Gehirn-App 10.000 Schritte an Loslass-Momenten. Während du mir von deinen Fahrstunden erzählst, seh ich dich auf dem blauen Laufrad, ich an deiner Seite neben dir herlaufend. Und jetzt hältst plötzlich du das Steuer in der Hand. „Das crazy“, wie du sagen würdest.
Dieses Loslassen ist voll „tuff“. Du stellst dir selbst deinen Wecker, kochst dir selbst und spielst dich frei von Ritualen. Immer öfter schläfst du bei deiner Freundin, am Frühstückstisch bleibt ein Platz leer.
Du sagst: „Es ist alles nicht so deep, chill, alles easy, checkst du?“ Und ich nicke. Ja ich checks, du gehst deinen eigenen Weg. Wie der Elch Emil! Ich halt etwas Abstand, mach hin und wieder ein Foto von dir und verfolge deine Richtung!
Wie geht´s wohl der Emil-Mama?
Loslassen bedeutet dich ziehen zu lassen, dir nicht mehr jeden Ratschlag ungefragt reinzudrücken, dir nicht mehr heimlich deinen Schulrucksack von verschwitztem Sportgewand zu leeren oder von alten Jausenresten. Dir nicht unauffällig das Lateinbuch auf den Tisch zu legen, damit du nicht vergisst, es einzupacken.
Ich habe verstanden, wenn ein Teenager sagt, er macht es, dann macht er es. Man muss ihn nicht alle zwei Monate daran erinnern ;-) Und trotzdem bin ich immer für dich da: Als Beifahrerin, als Zuhörerin, als Backup, wenn du mal kurz anhalten musst.
Ich hab dich lieb, deine Mama



