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Gedanken

Text Roul Starka
Ausgabe 02/2026
Ich kann das schreiben, du kannst es lesen. Also müssen wir gerade nicht schauen, dass wir heute noch etwas zu essen bekommen, dass wir nicht erschossen werden, unsere Kinder tot umfallen, weil sie ebenfalls erschossen werden.
Wir könnten ins nächste Kaffeehaus gehen und jammern, wie schlecht es uns doch geht. Wir bestellen Nusskipferl und Zimtschnecke, zwei Melange. Ich sage „die“ Melange, du sagst „der“ Melange. Wir diskutieren, rücken auseinander, sagen dem anderen, dass er sich einfach nicht auskennt. Wir beginnen uns anzurempeln, spotten den anderen aus, lauter, verletzend. Die Umsitzenden werden für einen von uns Partei ergreifen, ohne zu wissen, worum es überhaupt geht. Die ersten Schreie, Schläge, Chaos. Letztendlich bleiben wir alle liegen in unserem Blut. Das Kaffeehaus wird nämlich größer und größer, über Spratzern und Stattersdorf erobert es die Welt.
In Büchern werden wir aufschreiben, warum wir Recht haben und der andere ausgerottet werden muss, mit all seinen Anhängern. Oben drüber schreibt jeder: ‚Gott sagt‘. Dann werden wir aufwachen mitten im Kaffeehaus. Wir haben nur geträumt. Wir sind natürlich wieder Freunde. Einer von uns sagt: „Was? Du tust dir Zucker in den Kaffee?“ „Ja, natürlich“, sagt der andere. „Entschuldige, aber man kann doch nicht den guten Kaffeegeschmack mit Zucker verderben!“ 
Es wird lauter. Doch diesmal träumen wir nicht. Wir schlagen uns wieder die Schädel ein, wie seit 100.000 Jahren. Schade, ich liebe Nusskipferl.