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Integration im Klassenraum

Text Sascha Harold, Dominik Leitner Ausgabe 06/2018

Das Thema Bildung wird von der Regierung derzeit stark verknüpft mit Fragen der Migration gedacht. Ob Kopftuchverbot für Kindergarten- und Volksschulkinder oder separate Deutschklassen für Kinder.

Die Debatte, von der das beschlossene Kopftuchverbot für Mädchen in Kindergarten und Volksschule begleitet wird, weckt Erinnerungen: An die Frage nach dem Kreuz an der Wand, dem Burkini am Strand und die unzähligen anderen Debatten über, meist islamische, Symbole im öffentlichen Raum. Nach dem Verhüllungsverbot vergangenen Herbst, das vor allem das Tragen von Burkas im öffentlichen Raum unterbinden sollte, wurde nun das Kopftuchverbot für Schul- und Kindergartenkinder beschlossen. Im Rahmen eines sogenanntes „Kinderschutzgesetzes“ soll damit Integration ermöglicht werden – eine Ausweitung, etwa auf weiterführende Schulen, ist derzeit nicht geplant. Auch die umstrittenen separaten Deutschklassen für Kinder mit mangelhaften Sprachkenntnissen sollen ab Herbst für Verbesserungen im Bildungssystem sorgen. Welche Chancen haben die geplanten Gesetze in der Praxis und geht es wirklich um Integration oder um die Durchsetzung einer bestimmten Vorstellung von Identität?

Die Sache mit  dem Kopftuch
Zunächst zur Kopftuchthematik und der praktischen Relevanz des Gesetzes für St. Pölten. Auf Nachfrage in den Kindergärten und Volksschulen St. Pöltens wird rasch deutlich: Zumindest bislang gab es mit dem Tragens eines Kopftuchs keine Probleme. Der Leiter des Schulwesens am St. Pöltner Magistrat, Andreas Schmidt, bestätigt das: „Aktuell besuchen 1.618 Kinder NÖ Kindergärten in St. Pölten und keines der Kinder trägt aus religiösen Gründen ein Kopftuch.“ In den nachfolgenden Schulstufen, wobei Volksschulen, Mittelschulen, Sonderschulen und polytechnische Schulen zusammengefasst sind, gebe es aktuell 25 Mädchen, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen.

Alles nur ein Scheinproblem?
Zur Thematik befragt wollen sich die meisten Volksschuldirektoren nicht äußern. Von insgesamt 17 Anfragen blieben 15 unbeantwortet, ein Direktor wollte sich aufgrund der politischen Brisanz des Themas nicht äußern. Die einzige andere Antwort kommt vom Direktor der Volksschule St. Pölten-Wagram, Christian Waka. An seiner Schule trägt kein Mädchen ein Kopftuch, es gab bislang auch keine Probleme – er steht dem Tragen des Tuches jedoch kritisch gegenüber: „Die Teilnahme an religiösen Handlungen bzw. das Tragen von Kopftüchern ist für Kinder von 8 - 10 Jahren im Koran nicht vorgesehen. Daher sollte das Kopftuch in der Volksschule kein Thema sein, zumal die Kinder in diesem Alter die andersartige Kleidung nicht verstehen und sich damit von der Gemeinschaft distanzieren. Das kann nicht im Sinne der Integration sein“, ist er überzeugt.
Damit ist Waka nicht allein: Auch die Tageszeitung „Der Standard“ hat sich an großen Wiener Volksschulen umgehört: An den drei befragten Schulstandorten gab es zwischen 0 und 4 Mädchen, die ein Kopftuch tragen – für das Verbot sprachen sich jedoch alle Direktoren aus. Einhellig wurde dabei die Meinung vertreten, den Kindern das Kindsein lassen zu wollen und die etwaige Entscheidung für oder gegen das Kopftuch erst später zu treffen. Auch aus dem NÖ Landesschulrat hört man positive Worte zum geplanten Verbot: „Im Zentrum unserer Überlegungen steht immer und auch in dieser Thematik das Kind und die Überlegung, Stigmatisierung und Ausgrenzung möglich zu vermeiden. Dieser Ansicht schließen sich auch namhafte islamische Experten an“, so Pressesprecher Fritz Lengauer.



"Aktuell besuchen 1.618 Kinder NÖ Kindergärten in St. Pölten und keines der Kinder trägt aus religiösen Gründen ein Kopftuch." ANDREAS SCHMIDT, Leiter Schulwesen am Magistrat St. Pölten



Stigmatisierung oder Ausdruck der Freiheit?

Dass Kinder nicht zum Tragen eines Kopftuches gezwungen werden sollten, darüber gibt es politische Einigkeit. Kontrovers diskutiert wird aber die Notwendigkeit des Verbotes – abgesehen von der praktischen Relevanz des Problems. Der grüne Gemeinderat Markus Hippmann zeigt sich skeptisch: „Beim Rauchen wollen wir die Bevölkerung nicht bevormunden, aber bei der Kleidung schon?“ Gegen Zwang ist auch er, wenn ein Kind jedoch freiwillig ein Kopftuch tragen möchte, so solle dies gestattet sein. Es sei aber auch klar, räumt er ein, dass das schwer festzustellen sei. Klare Befürworter des Verbotes sind dagegen FPÖ und ÖVP. Vorsitzender der FPÖ-Gemeinderatsfraktion, Klaus Otzelberger: „Das Kopftuchverbot in Kindergärten und Volksschule ist schon lange dringend notwendig, da Integration oft schon im Kindesalter scheitert.“ Von einer Freiwilligkeit in der Wahl der Kleidung geht er bei Kopftuch und Burka nicht aus. Beide seien, so Otzelberger, Symbole der Unterdrückung der Frau und hätten nichts mit Religionsfreiheit zu tun. Auch ein allgemeines Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst würde er unterstützen.
Vizebürgermeister Matthias Adl schlägt in dieselbe Kerbe: „Ich halte das Verbot für richtig, weil das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung der Frau ist – umso mehr hat es bei Kindern und Jugendlichen nichts verloren.“ Vizebürgermeister Franz Gunacker, SPÖ, schließt sich der Meinung des Magistrats an und sieht mit Kopftüchern derzeit kein akutes Problem.

Deutsch lernen separat oder im Verbund?
Ein Thema, das ebenfalls bereits länger auf dem Tapet ist und von der derzeitigen Regierung umgesetzt werden soll, sind separate Deutschklassen für Schüler, die die Sprache noch nicht ausreichend beherrschen. Befürworter sehen darin eine bessere Chance auf Integration, Kritiker sprechen dieser Maßnahme genau diese integrative Wirkung ab – durch Separierung der Kinder würden erst recht parallele Strukturen geschaffen werden.
Volksschuldirektor Waka sieht die geplanten Deutschklassen grundsätzlich positiv: „Gelingende Integration kann nur auf Basis einer gemeinsamen Sprache funktionieren. In diesem Sinne sehe ich jede Maßnahme, die einen Schritt in diese Richtung darstellt, als gelungen an.“ Er erklärt jedoch, dass sein Weg zur effizienten Deutschförderung, bezugnehmend auf seine bisherigen Erfahrungen, wäre, „jedem Kind mit nichtdeutscher Muttersprache ein bis zwei Stunden pro Tag integrativen Deutschunterricht zusätzlich im Rahmen des Gesamtunterrichts anzubieten.“
Im Landesschulrat gibt man sich zur Thematik allerdings derzeit noch zugeknöpft, da die entsprechenden Richtlinien noch nicht fixiert seien. „Grundsätzlich ist für uns der Erwerb der deutschen Sprache eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Bildungsweg. Ob dies in eigenen Klassen oder integrativ passiert, ist derzeit von Fall zu Fall zu entscheiden“, erklärt Pressesprecher Lengauer. Das geplante Modell beruhe „aber jedenfalls auf positiven Projekten und Schulversuchen in Niederösterreich“.
Doch auch hier gibt es Gegenwind – und diesmal nicht nur aus den Reihen der Opposition. Paul Kimberger, Bundesvorsitzender der Pflichtschullehrer-Gewerkschaft APS und Obmann des Christlichen Lehrervereins, lobte im Jänner noch ausdrücklich die Pläne des neuen Unterrichtsministers: „Bundesminister Faßmann zeigt gleich zu Beginn seiner Amtszeit Realitätssinn und Verständnis für pädagogische Notwendigkeiten.“ Nur wenige Monate später warnt der APS in einer Stellungnahme zu den Reformplänen vor einer zu frühen Einführung und erklärt u. a., dass diese separaten Deutschförderklassen „einen Bildungslaufbahnverlust von ein bis zwei Jahren zur Folge haben“ würden. Die regelmäßigen, alle sechs Monate stattfindenden Tests wären „eine weitere Belastungssituation für Kinder und Lehrpersonen.“
Im Unterrichtsausschuss des Parlaments sprach man sich, mit den Stimmen von ÖVP und FPÖ, Mitte Mai für die Einführung dieser Deutschförderklassen aus – und die Regierung hält damit, trotz aller Kritik, an der Einführung im kommenden Wintersemester fest.