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Seelenwelten

Text Michael Reibnagel Ausgabe 03/2017

Seit vielen Jahren ist Martin Rotheneder nicht mehr aus der St. Pöltener bzw. österreichischen Musikszene wegzudenken. Hat er doch zum einen unzählige eigene Projekte, zum anderen auch jene anderer Musiker mit seiner Gitarre bzw. seiner Stimme bereichert. Aktuell lässt Rotheneder mit dem Album „I Believe in Rainbows“ seines neuen Soloprojekts Soulitaire von sich hören.

Starman, I Am Cereals, The Black Riders oder Ben Martin. Das sind nur einige der musikalischen Stationen Martin Rotheneders. Was all diesen Projekten gemeinsam war, ist, dass sie (zumindest live) mit diversen Mitmusikern dargeboten wurden. Bei Soulitaire, dem Acoustic Indie-Folk-Nachfolge-Soloprojekt von Ben Martin, ist dies alles ein wenig anders. Bei Liveauftritten steht Rotheneder ganz alleine auf der Bühne. Zusätzlich zu seiner Stimmer nur mit Akustikgitarre, Verzerrerpedal und Gitarrenverstärker ausgestattet. Auch beim Songwriting und Aufnahmeprozess funktioniert Soulitaire etwas anders als herkömmliche Bandprojekte.

Post Armageddon Songwriting
Früher war Vorproduktion immer das große Thema und mit der wichtigste Schritt im Aufnahmeprozess. Mit den Jahren machte Rotheneder jedoch die Erfahrung, „dass das Demo eigentlich immer mehr Feuer hatte als das Endprodukt, weil darauf immer der erste Funke eingefangen war.“ Mittlerweile verzichtet er daher komplett auf Demos. „Alles, was man am Album hört, wird live genauso umgesetzt. Außerdem“, so ergänzt er „wurde versucht, alles in einem Take aufzunehmen!“
Am Anfang dieser Methode – und damit von Soulitaire – stand eine kaputte Kindergitarre mit nur vier  Saiten, die Rotheneder fand und darauf den Song „In Between This Noise“ nur mit mit einer Batterie als Slide und dem Handy als Aufnahmegerät einspielte. Das Ergebnis schaffte es direkt, und ohne weitere Bearbeitung auf das Album, weil Rotheneder den Hörern das für den Song ausschlaggebende Gefühl vermitteln möchte. „Meine Lieder behandeln immer eine emotionale Befindlichkeit. Wenn sich ein Grundgefühl über längere Zeit hält, merke ich irgendwann, dass ein Song darin steckt“, so Rotheneder. Textliche und musikalische Ideen entstehen dann parallel, meist beim Spazierengehen. Dass die Natur prinzipiell eine sehr große Rolle spielt, merkt man spätestens beim Hören des Albums „I Believe in Rainbows“. Beim Schreiben seiner Texte verwendet Rotheneder eine ganz spezielle Erzählperspektive, die er selbst Post Armageddon Songwriting nennt. „Wenn man fast aus einer schwierigen emotionalen Situation draußen ist und man optimistisch in die Zukunft blickt“, erklärt der Singer-Songwriter. „Ich lerne etwas aus der Situation und überlege, was mir diese sagt und was ich daraus mitnehmen kann.“ Diesen grundpositiven Ansatz hört man heraus, wobei Rotheneders Texte zum Teil auch politisch angehaucht sind.

St. Pölten Fan und Förderer
Eine weitere große Inspirationsquelle für Rotheneder ist seine Heimat St. Pölten. Hier spürt er „einen gewissen positiven Vibe“, der einen ermutige, Neues auszuprobieren. „St. Pölten ist ein Ort, an dem viele Dinge schon funktionieren, die anderswo so nicht greifen würden“, ist er überzeugt. Dabei ist für ihn wichtig, dass dies nicht nur im Untergrund passiert, sondern auch von der Stadt mitgetragen wird. „Es herrscht hier eine positive Grundstimmung, was für mich sehr inspirierend und eine gute Basis ist, um ein kreatives Leben zu führen.“
Ein Teil dieser Basis ist auch Rotheneder selbst, ist er doch seit 2012 künstlerischer Leiter des Freiraum und bemüht sich in dieser Funktion, Bands und Künstler aus der Region tatkräftig zu unterstützen. „Der Freiraum soll aber auch ein Ort für Dinge sein, die anderswo keinen Platz finden, beispielsweise künstlerisch wertvolle Projekte, die wirtschaftlich vielleicht so nicht umsetzbar wären“, so Rotheneder. Was er am Freiraum besonders schätzt, ist das Teamwork sowie die Motivation jedes einzelnen Mitarbeiters, die man regelrecht spürt. Rotheneder spricht deshalb auch von der Freiaum-Familie, deren gutes Klima nicht zuletzt auf das Konto von Freiraum-Leiter Wolfgang Matzl gehe sowie der Möglichkeit, eigenverantwortlich arbeiten zu können.
Diese positiven Vibes würden auch das Publikum und die auftretenden Bands spüren. „Die sind bei uns oft positiv überrascht: Nicht nur, weil sie ein warmes Essen bekommen, sondern auch, weil wir ihnen gleich nach dem Auftritt eine DVD mit einem fertigen Mitschnitt des Konzerts in die Hand drücken können“, verrät er. Das Team selbst halte sich dabei immer im Hintergrund, ist aber stets zur Stelle und in diesem Sinne „subtil bemüht“.

Öffnung
War der Freiraum zu Beginn Rotheneders künstlerischer Leitung noch klassisch als „Jugendkulturhalle“ definiert mit dementsprechendem Klientel, so hätte sich die „Altersgrenze“ mittlerweile verschoben. „Es findet immer wieder das eine oder andere Schmankerl statt, das auch für eine ältere Zielgruppe interessant ist“, so Rotheneder. Selbst Bürgermeister Matthias Stadler sei des Öfteren zu Gast, und zwar nicht nur in offizieller Mission, „sondern durchaus auch gerne mal privat.“ Fragt man Rotheneder nach seinen persönlichen Highlights der letzten fünf Jahre im Freiraum, dann purzeln viele Namen und Projekte aus seinem Mund, vom „Hair-Revival“ bis hin zu diversen Benefizveranstaltungen. Aber auch die Franz Füxe würde er bei jedem ihrer Auftritte genießen.
Martin Rotheneder ist halt doch auch ein Mann der Extreme, und wenn es bei einer Band so richtig abgeht, kann er schon zum Wiederholungstäter werden. Und er ist ein absoluter Brückenbauer – nicht nur zwischen Musikern und dem Publikum, sondern auch zwischen den Generationen. Dieses Brückenbauen, auch hin zu eigenen Seelenwelten, schlägt sich nicht zuletzt in seiner eigenen Musik nieder – egal ob alleine als Soulitaire oder im Bandgefüge.


Martin Rotheneder Live
17.03. Frei.Raum
gemeinsam mit Bobby Slivovsky beim Benefizkonzert für Dunja Holzknecht und ihren Sohn Luca im
01.04. BarRock Cover-Abend, feat. Hennes im BarRock
05.10. Cinema Paradiso Soulitaire