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„Ein neues Land kennenlernen ist wie verliebt sein“

Text Beate Steiner Ausgabe 06/2018

Christine Moderbacher ist Anthropologin, Geschichtenerzählerin, Lehrerin — und ihr neuester Film läuft gerade auf internationalen Filmfestivals.

Wir können gerne plaudern – ich bin allerdings noch einige Zeit in Rom.“ Skype macht’s möglich, und ein Interview mit der Kosmopolitin Christine Moderbacher über mehr als tausend Kilometer hinweg klingt ja viel authentischer als ein Plausch am Kaffeehaustisch in St. Pölten, obwohl sich die Filmemacherin nach langen Jahren in Amerika, England, Tunesien, Brüssel eigentlich Anfang des Jahres  wieder in ihrer Heimatstadt angesiedelt hat. „Nach zwölf Jahren an anderen Orten in der Welt tut es gut, Deutsch zu sprechen. Es ist ärgerlich, wenn man bei spannenden Diskussionen aussteigt, weil die Sprache nicht reicht.“ Christine Moderbacher ärgert sich da auf hohem Niveau. Immerhin spricht sie fließend Französisch, Englisch, Arabisch, kann sich auch Flämisch verständigen. Und sie poliert gerade ihr Italienisch auf. Denn ganz sesshaft in St. Pölten ist die Globetrotterin natürlich nicht geworden: „Es ist meines, fremd zu sein. Mir wird schnell langweilig, wenn etwas länger dauert.“
In Rom arbeitet Christine Moderbacher derzeit an einem Projekt im Stadtteil Tor Pignattara, lebt mit den Menschen dort, unterstützt Migranten zweiter Generation, lernt ihre Probleme kennen. „Mich interessieren die Lebensgeschichten dieser Leute. Gegensätze sind sehr spannend für mich. Nicht nur im Hinblick auf meine künstlerische Arbeit. Sondern auch wissenschaftlich.“ Aus Christine Moderbachers Erfahrungen und Beobachtungen in Rom werden ein Film, Fotos und alternative Karten der Ewigen Stadt entstehen. „Wenn Besucher auf diese interaktiven Karten klicken, können sie die Stadt abseits von touristischen Perspektiven kennenlernen.“ Rom soll nicht der einzige Ort bleiben, der aus anthropologischer Sicht präsentiert wird, „wir sind erst bei der Entwicklung, das wird eine langwierige Sache.“ Langwierig, aber sicher nicht langweilig. Denn Moderbacher versteht es, mit Kamera und Mikrophon ihre Beobachtungen einzufangen, daraus eine Geschichte entstehen zu lassen, die die Zuschauer in eine andere Welt entführt. Zum Beispiel nach Afrika.



"Mich interessieren die Lebensgeschichten von Leuten. Gegensätze faszinieren mich." CHRISTINE MODERBACHER



Niederösterreich - Nigeria & retour
Dorthin reiste sie mit ihrem Vater, der bei der Straßenmeisterei tätig war und in der Pension nicht Karten spielen, sondern seinem Pfarrer Sabinus helfen wollte, in dessen Heimatdorf im Südwesten Nigerias eine katholische Schule zu errichten und Mais anzubauen. Moderbacher dokumentiert diese Reise von Niederösterreich nach Afrika und zurück in ihrem Film „Rote Erde weißer Schnee“, der gerade auf Festivals läuft und auf der Diagonale 2018 mit viel Lob bedacht wurde. Das filmische Notizbuch zeigt einerseits die Grenzen, an die Beziehung und Unterstützung stoßen – wegen der großen Diskrepanz der beiden Welten. „Rote Erde weißer Schnee“ schildert aber auch in der Vater-Tochter-Beziehung Erwartungshaltungen und Anpassungsschwierigkeiten: „So wenig, wie ich mir vorstellen kann, was mein Vater 40 Jahre lang gemacht hat, kann er verstehen, womit ich mein Geld verdiene.“ Moderbacher gibt dem Film damit eine zusätzliche persönliche Ebene, denn „die spannendsten Filme fangen mit einem persönlichen Zugang an.“
Diesen verschafft sich die Anthropologin manchmal ganz bodenständig. In Molenbeek, einem Brüsseler Stadtteil mit hohem Migrantenanteil, hat sie viele Jahre gelebt, und sie hat dort auch als Grundlage für ihre Studien und ihre Dissertation in einer Tischlerei für Arbeitslose die Gesellenprüfung gemacht: „Wir waren acht Männer und zwei Frauen. Meine Muskelmasse hat sich verzehnfacht.“ Die Arbeit war nicht nur körperlich anstrengend. Das hat Moderbacher auch in einem Essay festgehalten, in dem sie den aggressiven emotionalen Ausbruch eines Kollegen schildert und Gabriel Garcia Marquez zitiert: „Geschichten sind wie Tischlerarbeiten. Man arbeitet mit der Realität, einem Material, ähnlich hart wie Holz.“
In ihrer Zeit in Molenbeek kamen Christine Moderbacher ihre Arabisch-Kenntnisse zugute. Sie war einige Jahre mit einem Tunesier verheiratet. Und sie hat ihr wissenschaftliches Reise-Leben eigentlich in Tunesien begonnen. Denn nach der Matura im Gymnasium der Englischen Fräulein und einem Aufenthalt in Amerika hat die 1982 Geborene die Ausbildung für „Deutsch als Fremdsprache“ gemacht und sich für einen Auslandsaufenthalt in Marokka, Algerien oder Tunesien beworben. „Marokko war Hippie. Algerien ist ein schwieriges Land für europäische Frauen, und nach Tunesien wollte damals, das war 2004, niemand. Deswegen habe ich die Stelle gekriegt.“ Moderbacher blieb zwei Jahre lang. „Das war nicht immer leicht. Da war ich 20 und sehr naiv.“ Jedenfalls waren ihre Erfahrungen in dem anderen Land so spannend, dass sie, zurück in Wien, mit dem Ethnologie-Studium begonnen hat. Dabei hat sie sich mit dem Thema Flucht und Migration beschäftigt, darüber Artikel geschrieben und Radiosendungen gestaltet und ist so zum Medium Film gekommen. Nach Abschluss des Studiums in Wien hängte Moderbacher noch einen Master in visueller Anthropologie an der University of Manchester an und belegte einen Lehrgang am Institut „Sound Image Culture“ in Brüssel. Sie holte sich so das Rüstzeug für ihre Leidenschaft: „Geschichten erzählen“. In dieser Zeit ist auch ihr Film „Lettre à Mohamad“ entstanden über die Revolution von 2011 und das „neue Tunesien“.



"Die spannendsten Filme fangen mit einem persönlichen Zugang an." CHRISTINE MODERBACHER



St. Pölten - die weite Welt & retour
Im alten Tunesien hat sie immer wieder gelebt, wie in vielen anderen Gegenden der Erde. „Mit 15 wollte ich das erste Mal weg aus Österreich. Touristisch reisen hat mich allerdings nie interessiert. Ich wollte Länder kennenlernen. Ein neues Land kennenlernen – das ist wie verliebt sein.“
Seit Anfang des Jahres hat Moderbacher jetzt doch wieder eine Wohnung in St. Pölten. Und die Weitgereiste findet, dass sich die Stadt positiv verändert hat. „Es gibt einige gute Veranstaltungen und Ausstellungen. Ich begrüße das sehr, dass St. Pölten versucht aufzuzeigen und sich als Europäische Kulturhauptstadt bewirbt.“
Christine Moderbacher hat hier sogar schon ihre Kamera laufen lassen – als  Kamerafrau für Veronika Pollys kleine Schauspielschüler der Kreativakademie rund um Ostern. Und neben Geschichten erzählen und filmen würde sie auch gerne wieder unterrichten, Deutsch für Ausländer anbieten, Workshops geben. In Zukunft, weil „52 Wochen an einem Ort, das geht noch nicht.“