MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

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In was für einer Stadt leben wir eigentlich...

Text Johannes Reichl Ausgabe 06/2017

… in der sich derzeit zahlreiche „Staatsverweigerer“ verantworten müssen. Was beim ersten Hinsehen mit etwas gutem Willen womöglich als romantisch-rebellische Widerborstigkeit gegen das oft gescholtene „System“ durchgeht, stellt sich in Realität als durchgeknallte Lebenseinstellung dar. Gemein ist den jüngst am St. Pöltner Landesgericht Verurteilten, dass sie sich mit Schriftstücken an Behörden wenden. An Sachbearbeiter, die Verwaltungsstrafen bearbeiten. An Gemeindeangestellte, die die periodische Überprüfung einer Ölheizung einmahnen. All diesen „Rechtsbrechern“ wird lautstark gedroht: „Wenn Sie weiterhin unerlaubt meinen Namen nutzen, verklage ich Sie auf 3 Millionen Euro – in Silberunzen.“ Um der Fantasieforderung Nachdruck zu verleihen wird angedroht, diese in ein ausländisches Schuldenregister einzutragen. Spezialisierte Inkassoinstitute könnten dann die zu Unrecht Eingetragenen drangsalieren. Wenn wir freiwillig hier leben, können wir uns nicht einseitig der hier gültigen Rechtsstaatlichkeit entziehen. Und spätestens, wenn man seit 13 Jahren Witwerpension und Notstand vom Staat Österreich bezieht, ist es einfach lächerlich, diesen vor Gericht dann zu „verleugnen“.

… in der nun also doch der LUP Sonn- und Feiertagsverkehr kommt. Während des Wahlkampfes noch heiß umstritten, ist er mittlerweile politischer Konsens. Die ÖVP erinnerte im Gemeinedrat per alten Wahlplakaten daran, wer die Forderung gestellt hatte und beanspruchte „die Vaterschaft“ für die  nunmehrige Realisierung für sich. Markus Hippman „konterte“, indem er die die „alten“ Grünen als ursprünglich Befruchtende des Stadtbussystems heraufbeschwor, und der Bürgermeister verwies auf Altbürgermeister Willi Grubers Geburtshilfe. Wie auch immer – der Sonn- und Feiertagsverkehr kommt auf den Linien 1, 5 und 6 und soll laut ÖVP, wider den im Wahlkampf geschätzten 200.000 Euro, der Stadt unter Berücksichtigung der Drittelfinanzierung nur mehr rund 31.000 Euro pro Jahr kosten. Einen Vorbehalt aus dem Wahlkampf wiederholte der Bürgermeister: Erst die Auslastung werde zeigen, ob der Betrieb an Sonn- und Feiertagen gerechtfertigt ist. Kurzum: Jetzt seid ihr gefordert, liebe Stammtisch-Lup-Fahrer, die diesen Servie eingefordert haben. Versucht, wie es in der LUP-Werbung so schön heißt „den mobilen Seitensprung!“ Vaterschaftstest muss dafür keiner erbracht werden!

… in der in der Katholischen Kirche, vielfach ja bezweifelt, doch noch Zeichen und Wunder geschehen. So hat der Katholische Pressverein, der 26% am Niederösterreichischen Pressehaus hält, im 144. Jahr seines Bestehens zum ersten Mal nicht nur NICHT einen Geistlichen an die Spitze gewählt, sondern eine Frau! Gundula Walterskirchen. Die gebürtige St. Pöltnerin ist damit die erste Herausgeberin in der Geschichte der NÖN (nebstbei auch der BVZ). Walterskirchen, vielen als Autorin sowie Presse-Kolumnistin bekannt, könnte die richtige Frau zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein – das Pressehaus ist mitten im Strudel einer sich verändernden Medienlandschaft. Die Druckerei steht dem Vernehmen nach vorm Verkauf, und die NÖN sind mitten im Selbstfindungsprozess und versuchen, den Turnaround zu schaffen. Walterskirchens in den NÖN formuliertes Journalistik-Verständnis mutet jedenfalls ambitioniert an und klingt wie eine Kampfansage an Boulevard und Fake-News-Produzenten jeder Art: „Wir erleben Zeiten, in denen Medien eine besondere Verantwortung für Qualität, Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit tragen, auch in demokratiepolitischer Hinsicht.“