MFG - Zeit für eine warme Dusche
Zeit für eine warme Dusche


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Zeit für eine warme Dusche

Text Johannes Reichl
Ausgabe 09/2023
Wir leben in eigenartigen Zeiten. Im österreichischen Lebensmittelhandel werden mittlerweile Schulungen durchgeführt, im Zuge dessen die Unternehmen ihren Mitarbeitern ganz bewusst ihre Wertschätzung zum Ausdruck bringen. Eine gute und schöne Sache! Irritierend ist freilich einer der Hintergründe: Die Schulungen sollen nämlich nicht nur das Selbstvertrauen heben, sondern damit verbunden auch zu höherer Widerstandsfähigkeit des Personals beitragen, um den täglichen Wahnsinn an der Kasse auszuhalten. Und wenn auf einem Screen im Bürgerservice des Magistrates zu lesen ist „Bitte behandeln Sie unser Personal mit Respekt! Please treat our staff with respect“, dann weiß man sowieso schon, was es gespielt hat. Die Kunden werden immer renitenter. Das Wort „durchgeknallter“ trifft es wohl noch besser.
Und so geht es praktisch allen Berufsgruppen im Dienstleistungssektor. Egal ob Polizei, Pädagogen, Gastro, Pflegepersonal etc. – sie alle berichten quer durch die Bank von Kunden, die schnell explodieren, beratungsresis­tent sind und jegliches Benehmen vermissen lassen.  
Ich weiß ja nicht, wer toxische Binsenweisheiten wie „Der Gast ist König“, „Der Kunde hat immer recht“, „Wer zahlt, schafft an“ verzapft hat, aber streichen Sie diese jedenfalls aus Ihrem Geist und Ihrem Herzen. Die Zeiten von oben und unten, von Master & Servant sollten längst überwunden sein – es geht um respektvollen Umgang miteinander. Zumindest in der Idealvorstellung. In der Praxis würden sich viele Dienstleister schon über ein einfaches „Grüß Gott“ und „Auf Wiedersehen“ freuen, ein „Bitte“ und „Danke“ wäre sowieso schon wie Ostern und Weihnachten zusammen. 
Stattdessen müssen sie immer öfter als Blitzableiter herhalten und bekommen den Grant der Bürger zu spüren. Der entspringt zum einen aus sich verschärfenden Lebensbedingungen, die sozusagen unrund machen – was keinem das Recht gibt, seinen Dampf an anderen abzulassen – zum anderen spielt ein überbordender Narzissmus eine Rolle, der manche tatsächlich in den Wahn versteigen lässt, sie seien der Nabel der Welt. Tut mir leid, dass ich euch das so brutal sagen muss: Ihr seid es nicht! Social Media Echokammern, wo man seine geballte Überdosis Wut und „Wir gegen die anderen“ verabreicht bekommt, sowie Eitelkeitsbefriedigungsplattformen tragen das ihre dazu bei. Und wären die Zeiten nicht ohnedies schon her­ausfordernd genug, treiben Populisten aller Couleur die Spaltung der Gesellschaft noch munter voran, indem sie aus Kalkül (seltenst aus Überzeugung) das Trennende vor das Verbindende stellen und so zu einer Zerstörung der Gemeinschaft beitragen, in der am Ende des Tages nur mehr rücksichtslose, egomanische Zombies herumlaufen. Aber wollen wir das wirklich? Und wie kann man dem entgegenwirken?
Ich wäre diesbezüglich etwa für die flächendeckende Einführung der „warmen Dusche“. Nein, das hat jetzt nichts mit einem Revival des berühmten „Tröpferlbads“ zu tun, auch nichts mit Hygiene (na ja, Seelenhygiene vielleicht), sondern das praktiziert meine Frau in der Volksschule. Am Ende der Woche bilden alle Kinder einen Kreis, und eines – jede Woche ein anderes versteht sich – darf in die Mitte, um sich eine „warme Dusche“ zu gönnen. Alle anderen dürfen in diesem Moment nämlich nur positive Sachen über die Mitschülerin, den Mitschüler sagen! Das wärmt nicht nur das Herz und geht runter wie Öl, sondern stärkt nebstbei das Selbstvertrauen, den Zusammenhalt und den Glauben an die Gemeinschaft. 
Umgemünzt auf den Alltag haben warme Duschen freilich – im Unterschied zu den „verordneten“ in der Schule – eine spannende innere Logik: Man kommt am ehesten in ihren Genuss, indem man selbst großzügig verteilt und seinen Mitmenschen mit Aufmerksamkeit, Liebenswürdigkeit und Wertschätzung begegnet. Denn eine Binsenweisheit stimmt dann doch in der Regel: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ 
Viel Spaß beim nächsten Einkauf!