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Weinburg ist 17 Meter gewachsen

Text Thomas Schöpf Ausgabe 12/2007

Abseits der B39, am Eingang zum Pielachtal, im beschaulichen Weinburg steht auf einer Seehöhe von 310 Metern das therapeutische Kletterzentrum (TKz). Geschaffen hat es Weinburgs Bürgermeister Peter Kalteis, nachdem er den Blutkrebs und einen Achttausender bezwungen hatte.

Kletterhallen gibt es in Niederösterreich nur einige wenige. St. Pölten zum Beispiel hat gerade einmal eine einzige Wand (von 12x11 Metern) in der Landessportschule zu bieten.
Dafür steht seit kurzem im nur 12 Kilometer von der Hauptstadt entfernten Weinburg, in der kleinsten Gemeinde des Pielachtals, ein 1.600 Quadratmeter großes, hochmodernes therapeutisches Kletterzentrum (TKz). Der klassische Teil umfasst 113 Kletterwege, einen Hochseil-Klettergarten, sowie einen Kraft- und einen Boulder-Raum fürs Klettern in Absprunghöhe ohne Seil und Gurt über einer weichen Matte.
Kein Wunder, dass Kletterer aus ganz Ostösterreich nach Weinburg pilgern und sich auf einer Kletterfläche von 10.000 Quadratmetern austoben. Rund 1.500 sind es derzeit jede Woche, also mehr als Weinburg Einwohner (rund 1.300) hat. Vier Millionen Euro hat das TKz gekostet. Ein Drittel brachte die Gemeinde auf, zwei Drittel sind fremd finanziert. Initiator und nunmehriger Geschäftsführer ist Weinburgs Bürgermeister Peter Kalteis.

"Die Botschaft der Berge empfangen"
Jener erfuhr just an seinem ersten Amtstag 2002, dass er an einer heimtückischen Form der Leukämie leidet. „Die Krankheit hat mich aufgefressen“, erinnert sich Kalteis. Durch ein medizinisches Wunder sprang er dem Tod aber von der Schaufel. Geholfen hat ihm dabei das Buch „Botschaft der Berge“ vom Innsbrucker Altbischof Stecher. Als Kalteis wieder zu Kräften kam, fand er zu seiner Jugendliebe, dem Bergsteigen, zurück. Mit Dreitausendern wie früher begnügte er sich dann allerdings nicht mehr. 2006 erklomm er den 8.035 Meter hohen Gasherbrum II.
Sein Projekt TKz lief parallel dazu. „Ich selbst bezeichne mich ja als Bergsteiger. Die Kletterer, die halten ja die Luft nicht aus“, scherzt Kalteis, nippt vom Mocca und blickt vom integrierten Cafehaus aus zur 17 Meter hohen Kletterwand, an der gerade Dr. Ronald Newerkla (kürzlich noch am K2 unterwegs) trainiert. Zwei Wände weiter winkt ein Bub von rund acht Metern stolz seinem ihn sichernden Opa hinunter.
Auch  Bobfahrer Gerhard Köhler vom österreichischen Nationalteam erklimmt mehrmals die Woche die Weinburger Wände, um weniger strapazierte Muskelpartien auf Vordermann zu bringen. Auf die olympischen Sommerspiele bereitet sich dort wiederum das Beachvolleyball-Duo Florian Gosch / Alexander Horst vor. Ebenso die für Peking 2008 bereits qualifizierte Sprinterin Bettina Müller-Weissina. Ihr hat auch das von Dr. MSc DO Markus Schauer (Medizinischer Leiter des TKz) angebotene Wirbelsäulenscreening enorm genutzt. „Bei einer Fehlhaltung kann man durch aktiven Muskelzug die Wirbelsäule wieder in die richtige Richtung bringen“, erklärt Schauer. Dank der perfekten Analyse des Stützapparates hat Müller-Weissina nicht nur wichtige Erkenntnisse für ihre Gesundheit, sondern auch fürs Training gewonnen. Außer in Weinburg gibt es hierzulande lediglich im AKH Wien und im Trainingszentrum von Red Bull in Salzburg-Taxham vergleichbare Anlagen. Letztere ist freilich alleine den Salzburger Fußballern vorbehalten.

Gesundheit erklettern
Die therapeutischen Einrichtungen in Weinburg sind hingegen für jedermann gedacht. Gesundheit kann man erklettern. Nicht nur bei Rückenschmerzen, sondern beispielsweise auch nach Schlaganfällen, bei Depressionen oder Herz-Kreislauf-Schwächen.
Nur ausgerechnet Kalteis kann sein TKz derzeit nicht voll nutzen. Der 47-Jährige muss wegen einer Gelenksentzündung noch eine Zeit lang herum humpeln. Umso eifriger widmet er sich seinen nächsten Projekten. Ein zusätzlicher Kletterbereich im Freien, eine Laufbahn und ein Hotel sollen her, damit nicht nur die Ostösterreicher in den Genuss des Kletterzentrums kommen. Der 8.188 Meter hohe Cho Oyo muss dafür noch ein wenig warten. Ihn nimmt Kalteis erst 2009 in Angriff und 2010 dann die nächsten Gemeinderatswahlen.