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Es ist schön, für den lieben Gott zu spielen

Text Andreas Reichebner
Ausgabe 02/2026

St. Pölten hatte der gebürtige Osttiroler Bergbauernbub Ludwig Lusser damals vor 20 Jahren nicht am Schirm, aber trotzdem bewarb er sich als Domorganist.


Das erwies sich rückblickend als Glücksfall – für Lusser, weil er die kleinstädtische Umgebung, abseits des ganz großen Rampenlichts, für seine improvisationsreichen Experimente nützen konnte, und für St. Pölten, weil seitdem in der Stadt eine Reihe von außergewöhnlichen Orgelkonzerten mit internationaler Reputation stattfanden.
Mit 10 Jahren im Internat in Schwaz begann er, nachdem er sich am Klavier probierte, schon an der Orgel zu spielen. „Ich war damals scheinbar als begabter Schüler aufgefallen“, erinnert sich der in Innervillgraten/Osttirol geborene Ludwig Lusser, der heuer 20 Jahre als Domorganist in St. Pölten feiert. „Gleich von Anfang an habe ich an der Kirchenorgel hauptsächlich improvisiert. Das war für mich sehr wohltuend. Seit dieser Zeit spiele ich in der Liturgie. Das ist für mich von besonderer Bedeutung, der Gedanke, für den lieben Gott zu spielen.“ Deswegen hat er sich vor knapp 20 Jahren auch um die Stellung als Domorganist in der Landeshauptstadt beworben. „Ich hatte St. Pölten eigentlich nicht so am Schirm“, erzählt Lusser, der als junger Organist über Innsbruck an die Universität für Musik und darstellende Kunst nach Wien, wie er sagt, „weitergereicht wurde“ und damals auf Geheiß eines Studienfreundes in Lübeck engagiert war. Ganz ernst nahm er seine Bewerbung nicht, obwohl „in der Szene bekannt war, dass hier mit dem Domkapellmeister Otto Kargl auf sehr hohem Niveau gearbeitet wurde.“ Lusser erhielt die Stelle und zog gleich mit seiner Familie in die oft unterschätzte Landeshauptstadt. „Das war paradiesisch, die Gegebenheiten hier kommen meiner Arbeitsweise sehr entgegen. Hier steht man nicht so in der Auslage, hier konnte ich und kann beruhigter experimentieren.“ 

Ein unerschrockener Improvisateur
Denn Lusser ist ein Organist, der in vielen Bereichen wie Tanz, Jazz, Oper, Literatur und im 800-jährigen Orgel-Repertoire seine Inspirationen sucht. Wie formuliert es Ziehharmonika-Legende Otto Lechner im Folder zum Jubiläumsjahr mit wunderbarem Musikprogramm so treffend: „es tut gut zu wissen, daß dort in st. pölten einer auf der orgel sitzt, der in der dämmerung des abendlandes – neugierig und unerschrocken – nach poesie, musik und sinn sucht, und auf den man sich verlassen kann.“ 
Obwohl er frisch darauf losimprovisierte und experimentierte, ist, wie er selbst schmunzelnd erwähnt „nichts schief gegangen.“ Die „Kleinheit“ in St. Pölten ist seinem künstlerischen Naturell, einer abgeschiedenen Langsamkeit, zuträglich. „Zum Üben von komplexen Orgelstücken oder modernen Werken benötigt man einfach Zeit. Otto Kargl und der Klerus haben mir in ihrer Offenheit ideale Bedingungen geschaffen, um experimentieren zu können. Auch die Unterstützung von Stadt und Land ist wunderbar“, schwärmt Lusser von den spezifischen Bedingungen hier in der Nicht-Großstadt, die für ihn eine hohe Lebensqualität besitzt. 
Seine normale Tätigkeit, neben dem Erarbeiten von experimentellen Projekten, sind sieben liturgische Messen in der Woche plus die Feiertagsliturgien. Die Dommusik hat auch drei, vier Vokalensemble, mit denen er probt und auch die Aufführungen gestaltet. Das beinhaltet auch solistische Beziehungen. 35-40 größere Werke werden im Laufe des Kirchenjahres für die Messfeier ausgearbeitet, unterschiedliche Bischofsmessen, wie Hochzeiten, Taufen und dergleichen. Verschiedene Bereiche gehören zu seiner alltäglichen Arbeit am Dom. Neben der Domorgel hat er auch die Möglichkeit, am Konservatorium für Kirchenmusik und an der KPH zu üben. Aber wenn er an Tagen, in denen niemand den Dom besucht, an der Orgel spielt, hat es für ihn „einen angenehmen und inspirierenden Charakter.“ Vor allem in den letzten zwei Wochen vor einer Aufführung. 
Stradivari unter den Orgeln
Die Domorgel, ein mittelgroßes Instrument, das 1973 von einem Schweizer Orgelbauer, stark auf die Barockzeit zugeschnitten, erbaut wurde, ist für Lusser „die Stradivari unter den Orgeln“. Die Prospektpfeifen stammen noch aus dem Barock. „Es ist ein sehr wertvolles, klangschönes Instrument mit 36 Klangfarben und ein weiterer Glücksfall ist der Kirchenraum mit seiner außergewöhnlichen Akustik.“ Bei komplizierten Stücken benötigt der Domorganist für die vollmechanische Anlage allerdings zwei Assistenten zum Bedienen der Register. 
Lusser ist durch seine Sozialisierung als Bergbauernkind in Osttirol katholisch geprägt. „Ich bin ein tiefgläubiger Mensch, kein frömmelnder Kampfkatholik“, sagt er von sich. Deshalb ist das Spiel in der Liturgie eine ganz natürliche Tätigkeit. „Es hat für mich einen höheren Wert, als wenn ich ein Konzert spiele. Als Improvisator entwickle ich das ständig weiter. Es ist für mich eine wunderbare Einheit, ein spezielles Setting“, so Lusser, der stark von seinem Lehrer Michael Radulescu beeinflusst wurde. Er hatte ihn zu Beginn seiner Karriere verstärkt zur Kirchenmusik gebracht.

Bei Schubert aus dem Vollen schöpfen
Die Krönungsmesse von Mozart oder die sechs großen Messen von Haydn oder die in S-Dur von Franz Schubert sind für Lusser großartige Beispiele von Kirchenmusik. Letztere und die Spuren von Schubert, die er in St. Pölten hier hinterlassen hat, begeistern ihn. Eine der ersten Schubertiaden soll in der Stadt stattgefunden haben. In St. Pölten gibt es dazu zwar ein eigenes Schubertzimmer, aber sonst wurde zu diesem Thema noch wenig unternommen und entwickelt. „Es gibt in der Stadt Leute, die sich nicht in den Vordergrund stellen, aber interessante anregende Künstler sind. Hier könnte man mit den frühen Bühnenwerken des jungen Schuberts aus dem Vollen schöpfen, etwas Neues für St. Pölten entwickeln. Mithelfen, die Schubertwerke aus der Geschichte der Stadt zu erzählen“, ist der Domorganist überzeugt von einem Projekt Musikfest zu Ehren Schuberts, dass sich abseits der großen Kulturtanker aus dem Kleinen heraus erhebt. „Ich brenne jeden Tag, habe noch viele Themen zu bearbeiten, da reichen zehn Leben nicht“, erzählt er schmunzelnd. Lusser blickt auf 20 Jahre in St. Pölten zurück, wo er herausragende Projekte, wie das Nitsch-Projekt 2018 bis 2021, realisierte. Das „enfant terrible“ der Theaterkunst, der früh verstorbene Christoph Schlingensief, hatte ihn während seines Projektes Area 7, wo Lusser an der Orgel mitwirkte, auf die Orgelarbeiten von Hermann Nitsch gebracht. „Ich war beeindruckt von den Begegnungen mit Nitsch und seiner Großzügigkeit, er hat uns sechs Bilder zum Aufhängen zur Verfügung gestellt. 
Ludwig Lusser arbeitet gerne mit Künstlern aus verschiedenen Bereichen zusammen. Etwa mit dem Jazzer Wolfgang Puschnig oder Wolfgang Mitterer. Auch mit Starchoreograph Renato Zanella und Minimal Musiker John Zorn – „der würde gerne wiederkommen“ – war er musikalisch gemeinsam unterwegs. Der Domorganist liebt das Experiment und die Improvisation, auch mit so Kulturdenkern wie Andreas Schett von der Musicbanda Franui. 
„Das Orgelspiel interessiert eh nicht viele. Aus dem Umkehrschluss heraus kann ich meine Sachen bearbeiten. Das Nischen-Dasein ist für mich ein großes Glück und ich habe trotzdem genug Resonanzen“, sieht sich Lusser als „kein Sklave der Musikindustrie.“ Dieses selbstbestimmte Dasein macht ihn zu einem Experimentierer, der bis zu seiner Pension in St. Pölten bleiben möchte und mit Künstlern wie dem Komponisten und Trompeter Michael Mantler oder der unterschätzten Komponistin Julia Purgina, die 1998 in St. Pölten maturierte, außergewöhnliche Projekte entwickeln möchte. „St. Pölten hat sich für mich als wunderbares Versuchslabor erwiesen“, so Lusser, der für das Jubiläumsjahr 2026 ein großartiges Musikprogramm erstellt hat. Höhepunkte sind da etwa am 31. Mai 2026 das „Orgel Plus“ Konzert mit Texten von Mann, Beckett und Jandl im Dom. Dazu holt er sich musikalische Mithilfe von Wolfgang Puschnig und Otto Lechner. Beim Konzert am 8. November zum 90. Geburtstag des Komponisten Erich Urbanner verbindet er dessen Musik mit Werken von Bach – mit dabei die bildende Künstlerin Maria Wolf mit ihrem Triptychon zur Apokalypse. Näheres auf 
orgelplus.at. Man darf sich freuen, Ludwig Lusser bei seiner musikalischen Arbeit an der Kirchenorgel, die von Offenheit, Neugier, improvisatorischer Gnade und genialer Technik geprägt ist, in diesem Jahr zu hören und wahrscheinlich auch darüber hinaus.