Momentaufnahme in schwarz-weiß
Text
Althea Müller
Ausgabe
09/2025
„Schleich dich raus, du Negerweib!“ Mit diesem vollkommen unerwarteten Schlachtruf begrüßen mich 1994 in unserer Hauptschule in St. Pölten-Land ein paar Buben, die ich bis dahin zu meinen Freunden gezählt habe. Mit denen ich mich bis dahin sicher und wohlgefühlt habe. In Erinnerung geblieben ist mir diese Anekdote als schmerzhafte Spitze des rassistischen Eisbergs meiner Kindheit, Jugend – und auch früheren Erwachsenenzeit.
Über drei Jahrzehnte hat es aus heutiger Sicht in Summe gedauert, bis ich lerne, meine halbasiatische Herkunft und dunklere Haut anzunehmen – und als selbstverständliches „Ich bin ich“ wertzuschätzen. Es hat somit auch persönlich etwas Befreiendes, hier und heute fürs mfg loszuziehen, um beruflich jenes Thema zu erkunden, das mich mein halbes Leben lang verfolgt hat – und sicher mein ganzes Leben lang begleitet: Rassismus.
Dazwischen liegen Etappen von Hass(aktionen) gegen mich und auch andere, um mich selbst besser zu fühlen. Von sinnlosen Versuchen, „weißer“ zu sein. Und vom beständigen Verfluchen meiner Wurzeln. Tolle Menschen und unzählige Coachings & Co. führen über viele Jahre hinweg zu neuen Einsichten und damit auch Erlebnissen. Heute fühle ich mich in meiner Haut – meistens – sicher und wohl.
Rassistisches System
Und nein, es beginnt nicht so, dass ich mit drei Jahren wackelig vorm Spiegel stehe und selbstkritisch mit meiner dunkelbraunen Haut, den tiefschwarzen Haaren und dunklen Augen hadere, weil ich das alles hässlich finde. Vielmehr lerne ich Rassismus von klein auf durch meine Umgebung, meinen engsten und weiteren Mikrokosmos.
Aufgewachsen in einer sozusagen „weißen“ Pflegefamilie, bin ich für andere die übertrieben bestaunte kleine Exotin. Später die, die eine „andere Mutter“ hat und deshalb „anders ausschaut“. In den Achtzigern, gebettet im auch damals schon eher multikulturell geprägten Wien, geht das ja noch. Ab 1989, im ländlichen Umfeld von St. Pölten, sind die Sprüche dann mitunter weniger nett. Nach dem erwähnten Hauptschul-Erlebnis etwa versuche ich jahrelang, nicht zu sehr „nachzubräunen“. Und meide bewusst die Sonne. Es ist mir peinlich, hervorgehoben zu werden – ob positiv oder negativ. Es ist mir unangenehm, dass alle immer alles wissen wollen und ich mich im Zugzwang fühle, auch immer brav meine Herkunftsgeschichte auszurollen vor Menschen, von denen ich im Gegenzug nichts erfahre. Das sind ja auch ganz normale Österreicher:innen. Nicht so wie ich – zwar in Wien geboren, aber eben dunkel. Das muss erklärt werden. Entschuldigt werden. Im besten Fall vertuscht werden. Über die Jahre wächst der Selbsthass.
Als Jugendliche und junge Erwachsene entwickle ich eine Überempfindlichkeit und Ängste, wenn ich auf meine „Herkunft“ angesprochen werde. Rassistische Bemerkungen, die ich immer wieder mal aufschnappe – oder Anfang 20 von einem Neonazi ins Gesicht geschleudert bekomme – nähren meine Selbstzweifel. Meine spätere Gothic-und Metal-Affinitität kommt dem Versteckenwollen meiner im wahrsten Sinne Dunkelheit make-up-technisch zwar entgegen. Heute gruselt es mich aber vor den alten Fotos mit meinem oft viel zu hell geschminkten Antlitz auf braunen Schultern. Menschen von den Philippinen haben halt dunkle Haut. Und lange konnte ich das nur schwer ertragen.
Ich empfinde es als großen Segen, dass sich dieses Selbstbild wandeln durfte. Aber wie geht es anderen Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe damit? In St. Pölten?
Schwarze Perle in St. Pölten
Die redaktionelle Reise starte ich bei Leonora Marie Gomez de Pappenberger. Lachend, mit Putz-Utensilien in der Hand, strahlt sie mich an, als ich in ihr St. Pöltner Lokal, die Black Pearl Lounge in der Eybnerstraße, komme. In einer Stunde sperrt sie auf – und an manchen Tagen macht sie als Chefin halt alles, das anfällt. Stört sie nicht. Denn sie ist ein außergewöhnlich starker Mensch.
Geboren im mittelamerikanischen Nicaragua, verbringt Leonora etwa aufgrund eines familiären Notfalls als Neunjährige einige Jahre bei ihrer Tante. „Meine Schwester war sehr krank“, erzählt sie, „und unsere Mutter hat viel Zeit mit ihr im Krankenhaus verbracht. Da war ich bei meiner Tante untergebracht.“ Und die hält sie „wie eine Sklavin“: Das Mädchen muss sich um den gesamten Haushalt und auch das Baby der Tante kümmern. „Aber das Leben ist wie eine Autobahn“, funkelt mich Leonora, heute 54 schöne Jahre alt, schelmisch an, „und auch, wenn es stark regnet und du Angst hast, dann fährst du weiter, hörst du? Du darfst nicht stehenbleiben, du musst weiterfahren!“ Und das tut sie. Immer.
Über ihre Cousine, die bereits länger im Raum St. Pölten lebt, wird ihr als junger Frau der Besuch in Österreich ermöglicht. Sie lernt einen spannenden Mann kennen, sie kommt wieder, sie heiratet ihn, er adoptiert ihre drei Söhne. Das perfekte Märchen. Ist genau das: Nur ein Märchen. Die Realität sieht anders aus, sie verbringt zwei Jahre auf den Cayman Islands und schickt so viel Geld als möglich nach Hause. Nach Niederösterreich. Den Kindern dort geht es nicht gut, sie kehrt zurück, bald bricht alles auseinander. In einer winzigen Wohnung mit den Kids startet Leonora neu, findet einen Job als Reinigungsdame.
All die Jahre – wo sie die Sprache lernt, ihr Netzwerk aufbaut, arbeitet und die Gegebenheiten für ihre Buben und sich zu optimieren versucht – verliert sie nie den Glauben an ein gutes Leben für ihre Familie. Ihre offene Art öffnet nach und nach Türen: zu einem eigenen Kiosk, einer größeren Wohnung, schließlich dem ersten eigenen Lokal am Mühlweg – ihrer „ersten Black Pearl“. Rassistischen Angriffen ist sie selbst während dieser langen Reise nicht ausgesetzt.
Die Kinder mussten sich viel anhören
„Ich habe mich ja auch überwiegend in meiner eigenen Community, wie bei meiner Cousine, aufgehalten“, überlegt sie. „Aber meine Kinder – die haben sich immer viel anhören müssen. Ob in der Schule, beim Fußballspielen oder beim Fortgehen.“ Nicht in St. Pölten, sondern in einem anderen niederösterreichischen Verein rutscht einem ihrer Buben die Hand aus: Konkret, als er von einem Sportkollegen mit den Worten begrüßt wird, ob er als Neger denn in der Kokosnuss-Schale dahergeschwommen wäre. „Bestraft wurde damals nur mein Sohn“, konstatiert Leonora sachlich, „weil er der Schläger war. Dem Beleidiger ist nichts passiert.“ Selbst heute hört sie von ihren längst erwachsenen Söhnen immer wieder von rassistischen Angriffen. „Manchmal sind es Kinder, einfach Kinder, die auf den erwachsenen schwarzen Mann hinschimpfen“, erzählt sie. „Hier müsste mit den Eltern geredet werden, denn sie sind es, von denen Kinder ein solches Verhalten überhaupt erst lernen. Oder die es zumindest nicht mit ihnen besprechen, wie es sich gehören würde.“
„Darf ich mal deine Haare anfassen?“
Dazu weiß auch Martina Eigelsreither einiges zu berichten. Als Leiterin vom Büro für Diversität am Magistrat St. Pölten befasst sie sich häufig damit, womit Menschen rassistisch konfrontiert sind. Eingerichtet wurde die Kompetenzstelle vor gut 13 Jahren für aktives Vielfaltsmanagement. Seitdem fördern und stärken Martina und ihr eingespieltes, engagiertes Team unsere Gleichbehandlung und das Zusammenleben in unserer Unterschiedlichkeit.
„Darf ich deine Haare anfassen? Wie hast du so gut Deutsch gelernt? Woher kommst du wirklich? – Das Gefühl des Angekommenseins ist einfach nicht da, wenn man immer wieder so angesprochen wird“, führt Martina aus. „Solidarität und ein zivilcouragiertes Verhalten von Dritten sind entscheidende Faktoren, die Betroffene dazu ermutigen, gegen rassistische Diskriminierung vorzugehen. Um diese Solidarität und dieses Verhalten zu fördern, ist es wichtig, die gesamte Gesellschaft für Rassismus zu sensibilisieren.“
Immer gefragt: Zivilcourage!
Genau die von Martina angeführten Fragen und Respektlosigkeiten sind auch David (48) bestens bekannt. „Wobei ich grundsätzlich sehr gut aufgewachsen bin und nie frontal oder gar körperlich angegriffen worden bin“, fügt der St. Pöltner in unserem Interview nachdrücklich hinzu. „Was ja wiederum eigentlich auch selbstverständlich sein sollte“, relativiert er nach einigen nachdenklichen Sekunden.
Der Vater von ihm und seinem jüngeren Bruder stammt aus Ghana und ist bereits seit den 1960er-Jahren in Österreich. David wird in der Heimat der Mutter geboren: in Südtirol. Als die Familie schließlich nach St. Pölten siedelt, sind die Kinder noch klein. „Ich erinnere mich natürlich an Gesten oder Blicke“, erzählt uns David heute, „und wir Kinder wussten, dass das wegen unserer dunklen Hautfarbe ist, aber wir waren ja sehr gut integriert und hier in Österreich geboren. Ich will gar nicht wissen, wie es Menschen geht, wo das nicht so ist, und die vielleicht tagtäglich angefeindet werden.“ Direkte Angriffe erlebte er nicht wirklich, bloß beim Fußballspielen kamen aus dem Publikum schon öfters mal blöde Meldungen, die sich auf seine Hautfarbe bezogen. „Weder der Trainer noch wir Spieler hatten da groß Zeit, um auf solche Beschimpfungen einzugehen. Aber wenn meine Freunde mit im Publikum waren und sowas mitbekommen haben, haben sie denen natürlich schon immer die Meinung gesagt!“ Genau wie vor den Türen so mancher Location, wenn es bei David plötzlich „Geschlossene Gesellschaft“ hieß, um ihn nicht reinzulassen. „Hier in St. Pölten war ich ja – auch übers Fußballspielen – gut vernetzt, da war das abends kein Problem beim Fortgehen“, erinnert sich der heute verheiratete Familienvater, „aber in Locations weiter weg kannten mich die Leute ja nicht, und da ist das schon öfter mal vorgekommen. Für meine Freunde war dann immer klar, wenn ich nicht reindarf, gehen sie auch nicht rein. Und: Dort fahren wir auch sicher nicht mehr hin.“
Mittlerweile sind seine beiden eigenen Kinder bereits im Teenager-Alter. Hier setzt David punkto Rassismus auf absolut null Toleranz: „Bei ihnen ist es etwas anderes. Bei mir selbst stört mich mal eine Bemerkung nicht so. Aber bei unseren Kindern gibt es keinen Spielraum, hier akzeptieren wir keine Form von Angriff!“ So zieht die rassistische Beleidigung einer – übrigens erwachsenen – Person seinem Sohn gegenüber aktuell rechtliche Konsequenzen nach sich. „So etwas darf man nicht einfach so passieren lassen. Das muss man sich nicht gefallen lassen“, sagt David fest, „hier muss eingeschritten werden.“
Hat er auch eine der anderen Formen von Rassismus erlebt, nämlich, indem gerade Babys und Kinder mit dunkler Haut oft wie Puppen bestaunt und sogar angetatscht werden? Tatsächlich erinnert er sich: „Unsere Tochter hatte als Baby ganz viele Locken. Es ist wirklich öfters vorgekommen, dass ihr da fremde Menschen einfach so in die Haare gefahren sind – so schnell konnten meine Frau und ich gar nicht dazwischengehen. Es ist sicher nie böse gemeint gewesen, aber…“ Aber – respektlos. Auf die Frage, was er sich im Umgang miteinander wünschen würde, jetzt und in Zukunft, und vor allem für seine Kinder, rät er: „Bei Unsicherheiten und Ängsten lieber direkt aufeinander zugehen, und wenn eine:n etwas irritiert, einfach nachfragen.“ Die auch ihm wohlbekannte Frage „Wo kommst du her – also wirklich?“ findet er deshalb wenn, dann vielleicht ein wenig lästig, aber ansonsten gar nicht so schlimm: Lieber sieht er sich direkt mit solchen Fragen konfrontiert, als im Vorbeigehen mit spitzen Blicken und Fingern diskriminiert zu werden.
Nach dem Gespräch mit David suche ich nach einem gedanklichen Kuli, um das Gesagte zu unterschreiben. Gerade jetzt, wo der politische Wind wieder verstärkt in Richtung Hass und Spaltung tendiert, wären solche kleinen und großen Annäherungsschritte hilfreich für die Gemeinschaft. Die Wertschätzung von Vielfalt und ein angstfreies Miteinander sind schließlich ein Nutzen für jede Gesellschaft.
Apropos Gesellschaft, apropos Drogen
Einen offenbar omnipräsenten Punkt in dem großflächigen Thema wollen wir auch noch beleuchten: People of Color werden nach wie vor häufig mit Drogenkriminalität in Verbindung gebracht – oft „ung’schaut“, sprich: unreflektiert, spontan und in der Sekunde. Was aber sagt die Polizei auf Basis ihrer Fakten und Statistiken dazu?
Befragt wird Chefinspektor Johann Baumschlager von der Landespolizeidirektion Niederösterreich. Und der weist dieses Vorurteil ganz sachlich in seine Schranken: „Es ist ein Klischee, zu glauben, Drogenkriminalität sei primär ein Problem von ‚People of Color‘“, kontert er auf meine Anfrage sofort, denn: „Im Suchtmittelbericht 2024 des Bundesministeriums für Inneres waren im gesamten Bundesgebiet 13.654 fremde Tatverdächtige bei Drogenstraftaten erfasst, das war ein Anstieg von +15,6 % im Vergleich zum Vorjahr. Das häufigste Herkunftsland der Tatverdächtigen in Zusammenhang mit der Suchtmittelkriminalität war dabei Syrien, gefolgt von Deutschland und Serbien.“
Zurück zu Leonora im Black Pearl, weiß auch sie einiges zu Drogen und zur Polizei in St. Pölten zu berichten: „Mein erstes Black Pearl-Lokal war leider bald Treffpunkt auch für Menschen, die gerne Mist gebaut haben“, erinnert sie sich wehmütig. „Ich hatte als Lokalbetreiberin mehr und mehr Probleme – und es war herausfordernd, die schwierigen Gäste vom Haus fernzuhalten. Im Endeffekt ist aber alles natürlich trotzdem auf mich als Wirtin zurückgefallen: Plötzlich hieß es, ich würde Drogen verkaufen – ja, ich würde sogar mit Menschen handeln! Ich meine: Wie und wo hätte ich das jemals tun sollen? Aber die Leute haben geredet.“
Eines Tages in dieser stürmischen Zeit sitzt sie eher zufällig wegen einer anderen Angelegenheit einem Polizisten auf der St. Pöltner Wache gegenüber. Hatte er eine rassistische Einstellung? Leonora schaut mich mit großen Augen an. „Was? Nein! Überhaupt nicht. Die Polizei hat mich überhaupt immer gut unterstützt. Wenn ich im damaligen Lokal Hilfe brauchte, sind die immer sofort gekommen.“
Und der Beamte auf der Wache? „Auch der wollte mir helfen. Er hat mich darauf hingewiesen, dass die Leute in der Stadt schlecht über mich reden. Dass sie sagen, mein Lokal solle geschlossen werden. Er hat mich gefragt, ob das denn wahr wäre. Ich wusste, er will mir nur helfen – und ich habe es ihm so gesagt wie jetzt dir: Dass ich die Gerüchte kenne. Und dass ich aber noch nie in meinem Leben Drogen verkauft habe und auch sonst keine Verbrechen begehe.“
Neue Anfänge, alte Freundschaften
Über einige glückliche Zufälle erhält sie vor drei Jahren den Zuschlag für das Lokal, in dem wir jetzt, im August 2025, einen Kaffee trinken. Die neue Black Pearl Lounge – mit Gastgarten-Zeile zur Straße hin und kleinem, feinen Separée inklusive coolem DJ-Pult – wird Ende 2023 eröffnet. Das „Pilot-Lokal“ am Mühlweg wird geschlossen. Jetzt freut sich die Wirtin mit Herz über ein stressfreies Ambiente. „Meine Gäste sind vor allem untertags oft ältere, freundliche Menschen, die in Ruhe Kartenspielen oder plaudern wollen.“ Abends finden u. a. monatliche Karaoke-Events in Kooperation mit einem Ratzersdorfer Verein statt. Oder auch mal private Feiern wie Klassentreffen und Geburtstage – „… dann koche ich groß auf!“
Ganz zum Schluss unseres Gesprächs fällt Leonora ein, doch ab und zu auf der Straße das N-Wort zu hören, quasi im Vorbeigehen, und wenn, dann meist von älteren Leuten. „Jaaa“, grinst sie, „das höre ich natürlich. Dann gehe ich aber einfach weiter, das ignoriere ich.“ Mit ihren Gästen im Black Pearl hat sie keine rassistischen Auseinandersetzungen. „Schwarze Menschen kommen fast nicht zu mir, die meisten sind Österreicher:innen oder Latinos. Probleme hatte ich vielleicht zweimal“, sinniert sie, „und das waren religiöse Diskussionen wegen Kreuz und Marienstatue im Lokal.“ Auch das sei aber nicht weiter tragisch gewesen.
Laut Web-Recherche hat FPÖ-Stadtrat Klaus Otzelberger letztes Jahr seinen Stammtisch in ihrem Lokal abgehalten. Wie kommt es, dass gerade von dieser Partei ... aber „Leo“ schneidet mir das Wort lachend ab. „Den Klaus“ kenne sie schließlich schon viele, viele Jahre: als Mensch und als immer höflicher, respektvoller Gast.
Nach dem Interview kommen mir im Auto auf der Mariazellerstraße ungeplant ein paar eigene alte Erinnerungen hoch. Ich habe sie an den Anfang dieses Artikels gepackt. Selbst wenn wir Angst haben, dürfen wir nicht stehenbleiben.
LASST UNS AKTIV ANTIRASSISTISCH SEIN!
Das im Jahr 2012 eingerichtete Büro für Diversität bündelt am Magistrat in Niederösterreichs Landeshauptstadt die Aufgabenbereiche Frauen/Gleichstellung, Menschen mit Behinderung(en), Sexuelle Identität sowie Weltanschauung und -religionen und Menschen anderer Herkunft. Als Leiterin der besonders engagierten und bereits mehrfach ausgezeichneten Kompetenzstelle teilte Martina Eigelsreiter gerne ihre Expertise zum Thema Rassismus mit uns.
Was kommt euch als Kompetenzstelle am meisten beim Thema „Rassismus in St. Pölten“ in den Sinn? Wo liegen die Schmerzpunkte, auch in St. Pölten?
Rassismus ist strukturell – in Österreich und somit auch in St. Pölten: Er ist in unserer Gesellschaft verankert und betrifft nahezu alle Lebensbereiche. Diskriminierung lässt sich auch gut belegen. Alle, die als offensichtlich ‚nicht österreichischer Herkunft‘ eingeordnet werden, brauchen solche Belege vermutlich nicht, sondern haben zahlreiche eigene Erfahrungen. Dabei ist Rassismus historisch gewachsen – und kommt überall vor: im Alltag, in offiziellen Institutionen, in (sozialen) Medien. Wir finden Nachweise für diesen strukturellen Rassismus am Wohnungsmarkt, bei der Jobsuche, bei Opfern von Straftaten, bei der medizinischen oder psychotherapeutischen Versorgung. Rasse ist ein soziales Konstrukt. Das heißt, der Rassegedanke existiert fortwährend und bestimmt den sozialen Alltag. Auch wenn es keine (menschliche) Rasse gibt, gibt es Rassismus. Und gerade, weil es für Rasse keine wissenschaftliche Grundlage gibt, ist die Einteilung in ‚wir‘ und ‚die anderen‘ nicht konkret und objektiv definiert. Aber wir wissen alle, wer gemeint ist, wenn in einer Talk-Show über ‚Ausländer:innenkriminalität‘ diskutiert wird. Da denkt wohl niemand an weiße Brit:innen oder Schweizer:innen. Gleichzeitig nimmt man Österreicher:innen, die nicht weiß sind, immer wieder als Ausländer:in wahr. Deshalb ist die Diskussion um Auländer:innen, Herkunft und Kultur noch sehr stark mit Rassismus verknüpft. Unser gesamtes gesellschaftliches System ist von strukturellem Rassismus durchdrungen. Wir sind alle mit rassistischen Narrativen und Vorurteilen aufgewachsen. Wir haben sie verinnerlicht. Ich auch. Daher ist es so enorm wichtig und notwendig, Rassismus sichtbar zu machen – besonders für alle, die selbst keine rassistischen Erfahrungen machen. Weiße Menschen profitieren nicht nur von rassistischen Strukturen, sondern haben auch die Möglichkeit, sich dem Thema zu entziehen und sich nicht (selbst)kritisch damit auseinanderzusetzen. Wir können nichts für bestehende rassistische Strukturen, aber es ist unsere Verantwortung, diese aktiv abzubauen, weil wir sonst reproduzieren und somit Teil des Problems sind. Deshalb reicht es nicht, nicht rassistisch zu sein. Wir müssen aktiv antirassistisch sein! Übrigens: Die Bezeichnung Weiß ist auch ein politischer Begriff. Kein Mensch ist weiß im Sinne der Farbe Weiß. Der Begriff bezieht sich auf Menschen, die Privilegien, nämlich Weiße Privilegien haben.
Was empfiehlst du Menschen, die rassistisch denken und handeln?
Auch in scheinbar harmlosen Alltagsfragen verstecken sich oft Vorurteile. Ich bin doch kein:e Rassist:in, heißt es dann oft – und die Diskussion wird abgewehrt. Aber Rassismus abzulehnen darf nicht bedeuten, dass er ignoriert oder verdrängt wird. Gerne kommt dann auch oft: „Aber, was ist denn mit...!“ Das ist sogenannter Whataboutism: Statt über das eigentliche Thema zu sprechen, wird der Vergleich mit anderen tatsächlichen oder manchmal auch nur angeblichen Missständen oder Problemen gesucht. So wird vom Ereignis abgelenkt, beziehungsweise wird so getan, als relativiere es sich. Eine besonders zynische Form dieser Taktik ist dann noch die Täter:innen-Opfer-Umkehr – also, wenn man dem Opfer ein problematisches Verhalten nachweisen oder andichten kann, um es so aussehen zu lassen, als sei das Opfer selbst schuld.
Büro für Diversität, Magistrat St. Pölten
Facebook: www.facebook.com/diversity.stp
Instagram: www.instagram.com/diversity.stp
TIPP vom Büro für Diversität
Der Verein ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit setzt sich für Zivilcourage, eine rassismuskritische Gesellschaft und einen respektvollen Umgang miteinander ein. In den ZARA-Beratungsstellen erhalten alle Betroffenen und Zeug:innen von Rassismus und Hass im Netz Unterstützung und (rechtliche) Beratung. Die Beratung ist kostenlos und auf Wunsch anonym. Auf der Website gibt es ein Online-Formular, um Rassismus zu melden. Weiters ist dort ein aktueller Rassismus-Report zu finden.
ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit
Telefon: 01 929 13 99, www.zara.or.at
WORKING IN A WORLD OF DIFFERENCE
Wie steht unsere Polizei dem Thema Rassismus gegenüber? Wir baten Chefinspektor Johann Baumschlager von der Landespolizeidirektion Niederösterreich um eine Stellungnahme.
Ist Rassismus in St. Pölten spürbar im Sinne von Anfragen und Anzeigen?
Es gibt in St. Pölten keine Rassismusvorwürfe, weshalb ich Ihnen weder Beispiele noch Statistiken übermitteln kann.
Die Medien zeigen häufig Bilder von Polizeigewalt gegen People of Color. Wie arbeiten Sie intern hier in Niederösterreich bzw. in St. Pölten mit diesem Thema? Gibt es Sensibilisierungsmaßnahmen oder Weiterbildungen hinsichtlich interkultureller Strömungen in Stadt und Land?
Polizistinnen und Polizisten werden bereits in den Grundausbildungslehrgängen zum Thema Menschenrechte geschult. Das für alle Polizei-Bedienstete nach der Grundausbildung verpflichtende mehrtägige Schulungsmodul ‚A World of Difference‘ ist außerdem ein Eckpfeiler der menschenrechtlichen Ausbildung und vermittelt Basis-Kompetenzen im professionellen Arbeiten in einer diversen, demokratischen Gesellschaft.










