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Kulturhauptstädte revisited

Text Dominik Leitner Ausgabe 09/2016

2024 wird Österreich bereits zum dritten Mal die Kulturhauptstadt Europas stellen. Wie war das damals – in Graz und Linz – eigentlich? Und lohnt es sich heutzutage überhaupt noch? 

Spricht man mit Beteiligten der beiden bisherigen österreichischen „Kulturhauptstädte Europas“,  so kommen sie auch Jahre danach noch ins Schwärmen. Trotz aller Hochs und Tiefs war es für Graz 2003 und Linz 2009 wichtig, einmal im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit ihre Kultur und vor allem ihre Stadt von der schönsten Seite zu präsentieren. Doch zwischen 2009 und 2024 liegen ganze 15 Jahre, in denen sich die Ansprüche für Kulturhauptstädte massiv verändert haben.

Wachstumsschub für Graz
Vor allem für die steirische Landeshauptstadt, so scheint es, war die Ausrichtung im Jahr 2003 der Grundstein für eine sichtbar positive Entwicklung. Zehn Jahre zuvor richtete man bereits den „Europäischen Kulturmonat“ aus. Dieter Hardt-Stremayr, heutiger Tourismuschef der Stadt und schon während Graz03 aktiv, nennt diesen Kulturmonat als Ausgangspunkt für die Politik, sich als Kulturhauptstadt bewerben zu wollen. 1998 bekam Graz schließlich, ohne Gegenkandidaten aus Österreich wohlgemerkt, den Titel von den Kulturministern der EU verliehen.
Beliefen sich die Gesamtkosten für dieses eine Jahr auf 58,6 Millionen Euro (welche ungefähr zu je einem Drittel von Stadt, Land und Bund übernommen wurden), so geht Hardt-Stremayr davon aus, dass die Bewerbung selbst relativ kostengünstig war, „da es sich um ein recht einfaches inhaltslastiges Papier ohne detaillierter Erläuterung von Projekten gehandelt hat.“ Nach der erfolgten Zusage begann man dann mit der Planung und Umsetzung neuer Ideen: Gebäudekonstruktionen wie die Murinsel und das Kunsthaus zählen bis heute zu den jungen Sehenswürdigkeiten – wobei die Insel laut Berichten meist nur spärlich besucht ist.

Vorbildliches Linz
Auch für Linz stand relativ früh fest, dass man sich um den Titel Kulturhauptstadt bemühen wolle. Zehn Jahre bevor Linz09 Realität wurde, fand man bereits im Linzer Kulturentwicklungsplan die Bewerbung als Ziel vor. Für Kulturmanager Thomas Diesenreiter war vor allem das baldige starke Kommitment von Stadt und Land gut, um die lange Vorlaufzeit zu nutzen und strategisch die zahlreichen Baustellen anzugehen. Die Finanzierung wurde schließlich wieder nach österreichischem Prinzip gedrittelt: je 20 Millionen übernahmen Stadt, Land und Bund.
Für Airan Berg, den künstlerischen Leiter für Darstellende Kunst bei Linz09, zählt die Arbeit rund um diese Kulturhauptstadt zu einer seiner „schönsten beruflichen Zeiten“. Zwar spürte er anfangs ein großes Misstrauen seitens der Öffentlichkeit und Druck von Presse, Tourismus und Politik – aber seiner Ansicht nach hat Linz09 dies gut gemeistert. Allein schon der Eröffnungschor mit 400 Menschen aus der Bevölkerung sei ein Beweis, dass man es geschafft habe, die Kultur in den Mittelpunkt der Bürger zu bringen. Und er erklärt auch, dass viele Dinge, die Linz damals erstmals umgesetzt hat, danach von nachfolgenden Kulturhauptstädten explizit verlangt wurden.

Der Unmut der freien Szene
Thomas Philipp, ein Linzer Sozial- und Kulturwissenschaftler, spricht von Linz09 als „Publikums- und Gäs­teerfolg“. Bereits im August 2009, so eine Spectra-Umfrage, hatten 50% der Linzer, 30% der oberösterreichischen Bevölkerung und 7,5% der Österreicher zumindest eine Veranstaltung besucht. Philipp und auch Diesenreiter berichten aber vom Unmut der freien Kulturszene im Vorfeld und auch während des Kulturhauptstadtjahres. Die erhofften Fixplätze für lokale Künstler gab es nicht. Berg hingegen stellt klar: Es war nicht möglich, alle zufriedenzustellen. Manchmal stimmte die Chemie nicht, mal waren es fehlende Mittel oder einfach die falschen Ideen.
Philipp fasst zusammen: „Der allergrößte Teil der freien Kulturszene war mit Sicherheit froh darüber, dass das einjährige Spektakel vorbei war.“ Im Nachhinein gesehen flossen aber 10-15% der Programmkosten in Projekte der freien Szene Linz bzw. in Kooperationsprojekte mit ihr.  Das ist verglichen mit den rund 3% aus dem Linzer Kulturbudget, die durchschnittlich pro Jahr für die freie Szene reserviert sind, sehr viel mehr.
Auch in Graz gab es Kritik von Seiten der freien Szene. So hat z.B. Margarethe Makovec, eine Vertreterin der Szene bei Graz03, die Projektlastigkeit in diesem einen Jahr bemängelt. Statt längerfristige programmatische Veränderungen bei der städtischen Kulturpolitik herbeizuführen, konzentrierte man sich rein auf Projekte. Auch Tourismuschef Hardt-Stremayr erinnert sich an die skeptische, kritische oder enttäuschte Haltung zu Beginn des Jahres – immerhin mussten 500 von rund 600 Projekten abgelehnt werden.

Positive und nicht ganz so positive Entwicklungen
Neben den kulturellen Entwicklungen in Folge der Kulturhauptstadtaustragung kann sich v. a. der Tourismus freuen. Graz kann nach rund 480.000 Nächtigungen im Jahr 1995 nunmehr auf über eine Million zwanzig Jahre später verweisen. In einem Interview mit dem FAZIT-Magazin ist Altbürgermeister Alfred Stingl, der auch im Aufsichtsrat der Kulturhauptstadt saß, überzeugt, dass dies ohne Graz03 nicht so rasch passiert wäre. Die internationale Bekanntheit wurde durch zahlreiche Medienberichte stark erhöht. Das Linzer Filmfestival „Crossing Europe“ hat ebenfalls seinen Ursprung in Graz, als 03er-Special des dortigen Diagonale-Festivals. Doch es gibt Kritik: Der Graz03-Geschäftsführer erklärte zehn Jahre später in einem ORF-Interview, dass man die Marke, die man 2003 aufgebaut hat, in den Jahren danach hat „verkümmern lassen, freundlich gesagt.“
Auch in Linz konnte ein Anstieg der Nächtigungszahlen verzeichnet werden. Die Stadt profitiert bis heute noch vom renovierten Ars Electronica Center und auch das 2012 eröffnete Musiktheater ist eine Nachwirkung von Linz09. Die „Höhenrausch“-Attraktion lockt auch im 7. Jahr zahlreiche Besucher in die oberösterreichische Landeshauptstadt. Die freie Szene in Linz kämpft aber seit 2009 regelmäßig gegen Kürzungen, selten mit Erfolg.

Empfehlungen eines Kenners

Airan Berg wurde nach seiner Arbeit bei Linz09 für die Bewerbung von Lecce 2019 angeworben. Wie Berg es beschreibt, sah der Bürgermeister der süditalienischen Stadt diese Bewerbung als mögliche „Rettung“ – und holte Berg erst vier Monate vor Ende der ersten Frist an Bord. Durchsetzen konnte sich Lecce nicht, aber Berg konnte so zumindest weitere Erfahrungen sammeln, die er im Gespräch auch gerne teilt: Man sollte am besten eineinhalb bis zwei Jahre vorher beginnen, sich nicht nur mit Inhalten zu beschäftigen, sondern gleich die geplanten Strukturen abzuklären. Sollte man sich z.B. für 2024 bewerben wollen, so sei es empfehlenswert, nicht nur eine Bewerbung zu erstellen, sondern vielmehr einen Kulturentwicklungsplan für die Jahre 2020-2030 auszuarbeiten. Gelingt die Bewerbung, so wirkt eine Kulturhauptstadt schließlich wie ein Sprungbrett und Beschleuniger, um diese Ziele zu erreichen.
Die Kosten für die Bewerbung heutzutage liegen laut Berg bei 150.000 bis 250.000 Euro für die erste Runde. Sollte man in Runde zwei weiterkommen, wären noch einmal 500.000 Euro notwendig. Das ist eine Menge Geld im Vorfeld, aber Berg ist sich sicher: „Es lohnt sich, auch die Bewerbung lohnt sich. Wenn man sie gut macht, kann man schon viel erreichen!“