MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Generation mit Abstrichen

Text Thomas Winkelmüller
Ausgabe 11/2020

Ausgehverbot, Fernlehre und Perspektivenlosigkeit. Kinder und Jugendliche verlieren seit dem März dieses Jahres Stück für Stück an Gegenwart und Zukunft. Was macht das mit ihnen und wie erleben sie die Krise? Das MFG hat sie gefragt und ihre Antworten gesammelt.

Laura, Studentin aus St. Pölten
Während Corona habe ich die meiste Zeit bei meiner Mama in St. Pölten gewohnt. Die ersten Wochen waren ganz okay, aber es hat mich belastet, meinen Job verloren zu haben. In dieser Zeit habe ich die Großstadt und meine Unabhängigkeit jede einzelne Sekunde vermisst.
Ich habe fast zeitgleich mit dem ersten Lockdown eine Beziehung begonnen. Mit ihm war ich gemeinsam in Quarantäne. Leider hat uns das Eingesperrt-Sein psychisch ziemlich belastet. Der Sommer war schön, aber trotzdem war es nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Im Endeffekt hat uns Corona ein Stück weit die Beziehung gekostet.
Mittlerweile habe ich meine eigene kleine Wohnung in Wien. Diesmal bin ich ganz allein. Ich hinterfrage jeden Tag, wie die Beziehung wohl gewesen wäre, wenn sie im normalen Leben stattgefunden hätte. In einer Welt ohne Corona.

Paula, Schülerin aus einer NMS
Am Beginn des ersten Lockdowns waren die Lehrer noch eher schlecht vorbereitet. Wir waren nur kurz im Computerraum und haben das Nötigste besprochen, aber nicht viel gemacht. Später hat mir dann eine Freundin nochmals alles genau erklärt. Also am Anfang war die Kommunikation nicht gut. Mittlerweile funktioniert es besser. Wir bekommen verständliche Angaben und die Lehrer nehmen sich die nötige Zeit für uns. Ich denke, dass ich nicht allzu viel verpasse, wenn ich brav mitlerne.

Emma, Schülerin in einer HLW
Ich will ehrlich sein. Einerseits finde ich Online-Unterricht nicht schlimm, aber Freunde, Klassenkollegen und das Schulfeeling gehen einem mit der Zeit ab. Die Freude am Lernen schwindet von Tag zu Tag, denn meiner Meinung nach sind Klassenkollegen ein wichtiger Ansporn dafür.
Abendliche Feiern, Fortgehen und Partys. All das sind Dinge, die in meinem Alter langsam eine größere Rolle für mich spielen würden. Wegen Corona geht das alles nicht, denn von Woche zu Woche werden die Maßnahmen verschärft. Jemand hat mal zu mir gesagt, ein wichtiger Teil unserer Jugend werde uns gerade weggenommen und ich stimme dieser Aussage zu.

Felix, Schüler im BIGS
Zuhause war es eigentlich sehr gemütlich. Ich konnte endlich meinen Schlaf aufholen, nahm ein paar Lieder auf und saß fast die ganze Zeit nur vorm Computer. Das funktionierte auch die ersten zwei Wochen sehr gut – nur irgendwann konnte ich nicht mehr einschlafen und habe ungewollt durchgemacht. Morgens begleitete ich meine Mutter in die Arbeit und fuhr dann alleine mit dem Rad wieder nach Hause – in der Hoffnung müder zu werden.
Auch das wochenausklingende Fortgehen musste ich mir abschminken. Ich habe dann mit meinen Freunden via Skype ein paar Bierchen gezwitschert. War zwar nicht das Gleiche, hat aber funktioniert.


GETEILTES LEID…

…ist halbes Leid. Mit dem Fernunterricht sind die Schülerinnen und Schüler nicht ganz alleine gelassen. Lehrkräfte unterstützen Kinder und Jugendliche, während auf ihnen die Last liegt, den Lernerfolg zu gewährleisten. Leichter gesagt als getan, erzählt eine St. Pöltner AHS-Lehrerin, die lieber anonym bleiben möchte.

Corona verändert seit dem März dieses Jahres den Schulalltag. Wie ist die Lehrerschaft in St. Pölten mit der neuen Situation umgegangen?
Es war zunächst schwierig, weil kaum eine Schule auf solche Herausforderungen vorbereitet war, aber wider Erwarten hat es bei uns gut geklappt. Die Direktion hat gemeinsam mit der IT-Abteilung und unserer Administration den Unterricht an unserer Schule online fit gemacht. Damit das funktioniert, haben die Kollegen viel Arbeit reingesteckt.

Für den aktuellen Lockdown sind Sie gut vorbereitet?

Ja. Herausfordernd für uns Lehrer ist aber, dass wir unsere Unterlagen eins zu eins auf die Plattformen bringen sollten, was so nicht geht. Unsere Unterlagen sind nicht dafür gedacht. Das ist ein irrer Aufwand.

Abseits vom Digitalisieren der Unterlagen: Wie groß ist die Mehr-Belastung durch Corona?

Man muss zwischen den Fächern unterscheiden. Anglisten, Mathematiker und Germanisten sind am Anschlag und das ist nicht übertrieben. Ich bin niemand der gern jammert, aber Lehrer müssen etwa technisch enorm aufrüsten.

Kann eine solche Umstellung und Belastung dauerhaft gut gehen?
Naja, der generelle Tenor ist, dass einfach enorm viel Stoff verloren geht. Ich sag selbst immer, dass man sich auf die Hauptfächer konzentrieren soll, damit man nicht so stark nachhinkt, aber auf Dauer geht das nicht. Die Kinder lernen nicht zum Spaß Physik oder Geografie.

Und machen die Kinder und Jugendlichen mit?
Die Jüngeren sind dabei und schalten auch brav ein, obwohl wir sie ja nicht einmal mit Video zu sehen bekommen. Die haben – so kommt es mir vor – noch nicht herausgefunden, dass sie sich hinter der Kamera verstecken können. In der Oberstufe schaut das anders aus. Ich kann die Leute im Unterricht zwar ab und an drannehmen und kontrollieren, ob sie da sind und aufpassen, aber bei unseren 30er-Klassen kann man sich vorstellen, wie gut das geht.

Apropos „auf der Strecke bleiben“. Wie sieht die Hilfe der Schulen für benachteiligte Kinder aus?
Über unsere Online-Tools konnten wir mit den meisten schnell in Kontakt treten und fragen, welche technischen Geräte zuhause vorhanden sind und ob sie geteilt werden müssen. Auch wie es mit dem Internet im Haus ausschaut, wollten wir wissen. Die Frage, ob man am Land oder in der Stadt wohnt, ist ausschlaggebend. Es gibt schlichtweg Gegenden, in denen das Internet nicht gut genug ausgebaut ist, ob man es glaubt oder nicht. Ich habe eine Kollegin vom Land, die verzweifelt. Sie rüstet auf was geht und arbeitet viel in der Nacht, damit ihre Kinder und ihr Mann im Home-Office sein können und manchmal schafft sie es dann trotzdem nicht, dass sie ihre Stunde abhält.

Wie sieht das Feedback der Schülerschaft aus?
Ich habe meistens das Gefühl, dass das Schulische überwiegend passt und ihnen in erster Linie der Kontakt zu Freunden stark abgeht. Meine größte Sorge ist aber, dass die sozial benachteiligten oder leistungsschwachen Schüler links der sozialen Schere zurückbleiben. Sowohl bei uns in der Schule als auch im Privaten.


„DEPRESSIONEN, ANGST UND BELASTUNG“

Irene Kautsch leitet das Kinderschutzzentrum MÖWE. Als Psychotherapeutin arbeitet sie und ihr Team vor allem mit Jugendlichen und Kindern, die von Gewalt aller Art betroffen sind. Die Corona-Maßnahmen erschweren ihr Angebot.

Was hat sich seit dem Ankommen von Corona in Österreich in Ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geändert?

Grundsätzlich bemerken wir in der Arbeit mit Jugendlichen, die schon eine Problemstellung in Bezug auf Gewalt haben, dass sie die Situation rund um Corona weiter belastet. Es verstärkt eine depressive Symptomatik. Die Jugendlichen erleben eine starke Einschränkung von positiven Erfahrungen und Erlebnismöglichkeiten. Das wirkt negativ auf Kinder und Jugendliche und mündet in depressives Verhalten, Ängste und eine höhere Belastung. Bei manchen führt es dazu, dass sie ihre Pflichten ganz lassen, weil ihnen ihre Situation nicht mehr bewältigbar erscheint.

Haben Sie ein bezeichnendes Beispiel?
Ja. Mir fällt da ein Jugendlicher ein, der stark unter dem Übergriff eines Nachbarn leidet und in der Zeit des Corona-Lockdowns einfach nicht mitmachen konnte. Der hat es schlichtweg nicht mehr geschafft selbstständig zu arbeiten.

Wenn es bereits Gewalt gegeben hat, und Kinder und Jugendliche jetzt vermehrt in ihren vier Wänden bleiben müssen – verschärft dies die Situation?
Also wenn es schon Gewalt im Haushalt vor Ort gibt, ist das jetzt sicher eine ernstzunehmende Bedrohung. Enge und Unausweichlichkeit verstärkt solche Phänomene tendenziell.

Wie bleiben Sie denn jetzt mit den Jugendlichen in Kontakt?

Grundsätzlich gelten wir jetzt im Lockdown Nr. 2 als versorgungsrelevant und versorgungskritisch eingestufte Einrichtung. Das heißt, dass wir weiter da sind und im Krisenfall weiter zum Gespräch persönlich zur Verfügung stehen. Was wir bei Lockdown Nr. 1 festgestellt haben, ist, dass Jugendliche gern mit uns über WhatsApp in Kontakt treten und über solche Wege gut erreichbar sind. Das ist die einzige Gruppe, bei der das Ausweichen auf Videoanrufe auch positiven Beigeschmack hat.

Welche Probleme abseits von Missbrauch etc. beschäftigt die jungen Menschen nach ihrem Empfinden am meisten?
Die größte Belastung ist sicher der ausbleibende soziale Kontakt.

Und wie kann man jungen Menschen da helfen?

In erster Linie einmal dadurch, dass wir die Belastung anerkennen. Wenn man die aktuellen Regeln einhält, verliert man Kontakt zu anderen Menschen. Jugendliche belastet das besonders. Da braucht es viel Arbeit. Mir ist es da wichtig anzumerken, wie toll die meisten Kinder und Jugendlichen mittun.

Haben Sie selbst Probleme, dass Sie den Kontakt zu den Jugendlichen verlieren?
Ja. Wenn Leute den Jugendschutz nicht wollen, entkommen sie ihm mit der COVID-Situation leichter. Wenn sie ihre Familien vor Corona schützen möchten, weil es eine gefährdete Person gibt, können sie sich durch solche Geschichten schneller unseren Programmen entziehen. Das passiert wirklich, wenn auch nicht in großem Umfang.

Zum Schluss: Was wäre für Sie entscheidend, um einen besseren Schutz für Kinder und Jugendliche zu gewähren?
Kinderschutzzentren wie die MÖWE sind noch immer von Spenden abhängig und nicht völlig durchfinanziert. Es geht weniger darum, insgesamt mehr Gelder zu bekommen, sondern wir brauchen eine sichere Struktur, in der wir nicht immer wieder auf Suche nach Geldern gehen müssen. In Niederösterreich sind die Zentren zu 30 Prozent auf Spenden angewiesen. In Oberösterreich sind sie hingegen ausfinanziert.


HELFENDE HÄNDE

Michael „Hogi“ Hogl leitet als Sozialarbeiter das Jugendzentrum Steppenwolf. Vor allem Jugendliche, die nicht wissen, an wen sie sich mit der Angst und Perspektivenlosigkeit wenden sollen, kommen in die Einrichtung. Niederschwellige Sozialarbeit während Corona stößt naturgemäß an ihre Grenzen – und die versucht Hogl zu überwinden ...

Sie sind Sozialarbeiter. Ihr Beruf ist es Zeit mit Jugendlichen zu verbringen und ihnen zu helfen. Wie geht das während eines kontaktlosen Lockdowns?
Unsere Arbeit lebt von Beziehungen und als die im Frühjahr unterbrochen worden sind, war das weder für die Kids noch für uns einfach. Für viele war diese Andockstelle Steppenwolf einfach ein fixer Teil ihres Lebens und der ist weggefallen. Wir sind alle mit den technischen Voraussetzungen in der glücklichen Lage eine Art Krücke mit Social Media zu haben, um ein niederschwelliges Informations- und Beratungsangebot bereitzustellen.

Wie sieht dieses Online-Angebot aus?
Es gibt nicht dieses allgemein gültige Konzept, wie ein virtuelles Jugendzentrum funktioniert, sondern wir müssen schauen, was unsere Kids in St. Pölten am meisten nutzen. Daher haben wir unseren Auftritt auf Instagram genutzt und bauen ihn seitdem weiter aus. Mit den meisten haben wir den Kontakt gehalten, ein paar sind weggefallen. Gleichzeitig haben wir viele Neue dazugewonnen, die wir im Jugendzentrum nicht so bald gesehen hätten. Wir schauen auch laufend, welche Informations- und Beratungsangebote gerade relevant sind und bespielen unsere Kanäle mit diesen Infos.

Können Sie die Jugendlichen jetzt während des zweiten Lockdowns vor Ort besuchen?

Ja, wir sind weiterhin auch vor Ort für die Jugendlichen da. Seit dem zweiten Lockdown haben wir uns in zwei Teams gesplittet und bleiben von Dienstag bis Samstag von 14 bis 19 Uhr für Gespräche sowie Unterstützung geöffnet.

Und mit welchen Problemen kommen die Jugendlichen jetzt während Corona zu Ihnen?
Im Frühjahr war die Strafthematik bezüglich Treffen mit Gleichaltrigen außerhalb der eigenen vier Wände ein großes Thema. Das ist in diesem Alter unglaublich wichtig, wie in keiner anderen Lebensphase. Für viele war es besonders schwierig, über viele Wochen zu Hause zu bleiben und die Freunde nicht zu treffen. Prekäre Wohnverhältnisse, wenig Platz oder viele Geschwister. Die Liste ist lange.
Vor allem Jugendliche aus problembelasteten Familien haben es am meisten riskiert rauszugehen und in unserer Wahrnehmung deswegen die meisten Strafen kassiert. Ein Bursche hat es viermal geschafft 450 Euro zahlen zu müssen. Dann waren wir bei 1.800 insgesamt. 900 konnte er zahlen und den Rest musste er absitzen. Er hatte noch nie Probleme mit der Polizei und das war eine Erfahrung für ihn, die nicht so leiwand war. Er wurde ins kriminelle Eck gestellt, obwohl er nicht das Bewusstsein hatte, sonderlich viel falsch gemacht zu haben.

Was macht Corona mit den Jugendlichen?
Die langfristigen psychologischen Auswirkungen sind aktuell nicht abzusehen. Worüber wir uns einig sind, ist, dass wir uns noch länger mit dem Thema Corona und den Auswirkungen beschäftigen werden müssen. Ich denke da an den Arbeitsmarkt. Gerade für Jugendliche, die am Rande der Gesellschaft stehen, wie arbeitslose oder obdachlose Kids in der Stadt, schwinden corona-bedingt die Perspektiven auf eine bessere Zukunft.


GESAMMELTE TEXTE EINER 4. KLASSE VOLKSSCHULE AUS ST. PÖLTEN LAND

In der Zeit mit Corona können wir nicht Reiten gehen, uns mit Freunden treffen und mehr. Ich habe Angst um meine Uromas und Uropas. Sich darüber ärgern bringt genau gar nichts und wir müssen es einfach auf uns zukommen lassen.
Leonie

Ich hatte beim ersten Lockdown für eine kurze Zeit auch Angst. Für mich wäre das Schönste, wenn alles wieder normal wäre.
Gabriel und Hayda

Während Corona ist es langweilig die Masken zu tragen. Ich wünsche mir, dass die Zeit mit den Masken vorbei ist. Ich wünschte, dass Covid-19 weggehen würde, weil ich schlauer werden möchte.
Kerem und Daniel

Beim ersten Lockdown bin ich gar nicht richtig mitgekommen. Es war sehr schwierig in dieser Zeit. Ich bin ein bisschen wütend, weil der Spielplatz geschlossen hatte und wir vermissen die Normalität, falls es überhaupt noch eine gibt. Wir wünschen uns, dass Corona bald vorbei ist, auch wenn wir zu Weihnachten keine Geschenke bekommen.
Krawery und Johannes

Wir vermissen die Lesenacht und mit der ganzen Klasse zu singen oder Ball zu spielen. Wir wünschen uns wieder mit der Schule einen Ausflug machen zu können. Manches ist sehr schwierig in dieser Zeit, weil wir Abstand halten und die Masken tragen müssen.
Laura und Damien