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Lernen Sie Geschichte

Text Johannes Reichl Ausgabe 09/2017

„Lernen Sie Geschichte!“ Gleich beim Eintritt in die Dauerausstellung des neuen „Hauses der Geschichte“ wird man – neben anderen „Stehsätzen“ – mit diesem „Klassiker“ aus dem Munde Bruno Kreiskys konfrontiert. Die Museumsmacher haben diesen in gewisser Weise in ein „Lehren wir Geschichte“ umgewandelt, damit wir aus der Geschichte lernen können.

Was gab es im Vorfeld nicht für Diskussionen. Ist ein Haus der Geschichte für Österreich überhaupt realisierbar? Nun, nach einem ersten Rundgang kann ich versichern: Ein „Haus der Geschichte“ ist nicht nur machbar, sondern es ist nunmehr Realität – es steht in St. Pölten und ist Teil des Museums Niederösterreich. Dass ein zweites ebenso in der Bundeshauptstadt folgen wird, mag dereinst spätere Generationen von Historikern beschäftigen und dann vielleicht als kleine, aber typische österreichische Anomalie bzw. Eigenart bewertet werden.
Die zweite Diskussion, in der auch Otto Normalverbraucher schnell zum Museumsexperten mutierte, betraf die Frage, wie ein solches Museum im 21. Jahrhundert überhaupt auszusehen hat. Da lieferten sich moderne Digitalaficionados mit konservativen Originalfetischisten einen Schlagabtausch. Im Haus der Geschichte hat man diese vermeintlich divergierenden Strömungen letztlich miteinander versöhnt. Denn ja, es gibt interaktive Elemente, ja, es gibt leuchtende Screens, Videowalls und Touchscreens, und die machen auch Sinn, aber – so beschleicht zumindest mich persönlich das Gefühl – am meisten beeindrucken dann doch die konkreten Ausstellungsobjekte. Auch derer hat man, was im Vorfeld ebenfalls angesichts etwaiger Wiener Konkurrenz bezweifelt wurde, genügend repräsentative „Stücke“ zusammengetragen. Wobei gar nicht so sehr die historisch aufgeladenen „Highlights“, als vielmehr die – auch Ergebnis von Sammelaufrufen an die Bevölkerung – „gewöhnlichen“ Alltagsobjekte besonders berühren, weil sie am ehesten das zu vermitteln imstande sind, was wir gemeinhin als Geschichte verstehen. Und da geht es immer um das Leben selbst.

Von Zufällen & Wendepunkten
Gleich zu Beginn etwa – als „Lauf der Zeit“ tituliert – werden in einer, von den Mitarbeitern liebevoll „Running Sushi“ genannten Vitrine abwechselnd einzelne Objekte kurz beleuchtet, um danach quasi wieder in der Finsternis der Geschichte zu versinken. Ein Exponat ist ein von einem Schuss ramponierter Taschenrasierer aus dem 2. Weltkrieg, der das Projektil am Eindringen in den Körper seines Trägers verhinderte und so wohl dessen Leben rettete.
In der Ausstellung – auch in der Sonderausstellung – finden sich solche berührenden, mitunter verstörenden, jedenfalls die Geschichte und – ja gerade auch – ihre Zufälligkeit zum Ausdruck bringenden Stücke zuhauf: Da ist ein Helm aus dem Ersten Weltkrieg, der durch Anbringen eines neuen Wappens kurzerhand zum Heimwehr-Helm mutiert. Ein Puppenofen aus friedlicheren Tagen, der in harten, von tiefster Armut geprägten Zeiten dann tatsächlich zum Heizen herhalten muss. Ein noch originalverpacktes Hemd der Hitlerjugend, wo man grübelt, ob es der Inhaber nicht tragen wollte oder nicht mehr tragen konnte. Oder ein Goldschatz aus dem Mittelalter, der zum einen über die damalige Mode Auskunft gibt, zugleich aber die viel spannendere Frage aufwirft, warum ihn sein Besitzer, ein Goldschmied wie gemutmaßt wird, vor den Toren Wiener Neustadts vergraben, aber nie wieder gehoben hat.
Beklemmend muten jene zwei Kinderwägen an, die man im Kapitel „Flucht und Wanderung“ sehr gescheit nebeneinander gestellt hat, weil sie dadurch die Wiederkehr von Phänomenen verdeutlichen. Der eine stammt vom Brünner Todesmarsch 1945, der andere vom Grenzübergang Nickelsdorf 2015. Die darin enthaltenen Utensilien lassen noch heute die Fluchtroute nachvollziehen und machen das Schicksal unmittelbar, abseits theoretisierender Stammtischreden über „DIE Flüchtlinge“, die doch vor allem eines sind: Menschen.
Nicht minder gelungen ist in diesem Kontext die gemeinsame Präsentation eines zehn Meter hohen Wachturms des ehemaligen Eisernen Vorhangs und jenes legendären, selbst zusammengebastelten Fluggerätes, mit dem Jiri Rada die Flucht just über diesen hinweg aus der damaligen CSSR nach Österreich gelungen ist. Auch dies hat eine Botschaft, die in der Ausstellung, weil Niederösterreich davon in der Geschichte vielfach betroffen war, immer wieder durchschimmert: Der Willen zur Freiheit kann – im wahrsten Sinne des Wortes – mitunter Flügel verleihen. Die Freiheit selbst aber, die Demokratie und humanistischen Werte sind keine Selbstverständlichkeit, sondern müssen immer wieder aufs Neue erkämpft bzw. verteidigt werden.

Zwischen offiziell und privat
Welches Dokument könnte dafür symbolträchtiger stehen als der 1955 unterzeichnete Staatsvertrag, der – als Faksimile – eines der zentralen historischen Objekte der Ausstellung darstellt. „Belebt“, wenn man so möchte, wird aber auch dieser vor allem durch die daneben liegende Original-Füllfeder des damaligen Außenministers Leopold Figl, mit der er das Vertragskonvolut unterzeichnete. Auf der Spitze finden sich noch Reste grüner Tinte und man bekommt ein Gefühl, welche Tragweite ein vermeintlich kleiner Stift und ein aus elf Buchstaben bestehender Schriftzug letztlich entfalten können. Zugleich erinnert man sich – ebenfalls in der Ausstellung dokumentiert – an Figls berühmte Rundfunkansprache nur zehn Jahre vorher, als er als Bundeskanzler Weihnachten 1945 sein hungerndes, frierendes und desillusioniertes Volk fast flehentlich auffordert: „Glaubt an dieses Österreich!“
In die Kategorie „besondere Originale“ fällt auch eine Luther-Bibel aus dem Jahre 1545 auf, zu Wittenberg gedruckt, die noch auf einer von Luther redigierten Fassung basiert, oder die Originalurkunde „Beschluss der provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich vom 30. Oktober 1918 über die grundlegenden Einrichtungen der Staatsgewalt“. Unterzeichnet u.a. von Staatskanzler Karl Renner, dessen Unterschrift auch auf den Dokumenten der neuen Zweiten Republik 1945 prangen wird, von dem aber auch – wieder so eine Finesse ins Private – ein Schachspiel aus seiner Villa in Gloggnitz ausgestellt ist, das symbolisch für seinen Hausarrest während des NS-Regimes steht.
Überhaupt – das ist eine der großen Stärken der Schau – vermögen oftmals Alltagsgegenstände aus dem Besitz berühmter Persönlichkeiten mehr zu vermitteln als nur hoheitliche Akte. So wird etwa Kaiser Franz Josephs liebevoll genannter „Bonjourl“ ausgestellt, der vielen als Beleg seiner Majestäts Bescheidenheit dient, handelt es sich dabei doch um einen zu einem Morgenmantel umgeschneiderten alten Waffenrock. Auch eine Schallplatte mit einer Aufnahme des Kaisers, der er nach langem Zögern zustimmte, um das Endergebnis dann rundweg abzulehnen, ist mehr als nur ein anekdotisches Relikt. Sie steht für Franz Josephs Technikskeptizismus, was auch eine gewisse Fehleinschätzung des um ihn herum vor sich gehenden gesamtgesellschaftlichen Wandels zeugt, was wohl mit zum Untergang des ancien regime führte.
Es gäbe noch viele spannende Objekte zu erwähnen – und zu entdecken, denn eines wird einem rasch klar: Das Haus der Geschichte ist eines zum Wiederkehren, zum immer wieder Neuentdecken. Gerade deshalb ist die Aufbereitung nach Themen anstelle der Chronologie schlüssig.
Was den Ausstellungsmachern absolut gelingt, ist ein „Gefühl“ für Geschichte zu vermitteln, also zum einen die Bezüge der unterschiedlichen Epochen untereinander anzudeuten, zum anderen aber auch die Entwicklung, das „Entstehen“ von Geschichte an sich. Augenscheinlich wird dies etwa in der Schwerpunktausstellung „Umkämpfte Republik“, die mit der ausklingenden Donaumonarchie einsetzt, die zunehmende Radikalisierung und damit einhergehende Spaltung der Gesellschaft nachzeichnet, und zuletzt im Anschluss an Nazi-Deutschland 1938 mündet. Daneben sieht man auf einer Videowall die brennende St. Pöltner Synagoge ...
Geschichte ist aber nicht nur das, was sich quasi an den Wendepunkten emporstülpt und eine Art Zäsur, ein davor und danach bildet, sondern sie ist vielmehr das große Meer drumherum, das zu diesen Wendepunkten wellenförmig hinführt und wieder abebbt, aber doch ein ununterbrochenes Kontinuum darstellt. Kurzum: Sie ist das Leben selbst, für das jeder von uns Mitverantwortung trägt – und zwar über seinen Lebenshorizont hinaus. Denn das, was wir heute tun, hat Folgen für die Zukunft und die nachfolgenden Generationen. In diesem Sinne: Lernen Sie Geschichte! Und lernen wir aus der Geschichte. Das neue „Haus der Geschichte“ bietet dazu spannend und lehrreich Gelegenheit!


INFORMATIONEN

Das neue „Haus der Geschichte“ im Museum Niederösterreich spannt einen Bogen von der Urzeit bis zur Gegenwart.
In der Gestaltung hat man sich von einer chronologischen Aufbereitung verabschiedet und vermittelt Geschichte stattdessen via 11 thematischen Clustern:  1 Im Fluss der Zeit; 2 Mensch im Raum; 3 Flucht und Wanderung; 4 Macht – Gegenmacht; 5 Glaube – Wissen;  6 Wer bestimmt?; 7 Selbstbild – Fremdbild; 8 Im Takt der Maschine; 9 Im Gleichschritt – Ausgelöscht; 10 Niederösterreich im Wandel; 11 Brücken Bauen

Zudem hat man vier Foren eingerichtet, wo bestimmte Phänomene und Zeiten vermittelt werden: 1 Forum Central; 2 Forum Demokratie; 3 Forum Arbeitswelt; 4 Forum 2. Weltkrieg
www.museumnoe.at