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St. Pöltens gute Seite

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UTOPIA ST. PÖLTEN – NIEDERÖSTERREICHs HAUPTSTADT 2050

Text Jakob Winter, Georg Renner Ausgabe 03/2017

GEORG RENNER
Der Wilhelmsburger ist Redakteur des Nachrichtenportals NZZ.at

„Vor 30 Jahren dachte man noch, die Ostregion werde schrumpfen.“

„Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“ geht das geflügelte Wort – und 30 Jahre sind stadtplanerisch eine Ewigkeit. Nur zum Vergleich: 30 Jahre zurück, Ende der 1980er, gingen alle vorhandenen Prognosen davon aus, dass Wien und der Ostregion Jahrzehnte der Schrumpfung bevorstünden. Es kam durch den Kollaps des Ostblocks, EU-Beitritt und viele andere Faktoren völlig anders, wie wir heute wissen – und täglich an den Wachstumsschmerzen einer der dynamischsten Regionen Europas laborieren.
Insofern sind stadt- und raumplanerische Entscheidungen, deren Folgen viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte prägen werden, immer ein Tasten im Dunkeln: Wie will man etwa Verkehrsflächen vernünftig planen, wenn schon in fünf Jahren autonome Fahrzeugflotten die Regel sein könnten – vielleicht aber auch erst in 50?
Unter diesen Voraussetzungen kann eine Vision von „St. Pölten 2050“ im besten Fall ein „educated guess“ sein. Unter diesen Voraussetzungen – hier ist meiner:
St. Pölten wird 2050 größer sein müssen als heute – und vernetzter. Um eine sinnvolle Raumplanung – wo sind die dichten Bevölkerungszentren, wo die Betriebsgebiete, wo die Erholungsräume – zu ermöglichen, sind die größeren, ebenfalls wachsenden Umlandgemeinden, also zumindest Böheimkirchen, Pyhra, Wilhelmsburg, Ober-Grafendorf und Herzogenburg – politsch Teil der Stadt geworden, um diese organisch zusammengehörende Einheit steuern zu können. Verbunden sind sie über ein zeitgemäßes Nahverkehrssystem, etwa einen erweiterten LUP oder eine hochtaktige Schnellbahn, die im dichten Stadtgebiet zur Stadt- oder sogar Straßenbahn wird.
Der Trend, dass Industrie- und mittelständischen Betriebe in die Zentralräume ziehen, wo die gut ausgebildeten Fachkräfte zu finden sind, wird sich fortsetzen: St. Pölten wird wohl weiter mehr Arbeitsplätze als Einwohner haben.
Was sich nicht ändern wird? Das Regierungsviertel. Das wird noch immer ein Fremdkörper sein. Schon fast aus Tradition.



JAKOB WINTER
Aufgewachsen in St. Pölten, emigriert nach Wien, Redakteur beim „profil“

„Uni-Standort St. Pölten, das Mini-Bologna des Alpenvorlandes.“

Was hat die norditalienische Stadt Bologna mit der Zukunft St. Pöltens zu tun? Sehr viel – hoffentlich. Wer in den Sommermonaten schon einmal in Bologna war, weiß: Dort ist es nicht nur unerträglich heiß, die Straßen sind auch weitestgehend leergefegt. Kein Wunder: Gut ein Viertel der knapp 400.000 Einwohner sind Studenten, eingeschrieben an der städtischen Universität, der drittgrößten des Landes. Sie kommen aus allen Winkeln Italiens, ja aus ganz Europa, um an der berühmten Uni zu studieren. Den Sommer verbringen sie meist in den Dörfern und Städten, in denen sie aufgewachsen sind.
In Italien ist Bologna aufgrund des akademischen Eifers unter dem Spitznamen la dotta bekannt. Zu Deutsch: die Gelehrte. Ein Ruf, den wohl viele Städte gerne für sich in Anspruch nehmen würden – Universitätsstadt müsste man sein. Bologna profitiert gleich mehrfach: Die junge, gebildete Zielgruppe belebt die vielfältige Lokalszene, lockt Kulturevents und hält die Stadt trotz ihrer mittelalterlichen Bauten frisch.
Universitätsstadt – das wäre doch auch was für St. Pölten. Freilich, Bologna hat ein paar Jahre Vorsprung, die Uni besteht dort seit dem 11. Jahrhundert. Die St. Pöltner Fachhochschule folgte erst gut 900 Jahre später, 1995. Die Angebote beschränken sich vorerst auf Nischen, etwa Sozialarbeit, Medienwirtschaft oder Design. Und der langsame Ausbau des Angebots wird derzeit nur mittels Privatunis forciert.
Das kann sich die Mehrheit der Studierenden nicht leisten. Und wer sich in den populären Fächern wie Jus oder Medizin einschreiben will, dem bleibt ohnehin nur der Weg nach Wien. Dabei wäre der Bedarf an Studienplätzen bitter nötig: Die Bilder der übervollen Hörsäle in der Bundeshauptstadt machen regelmäßig die Runde, Studenten drängen sich dort auf den Sitzbänken zusammen und müssen zur Not sogar auf den Fußboden ausweichen. Warum also nicht die großen Standorte entlasten und im flächenmäßig größten Bundesland einen eigenen Uni-Standort aufbauen? In St. Pölten, dem Mini-Bologna des Alpenvorlandes.