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Von Sinnen

Text Patricia Rauscher Ausgabe 04/2009

Stellen Sie sich vor, Sie werden in einen stockfinsteren Raum geleitet und bekommen dort ein Dinner kredenzt, das sie sozusagen „blind“ zu sich nehmen. Im Rahmen von „Fabelhaft“ wird dieser Gedanke Realität. Guides dieser Grenzerfahrung sind Ann-Mary Linhart-Eicher und ihr Team – allesamt blind! Wir plauderten mit ihr über Blindsein, die Dinners und vertauschte Rollen.

Was steckt als Grundgedanke hinter „Dinner im Dunkeln“?
Es ist die beste Art, eine volle Integration der Blinden zu erreichen, weil ein Rollentausch stattfindet: Der Sehende wird zum Blinden, der Blinde zum Sehenden. Die sehenden Teilnehmer werden von Blinden geführt und erfahren völlig neue Eindrücke.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Sehenden bei diesen Dinners gemacht? Bekommen da nicht manche Panik?
Bis jetzt haben nur zwei Personen frühzeitig den Raum verlassen, weil sie es nicht mehr ausgehalten haben. Das Ungewöhnliche –  einer davon war einer der Organisatoren. Er verließ während des Dinners den Raum, und setzte sich vor die Tür des Speisesaales. Allerdings war das die Ausnahme. Prinzipiell weiß ja jeder Teilnehmer, worauf er sich einlässt.

Was ist umgekehrt das Besondere für die Blinden, die im Zuge des Dinners ja sozusagen zu den „Sehenden“ werden?
Das Besondere ist genau dieser Rollentausch. Dadurch wird den Blinden vollkommene Integration gewährleistet. Als Blinder ist man ja daran gewöhnt, dass man Sachen nicht sieht, für sie ist das kein Problem. Wenn ein Sehender allerdings zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt nichts sieht, ist das eine totale Umstellung. Er wird nun vom Blinden, der ihn führt, abhängig.
Die Blinden bekommen von den Teilnehmern sehr viel Bewunderung, Lob und Anerkennung. Den Sehenden wird durch das Dinner im Dunkeln bewusst, was ein Blinder zu leisten vermag.

Das ist fürwahr für einen Sehenden unvorstellbar. Wie orientiert man sich etwa als Blinder?
Da das Sehen nicht vorhanden ist, werden die anderen Sinne gestärkt. Man kann sich das so vorstellen, wie wenn ein Mensch keine Hände hat. Da er nicht mit seinen Händen schreiben kann, lernt er es eben mit den Zehen zu tun. Da steckt viel Übung dahinter! Genauso ist es mit dem Blindsein, man muss das einfach lernen. Es kann auch helfen, wenn man einen besonders gut ausgeprägten Orientierungssinn hat, damit man sich leichter zurecht findet. Das ist vergleichbar, wie wenn man in der Nacht in seiner Wohnung aufsteht, und versucht, im Dunkeln nirgends anzustoßen. Irgendwann wird man sensibilisiert, man spürt die Wände, weiß, wo sich die Türen befinden etc.

Was machen die blinden Guides eigentlich beruflich?

Einige machen „Dinner im Dunkeln“ hauptberuflich, andere sind nebenbei in anderen Jobs tätig, manche studieren. Eine der Guides ist Magistra der Literatur und macht gerade ihren Doktor, ein anderer ist Magister in Englisch und Spanisch, einige üben Telefon- oder Bibliothekstätigkeiten aus.

Was ist letztlich Ihr ganz persönlicher Antrieb für Dinner im Dunkeln?
Die Zufriedenheit der Teilnehmer nach dem Dinner. Es ist zwar ein großer organisatorischer Aufwand, aber nachher überwiegt einfach die Freude bei allen Beteiligten, egal ob Blinder oder Sehender. Wenn die Menschen den Speisesaal verlassen, tauschen sie ihre Erfahrungen aus, und sind glücklich. Das ist einfach schön!