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Der Geist der Glanzstoff

Text Beate Steiner, Johannes Reichl Ausgabe 02/2015

Ein Jahrhundert lang war das wechselvolle Schicksal der Kunstfaser-Fabrik eng mit der Stadt St. Pölten verwoben. Rund ein Jahrzehnt nach dem endgültigen „Aus“ für die Stadt-prägende Fabrik soll das Areal zu zukunftsträchtigem Leben erweckt werden. Vorher wird die Firmengeschichte der Glanzstoff nochmal lebendig, im „Bürgertheater“. Gespielt wird vor Ort, auf dem Betriebsgelände.

Dieser Atmosphäre kann sich keiner entziehen. Der morbide Charme der teilweise verfallenen Hallen und die elegante Industrie-Architektur der historisch wertvollen Gebäude faszinieren auch die rund 50 Menschen, die hier Eindrücke von ihrer neuen Wirkungsstätte sammeln. „Es ist so riesig hier, einfach faszinierend“, sagt Karin Dunky. Mit den anderen Mitwirkenden erkundet die St. Pöltnerin das Areal, wo mit dem Bürgertheater der Geist der Glanzstoff wieder aufleben soll: „Wir erzählen authentische Geschichten in den verschiedenen Hallen, das Publikum geht zu den Stationen mit“, schwärmt die Laiendarstellerin.
Unter den Mitwirkenden sind auch einige Menschen, deren Leben die Glanzstoff begleitet hat, wie Franziska Koller, deren Eltern in der Fabrik gearbeitet haben und die als „Schlüsselkind“ im damaligen „Glasscherbenviertel“ aufgewachsen ist, wie sie in ihrem Theaterblog schreibt. Oder Andrea Hausmann-Deix, die im Blog ihre lebenslangen oft nicht erfreulichen Berührungspunkte mit der Fabrik verrät und sich jetzt als „enthusiastische Bürgerin das erste Mal so wirklich mit der Geschichte der Glanzstoff beschäftigt.“
Initiatorin des Blogs buergertheater.wordpress.com ist Bürgertheater-Leiterin Renate Aichinger. Sie hatte auch die Idee zum Stück: „Wir werden versuchen, die verzweigte Historie der Glanzstoff anhand von prägenden Stationen und Menschen Revue passieren zu lassen“, sagt die Regisseurin. Das Publikum soll dabei die Gelegenheit haben, durch das Fabriksareal auf den historischen Spuren zu wandern und dabei auf die eine oder andere Person aus der Glanzstoff-Ära zu treffen.
An der Thematik hat sie vor allem interessiert, was ein so wichtiger Arbeitsplatz für viele Menschen ausmacht, wie die Firma strukturiert war, „und am allerbrennendsten hat mich die Frage interessiert, ob es nicht doch noch viel mehr über die Glanzstoff zu sagen gibt, außer dass sie stinkt.“ Landestheater-Leiterin Bettina Hering hatte dann „zum Glück einen so guten Riecher Felix Mitterer zu fragen.“
Der einfühlsame österreichische Schriftsteller schreibt das Drehbuch zum Bürgertheater-Stück „Glanzstoff“, und macht damit die hundertjährige Historie des Industriebetriebs erlebbar.
Felix Mitterer hat sich dafür von Gesprächen mit ehemaligen Fabrik-Mitarbeitern und deren Familienmitgliedern inspirieren lassen, will deren Schicksale mit der Firmengeschichte zu Bildern verweben, die diesen kontroversiellen Teil der Stadtgeschichte auferstehen lassen. Immerhin hat die Fabrik mit ihrem charakteristischen penetranten Duft nach faulen Eiern St. Pölten nicht nur geprägt, sondern auch stigmatisiert, war einerseits lange Zeit einer der größten Arbeitgeber in der Kommune, andrerseits unterstützungsbedürftig. Auch die dunkle Vergangenheit des Industriebetriebs als Zulieferer für die NS-Rüstungspolitik während des Zweiten Weltkriegs wird der Erfolgsautor beleuchten. „Ich freue mich sehr auf dieses Stück und fürchte mich gleichzeitig davor“, gesteht Mitterer, denn „ein Stationen-Drama vor real existierendem Hintergrund ist spannend aber auch eine große Herausforderung.“ Auch Felix Mitterer ist beeindruckt von der Kulisse für sein Theaterstück: „Solche Bühnenbilder kann sich nicht einmal Hollywood leisten.“

Fabriksalltag wird zur Kunst
Er hatte diese „Bühnenbilder“ zehn Jahre lang vor seinem kreativem Auge: Josef Friedrich Sochurek. Das Atelier des Künstlers thronte hoch über dem Gelände, Fritz Sochurek hat von 1999 bis 2009 mitten in der Glanzstofffabrik an seinen Kunstwerken gearbeitet. „Für mich war das wie ein Hort, ein ungewöhnliches Atelier in einer Fabrik, in der gearbeitet, etwas erzeugt wird, inklusive olfaktorischer Note“, schwärmt der Künstler auch sechs Jahre nach seinem „Auszug“ noch von der spannenden Atmosphäre an seinem früheren Arbeitsplatz: „Dieses Vibrieren in der Luft, da brummen die Maschinen – und vor den Gebäuden kommt dir im Novembernebel plötzlich ein Zug entgegen.“ Auch nach dem Brand und dem „Aus“ für die Produktion 2008 ist er noch geblieben und hat sein Leben in und mit der Glanzstoff künstlerisch umgesetzt, auch mithilfe von Versatzstücken aus der Fabrik. Da gibt es etwa die beeindruckende Skulptur aus eineinhalb Meter hohen Glasstäben, aus denen Dornen wachsen. Oder eine Wand, an der die ungewöhnlichsten Utensilien baumeln. Ebenso eine faszinierende bunte Ampel, die einst Kommunikations-Werkzeug war.
Der Künstler wird seine in und aus der Glanzstoff entstandenen Werke im Mai an seinem ehemaligen Arbeitsplatz ausstellen und dabei auch einen beeindruckenden Katalog präsentieren.
Schauplatz der Ausstellung wird die ehemalige NDU-Halle sein, erster Vorbote einer künftigen Transformation der Industrie-Gebäude in Plätze für die Kreativ-Wirtschaft. Hier haben die Masterstudenten der New Design University zwei Jahre lang gewerkt, bevor ihr neues Heim bezugsfertig war.
Dass sich in diesem Teil der künftigen „GLANZstadt“ Kultur- und Bildungseinrichtungen ansiedeln sollen, ist fix (siehe auch Interview mit Stadtplaner Jens de Buck). Und vielleicht wird dort ja sogar Bürgermeister Matthias Stadlers Idee einer „Filmstadt“ Realität.


Historie der Glanzstoff-Fabrik in St. Pölten

1904: Gründung der Ersten Österreichischen Glanzstoff-Fabrik AG als Tochterunternehmen der Vereinigten Glanzstoff-Fabriken AG in Aachen. Zellstoff-Erfinder Hans Urban übernimmt die Leitung bis 1930.
1906: Feierliche Eröffnung des Betriebes am 4. April 1906. 306 Arbeiter erzeugten 125 kg Kupferseide pro Tag.
1911 – 1913: Erwerb der Viskosepatente durch die Muttergesellschaft und Umstellung des St. Pöltner Betriebs auf Viskoseverfahren.
1922 – 1928: Wichtige Erweiterungsbauten wie die Kraftzentrale und ein neuer Zwirnsaal werden errichtet und auch 75 Einzelhäuser für die Mitarbeiter des Unternehmens.
1929: 25-jähriges Bestandsjubiläum. Die Glanzstoff-Fabrik beschäftigt rund 3.000 Mitarbeiter.
1929 – 1932: Die schlechte Wirtschaftslage erzwingt eine Stilllegung der Produktion. Nach einschneidenden technischen Reorganisationsmaßnahmen wird wieder produziert.
1938 – 1944: Das Werk wird ausgebaut, kriegsbedingt werden v. a. technische Garne erzeugt, die Produktion steigert sich von 2.100 Jahrestonnen auf 9.500 Jahrestonnen.
1946 – 1955: Die Fabrik wird als „Deutsches Eigentum“ beschlagnahmt, unter Verwaltung der Besatzungsmacht weitergeführt und nach deren Abzug unter öffentliche Verwaltung gestellt.
1956: Rückstellung des Unternehmens an die „Algemeene Kunstzijde Unie N.V.“ in den Niederlanden. Die Produktion beträgt damals rund 2.200 Jahrestonnen mit einer Belegschaft von rund 1.400 Mitarbeitern.
1957 – 1959: Errichtung einer Anlage zur Herstellung von Viscosefilamentgarn als Verstärkungsmaterial von Autoreifen.
1969 – 1970: Reorganisation der Werke in Deutschland, den Niederlanden und Österreich unter dem neuen Namen Enka-Glanzstoff. Dem österreichischen Zweig wird jeder Einfluss auf Produktion, Export und Erlöse genommen.
1975: Als Folge der weltweiten Rezession wird die Produktion eingeschränkt und auf Kurzarbeit übergegangen.
1977 – 1979: Der 1979 erfolgte Beschluss, die Produktion von textilen Viskosegarnen in St. Pölten einzustellen, wird dank eines Konjunkturaufschwungs 1979 wieder aufgehoben.
1982: „Enka“ will das Werk schließen, der Ministerrat beschließt die Gründung einer Auffanggesellschaft für das Unternehmen.
1983 – 1988: Ab April 1983 war Glanzstoff ein eigenständiges österreichisches Unternehmen und wurde zu 100 Prozent von einer staatlichen Holding übernommen.
1991: Eröffnung der biologischen Abwasserreinigungsanlage.
1994: Das Unternehmen ist insolvent. Die CAG-Holding des Industriellen Cornelius Grupp übernimmt die Glanzstoff. Es wird mit rund 250 Mitarbeitern nur die Viscose-Produktion weitergeführt.
1995: Wieder-Inbetriebnahme der Produktion textiler Garne.
1998: Inbetriebnahme Abluftanlage.
2000 – 2001: Die erste Continue-Spinnmaschine wird in Betrieb genommen.
2008: Brand der Abluftanlage am 10. Jänner 2008. Am 18. Juli 2008 gibt die Firmenleitung bekannt, dass das Werk mit 350 Mitarbeitern mit Ende des Jahres stillgelegt wird.


„Masterplan“
Aus der Projektentwicklung GLANZ-Stadt von Norbert Steiner und Paul Pfoser

1. Die Entwicklung eines Kreativquartiers in und um die architektonisch bemerkenswerten denkmalgeschützten alten Bauten und Hallen der Glanzstoff-Werke.
2. Im östlichen Bereich des Geländes die Ansiedlung möglichst nachhaltiger hochwertiger Gewerbe- und Dienstleistungsbetriebe mit bis zu 1.000 Arbeitsplätzen.
3. Im westlichen Bereich des Geländes ein umfangreiches, für die unterschiedlichsten Wohnformen nutzbares Wohngebiet für 1.000 bis 1.300 Wohneinheiten (2.000-2.600 Einwohner).
4. Gut vernetzte Grün-, Infrastruktur- und Sportflächen und –plätze zur Gliederung und Versorgung des Gesamtareals.
5. Ein zukunftsweisendes Mobilitätskonzept zur umweltfreundlichen Bewältigung des zu erwartenden Verkehrsaufkommen.


Glänzende Aussichten
Als Entwickler für das Projekt, das unter dem durchaus schlüssigen und auch marketingtechnisch gut gewählten Claim „GLANZStadt“ daherkommt, hat man Norbert Steiner gewonnen, der schon als NÖPLAN Boss das Regierungsviertel umsetzte, die ÖBB Bahnhofsoffensive leitete und aktuell als Obmann der Wohnungsgenossenschaft Alpenland aktiv ist. „GlanzSTADT mache ich privat, weil sonst ist mir ja fad“, lacht der nimmermüde Manager.

Die Verwertung des riesigen Fleckens (rund 20 ha) inmitten der Stadt bezeichnet Steiner jedenfalls als „DAS Schlüsselprojekt für die Stadt, das uns sicher die nächsten 20 Jahre begleiten wird.“ Wohnen wird dabei ein umfangreiches Kapitel sein, „da gehen wir von 1.000 bis 1.300 Einheiten aus. Die Voraussetzungen sind gut – es gibt eine nahe, zum Teil fußläufige und radläufige Anbindung an die Innenstadt, den Bahnhof, zugleich das Freizeit- und Naturgebiet im Norden mit den Seen und den Sportmöglichkeiten.“ Die GlanzSTADT soll dabei „qualitativ hochwertig, aber leistbar sein – und gemischt im Angebot.“ Steiner spricht sich diesbezüglich auch für eine Durchmischung der Generationen aus. Verkehrstechnisch angebunden soll das Viertel, das in Wahrheit den Lückenschluss zwischen Innenstadt und Norden darstellt, über die Eybnerstraße, der bestehende Sportplatz könnte abgesiedelt werden. Weniger konkret sind die Ideen für den „Nichtwohnen“-Sektor „da wird es nicht von heute auf morgen gehen, sondern wir werden das – wahrscheinlich von Süden nach Norden – step by step entwickeln.“ Was Steiner diesbezüglich absolut positiv stimmt, ist die Tatsache, „dass der Besitzer Cornelius Grupp absolut gewillt ist, etwas auf die Beine zu stellen.“ Die Idee eines Kreativquartiers etwa in den denkmalgeschützten Teilen des alten Fabrikareals sei eine spannende Idee, weshalb Steiner den Auszug der NDU Factory aus dem Gelände auch „kontraproduktiv findet.“ Die Geschwindigkeit der diversen Projekte werde freilich auch von den Kosten abhängen. „Die Stadt schwimmt nicht im Geld, wie wir alle wissen, die Frage wird also sein, in welchem Tempo wir vorgehen, wie man die Schaffung der Infrastruktur bewältigt.“ Alles in allem ist Steiner aber zuversichtlich, dass die Überführung des ehemaligen Industrieareals in einen attraktiven Stadtteil gelingen wird, „es gibt viele Beispiele im In- und Ausland, an denen wir uns orientieren können.“ Auch die Frage der Altlasten dürfte nicht so schlimm ausfallen, wie ursprünglich befürchtet. „Das Bundesumweltamt hat das untersucht. Altlasten betreffen nur einen Bereich von etwa einem ha von insgesamt 20 ha, die wir nutzen können – mit Baumaßnahmen wird man auch hier Verbesserungen erreichen. Die große Herausforderung ist eher die, dass diese just unter den denkmalgeschützten Teilen liegen – unter der alten Spinnerei.“Aktuell ist man bei der Projekt- und Grundlagenarbeit, „bis Ende des Jahres, spätestens im Frühjahr 2016 möchten wir eine neue Widmung vorlegen – aktuell ist das Grundstück noch als Industriegelände gewidmet!“


Partizipation spielt große Rolle
St. Pöltens Stadtplaner Jens de Buck zur spannenden Entwicklung auf dem Industrie-Areal im Norden der Stadt.

Auf einem Teil des neuen Stadtteils sollen Wohnungen gebaut werden, auf dem anderen Kreatives entstehen. Gibt es schon konkrete Ideen über diese Vorstellungen hinaus?
Der Standort hat ein hohes Potenzial als Wohnstandort, dank seiner zentralen Lage im Stadtgebiet und seiner guten verkehrstechnischen Anbindung an das Straßennetz und an den öffentlichen Verkehr. Dies auch in unterschiedlichen Wohnformen. Neben der Wohnnutzung bietet insbesondere der Gebäude-Altbestand – die Glanzstoffhallen – gute Voraussetzungen für die „Kreativwirtschaft“. Aber auch hier sind die Entwicklungsoptionen noch weitestgehend offen und können sich somit auch ausreichend am sich entwickelnden Bedarf orientieren. Das könnten unterschiedliche Bildungsangebote und -einrichtungen sein, oder Kultur und vieles mehr. Letztlich sieht der Masterplan auch Flächen für einige 100, dem Wohnstandort angepasste Arbeitsplätze vor, das könnten Büros, Forschungs- und Bildungseinrichtungen sein.

Wie wird der Partizipationsprozess angelegt?
Partizipation, also Mitwirkungsprozesse, spielen bei der Entwicklung eines so großflächigen Areals mit einer für die Stadt St. Pölten eng verknüpften Geschichte eine große Rolle. Im ersten Schritt haben wir dem Grundeigentümer, gemeinsam mit seinen Entwicklungsberatern bei unserer Bürgerinformationsveranstaltung zum neuen Stadtentwicklungskonzept die Möglichkeit eingeräumt, ihr Standort-Entwicklungskonzept den Bürgern erstmalig vorzustellen. Natürlich auch deswegen, weil es ein wichtiger Bestandteil des neuen Stadtentwicklungskonzeptes ist. Aufbauend soll auf dieser Grundlage der Flächenwidmungsplan überarbeitet werden, um die erforderlichen Rechtsgrundlagen für die Entwicklung und Verwertung des Gebiets zu schaffen. Insbesondere das dem Bebauungskonzept zugeordnete Verkehrskonzept für das Gebiet fand großen Anklang, nämlich die Betonung eines Stadtteiles mit hoher Wohnqualität auf Basis umweltfreundlicher Mobilität. Das lässt sich auch an den Zielsetzungen erkennen, der Gestaltung des öffentlichen Raumes eine hohe Bedeutung beizumessen. Aufgrund der Langfristigkeit bei gleichzeitig notwendiger Flexibilität der Entwicklung und Verwertung des Areals ist eine enge Abstimmung unter allen Beteiligten erforderlich.