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St. Pöltens gute Seite

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Von lauen Lüftlern und richtigen Windmachern

Text Johannes Reichl Ausgabe 09/2016

Die Uhr tickt. Möchte St. Pölten sich für die europäische Kulturhauptstadt 2024 bewerben, sollte man langsam in die Gänge kommen. Von der Politik ist hierzu bisher aber weder ein dezidiertes Ja noch Nein zu vernehmen. Dafür machen sich jetzt die Bürger auf den Weg.

Narrenkastl schauen, Luftschlösser bauen – und a bissl trama!“, sang die John Fox Band anno 1985. Ein derart – bei Fox durchaus positiv gemeintes – den Träumen-Nachhängen unterstellt Landeshautpmann Erwin Pröll aktuell den Bürgermeistern von St. Pölten und Krems in Sachen Kulturhauptstadt. Ohne sich lange in den Details unseres Fragenkatalogs zu verlieren, lässt der LH pauschal ausrichten: „Ähnlich wie bei der Vergabe einer NÖ Landesausstellung lässt sich ein Projekt ‚Europäische Kulturhauptstadt‘ erst dann beurteilen, wenn ein konkretes Konzept vorliegt. Bei bisher jeder Landesausstellung wurde vom Bewerber, und war die Gemeinde noch so klein, ein inhaltliches und finanzielles Konzept vorgelegt, auf dessen Basis eine Beurteilung möglich war. Bislang liegen uns außer Lippenbekenntnissen weder seitens der Stadt St. Pölten noch seitens der Stadt Krems Konzepte mit inhaltlichen oder finanziellen Vorstellungen für die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt vor, die von Landesseite her bewertet werden könnten.“ Kurzum – die Städte seien um Zug, wobei Pröll den Spieß frei nach dem Motto „Frag nicht was das Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst“ umdreht: „Viel wichtiger wäre es, dass die genannten Städte ein starkes Kommitment zu den bestehenden Institutionen ablegen. Denn diese wurden, angefangen von den Einrichtungen im Kulturbezirk St. Pölten bis hin zur Kunstmeile Krems, allesamt von Landesseite her errichtet und deren Betrieb wird auch hauptsächlich durch das Land Niederösterreich finanziert. Wir fordern die Bürgermeister dazu auf, ihre Basisaufgaben zu erledigen, bevor über die Medien weiterhin Luftschlösser gebaut werden.“
Ungeteilte Begeisterung für das Projekt „Kulturhauptstadt“ sieht definitv anders aus, wenngleich dem Landeshauptmann auch kein dezidiertes Nein über die Lippen bringt. Über die Hintergründe der offensichtlichen Zurückhaltung des Landes, das in den letzten Jahrzehnten in Sachen Kulturgroßprojekten ansonsten nicht gerade mit Zurückhaltung glänzte (sehr zum Wohle der Kulturszene nebstbei erwähnt), kann man nur spekulieren. Die einen vermuten, dass Niederösterreich nach den letzten kulturellen Kraftakten (manche sehen darin auch Kraftmeiereien) Landesgalerie Krems (Kostenpunkt 35 Millionen Euro) und Haus der Geschichte St. Pölten (Kostenpunkt drei Millionen Euro, jeweils ohne Betriebskosten)  schlichtweg finanziell ausgelutscht ist und kein Geld mehr für eine teure Kulturhauptstadt hat. Billig ist die Sache ja tatsächlich nicht: Graz und Linz etwa budgetierten rund 60 Millionen Euro. Nachdem in Österreich in der Regel die Kosten zwischen Stadt, Bund und Land gedrittelt werden, verblieben bei jedem Protagonisten gute 20 Millionen Euro, wenngleich es manch Stadt auch schon billiger umsetzte.
Für die dünner gewordene Finanzluft des Landes spräche auch der nun aufgetauchte Wunsch, dass sich die Städte (finanziell) stärker als bisher in die Landeskultureinrichtungen einbringen sollen. Diesbezüglich wird freilich gemutmaßt, dass das Land in der Sache einen taktischen Hebel aufbaut: Erst wenn sich die Städte zur stärkeren Beteiligung entschließen, könne man auch über die Kulturhauptstadt ernsthaft weiterreden. Wie gesagt, alles nur Kaffeesudlesen, denn die involvierten Protagonisten geben sich zugeknöpft. So lässt etwa Landeskulturchef Hermann Dikowitsch, ansgesprochen auf die konkreten Forderungen des Landes an die Stadt St. Pölten, lapidar wissen: „Dem Gesagten ist nichts hinzuzufügen.“
Auch St. Pöltens Bürgermeister Matthias Stadler – an sich eher als rationaler Pragmatiker denn Traummännlein bekannt – hat in Sachen Kulturhauptstadt St. Pölten schon enthusiastischer geklungen. Meinte er 2013 gegenüber „THE GAP“ noch zuversichtlich „Wenn ich bis dahin auch die Gemeinde überzeugen kann, werde ich das tun [Bewerbung, Anm.], weil ich darin eine nachhaltige Chance sehe, die Stadt imagemäßig und kulturell zu positionieren. Wenn man sich innerhalb Österreichs etablieren möchte, braucht man eine Veranstaltung wie die Kulturhauptstadt: um ernst genommen zu werden.” Heute fällt die Einschätzung deutlich zurückhaltender aus: „In den letzten Jahren haben sich die Rahmenbedingungen seitens der EU geändert, die Ausschreibungskriterien, damit auch die Kulturhauptstadt-Idee an sich. Es geht weg von Großprojekten hin zu Themen, es können noch mehr Städte Kulturhauptstadt werden – dies zumeist im Kontext einer gesamten Region, wodurch die Idee ein bisschen inflationär geworden ist und kein absolutes Alleinstellungsmerkmal mehr darstellt. Letztlich stecken so viel Engagement, so viel Finanzkraft drinnen – da muss man sich eine Bewerbung sehr genau überlegen, um auch Nachhaltigkeit zu gewährleisten.“ Zwar glaubt Stadler nach wie vor, „dass die Kulturhauptstadt eine Chance für die Stadt und die Region sein könnte, aber wenn man das möchte, müssen sich auch alle politisch dazu bekennen. St. Pölten allein kann das nicht stemmen!“
Den Vorwurf des (damit wohl angesprochenen) Landes, es liege gar kein Konzept seitens der Stadt vor, kann er nicht nachvollziehen: „Diese Diskussion halte ich für gekünstelt – ein Konzept erstelle ich dann, wenn sich alle zur Kulturhauptstadt bekennen, dann erst nehme ich auch Geld dafür in die Hand. Und da geht’s im Übrigen nicht nur ums Land, sondern auch um den Bund und die EU. Außerdem“, fügt Stadler schmunzelnd hinzu „das schaue ich mir an, dass ich mit einem fixfertigen Konzept zu Land und Bund hingehe und sage ‚soviel Geld brauchen wir‘ und dann passiert das auch. Dann müsste ich meine bisherige Strategie in Verhandlungen grundlegend ändern.“
Dass gerade die Verhandlungen an anderer Front, Stichwort Beteiligung an Landeskultureinrichtungen, ein uneingeschränktes Landesbekenntnis zur Kulturhauptstadt blockieren, hält Stadler für unwahrscheinlich. „Wir zahlen seit Jahrzehnten für die Kultureinrichtungen mit – für den Klangturm, das Festspielhaus, die Bühne im Hof. Ehemals wurde ein Betrag festgelegt, nach den realistischen Möglichkeiten der Stadt. Und beim Landestheater ist es so, dass das Gebäude in unserem Besitz steht und wir die Mieteinnahmen wieder ins Theater reinvestieren – zuletzt wurde damit etwa das Foyer in gutem Einvernehmen umgebaut.“ Dass tatsächlich verhandelt wird, bestätigt Stadler „aber da geht es nicht nur um die Kultur, etwa auch den zugesagten Ausbau des DOK Zentrums, sondern um ein größeres Finanzierungspaket, das mehrere Projekte umfasst.“ Diesbezüglich vertraut Stadler aufs Land „das sich immer dazu bekannt hat, dass St. Pölten seine zentralörtlichen Funktionen wahrnehmen kann und genau weiß, was wir uns leisten können und was nicht“, zugleich wünscht er sich „Gleichbehandlung. Zahlreiche Städte – neuerdings auch Wiener Neustadt – erhalten etwa Bedarfszuweisungen des Landes. Da muss schon alles auch in Relation zu den anderen stehen. Wir sind jedenfalls gesprächsbereit.“
Gespräche gibt es übrigens – so Stadler im Hinblick auf die Idee einer Bewerbung mit Krems – in der Region schon längst. „Wir wollen noch näher zusammenrücken im Zentralraum, wobei es auch da nicht nur um Kultur, sondern ebenso um Wirtschaft, Verkehr, Infrastruktur und Tourismus geht.“ Bei der letzten Zusammenkunft der Bürgermeiser habe man sich darauf verständigt, eine Studie in Auftrag zu geben, welche Ziele und Chancen für die Zukunft des Raumes erarbeiten soll. Diese könnte in ca. sechs Monaten vorliegen, „und wer weiß, vielleicht wird da von den Experten auch die Kulturhauptstadt als Thema empfohlen. Aber jetzt im Vorhinein ohne Basis halbe Sachen zu machen und Erwartungen zu wecken, die dann nicht zu halten sind und damit nur Frustration zurücklassen, auf dieses Spiel lasse ich mich sicher nicht ein. Wenn man die Kulturhauptstadt möchte, müssen alle voll dahinterstehen, sonst macht eine Bewerbung keinen Sinn.“

Aus dem Bauch heraus
Sind wir damit also schon wieder am Ende der Bewerbungsambitionen angekommen, bevor sie überhaupt richtig begonnen haben? Nicht unbedingt! Denn während die Politik in der Causa jeweils auf den anderen zeigt, „der soll zuerst!“, haben ein paar kulturaffine St. Pöltner – die sogenannte Zivilgesellschaft, wenn man so will – das Heft selbst in die Hand genommen und verfahren frei nach dem Motto „Alle sagten, das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht, und hat es einfach gemacht.“ Als eine Art Doppelspitze, die sich freilich als Primus inter pares versteht, ist zuletzt das Duo Michaela Steiner und Susanne Rebecca Wolfram in Erscheinung getreten. Getroffen haben die beiden Damen einander erstmals bei der Ausstellung „Kulturhauptstadt 2024“ im Juni in der NDU Factory am ehemaligen Glanzstoff Areal – und fingen Feuer: nicht nur für die Kulturhauptstadt-Idee, sondern auch füreinander. Für Michaela Steiner war diese Ausstellung eine Art Erweckungserlebnis, sich, nach zahlreichen kulturellen Engagements in der Vergangenheit, wieder aktiv in ein ganz konkretes St. Pöltner Kulturprojekt zu stürzen. Zudem „kam als zusätzliche Motivation Paul Gessls Sager von der angeblichen Provinzialität St. Pöltens hinzu. Das ist schon ein Stachel, der mich antreibt, ebenso wie 1.600 Unterschriften, die ich 2014 anlässlich der geplanten Absiedlung der Kunst aus dem Landesmuseum St. Pölten nach Krems gesammelt habe. Diese erachte ich schon als ernstzunehmende Rückendeckung für eine Bewerbung St. Pöltens.“
Susanne Wolfram wiederum ist ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt. Seit 18 Jahren ist sie im Kulturbetrieb tätig, u.a. war sie langjährige Leiterin der Kulturvermittlung im Festspielhaus St. Pölten, in ihrer Dissertation setzt sie sich mit der Frage der kulturellen Teilhabe und kulturellen Identitätsstiftung u. a. am Beispiel des Festspielhauses St. Pölten auseinander! Genau in diesem Sinne versteht sie auch den Kulturhauptstadt-Gedanken und seine idealtypische nachhaltige Langzeitwirkung, weshalb auch bei ihr – als sie von der Ausstellung in St. Pölten erfuhr – der Groschen fiel. In der Materie „Kulturhauptstadt“ ist sie zudem durch die Zusammenarbeit mit Airan Berg (siehe S. 20) bewandert, der als künstlerischer Leiter der Darstellenden Kunst von Linz09 fungierte und zuletzt die komplette Kulturhauptstadt-Bewerbung von Lecce abwickelte.
Rund um die Damen hat sich – als harter Kern, wenn man so möchte – vorerst ein feines Grüppchen bekannter St. Pöltner Kulturafficionadas zusammengefunden. Darunter finden sich etwa Christoph Lind, Heribert Weidinger, Andy Fränzl, Jakob Redl, Ramona Scheiblauer oder Klaus-Michael Urban. Die Politik lasse man „zunächst bewusst außen vor“, so die Damen. Den Bürgermeister habe man zwar informiert, und auch im Landhaus ist die Initiative kein Geheimnis – das wars dann aber auch schon. Aktuell arbeitet man völlig frei und selbstbestimmt, es gibt keinen öffentlichen Auftrag, keine diesbezüglichen Vorgaben, es fließt auch kein Steuergeld. All dies würde dem selbstgesteckten Ansatz von einer Kultur von unten aber ohnedies zuwiderlaufen. Tatsächlich möchte man das Pferd nämlich von hinten, von der Basis her aufzäumen. Ein Aspekt, der übrigens den neuen Ausschreibungskriterien zur Europäischen Kulturhauptstadt geradezu idealtypisch entsprechen würde, wie Wolfram weiß. „Im Grunde genommen waren die meisten Bewerbungen bisher immer von politischen Initiativen getragen, es ging also in der Regeln von oben nach unten. Wir gehen es hingegen tatsächlich von der Basis aus an.“
St. Pölten also als Lackmustest einer idealtypischen Bewerbung? Warum nicht?
Dass es letztlich ohne Politik nicht gehen wird bzw. gar nicht gehen kann, dessen sind sich die Aktivisten durchaus im Klaren, zuwarten wollen sie deshalb aber auch nicht oder auf ihrem eingeschlagenen Weg innehalten. Dieser erfolgt im Übrigen nicht blindlings, sondern – und damit kommt ein relevanter Aspekt der Professionalisierung ins Spiel – auf Basis einer ganz klaren Roadmap. Diese führt zunächst ergebnisoffen durchs (un)bekannte St. Pöltner Kulturland und soll am Ende des Tages in einer konkreten Bewerbung im Frühjahr 2018 durch die Stadt St. Pölten münden.

Der Weg ist das Ziel

Zwei Arbeitstreffen der Kerngruppe gab es bereits, weitere folgen. In der ersten Phase bis Ende des Jahres möchte man die grundsätzlichen Aspekte der Bewerbung herausarbeiten – was verlangen also überhaupt die EU-Statuten, welche Erfahrungswerte gab es in den bisherigen österreichischen Kulturhauptstädten Linz und Graz, was blieb dort von der Kulturhauptstadt an Nachhaltigem über, welche Chancen und Risiken sind mit einer Bewerbung verbunden, welche Rolle spielt sie für die Identifikation vorort, wie gelingt die Einbindung der hiesigen Kulturszene, etc. Dass es dabei nicht nur um Kultur im engeren Sinne, sondern um die Stadt insgesamt geht, liegt auf der Hand: Kultur, Wohnen, Bildung, Arbeit, Gastronomie – all dies soll in verschiedenen Arbeitskreisen im Hinblick auf die Kulturhauptstadt 2024 aufgearbeitet werden, wobei man in der ersten Phasen insbesondere auch internationale sowie nationale und regionale Experten zum Erfahrungs- und Meinungsaustausch einladen möchte – etwa aus der Stadtplanung, aus dem (Groß)Eventbereich, aus der Bevölkerung etc. Alle Prozesse sollen laufend öffentlich dokumentiert werden.
Im weiteren Verlauf soll in prototypischen Workshops „die  Erzählung, der rote Faden für die Bewerbung herausgearbeitet werden“, so Wolfram. Dies aber eben nicht elitär von oben vorgegeben, sondern „das muss aus dem Bauch der Stadt kommen.“ Kurzum, die Aktivisten möchten die Bevölkerung soweit als möglich in all ihren Facetten, Milieus, Weltbildern etc. mit einbinden und im Ergebnis auch abgebildet sehen. „Wir möchten herausspüren, was die Anliegen der Menschen sind.“ Für Wolfram steht dabei vor allem das Ideal der kulturellen Teilhabe im Vordergrund. „Die Bürger finanzieren über Ihre Steuergelder die Kultureinrichtungen, aber nur 8% nutzen sie statistisch betrachtet auch. Da ist eine Diskrepanz, die auf Sicht zu einer Legitimationskrise der Kultureinrichtungen führen könnte. Oder wir schaffen es, dass sich die Menschen damit identifizieren, dass sie sich interessieren, weil sie teilhaben können und abgeholt werden. Mit einem Projekt wie der europäischen Kulturhauptstadt kann genau das gelingen!“ Begeistert erzählt sie über die Erfahrungen aus der von Armut und Niedergang gebeutelten Bewerberstadt Lecce in Italien, die zwar nicht den Zuschlag bekam, wo aber alleine der Bewerbungsprozess extrem viel Positives bewirkt hat. „Da wurde ein Identifikationsprozess in Gang gesetzt, Kultur wurde zu einer Art ‚Nahrungsmittel‘, es wurde wieder Hoffnung geschöpft, neuer Mut gefasst, neue Wege beschritten.“
Kurzum, Kultur wurde aus dem Elfenbeinturm herausgeholt und gewann gesellschaftliche Relevanz. „Das sehe ich ja auch in meiner Tätigkeit als Kultuvermittlerin. Da geht’s nicht nur um die glänzenden Kinderaugen, sondern auch darum, was die Teilhabe an Kultur auch bei den Erwachsenen bewirkt; wie das ganz konkret ins Leben reinfruchtet, wie zum Beispiel in Lecce der nachbarschaftliche Zusammenhalt wieder gestiegen ist durch das Projekt.“
Gerade die offensive Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen, das Reinhören in das offensichtliche Gären im Bauch der Bevölkerung hält auch Michaela Steiner für immens wichtig. „Nach dem BREXIT und zwei Bundespräsidentenwahlen sind die Gegensätze zwischen jung/alt, arm/reich, Land/Stadt eklatant und beunruhigend. Eine Annäherung durch einen Diskussions- und Bewerbungsprozess wäre in den nächsten zwei Jahren eine gesellschaftspolitische Herausforderung, die uns allen gut tun würde. Auch erwarte ich mir dadurch einen weiteren Image- und Identifikationsschub für den St. Pöltner Spirit.“
Und zwar, darin sind sich beide Damen einig, selbst wenn die Politik am Ende des Tages nicht mitziehen sollte, es also zu gar keiner Bewerbung kommt. „Dieser Prozess ist sicher keine vertane Liebesmüh, sondern für die Stadt als solche wertvoll und wird ohne Zweifel Früchte tragen“, ist Wolfram vom Mehrwert überzeugt, und Steiner bekräftigt: „In diesem Sinne ist tatsächlich der Weg das Ziel.“ Wobei beide natürlich auf eine Bewerbung hoffen. „Wir möchten mit unserem Ergebnis der Politik eine konkrete Basis liefern, auf der sie eine gute Bewerbung durchführen kann“, so Wolfram, „und wir werden so nachhaltige und stichhaltige Argumente FÜR die Bewerbung liefern, dass die Politik daran gar nicht vorübergehen kann!“ Fast poetisch fügt sie hinzu: „Letztlich wollen wir Wind unter den Flügeln der Politik machen!“ Ob dieser ausreichen wird, die durch manch sphärische Querelen bisweilen erlahmten politischen Schwingen tatsächlich zu heben, wird sich weisen. Dass er ausreichen kann, um in St. Pölten im positivsten Sinne Wind zu machen und etwas zu bewegen, das ist der Initiative jedenfalls zu wünschen. Und eines darf man auch nicht vergessen: Aus vielen vermeintlichen Luftschlössern wurden schließlich am Ende des Tages wirkliche – und zwar gerade weil man sich zuvor Zeit zum Träumen genommen hatte. Oder, anders formuliert: Wer nicht nach den Sternen greift, hat den Boden unter den Füßen schon verloren und wird nie vom Fleck kommen.



Europäische Kulturhauptstadt
1985 auf Initiative der damaligen griechischen Kulturministerin Melina Mercouri ins Leben gerufen, blicken die Kulturhauptstädte auf eine 30-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Immerhin hat sich diese Initiative zum ehrgeizigsten europäischen Kulturprojekt und zur bekanntesten Kultur­initiative der EU entwickelt. Da sie stark auf die Einbindung des regionalen Publikums ausgerichtet sind, spielen Kulturhauptstädte auch für den Tourismus eine große Rolle. Zudem tragen eine langfristige Kulturstrategie und Investitionen in die Infrastruktur zur nachhaltigen Entwicklung der Städte bei.

Ziel dieser EU-Initiative ist es, den Reichtum und die Vielfalt der europäischen Kulturen aufzuzeigen sowie das Verständnis der Bürgerinnen und Bürger über andere Kulturen und füreinander zu verbessern. Die Kulturhauptstädte sind Botschafter eines gemeinsamen, toleranten und offenen Europas. […]

EU-Rechtsgrundlage und Prozedere

Jedes Jahr teilen sich zwei Städte aus den EU-Mitgliedstaaten nach einer festgelegten Reihenfolge den Titel. Ab 2021 können sich auch EU-Kandidatenländer alle drei Jahre beteiligen. […]
Das sechsjährige und mehrstufige Auswahlverfahren wird von einer EU-Jury begleitet. Am Anfang steht eine nationale Ausschreibung. Die in die engere Auswahl gekommenen Städte müssen ihre Konzepte konkretisieren. Auf Basis der Empfehlung der EU-Jury ernennen die Mitgliedstaaten ihre Kulturhauptstadt rund vier Jahre im Voraus, damit die Vorbereitungen rechtzeitig starten können. Als Würdigung an die Initiatorin wird eine EU-Förderung in Höhe von 1,5 Millionen Euro pro Stadt als „Melina Mercouri Preis“ vergeben.

Europäische Kulturhauptstadt 2024 in Österreich

Die Kulturhauptstädte  www.graz03.at und www.linz09.at waren überaus erfolgreich und gaben wichtige Impulse für die Stadt- und Regionalentwicklung. Österreich kommt 2024 gemeinsam mit Estland und einem EU-Kandidatenland wieder zum Zug. Die Ausschreibung des Bundeskanzleramts wird 2017 veröffentlicht. Die Auswahl erfolgt durch die europäische Expertenjury. Die Bewerberstädte müssen eine langfristige Kulturstrategie, ein maßgeschneidertes Programm mit europäischer Dimension und Bürgerbeteiligung vorsehen sowie über ein solides Management verfügen.