MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

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Die Wahrheit ist (n)irgendwo da draußen.

Text Thomas Fröhlich Ausgabe 09/2016

Seine größtenteils schwarzweißen Fotografien zeigen uns einen Ausschnitt unserer Wirklichkeit … oder doch etwas ganz anderes? Wir baten den St. Pöltner Künstler Hermann F. Fischl, der im Oktober seinen 65. Geburtstag feiert, zum klärenden Gespräch.

Da sind diese Stromleitungen, die über unseren Köpfen ganz St. Pölten durchziehen: schwarzweiße Momentaufnahmen, die Strukturen offenlegen, gleichsam eine neue, parallele Stadtgeografie entwickeln. Oder diese Spiegelungen im Wasser und auf dem Kopfsteinpflaster eines nächtlichen Venedig, die ein Eigenleben zu besitzen scheinen. Und diese jungen Schwarzafrikaner, die an einem Zaun sitzen und trotzdem grinsen … Stopp! Halt! Wieso grinsen die? Ich meine, an einem Zaun angelangt …? „Da könnte man jetzt eine Flüchtlingssituation reininterpretieren, was wahrscheinlich derzeit auch flächendeckend passieren würde, täte ich das kommentarlos ausstellen.“ Was der bildende Künstler Hermann F. Fischl aber sowieso nicht tut. „In dem Fall sind das einfach Arbeiter am Lido, die dort einen Zaun ausbessern. Aber ohne zusätzlichem Text kann das natürlich keiner wissen.“ Er hält sowieso nicht viel von dokumentarischer Fotografie: „Ein Bild zeigt immer nur einen subjektiv gewählten Ausschnitt – das kann gar nie die ‚Wahrheit‘ sein.“ Aber sagt nicht ein Bild bekanntlich mehr als tausend Worte? „Nein“, meint Fischl resolut. Und an (Pseudo-)Realitätswiedergabe sei er auch gar nicht interessiert: „André Heller sagte einmal, ‚Fotografie ist die Beschlagnahme des Ereignisses und die Übergabe an mein Assoziationsdepot.‘ Schöner kann ich das auch nicht ausdrücken.“ Seine Thementrigger seien auch eher Literatur, Musik, optische Reize im weitesten Sinne. „Tagesaktualitäten inspirieren mich künstlerisch so gut wie nie.“
Fischls Annäherung an die Fotografie geschieht auf zweierlei Weise, „wobei das ‚Ereignis‘ entweder von mir gesucht oder durch vorherige Sensibilisierung einfach gefunden und persönlich ‚geblickwinkelt‘ wird – keine wie auch immer geartete Dokumentation, die ja medienimmanent unmöglich ist.“ Die Ästhetik sei  wichtig, aber oft nur Oberfläche, darunter gebe es meist eine Metaebene.
Fotografiert wird analog, digital – „es ist ein Werkzeug, sonst nichts.“ Von Purismus in die eine oder andere Richtung hält er nicht viel. „Ich steh‘ auch auf Polaroid, weil die Bilder Unikate sind, was ja auch schön ist.“
Wenn man ihn so ansieht, glaubt man ihm eins ja überhaupt nicht: dass er am 3. Oktober dieses Jahres seinen 65. Geburtstag feiert. Regelmäßig durchmisst er, oft gemeinsam mit seiner Gattin, die Stadt auf einem der -zig Fahrräder, die in seinem Atelier in der Wiener Straße untergebracht sind. Dort befindet sich auch die Auslagengalerie Fischl-Friebes.

Fotografieren scheint fit zu halten
Begonnen hat das alles in den 1950er/60er-Jahren. „Mein Großvater hat sehr viel fotografiert. Ich habe schon während meiner ersten Lebensjahre eine Kamera gekriegt und Dias gemacht. Damals hat sich mein Bildsinn entwickelt.“ 1968/69 kam Fischl an „die Grafische“ in Wien. „Vorher schon stellte ich gerne ‚Länderschauen‘ zusammen.“ Wobei das Reisen an sich nicht das Wichtigste sei. „Das woanders Sein, eine andere Situation annehmen“, das faszinie­re ihn seit jeher. „Durch diese Dislozierung entdeckt man immer wieder Kraftorte. Venedig ist ein solcher.“
An die Grafische sollte er als Lehrender auch wieder zurückkehren. „Ich habe dort eine eigene AV-Abteilung aufgebaut.“ Als die Digitalisierung an die Tür klopfte, übernahm die Abteilung Tests für Firmen, was auch seinen Studenten zugutekam: „Wir kriegten damals nahezu unerschwingliche Software günstiger.“
Lehre und Kunst – wie geht das zusammen? „Lehre kann unheimlich bereichernd sein – es gibt seitens der Studierenden sehr viel Input. Andererseits bist du in viele Projekte involviert, die dir Zeit für Eigenes nehmen.“ In Summe habe sich beides aber gegenseitig befruchtet. „Obgleich ich jetzt auch froh bin, mich in der Pension ausschließlich auf meine Kunst konzentrieren zu können.“ Zahlreiche Einzelausstellungen sowie die Teilnahme an Künstlerbund-Werkschauen, etwa in Tokio, belegen das recht anschaulich. Multimediaproduktionen wie „Sancto Ypolito – Symphonie einer Stadt“ runden ein abwechslungsreiches Portfolio ab.
Apropos Künstlerbund: Mitglied wurde er 2011 auf Einladung durch Obmann Ernest A. Kienzl. Mit Letzterem verbindet ihn eine schon längere Bekanntschaft, hatte er doch mit ihm in den späten 1960ern die Band EXP gegründet. „Der Name rührt von einer Hendrix-Nummer – ich selbst habe allerdings das Schlagzeug bevorzugt.“ Fischls Lyrics (etwa „Wir sind die Gammler!“ – eine stilistisch zwischen hippiesker Avantgarde und heftigem Rock gelegene Selbsteinschätzungs-Hymne) stießen zwar im damals wenig urbanen St. Pölten vielleicht nicht ausschließlich auf Gegenliebe, brachten aber gegenkulturellen Lifestyle auf den Punkt.
In der Organisation der „St. Pöltner Restwochen“, einer ziemlich frechen Alternative zum damals etablierten Kulturbetrieb Mitte der 1970-er Jahre, machten die beiden ebenfalls gemeinsame Sache.
Literarisch ist Fischl regelmäßig tätig – mit der (oder dem) geheimnisvoll-geschlechtslosen „judygal“ hat der Highsmith-Fan ein fiktives, in seinen sarkastisch-stimmungvollen Texten immer wiederkehrendes Alter Ego entwickelt.
Warum er eigentlich so gerne in Schwarzweiß arbeitet? Fischl erläutert das anhand seiner Venedig-Bilder: „Es sind zumeist Orte der Einsamkeit, speziell in der Nacht. Da gibt’s auch wenig Farbe.“
Warum er Kunst macht? „Kunst ist ein Ausdrucks-, ein Kommunikationsmittel, eine verständliche Sprachmöglichkeit an die Welt und zugleich (m)ein innerer Erdteil. Ein Angebot, nicht das Hinausposaunen der eigenen Befindlichkeit.“
Ein Fotograf – zum Nachlesen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Des Bildes sowieso.


Ich glaube nicht an die Wahrheit des Bildes oder der Fotografie. (Hermann F. Fischl)