MFG - Ein PKW kauft nicht ein
Ein PKW kauft nicht ein


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Ein PKW kauft nicht ein

Text Michael Müllner
Ausgabe 03/2024

Der Wandel unserer Gesellschaft macht auch vor den Innenstädten nicht halt. Da wird hitzig diskutiert, über Frequenzzählung und leerstehende Geschäftslokale, aber auch über pulsierende Markttage und volle Tiefgaragen. Immer mit auf der Agenda: das Parken in der Innenstadt. Ein Streifzug über verlorene Stellplätze, errichtete Tiefgaragen und die Frage, was wir vom wertvollen öffentlichen Gut erwarten dürfen.

Es scheint, als liege den St. Pöltnerinnen und St. Pöltnern ihre Innenstadt am Herzen. Egal, ob man das Aussterben in der Fußgängerzone beklagt oder das bunte Treiben in der Innenstadt lobt, jeder hat eine Meinung. Wir sprechen im St. Pöltner Rathaus mit Jens de Buck und Manuel Hammel, beide arbeiten in der Stadtplanung und erklären, welche Gedanken und Zielsetzungen hinter den aktuellen Entwicklungen rund um den Verkehr stecken. Der Gemeinderat als „Stadtparlament“ beschließt grundsätzlich die entsprechenden Planungsaufträge an die Stadtverwaltung, diese führt sie dann im Einklang mit den Gesetzen aus. Erste intensive Pläne zur verkehrstechnischen Entwicklung entstanden in den 1980er-Jahren, ein Generalverkehrskonzept sieht sei jeher vor, dass der motorisierte Individualverkehr in der Kernstadt reduziert werden soll. Ein wesentlicher Schlüssel war dabei die Herstellung eines äußeren Rings rund um die Stadt: Schulring, Schießstattring, Daniel-Gran-Straße, Kerntangente Nord. Seit dieser im Jahr 2016 vollständig geschlossen wurde, konzentriert man sich auf die Innenstadt. 

Ring, Ring!
Ein großer Punkt ist dabei die Attraktivierung des Inneren Rings. Bahnhofbereich, Julius-Raab-Promenade und derzeit insbesondere die Karl-Renner-Promenade mit einem Ausläufer bis hin zum Europaplatz. Mit dem „Grünen Loop“ wurde ein breiter und transparenter Prozess umgesetzt: Ideen der Bevölkerung sammeln und einbinden, mittels Planer-Wettbewerb die beste Gesamtlösung finden. Die Neugestaltung basiert auf Grundgedanken, die durchaus zeitgemäß sind: Mobilität braucht nicht zwangsläufig ein Auto. Fußgänger, Radfahrer, Busse wollen ebenso berücksichtigt werden. Grünräume sind nicht nur gut fürs Klima, sorgen für Beschattung und damit Abkühlung, sie laden auch zum Verweilen ein. Der neue Promenadenring soll nicht einfach eine neuasphaltierte Straße sein, sondern ein öffentlicher Raum für alle, nicht zuletzt für Anrainer der Innenstadt, die verkehrsberuhigte Grünräume erwarten dürfen – mit Spielplätzen, Schanigärten, konsumfreien Räumen. Will man all diese Funktionen fördern, muss man Parkraum reduzieren. 
Somit sind wir bei der anderen Seite der Medaille. Kaum wer beschwert sich über breitere Rad- und Gehwege, mehr Grünflächen mit Regenwassermanagement, dass es frischgepflanzten Bäumen erlauben soll, über Jahrzehnte auch wirklich zu wachsen. Aber wenn dann keine Parkplätze mehr über sind, um in diese schöne Innenstadt zu kommen, ist dann nicht auch ein Teil der Übung in die Hose gegangen? Im Jahr 2007 gab es Überlegungen die Kurzparkzonen auszuweiten. Was heute als Parkpickerl in Wien und anderswo Anrainer glücklich macht und sich bewährt hat, war damals noch nicht umsetzbar. Zu jener Zeit aber wurde ein Stellplatzkonzept in Auftrag gegeben, in der etwas weiteren Kernstadt zählten die Studienautoren rund 15.000 Stellplätze auf öffentlichem Gut. Wie viele sind davon noch erhalten geblieben? 

Zahlen, bitte?
Eine Zahl können die Rathausexperten nicht nennen, es sei schlichtweg nicht bekannt, wie viele Parkplätze weggefallen sind. Doch in der Wahrnehmung des Problems scheinen die Fachleute einen entspannteren Zugang zu haben: Das öffentliche Gut in der Kernstadt hat einen immens hohen Wert, der Platz lässt sich einfach nicht erhöhen, man kann nur die Nutzung verändern. Und der öffentliche Wert soll für alle Bürger der Stadt möglichst hoch sein, nicht nur für einen Autobesitzer, als Stellplatz. „Wir nutzen den gewonnenen Parkraum für mehr Qualität und Attraktivität im öffentlichen Raum“, hält de Buck fest. Zudem ist er überzeugt, dass St. Pölten im Hinblick auf Parkplätze ohnehin super aufgestellt ist. Neue Tiefgaragen wie die Parkgarage Karmeliterhof würden das Angebot an attraktiven Parkplätzen erhöhen. Das Parkhaus Cityparken beim Bahnhof sei ein lichtdurchflutetes oberirdisches Parkhaus – also gerade für jene bestens geeignet, die aus welchen Gründen auch immer nicht in eine Tiefgarage fahren wollen. Dass damit Parkende vom öffentlichen Grund in die Garagen privater Betreiber gelenkt werden, stört im Rathaus nicht. Denn, siehe oben: Der öffentliche Grund habe wertvollere Funktionen, als nur einem Auto als Stellplatz zu dienen.
Heiß umstritten in dieser Frage ist der Domplatz. Seit jeher war klar, eine Tiefgarage ist nicht möglich, der historische Platz ist ein geschütztes Bodendenkmal, da kann man nicht zwei Parkgeschosse tief reingraben und Autos parken, wenn drunter archäologische Schätze der Römer liegen. Im Rathaus hatte man ohnedies andere Pläne für den neugestalteten Platz, als dass man ihn wieder mit weißer Farbe bemalen und als großen Parkplatz nutzen wollte. Rund 130 Oberflächen-Stellplätze sind so verloren gegangen. 
Eine Anzahl, die laut Jens de Buck doppelt kompensiert wurde, zumindest, wenn man Stellplätze in Hoch- und Tiefgaragen gelten lässt. Eine weitere Tiefgarage ist derzeit in der finalen Planung und soll als Domgarage ein zentrales Projekt der Innenstadtentwicklung werden. Zudem werden Park-and-Ride-Anlagen saniert und ausgebaut, etwa in der Goldeggerstraße, deren Anbindung an die Innenstadt und den Bahnhof noch verbessert werden soll. 

Handel und Wandel?
Doch gerade das Fehlen von „einfach“ erreichbaren, preiswerten Oberflächenparkplätzen in zentraler Lage wird oft als Fehlentwicklung der Innenstadt kritisiert – häufig auch in Zusammenhang mit Geschäftsschließungen im Handel. Wer sich eine neue Brille kaufen möchte, der fährt halt dann gleich zum Optiker im Traisenpark und kauft dort noch fürs Wochenende ein, anstatt in der Innenstadt ein Parkhaus aufzusuchen und dann minutenlang im Regen von A nach B zu laufen. „Der PKW geht nicht einkaufen“, heißt es dazu im Rathaus. Es seien die Menschen, die konsumieren – im Handel, aber auch bei Dienstleistern und Gastronomiebetrieben. Und die Mobilität der Menschen hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Fünf Millionen Fahrgäste zählte der LUP-Stadtbus im Jahr 2023. Von 2022 auf 2023 haben sich die Ausleihen der Nextbike-Fahrräder fast verdoppelt – obwohl aufgrund von Lieferengpässen das Angebot erst 2024 ausgebaut werden kann, wie Manuel Hammel betont. 
Mehr Menschen sind mit dem Rad unterwegs, das Zu-Fuß-Gehen ist Teil eines gesunden Lebensstils geworden. Natürlich, nicht jeder ist gut zu Fuß und bei Einschränkungen braucht es spezielle Lösungen, aber generell sei Mobilität nicht mehr nur durch die Brille der PKW-Fahrer zu sehen. Gerade stellt man im Rathaus einen Bericht über das Leitkonzept Aktive Mobilität (LAMOB) fertig. Im Sinne der Partizipationskultur einer modernen, integrierten Stadtverwaltung hat man über unterschiedliche Kanäle Anregungen und Wünsche der Bürgerinnen und Bürger zur Mobilität erhoben und so einen Handlungsleitfaden für die nächsten Jahre erarbeitet. 

Platz, da!
Zudem wächst die Stadt. Bei den Hauptwohnsitzern geht man in Richtung 60.000, für die Stadtplanung ein Thema, an dem intensiv gearbeitet wird. St. Pölten hat wesentlich mehr Einpendler als Auspendler, die Kernstadt mehr Frequenz als früher. 20.000 Personen zählt man am Beginn der Kremsergasse in der Fußgängerzone an einem durchschnittlichen Werktag in der Früh, ein Großteil davon Schülerinnen und Schüler. Die meisten sind also ohne Auto unterwegs, auch für sie hat die Stadt- und Verkehrsplanung Voraussetzungen zu schaffen. 
Wie schwierig das in der Praxis ist, zeigt sich dieser Tage rund um die Schneckgasse. Rund 1.000 Schülerinnen und Schüler besuchen täglich das Schulzentrum Mary Ward. Besonders für die Jüngsten, die Volksschüler ist der Schulweg oft noch eine Herausforderung. Ganz im Sinne der Pädagogik wird dann oft appelliert, man möge auf Eltern-Taxis verzichten und die Kinder nicht bis vors Klassenzimmer chauffieren. Desto weniger Autos auf einer Straße vor der Schule fahren, desto sicherer ist die Straße für die Kinder. Doch nicht jedes Kind kann zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Bus kommen. Manche Kinder werden eben mit dem Auto gebracht. Hier hat die Stadtplanung in allen Städten das gleiche Problem: Ist der Schulweg unsicher, bringen noch mehr Eltern die Kinder mit dem Auto zur Schule – und vergrößern so das Problem. Schon jetzt ist der Bereich zwischen Europaplatz und Schulring vor Schulbeginn eine unübersichtliche Stauzone. Verschärft wird das Chaos durch die umfangreichen Bauarbeiten in der Karl-Renner-Promenade. 

Am besten beamen!
Viele Eltern umgehen den Stau in der Schneckgasse und lassen ihre Kinder in der Linzerstraße aussteigen, dort führt ein Hintereingang ins Schulzentrum. Doch ab April soll dieser Straßenabschnitt für den Verkehr gesperrt werden, nur die LUP-Busse dürfen Richtung Rathausplatz weiterfahren, alle anderen müssen in die Schneckgasse abbiegen. Hunderte Eltern gaben nach Bekanntwerden der Pläne mittels Fragebogen Feedback an die Elternvertreter, damit im Rathaus eine taugliche Lösung gefunden wird. Gefordert wird etwa eine Kiss-and-Ride-Zone in sicherer Nähe zur Schule. Also ein Ort, an dem Kinder aussteigen können und ohne Gefahr die letzten Meter zur Schule allein gehen. Geradezu skurril wirkt dabei, dass derzeit die Parkplätze beim XXXLutz am Europaplatz oder dem ehemaligen Betten-Reiter in der Josefstraße frühmorgens zugeparkt sind – weil die Eltern einfach keinen vernünftigeren Platz finden, um ihre Schützlinge in die Nähe der Schule zu bringen. In der Stadtverwaltung sieht man die Aufregung entspannt: Verkehrsteilnehmer würden sich rasch und gut auf geänderte Rahmenbedingungen einstellen – und eben einen anderen Weg wählen. 
Kunstumleitung!
Die Sperre der Linzerstraße wurde – wie so vieles in diesem Jahr – mit dem Gegenwartsfestival Tangente begründet. Ein Festival-Info-Center sei dort geplant und da müsse man eben den Verkehr reduzieren. Nun wünscht man der Linzerstraße und der Tangente ganz viel Frequenz, aber ob dafür eine Straßensperre Not tut? Es dürfte auch Ideen geben, Kunst auf den öffentlichen Raum zu tragen – sprich auf die Straße. Manche sehen gar einen Testballon und erwarten, dass die Ausweitung der Fußgängerzone auch nach dem Oktober 2024 beibehalten bleibt. Im Rathaus wollen die Stadtplaner davon nichts wissen. Es gehe wirklich nur um die Tangente und danach werde man evaluieren, ob die Verkehrsberuhigung positive Effekte hatte. 
Dass die Straße nachhaltig aufgewertet wird, dass also die Stadt Geld in die Hand nimmt, um den öffentlichen Grund attraktiver zu machen, hängt auch immer an der Bereitschaft der Liegenschaftseigentümer, dass diese auch in ihre Objekte investieren – Stichwort: Fassadengestaltung. Generell macht die Linzerstraße derzeit einen eher desperaten Eindruck, ein bisschen „Little Berlin meets Lower Austria“. Viele Geschäftslokale stehen leer, attraktive Wohnhäuser sind Mangelware, Einzelkämpfer bestehen vielmehr trotz, nicht wegen des Standorts. Spannend an der Linzerstraße ist auch, dass sie eben noch nicht von der Stadt attraktiviert wurde. Es fehlt also an allem Schönen, was Parkflächen reduziert hätte. Die Oberflächen-Stellplätze sind somit noch da, die Handelsbetriebe dennoch vielfach verschwunden.

Rettet die Straße?
Marco Fuxsteiner betreibt seit bald zehn Jahren das MacLarens Pub in der Linzerstraße. Ältere Semester kennen das Lokal noch als „Salzamt“. Schon zuvor war er in der Linzerstraße aktiv, zwischen Schneck­gasse und Karl-Renner-Promenade betrieb er das Madhouse bzw. Batcave. (Welches zuvor als Glasnost bekannt war.) Der Gastronom blickt zuversichtlich auf die anstehenden Pläne: „Ich bin guter Dinge und begrüße es, dass sich nun in der Linzerstraße endlich was tut und es eine Fußgängerzone wird. In meinen gut 18 Jahren in dieser Straße als Gastronom habe ich schon viel gesehen und gehört – auch viele Versprechungen. Aber ich glaube daran, dass die Linzerstraße super wird! Ich sehe es als Chance, wenn nicht sogar als letzte Chance, dass man die Straße noch retten kann. Dazu muss halt die Stadt mitspielen und die Straße attraktiver machen – etwa so wie in der Schreinergasse. Aufgerissen wurde die Linzerstraße schon oft genug, Leitungen unten sind erneuert, jetzt könnte man Pflastern. Und dann kommen vielleicht gleich wieder mehr attraktive Geschäfte. Man muss in der Straße alles auf eine Karte setzen, schlechter kann’s nicht mehr werden“, hofft Fuxsteiner. Ob die temporäre-Tangenten-Sperre der Anstoß zum Aufschwung für die Linzerstraße ist, wird sich wohl erst weisen. Dass die städtische Verkehrsplanung weiterhin polarisieren wird, steht hingegen fest. Was man aber auch als positives Zeichen sehen sollte: Es verändert sich etwas – und das muss ja nicht zwangsläufig zum Schlechten sein.