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Reden oder Richten? Versöhnen oder vergelten? Fragen oder foltern?

Text Michael Müllner Ausgabe 03/2017

Heuer entführt uns Niederösterreichs Landesausstellung ins südliche Waldviertel. Im Schloss Pöggstall sollen Jung und Alt der Frage nachgehen, was eigentlich die gesellschaftlichen Regeln ausmacht, nach denen wir leben. Und was uns heute von längst vergangenen Zeiten unterscheidet – oder auch nicht.

Es ist wieder so weit. Alle zwei Jahre lädt das Land Niederösterreich in eine entlegene Region zur Landesausstellung. Heuer ist das Waldviertel dran, genauer gesagt das südliche Waldviertel, die Region rund um das frisch renovierte Schloss Pöggstall. Und so macht es sich das Land nördlich der Donau dieser Tage gemütlich auf der großen Bühne – mit dem Wallfahrtsort Maria Taferl, der Franz-Ferdinand-Heimstätte Artstetten, der Ysperklamm oder dem 1062m hohen Peilstein sind auch ein paar nahegelegene Sehenswürdigkeiten rasch gefunden. Eine Landesausstellung soll mehr sein, als nur ein frisch renoviertes Gebäude mit alten Dingen hinter neuen Schaukästen. Etwa ein nachhaltiges Entwicklungsprogramm für eine Region, wie der künstlerische Leiter des Unterfangens, Kurt Farasin, im Interview auf Seite 50 ausführt. Doch auch die Ausstellung selbst hat Großes vor. Denn hinter dem Titel verbirgt sich Stoff, der richtig aufbereitet gar nicht sperrig, sondern höchst spannend sein kann.

Einen Bogen spannen. Wie kommt man denn auf die Idee, eine Landesausstellung über Rechtsgeschichte zu machen? Meine Einstiegsfrage an Ausstellungskuratorin Elisabeth Vavra ist weder schroff noch unhöflich gemeint. Man kann ja nicht bestreiten, dass viele Menschen mit Rechtswissenschaften nichts Alltägliches, nichts Praxistaugliches verbinden – sondern eher akademische Wortklauberei. Und dann das Ganze noch im historischen Kontext? Für einen Sonntagsausflug mit Oma und den Kids? Elisabeth Vavra lacht. Die Frage hat sie wohl erwartet, also beginnt sie mir zu schildern, was mich erwartet, wenn ich die Ausstellung besuche. Es geht um einen Bogen von heute in die Vergangenheit, um die Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Also nicht um ein historisches Konzept, bei dem man sich mit Urkunden und Gesetzessammlungen abmüht, sondern um eine Herangehensweise, bei der die ganze Familie unterhalten und zum Nachdenken angeregt wird. „Das Schloss besteht aus vielen eher kleinen Räumen, darauf haben wir aufgebaut. Es gibt mehrere Abschnitte, denen gewisse Räume zugeordnet sind. Jeder Raum hat sein Thema, man kann es aktiv entdecken. Nicht nur anschauen und lesen, sondern auch ausprobieren und erfassen“, erzählt Vavra.

Rad der Zeit. Dem eher lesefaulen Besucher genügt wohl der großgeschriebene Haupttext eines Raumes bzw. eines Themas – etwa wenn die Frage gestellt wird, ob denn das Recht tatsächlich für alle gleich ist. Wie kam es überhaupt zu dieser Idee, wann entstanden Gerichte im heutigen Sinn? Wie wird heute Recht gesetzt – und wie war das früher? Wer sich interessiert findet zusätzliche Informationen. So bestimmt jeder sein Tempo, vertieft sich bei Fragen, die einen mehr bewegen, oder lässt manche Abschnitte auch eher links liegen. Den Ausstellungsmachern ist wichtig, dass man als Besucher aktiv wird, dass man sich nicht berieseln lässt, sondern sich auseinandersetzt. Ein schönes Beispiel ist das Rad des Schicksals: Man wählt eine Tat, beispielsweise Ehebruch. Dann dreht man am Rad der Zeit und schaut, welche Strafdrohung es für diese Tat gab. Strafkataloge haben sich mit der Zeit massiv geändert, genauso wie die Werte und Weltanschauung der Menschen. Doch nicht nur das Jahr ist relevant, auch der Ort. Welche Strafe erwartet uns heute in Österreich – und welche beispielsweise in einem islamisch geprägten Land?

Für alle gleich. „Gerade bei diesem Thema war uns immer klar, dass wir wirklich gleiches Recht für alle schaffen müssen“, meint Kuratorin Vavra. Gemeint ist Inklusion für möglichst alle Besucher. Niemand soll wegen einer körperlichen Einschränkung vom Besuch ausgeschlossen sein. Das geht über Rollstuhl und Rollator hinaus, erfordert etwa die Einbindung von Hörstationen für Sehbehinderte, Tastobjekte, Thermofolien, Brailleschrift, Texte in Gehörlosensprache. Auch ein Konzept für „Leichter Lesen“ wurde umgesetzt, alle Inhalte sind auch so aufbereitet, dass Menschen sie verstehen, die weniger gut lesen können, etwa weil sie einen geringeren Wortschatz haben bzw. auf einfache, leicht verständliche Sprache angewiesen sind, weil sie beispielsweise noch nicht so lange deutsch sprechen. Das Ziel ist, dass Besucher mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen während der Ausstellung in Kontakt kommen und dass sie ein gemeinsames Ausstellungserlebnis haben. Auch Kinder sollen nicht nur in einzelnen Räumen oder zu ausgewählten Zeiten ihren Spaß haben, die ganze Ausstellung soll für die ganze Familie funktionieren, denn: „Landesausstellungen sind für Familien – und gerade Kinder müssen etwas erleben können“, so Vavra.

Am Pranger. Recht und Geschichte, das gleitet oft ab ins übliche Verdächtige. „Im Schloss Pöggstall gab es seit ewig eine Folterkammer, wir sind aber nicht der Versuchung erlegen, alles darum zu konzipieren“, verrät Vavra. Ein schaurig-schönes Folterknecht-Programm darf man also nicht erwarten. Nicht nur, weil man nicht ins Triviale abgleiten wollte, sondern auch aus wissenschaftlichen Gründen, wie Vavra erklärt. Die Gesetzessammlung Maria Theresias enthielt präzise Anleitungen zur Folter. Das klingt für uns heute fürchterlich, damals war es aber revolutionär modern. Nicht jeder durfte einfach irgendwie drauflos foltern, sondern es gab endlich klare, verbindliche Regeln. Wie weit unsere heutigen Bilder oft von der damaligen Wirklichkeit abweichen, zeigt sich etwa auch an einer Replikation des Villacher Prangers, die in Pöggstall ausgestellt wird. Am Pranger wurde für jede Tat die zugehörige Strafe eingraviert. Der Pranger stand im Ortszentrum, somit wusste jeder, welche Pein droht, wenn er Recht bricht. Überraschend jedoch: Aus Villach ist kein einziger Fall überliefert, dass tatsächlich jemand einmal am Pranger stand. So manches Schauermärchen der „guten, alten Zeit“ ist eben nicht unbedingt repräsentativ, sondern überrascht, wenn es erst im zeitlichen Kontext eingeordnet wird. Und genau das will die Ausstellung.

Hier und Jetzt. Die Ausstellung soll auch zum Nachdenken anregen, erklärt Vavra an einem weiteren Beispiel: „Früher gab es im mittelalterlichen Dorf ein Büchlein mit zwölf Seiten. Da standen alle Regeln drauf, die Gesetz waren. Das hat lange Zeit sehr gut funktioniert, die Richter haben nur selten im Jahr getagt. Für die Ausstellung habe ich versucht herauszufinden, wie viele Gesetze heute in Österreich gelten. Das konnte mir aber niemand sagen. Es war unmöglich eine Zahl herauszufinden.“ Auch sympathische Sonderwege regen zum Nachdenken an, etwa der Dorfrichter aus Gößl im Salzkammergut. Seit dem Mittelalter wählen die ortsansässigen Bauern jährlich aus ihrer Mitte einen Dorfrichter – bis heute. Gibt es Streit, lädt dieser ins seit 1616 bestehende Wirtshaus Veit. Dort wird dann so lange diskutiert, bis das Problem außergerichtlich gelöst ist. Die Ausstellung zeigt also auch, wie wir Menschen miteinander umgehen, wie wir unseren gemeinsamen Raum gestalten, wie unsere Regeln entstehen, wie wir uns Lösungen suchen, wenn es Probleme gibt.
Auch kritische Themen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart werden nicht ausgespart. „Am Unrecht teilhaben“ hinterfragt die NS-Zeit. Wie kam es zur staatlichen Gewalt, welche Rolle spielte die Justiz? Aber auch, welchen Handlungsspielraum hatten die Täter. Anhand von drei Täterrollen erkennt man unterschiedliche Verhaltensweisen: Jeder traf seine Entscheidung – mit unterschiedlichen Auswirkungen, die man als Besucher leicht nachvollziehen kann. Doch auch das Hier und Jetzt bleibt uns nicht erspart. Bei „Leben gegen Leben“ wird gefragt, welche Mittel ein Rechtsstaat in Extremsituationen anwenden darf. Oder welchen Wert Menschenrechte haben. Am Boden wird skizziert, wie groß laut internationalen Standards eine Zelle für einen Menschen mindestens sein muss. Verglichen wird dies etwa mit den Mindestabmessungen, die wir für einen PKW-Parkplatz vorsehen.

Millionen für die Zukunft. Rund 23 Millionen Euro wurden vom Land in die Vorbereitung des Projekts investiert. Neun Millionen etwa in die Renovierung des Schlosses Pöggstall, noch mal neun Millionen Euro für die Modernisierung des regionalen Straßennetzes, vier Millionen in Infrastruktur der Marktgemeinde und nochmal eine Million in kleinere Projekte in der Region. Heuer werden sechs Millionen Euro für den Ausstellungsbetrieb bereitgehalten, etwa für die rund 100 Mitarbeiter, die den Besuchern helfen sollen, das Thema aber auch die Region zu entdecken. Ein Megaprojekt, gerade für eine wenig beachtete Region, in der zur Einstimmung auf die Ausstellung auch viele private Betriebe Mut gefasst haben und in ihre Betriebe und Angebote kräftig investiert haben.
In ein paar Jahren werden wir wissen, ob sich das Megaprojekt rentiert hat und eine nachhaltige Entwicklung der Region gelungen ist – dann nämlich, wenn wir aus dem Stegreif wissen, warum man für einen Ausflug unbedingt ins einmalige, südliche Waldviertel fahren muss. Mit der Landesausstellung ab April könnte man schon mal einen Anfang machen.


"Landesausstellungen sind für Familien – und gerade Kinder müssen etwas erleben können." Kuratorin Elisabeth Vavra



FAKTEN
Landesausstellung „Alles was RECHT ist“

1. April bis 12. November 2017, täglich 9 bis 18 Uhr.
Wo? Schloss Pöggstall, Hauptplatz 1, 3650 Pöggstall.
Worum geht’s? Über die Spielregeln unserer Gesellschaft.
Was macht man noch? Das südliche Waldviertel entdecken.