Von Radln, Rollern & Scootern
Text
Beate Steiner
Ausgabe
09/2025
Die einen rollen elektrobetrieben leise durch die Fußgängerzone, bringen Packerl, Post und Essen. Die anderen bringen rasantes Chaos in den Stadtverkehr.
Sie sind Teil des St. Pöltner Stadtbilds, und das seit vielen Jahren: Andy Grubner und seine beiden Fahrradkuriere Alex und Stefan düsen durch die Straßen und liefern aus – Prospekte & Packerl, Suppen & Sträuße, Hochzeitsgäste & Hometrainer. „Wir erledigen alles, wo Not am Transport ist. Jeder kann uns buchen, können wir nicht, gibt’s nicht“, sagt der 35-Jährige, der vor seiner Karriere als Rad-Transportunternehmer aufstrebender Rockmusiker war und wegen einer Europatournee seinen Job als Holztechniker an den Nagel hängte. „Radfahren und alles, was dazugehört, ist jetzt mein Leben.“
In die „Selbstständigkeit geschlittert“ ist Andy Grubner vor zehn Jahren, als er zunächst mit dem damaligen Rad-Lieferanten Peter Kaiser kooperierte, Prospekte verteilte und etwas später den Rad-Job von Kaiser übernahm. Das schnelle und zuverlässige Lieferservice des immer freundlichen und fröhlichen Radlers hat sich rasant herumgesprochen. Auch Andys ausgezeichnetes Netzwerk im Kulturbetrieb hat dazu beigetragen, dass das Unternehmen rasch gewachsen ist, zwei Mitarbeiter mitradeln und Andys Frau, eine stressresistente gelernte Krankenschwester, das Büro übernommen hat. Seit fünf Jahren kooperiert der Fahrradkurier mit DPD und hat damit die riesigen Transporter aus der Fußgängerzone verdrängt. „Seither bekomme ich immer mehr Anfragen von Privatpersonen, nicht nur Firmen“, freut sich Grubner auch über beste Google-Rezensionen im Netz. Nicht selten füllen an die 250 Packerl am Tag die Lastenräder, „zu Weihnachten waren es 500 Pakete pro Tag.“ So ein Lastenrad kann 250 Kilo schleppen, daher können die Fahrradkuriere auch ungewöhnliche Wünsche erfüllen und zum Beispiel einen Hometrainer vom Sportgeschäft zum Käufer liefern, bei Casa Moda aktuelle Hängeware abliefern oder dem Stadtarchäologen Ronald Risy beim Übersiedeln seiner 80 Kisten mit Büchern behilflich sein.
Bei Festen ist ein besonderes Fahrradkurier-Fahrzeug im Einsatz – die Rikscha. Ein elegant gekleideter Andy Grubner kutschiert dann etwa Braut und Bräutigam zur Hochzeitstafel, führt beim Höfefest Gäste von einem Kulturevent zum nächsten oder bringt StadtLandFluss-Besucher von der Innenstadt zur Traisen – „die Leute waren begeistert!“. Daher will der Fahrradkurier im nächsten Jahr das touristische Angebot mit zwei zusätzlichen Rikscha-Taxis ausweiten.
Heuer wird aber noch gefeiert. Andy bittet zum Jubiläumsfest „10 Jahre Fahrradkurier“ ins Cinema Paradiso, am Freitag, 17. Oktober, ab 22 Uhr, natürlich mit Top-Musik. „Jeder ist herzlich eingeladen.“
Fußgängerzone ist großer Radweg
Der Fahrradkurier und auch die Postler dürfen mit ihren Lastenrädern jederzeit durch die St. Pöltner Fußgängerzone fahren, denn die ist ein Riesen-Radweg. Den auch immer mehr elektrobetriebene einspurige Fahrzeuge nutzen – aber manche vielleicht nicht mehr lange dürfen. Im Herbst soll ein neues Gesetz kommen, das Regeln für E-Roller und E-Mopeds sowie E-Scooter, das sind die elektrischen Tretroller, bringen soll. „Grundsätzlich funktioniert das Zusammenleben zwischen den Radfahrern sowie den E-Scooter und E-Roller-Nutzern – wenn alle aufeinander Rücksicht nehmen“, sagt Raphael Rech von der Mobilitätsplanung im Magistrat. Brenzlige Situationen würden am ehesten zwischen Fußgängern und Scooter-Fahrern entstehen, „weil schnelle Scooter-Fahrer nicht schnell genug reagieren“, so Rech.
Das bestätigt auch die Polizei. „In der Innenstadt von St. Pölten gelten E-Scooter durchaus als Problem, besonders in Relation zu Fußgängern und Fußgängerinnen im dicht frequentierten öffentlichen Raum“, bestätigt Chefinspektor Johann Baumschlager von der Landespolizei NÖ und bringt Beispiele: Im September 2024 wurde ein neunjähriges Mädchen in der Fußgängerzone von einem E-Scooter-Fahrer – unter Einfluss von Alkohol und Drogen – angefahren. Das Kind trug schwere Verletzungen davon und der Fahrer wurde im April 2025 wegen schwerer Körperverletzung gerichtlich verurteilt. Oder: Ein 19-jähriger E-Scooter-Fahrer fuhr im Februar 2025 mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit in der Josefstraße, ignorierte polizeiliche Anhaltezeichen und flüchtete in rücksichtsloser Weise. Dabei gefährdete er mehrere Passanten. Der Lenker stand unter Drogeneinfluss. Technisch wurde bestätigt, dass sein E Scooter bis zu 50 km/h erreichte – deutlich mehr als die erlaubten 25 km/h.
Übrigens: Österreichweit starben im vergangenen Jahr sieben Menschen bei E-Scooter-Unfällen, über 7.500 landeten im Krankenhaus.
Die Vorfälle zeigen, so Johann Baumschlager, dass die E-Scooter-Lenker besonders in Fußgängerzonen erhebliche Gefahren darstellen. Das Stadtpolizeikommando St. Pölten hat daher die Kontrollen in der Fußgängerzone verstärkt und stellt immer wieder fest, dass sich die Lenker von E-Scootern nicht an Regeln halten und teilweise durch Suchtmittel beeinträchtigt sind und die E-Scooter zum Teil deutlich schneller unterwegs sind als erlaubt. Die Novelle des Infrastrukturministeriums wird wahrscheinlich nichts an den Konflikten zwischen Scooter-Lenkern, Fußgängern und der Polizei ändern, vermutet der St. Pöltner Radexperte Rech: „Scooter dürften weiterhin als Fahrrad betrachtet werden.“ Die Resolution des St. Pöltner Gemeinderats aus dem Juli 2024, die Scooter aus der Fußgängerzone verbannen will, indem sie diese den Fahrrädern nicht gleichstellt, dürfte sich in einer veränderten Straßenverkehrsordnung nicht finden: „Details müssen wir abwarten.“
Essenslieferanten auf E-Mopeds
Fehlverhalten von E-Bike-Fahrern ist Mobilitätsplaner Rech nicht bekannt. „Da muss ich die eigene Kraft einsetzen, muss in die Pedale treten – das ist psychologisch etwas anderes, als nur Gas zu geben wie beim Scooter.“
Der E-Scooter-Boom ebbt übrigens gerade etwas ab, bestätigt Martin Lackner, Geschäftsführer von XXXLutz: „2023 war das beste Jahr – seither geht der Verkauf zurück.“ Die Gründe: Die Mitbewerber sind mehr geworden, Leih-Scooter sind angesagt und es gibt einen Trend hin zu E-Rollern.
Und die – noch wenigen – E-Roller-Nutzer verhalten sich grundsätzlich korrekt. Sie dürften nach den neuen Regeln allerdings von den Radwegen und damit auch aus der Fußgängerzone verschwinden. Betroffen davon werden hauptsächlich die Essenslieferanten sein – einige Foodora-Fahrer sind in der Innenstadt statt auf Rollern schon auf Rädern unterwegs. „Wir begrüßen die Gesetzesnovelle,“ erklärt dazu Alexander Gaied, Geschäftsführer des Lieferdienstes Foodora. Denn: „Klare Regeln und Sicherheitsstandards sind für alle Verkehrsteilnehmer essenziell.“ Foodora verfolge ein umfassendes Sicherheitskonzept, welches die aktive Zusammenarbeit mit den Städten und der Polizei einschließt. Alexander Gaied: „Derzeit bereiten wir die Einführung digitaler Geozonen vor. Diese informieren Fahrer und Fahrerinnen in Echtzeit über sensible Gebiete, wie etwa solche mit bestehenden Fahrverboten oder Fußgängerzonen.“
Die Arbeitswege der Essenslieferanten von Foodora und auch vom Konkurrenten Lieferando werden allerdings grundsätzlich über GPS kontrolliert, sie erhalten via Apps ihre Aufträge, und sie müssen sich ihren Elektro-Roller oder ihr Fahrrad selbst kaufen. Denn sie sind als freie Dienstnehmer tätig und haben als solche keinen Anspruch auf Weihnachts- oder Urlaubsgeld und kein Einkommen im Krankheitsfall. Seit einigen Jahren machen protestierende Boten auf ihre prekären Arbeitsverhältnisse aufmerksam. Foodora hat im vergangenen Jahr reagiert. „Unsere Dienstnehmer sind sozialversichert“, bestätigt Alexander Gaied. Und die Regierung hat jetzt mit der „Lex Lieferando“ die Regelungen für die freien Dienstverhältnisse adaptiert. Ab dem kommenden Jahr gelten für freie Dienstnehmer fairere Arbeitsbedingungen mit geregelten Mindestentgelten und Kündigungsfristen von mindestens vier Wochen.





