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Pokémon killed the „Mensch ärgere dich nicht"?

Text Gotthard Gansch Ausgabe 09/2016

In diesem Sommer fanden Pikachu und Co. ihren Weg auf die Smartphones und lösten weltweit einen Hype aus, was v.a. eines zeigt: Handyspiele sind ein absoluter Wachstumsmarkt und die elektronische Spielebranche erzielt gewaltige Umsätze. Wird dadurch traditionellen Brettspielen das Wasser abgegraben?

Johannes Forstreiter und Bernhard Witschka fühlen sich in beiden Welten wohl, in der digitalen Spielewelt wie auch in der Welt der Brettspiele. Die beiden veranstalten das „Djinn Gießkann Brettspiel Bonanza“, wo sie sich einmal im Monat mit Gleichgesinnten treffen, um miteinander Brettspiele zu spielen. Anderthalb Jahre gingen sie mit der Idee schwanger, etwas in diese Richtung zu organisieren. „Für viele Spiele braucht man eine große Anzahl an Personen“, erläutert Bernhard einen der Beweggründe für die Treffen, die bisher bereits viermal stattfanden. Etwa 15 bis 25 Personen spielen dabei mit- und gegeneinander. Zunächst kamen vor allem Bekannte, dann relativ schnell auch neue Gesichter. Mit dem Vinzenz Pauli in St. Pölten fanden sie zudem eine optimale Location, wo neben dem Spielen auch die Verpflegung nicht zu kurz kommt. „Im Gegensatz zu virtuellen Spielen, wo du Software und passende Hardware brauchst, was oft auch viel Geld kostet und du auch pausenlos updaten musst, kannst du Brettspiele ganz schnell spielen. Du kannst sie auch relativ schnell selber variieren und modifizieren“, skizziert Johannes die Vorzüge. Man sei bei virtuellen Spielen doch relativ limitiert und an Regeln gebunden. „Wir sind der virtuellen Welt aber nicht abgeneigt, im Gegenteil: Wir spielen seit Ewigkeiten PC oder Playstation.“ Im Gegensatz zu früher gäbe es aber immer seltener die klassischen Splitscreen-Spiele, die man auf der Couch gemeinsam gespielt habe, wie etwa die altbekannten Nintendo-Klassiker, wie Bernhard bemerkt: „Bei heutigen Multiplayer-Spielen sitzt du oft alleine zu Hause und kommunizierst nur über Head-Set.“ Im Gegensatz zu den Brettspiel-Abenden sei das zwar unkomplizierter und organisatorisch wesentlich einfacher, aber „so viel gelacht wie dort habe ich beim PC-Spielen schon lange nicht mehr“. Johannes schlägt in dieselbe Kerbe: Zwischen den beiden Welten gäbe es für ihn keinen Favoriten, aber Brettspiele machten mehr Spaß. „Es ist nur ein großer Aufwand, einen passenden Termin zu finden.“

Mana mag man eben
Gespielt werden bei diesen Brettspiel-Abenden verschiedenste Spiele. Johannes erzählt: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass vielen Spiele gefallen, wo man gemein sein kann, wo auch ein gewisser schauspielerischer Aspekt wichtig ist.“ „Und wo man rhetorische Skills braucht, Lügen muss“, ergänzt Bernhard. Beliebt seien etwa Hidden Role Spiele, bei denen zwei Teams herauszufinden versuchen, wer die Bösen sind (Werwolf ist ein bekannter Vertreter dieses Genres). Für große, sehr aufwendige Spiele, die viel Zeit, viel Wissen und große Räumlichkeiten benötigen (z.B. Warhammer), gibt es nur in Wien eigene Communities.
Die beiden planen für die Zukunft auch Themenabende – passende Namen haben sie sich schon ausgedacht: Der Abend zum Thema Magie wird „Mana mag man eben“ heißen, die „Dice-Bucket-Challenge“ dreht sich ums Würfeln und verschiedenste Kartenspiele werden bei „Mischen impossible“ im Zentrum stehen. Falls jemand noch viel öfter spielen will, kann er sich auch an die BrettSpielGruppe St. Pölten wenden, die sich zweiwöchentlich an einem Donnerstag im Naturfreunde Bootshaus trifft.

Innerstädtisches Jagen
Johannes spielt aber auch Pokémon Go, wenngleich er bisher kaum dazugekommen ist: „Es ist aber schon lange her, dass ich wirklich ein Spiel tagelang gezockt, dass ich wirklich die ganze Zeit durchgesüchtelt habe.“ Er hat im Urlaub und ein bisschen zu Hause gespielt. „Das Spiel ist vor allem unfassbar nostalgisch. Und es spricht genau den Sammler in mir an“, freut er sich. Da muss ich ihm nickend zustimmen. Für einen schnellen Spielfortschritt sollte man jedoch in der Innenstadt wohnen oder diese zumindest häufig besuchen: Urbane Gegenden sind nämlich in Pokémon Go bevorteilt, weil einerseits die Dichte an PokéStops und Arenen (s. Kasten S.62) eine weitaus größere ist, andererseits (zumindest bis jetzt) dort auch mehr und seltenere Pokémon auftauchen. Dort, wo sich viele derartige PokéStops befinden, und auch in Parks, sind immer wieder Pokémon Go-Spieler anzutreffen. In St. Pölten kristallisierten sich hierbei v.a. der Sparkassen-Park, das Regierungsviertel inklusive Hammerpark sowie die Innenstadt, allen voran die Ecke beim Subway, als Pokémon-Hotspots heraus. Beinahe zu jeder Tages- und Nachtzeit traf man dort mehrere Spieler gleichzeitig an – deren Blick meist gen Bildschirm gerichtet.

Poké-Stop!
Mittlerweile flauen der Boom und das Interesse am virtuellen Jagen jedoch wieder ab. Das ist nicht nur Johannes, Bernhard und mir aufgefallen, das zeigen etwa auch die Nutzerzahlen und die Downloadstatistiken, wie unlängst die Nachrichtenagentur Bloomberg auf Basis von Marktforschungsdaten bekannt gab.
Nach einiger Zeit geht die Lust am Fangen und Suchen tatsächlich verloren, wie ich das auch am eigenen Leib erfuhr. Begünstigt durch den anfänglichen Hype, das schöne sommerliche Wetter und durch die freien Ferientage versuchten sich zunächst noch viele am Jagen der virtuellen Monster. Zu Beginn sah man noch Mittzwanziger, die mit der ersten Generation von Pokémon groß geworden sind, Teenager, die wohl die nachfolgenden Generationen kennengelernt haben, und auch vereinzelt Ältere, die durch die Stadt schlenderten. „Immer dieselben Pokémon, immer dasselbe Spielprinzip, wenig Neues, zu wenige Funktionen“, fasst Johannes seine Ernüchterung zusammen. „Aber wenn man bedenkt, dass das Spiel noch nicht annähernd fertig sein soll, bin ich guter Dinge“, so Johannes weiter. Vonseiten Nintendos bzw. Niantic betont man nämlich, dass man erst wenige der insgesamt geplanten Funktionen veröffentlicht habe. Bisher kümmerte man sich vor allem um die Serverstabilität, die anfangs gar nicht gegeben war. Ob man aber dann bereits verlorene Spieler wieder zurückholen kann und ob das Ferienende und der Herbstbeginn nicht zusätzlich Nutzer kosten werden, wird sich weisen. Sonst muss man eben wieder „Mensch ärgere dich nicht“ aus dem Kasten kramen …

Der Bruch mit der Unternehmensphilosophie
Vor genau 20 Jahren erblickten die Pokémon (engl. Pocket Monsters) in Japan die Welt. Neben Mario, Donkey Kong und Zelda zählen die virtuellen Taschenmonster zu den Steckenpferden des Nintendo-Konzerns. In Europa erschienen die rote und die blaue Edition, die erste Generation der Serie, erst drei Jahre später (1999). Seit damals erfreut sich das Pokémon Universum großer Beliebtheit. Nintendo war dabei schon immer für stationäre Videospielkonsolen (z.B. NES, Super Nintendo, Nintendo 64, Gamecube, Wii) wie auch für Handheld-Konsolen (etwa Game Boy und Nintendo DS) bekannt. Nahezu alle Titel von Nintendo erscheinen exklusiv für die hauseigenen Konsolen. Dahinter steckt wohl die Befürchtung, dass sich die Konsolen nicht mehr so gut verkauften, wenn die Titel auch für andere Plattformen, für PC oder auf dem Smartphone erscheinen würden. Dieses Credo wurde nun von Nintendo über Bord geworfen. Mit „Pokémon Go“ wagt man die ersten Schritte in den einträglichen und stark wachsenden Markt der Spiele-Apps für Smartphones. Noch vor Spielstart am 16. Juli (Österreich) entstand ein Riesenhype um das Spiel. Das Game zählt bereits jetzt zu den erfolgreichsten Apps, verdoppelte kurzzeitig sogar Nintendos Aktienkurs und sorgt dafür, dass strawanzende, aufs Handy starrende Menschen zu einem alltäglichen Bild in den Städten geworden sind.


Spielprinzip von Pokémon Go

Auf dem Smartphone sieht man eine virtuelle Landkarte wie in GoogleMaps. Die eigene Spielfigur wird dabei dort platziert, wo man sich selbst gerade befindet. Bewegt man sich in der realen Welt, bewegt sich auch die Spielfigur in dieselbe Richtung. Die virtuellen Pokémon werden per Zufalls­prinzip in der Spielwelt verteilt. Trifft man auf ein Pokémon, kann dieses durch einen Pokéball gefangen werden. Durch eine Wischgeste auf dem Smartphone wird ein derartiger Ball geworfen. Im Gegensatz zu den anderen Spielen der Pokémon-Reihe müssen dabei die Monster nicht vorher im Kampf geschwächt werden. Sehenswürdigkeiten oder spezielle Punkte werden dabei entweder als Pokéstops gekennzeichnet, bei deren Besuch man Spielgegenstände wie besagte Pokébälle oder Eier erhält, oder als Arenen, bei denen Pokémon-Kämpfe absolviert werden können. Eier werden ausgebrütet, wenn man eine gewisse Wegstrecke (2, 5, 10 km) in Geh- oder Laufgeschwindigkeit zurückgelegt hat. Daraus schlüpfen dann wiederum Pokémon, die sofort in den eigenen Besitz übergehen.


NOMEN EST OMEN.
Bei Pokémon Go wandert man durch die Straßen auf der Suche nach dem virtuellen Vieh. Dabei trifft man an neuralgischen Punkten immer wieder Gleichgesinnte


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