MFG - Auf den Resetknopf gedrückt – Martin Rotheneder


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St. Pöltens gute Seite

Auf den Resetknopf gedrückt – Martin Rotheneder

Text Andreas Reichebner
Ausgabe 09/2023

Es war im März vor zwei Jahren, als der St. Pöltner Musiker Martin Rotheneder bei einem nächtlichen Spaziergang die Eingebung hatte, seine Lieder in Mundart zu singen. Nun kommt dieser Tage sein neues Album „Endlich wieda Feia“, das durchgängig seiner heimatsprachlichen Diktion folgt, heraus.

Genau genommen war es der 19. März 2021. Martin Rotheneder, der bislang seine zehn Alben alle in englischer Sprache herausbrachte, erinnert sich noch sehr genau daran: „Ich war im Megastress, physisch und psychisch, spazierte durch die Nacht, da hatte ich den finalen Gedanken, auf Mundart zu singen, wollte mich mit unmittelbaren Texten, die von den Leuten direkt verstanden werden, an mein Publikum wenden.“ So entstand die Nummer „Unbekanntes Leben“. Schon länger, wie er sagt, „wie ein steter Tropfen, der schön langsam den Stein aushöhlt“, gab es bei Rotheneder die Tendenz zur Mundsprachlichkeit, aber er hielt es bis dato Musikern wie etwa Ostbahn Kurti vorbehalten, regionalsprachlich unterwegs zu sein. „Ich habe den Weg über den Sound gefunden. Bei den ‚Achterln‘ (5/8erl in Ehr‘n – Anm. der Redaktion) passt es auch.“ Nun weiß er, dass es bei ihm auch funktioniert. Beim Festival in Ratzersdorf sang der St. Pöltner Musiker sowohl auf Englisch als auch in Mundart. Eine Besucherin kam nach dem Konzert auf ihn zu: „Die englischen Nummern waren leiwaund, die in Mundart haben mich zutiefst berührt.“ Auch wenn die meisten im Publikum der englischen Sprache mächtig sind, eine geradlinige Direktheit und einen intensiven Zugang erzielt meist nur das mundsprachliche Idiom. Während aber bärtige, amerikanisch hinterwäldlerische Kleinstädter ihren Weltschmerz auf die Eliten nördlich von Richmond herunterbrechen, begreift sich Rotheneder als Musiker, der mit melodiösen und behutsam arrangierten, harmonischen, aber zugleich herausfordernden Songs das Miteinander und das Schöne hervorholen möchte. 

Hatte Feuer verloren
Seit 2017 arbeitete Rotheneder schon auf das neue Album hin, aber es hatte sich nicht so ergeben, „ich hatte das Feuer irgendwie verloren, die letzten Jahre, gerade auch in der Pandemie, waren nicht nur für mich eine schwierige Zeit.“ Aber er hat sich das Feuer, wie der Titelsong des Albums deutlich erkennen lässt, wieder zurückgeholt. 
„Die Musik war wie eine Zäsur, ein therapeutischer Prozess und ein Aufräumen der letzten 44 Jahre.“ Der Musiker, ehemals als Ben Martin, Soulitaire und „I Am Cereals“ unterwegs, drückte den Reset-Knopf. „Es war für mich ein unerwarteter Identitätsfindungsprozess, sowohl psychischer als auch physischer Natur. Das steckt alles in diesem Album.“ 
Alle Instrumente spielt Martin dabei selbst. „Das ist Teil meiner Identität, macht mir sehr großen Spaß und es steckt auch ein ökonomischer Aspekt dahinter“, so der Multiinstrumentalist, der mit seiner Akustikgitarre das komplette Arrangement abdeckt. „Meine Songs funktionieren solo genauso wie mit meiner Band“, erzählt Martin Rotheneder, der schon als 15-jähriger seine Musik mit mehreren Instrumenten selbst eingespielt hat.

Erfahrungen werden zu Liedern
Nimmt er aus seiner umgebenden Realität etwas wahr, macht er ein Lied daraus. So dreht sich etwa der Song „Gipfel“ um Nachhaltigkeit und den Earth-Overshoot-Day. „Ich mache natürlich auch die Beobachtung, dass wir hier in einer enormen Fülle, einem Überfluss leben, wir sitzen in einer Blase.“
 Ob er glaubt, dass er mit seiner Musik und seinen Texten etwas in den Menschen bewirken kann? „Veränderung ist immer ein Prozess, besteht aus vielen Punkten, die auf Menschen einwirken. Irgendeiner dieser Punkte trägt dann zur Veränderung bei, deshalb teile ich meine persönlichen Geschichten und meine Sicht auf alltägliche Themen. Ich bin nicht der Einzige, der das tut, aber es lohnt sich für alle und auch für mich“, gibt sich der Musiker bescheiden und doch engagiert. 

Stehe gerne auf der Bühne
Immer wieder geistert in seinem Kopf die Frage, warum er auch mit Band – Roman James auf der Gitarre, Urge Kirchner am Schlagzeug, Wolfgang Köck am Bass und Gregor Huber an den Keyboards – Konzerte gibt, herum. „Songs zu schreiben ist der Anlass, Konzerte zu geben. Ich stehe gerne auf der Bühne, vor allem gemeinsam mit meiner Band, mag die Begegnung mit Menschen, ob im Backstage, mit Technikern oder dem Publikum. Und außerdem sind mehr Leute zum Anschauen auf der Bühne.“ Alkohol- oder andere Backstage-Gelage wie im Musik-Business öfters vorkommend, sind dabei nicht im Spiel. „Meine Lieder sind technisch herausfordernd, schwierig zu spielen, das geht mit Alkohol nicht“, so Rotheneder, der sich selbst als absolut optimistischen Menschen sieht. „Das ist auch das Credo meines neuen Albums, es geht um die Liebe, zu sich selbst, zu anderen oder zu Themen, viel um Empathie. Es ist eine persönliche Entscheidung von mir, dem Schönen zugeneigt zu sein, positiv durchs Leben zu gehen. Natürlich weiß ich, dass es auch das ‚Schiache‘ gibt.“

Das Miteinander im Vordergrund
Das zeigt sich auch in seinen Liedern, die bei aller Kritik an der Gesellschaft immer das Miteinander in den Vordergrund stellen und gegen die Spaltungstendenzen, die gerade auch in der österreichischen Gesellschaft zu verorten sind, auftreten. „Jede und jeder im Publikum hat seine eigene Geschichte, kann das reflektieren, nur gemeinsam funktioniert es.“
Dieses empathische Gefühl nimmt er auch mit, wenn er sich um die musikalisch-organisatorischen Belange von musik.stp und den Freiraum kümmert. „In St. Pölten passiert ganz viel Musik, vor allem auch in der Breite. Die Leute nehmen das gerne an. Wir füllen problemlos alle zwei Jahre ein Doppel-Vinyl mit erstklassiger St. Pöltner Musik und demnächst präsentieren wir eine Kooperation mit der Tangente“, schwärmt Rotheneder von der hiesigen Musikszene. Vielleicht hat er doch recht, wenn er uns in seiner Musik das Miteinander in Erinnerung ruft.

Am 6. Oktober 2023 präsentiert Martin Rotheneder mit seiner Band im Freiraum sein neues Album „Endlich wieder Feia“. martinrotheneder.com