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Städte boomen, aber: Wieviel Wachstum braucht St. Pölten?

Text Jakob Winter, Georg Renner Ausgabe 02/2018

JAKOB WINTER Aufgewachsen in St. Pölten, emigriert nach Wien, Redakteur beim „profil“.
Stadtplanung funktioniert so langfristig, selbst politische Feinspitze bekommen kaum etwas mit.

Jeder kennt diese Bilder: Politiker, die mit einer Schaufel in den lockeren Boden stechen und dann kleine Erdhaufen in Richtung der Fotografen schupfen. Spatenstiche haben in Zeiten boomender Städte Hochkonjunktur.
Abseits der zeremoniellen Inszenierung ist Stadtentwicklung eine hochkomplexe Sache. Immer mehr Menschen zieht es in die Ballungszentren, denn dort gibt es Jobs, Bildung, Kultur und kurze Wege. Die Neo-Stadtbürger brauchen aber nicht nur Wohnraum – ihre Autos drängen ins Straßennetz und ihre Kinder in die Schulen.
Die Schwierigkeit liegt darin, solche Bevölkerungsbewegungen im Vorhinein zu erahnen. Ist der Wohnungsmarkt erst einmal überhitzt, sind die Straßen verstopft und die Müllentsorgung überlastet, ist es viel zu spät.
Es gibt keine allgemeingültige Formel, wie viel Wachstum eine Stadt verträgt, es gibt nur eine goldene Regel: Vorausdenken.
Stadtplanung funktioniert so langfristig, dass selbst politische Feinspitze kaum etwas davon mitbekommen – außer, es wurden die falschen Entscheidungen getroffen, dann müssen alle mit den Folgen leben.
Wer klug ist, baut vor: Die Stadt Wien verfügt aktuell über 2,8 Millionen Quadratmeter unbebauter Grundfläche. Je nach Bedarf an Wohnraum kann die Stadt die Flächen an Wohnbauträger verkaufen.
Mit strategischer Planung lassen sich sogar ganze Stadtteile beleben. Das verrufene „Glasscherbenviertel“ in St. Pölten profitierte von der Ansiedelung der Fachhochschule und der Studentenwohnheime. Der Landhaus-Boulevard ist dagegen eine unbelebte Betonwüste geblieben.
Dem Wachstum sind jedenfalls natürliche Grenzen gesetzt. So hat etwa die Mariazellerstraße ihre Maximalbreite erreicht. Wer hier weniger Verkehr will, wird mehr Öffis brauchen.
Obwohl langfristige Stadtentwicklung über die Zukunft jeder Kommune entscheidet, spielt sie in der tagespolitischen Debatte keine große Rolle. Der Grund ist wohl, dass sich mit dieser trockenen Materie kaum Wahlen gewinnen lassen – mit Spatenstichen schon eher.


GEORG RENNER Der Wilhelmsburger arbeitet als Journalist bei „Addendum“.
St. Pölten sieht vielleicht aus wie Berlin – aber das war es auch schon.

Als ich letztens vom obersten Stockwerk der neuen (und jetzt schon hoffnungslos überfüllten) Park- and Ride-Anlage über die Stadt geschaut habe, musste ich plötzlich an Berlin denken.
Nein, ich bin nicht verrückt geworden. Und ja, natürlich sind das ganz andere Maßstäbe. Aber die Kranlandschaft, die sich momentan nördlich des Bahnhofs ausdehnt, vom Krankenhaus über zig Wohnprojekte, spricht Bände davon, dass St. Pölten boomt.
Aber stimmt das auch? Wir müssen jetzt sehr stark sein: Der Eindruck täuscht ein wenig.
Ja, St. Pölten wächst, St. Pölten ist durchaus eine attraktive Stadt geworden – aber eine Explosion wie in anderen Regionen Niederösterreichs erlebt es nicht. Wenn man sich die aktuellste Bevölkerungsprognose der Raumordnungskonferenz anschaut, wird die Stadt bis 2060 um rund zehn Prozent ihrer aktuellen Einwohnerzahl wachsen – bis sie an die 60.000er-Grenze stößt, dürfte es in einem realistischen Wachstumsszenario bis 2075 und länger dauern. Das ist nicht nichts, aber im Vergleich zu dem Drittel, um das Wien, Wiener Neustadt, Gänserndorf oder Schwechat in den nächsten 40 Jahren wachsen dürften, relativ moderat. Im Landes- und Bundesvergleich wächst St. Pölten (übrigens genauso wie der Bezirk St. Pölten Land) allen Prognosen nach ziemlich durchschnittlich.
Das ist allerdings nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Die genannten Boomgegenden haben jetzt – und werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten – alle Hände voll zu tun haben, mit dem Stress umzugehen, den ihr enormes Wachstum mit sich bringt – teureres Wohnen, Verkehr, Integration und so weiter. St. Pölten kann sich leisten, das alles ein wenig entspannter anzugehen, kann seine Entwicklung langfristig planen und umsetzen, weil nicht von einem Jahr auf das nächste zehntausende Bürger dazukommen.
Das würde sogar Platz für eine breite, öffentliche Debatte mit Bürgerbeteiligung lassen: Wo sollen künftig dichte Wohngebiete entstehen? Wie sollen die Einwohner von dort in die Schulen und an ihre Arbeitsplätze kommen? Alles Fragen, die man nicht der Politik alleine überlassen muss.