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Der letzte Jude

Text Johannes Reichl Ausgabe 11/2013

„1937 – “ prangt in schwarzen Lettern unter dem Namen Dr. Hans Morgenstern auf dessen Familiengrab am jüdischen Friedhof. Als ich den derart bereits zu Lebzeiten Verewigten frage, ob es sich dabei um eine jüdische Tradition handelt, lacht Hans Morgenstern. „Nein, das habe ich mir abgeschaut. Aber da ich ja niemanden mehr habe, keine Familie, keine Gemeinde, da dachte ich mir, ich erledige das schon vorher – ich hoffe nur, dass jemand nach meinem Tod das Sterbejahr anbringen lässt.“

Tatsächlich sind Hans Morgenstern und sein um einige Jahre älterer Cousin Hans Kohn die letzten in St. Pölten lebenden Juden der ehemals hier situierten Kultusgemeinde. Zwar wohnt noch eine aus Wien zugezogene alte Dame, die vor Jahren aus der IKG ausgetreten ist, in der Stadt, „aber die ist keine Jüdin mehr“. Würde man es anders betrachten, ginge man auch 75 Jahre nach dem Holocaust noch der absurden Rassendiktion des Naziregimes auf den Leim, wie es eine Wiener Freundin Morgensterns einmal in einem Gespräch monierte. „Es gibt keine Viertel- oder Halbjuden. Das ist die perfide Sprache Hitlers. Entweder man ist Jude oder man ist keiner.“ Morgenstern präzisiert das perfide Denkgebäude. „Der Rassenantisemitismus war ja im Grunde erst wieder ein religiöser, denn wie bestimmte man denn, wer ein Jude war? Man zog die Mitgliedschaft der IKG, auch der Vorgängergenerationen, heran.“
Hans Morgenstern ist Jude, wenn auch, wie er ausführt, „weniger in einem religiösen, sondern mehr in einem bekenntnishaften Sinne.“ 1937 wird er als letzter männlicher Jude in den Geburtsmatriken der IKG St. Pölten eingetragen. „Nach mir ist nur noch ein Mädchen, Gertrude Hahn, verzeichnet. Sie lebt heute in Israel“ Danach bleiben die Seiten leer. Stumme Zeugen der völligen Auslöschung der St. Pöltner jüdischen Gemeinde. Dass Morgenstern sozusagen auch ihr letzter Toter werden könnte, nimmt der bekennende Agnostiker mit einem gewissen Fatalismus zur Kenntnis. „Ich habe keine Kinder. Vielleicht will ja der Liebe Gott, dass es aufhört. Ich weiß es nicht.“

1937

Als Morgenstern im Dezember 1937 zur Welt kommt, wird er in ein behütetes Zuhause hineingeboren. Sein Vater, Dr. Egon Morgenstern, ist berühmter Anwalt und hoch angesehene Persönlichkeit in der Stadt, was nicht nur mit seiner fachlichen Kompetenz zu tun haben mag (u. a. macht er sich als Rechtsvertreter sechs sozialdemokratischer Angeklagter nach den Februarunruhen 1927 einen Namen), sondern auch dem beeindruckenden Umgang mit seiner Behinderung: „Mein Vater war ja schwer körperbehindert. Er hatte mit einem Jahr Kinderlähmung, die Beine waren völlig verkümmert. Daher brauchte er Lederstützen und Stahlschienen, um den Bauch trug er einen Gurt – so konnte er sich mittels Krücken und Stock fortbewegen.“
Seine Kanzlei hat Dr. Morgenstern im Haus seiner Mutter, in der Kremsergasse 17. „Gewohnt haben wir aber in der damaligen Schubertstraße, das ist heute die Dr. Theodor Körner Straße – das Haus gehörte der Mutter meiner Mutter.“
Von ihrer Konfession her sind die Morgensterns Juden und Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde St. Pölten. „Besonders religiös waren sie nicht. An den höchsten Feiertagen, das war zwei Mal im Jahr, sind sie aber in die Synagoge gegangen.“ Nach dem Krieg hört sich auch das auf, freilich aus ganz anderen Gründen. „In St. Pölten gab es ja keine Kultusgemeinde mehr, die Synagoge war komplett zerstört, und der Weg nach Wien wäre für meinen Vater aufgrund seiner Behinderung zu beschwerlich gewesen.“
Die Welt der Morgensterns ist in diesen Dezembertagen des Jahres 1937, wenn schon nicht heil – „Antisemitismus gab es sicher genug, aber ich glaube, wir haben das nicht zu spüren bekommen“ – so doch noch einigermaßen in Ordnung. Nur drei Monate später wird sie nicht mehr bestehen.

Die Zerstörung
„Nach dem Anschluss 1938 ging es Schlag auf Schlag. Zuerst wurde mein Vater mit Berufsverbot belegt, dann wurden wir aus unserer Wohnung geworfen – gnadenhalber durften wir in der Kanzlei wohnen.“ Dabei hätte der Vater noch Glück im Unglück gehabt, weil er aufgrund seiner Behinderung nicht wie die meisten anderen verhaftet und ins KZ Dachau gekommen sei. „Er sagte einmal zu mir, das sei das einzige Mal in seinem Leben gewesen, dass ihm seine Behinderung einen Vorteil gebracht hätte. Aus Dachau, das damals noch kein Vernichtungslager war, kam man erst wieder raus, wenn man ein gültiges Visum vorweisen konnte.“
Um ein solches bemüht sich freilich auch Egon Morgenstern umgehend – „nur ein Visum wollten zu dem Zeitpunkt alle, das waren Abertausende, die sich vor den diversen Botschaften in Wien anstellten, um irgendwie rauszukommen.“ Die Morgensterns erhalten zwar von den Engländern die Zusage für ein Visum nach Palästina, „das konnte man aber ausschließlich in Basel, wo das sogenannte Palänstina-Amt situiert war, beantragen – wir durften aber nicht ausreisen. Es war sehr kompliziert, und mein Vater sehr verzweifelt – mit einem Mal hatte er keinen Beruf mehr, kein Einkommen, keine Wohnung und er sollte seine Familie ernähren. Die Zukunft war völlig ungewiss.“ Dank eines nichtjüdischen Freundes, der die Bestätigungsdokumente aus der Schweiz besorgt, klappt es dann doch noch mit der Emigration. „Im März 1939 sind wir mit dem Zug nach Basel gefahren, um die Visa am Palästina-Amt abzuholen. Danach ging es via Mailand nach Triest, wo wir eingeschifft wurden und schließlich nach Haifa übersetzten, wo uns eine Flüchtlingsorganisation willkommen hieß.“
In Tel Aviv finden die Morgensterns schließlich ein neues Zuhause – eine Heimat sollte es für den Vater aber nie werden. „Für ihn war es sehr hart. Er konnte die Sprache nicht, er durfte seinen Beruf nicht ausüben, weil der österreichische Rechtsanwaltstitel in Palästina nicht anerkannt wurde, und das Klima setzte ihm böse zu. Das erste halbe Jahr war er völlig zum Nichtstun verdammt.“ In dieser Zeit bringt Morgensterns Mutter, Stella, die Familie als Haushaltshilfe über die Runden. Schließlich bekommt Egon Morgenstern eine Stelle als Bibliothekar am britischen Kulturinstitut, die Familie zieht in eine größere Wohnung in einen Vorort von Tel Aviv um.
Der kleine Hans, noch ein Baby, bekommt „von dem ganzen Elend nichts mit.“ Für ihn wird Palästina die logische Heimat. „Mir hat es gut gefallen. Ich bin in den Kindergarten gekommen, habe Hebräisch gesprochen, war integriert – meine Eltern hingegen beherrschten nur ein paar Brocken Hebräisch, fühlten sich isoliert. Sie waren Flüchtlinge.“
Auch die ständige Angst um die Verwandten, die Ungewissheit setzt den Eltern zu. Während die Familie eines Onkels von Morgenstern, die Familie Kohn, ebenfalls in Tel Aviv landet, und einem Cousin die Emigration nach London gelingt, sind die Großmütter in St. Pölten zurückgeblieben und eine Tante ist nach Prag emigriert. „Anfangs haben sie noch geschrieben – zunächst aus St. Pölten, dann aus Wien, weil die St. Pöltner Juden ja nach Wien zwangsübersiedelt wurden. Im Jahr 1942 ist der Kontakt dann aber völlig abgerissen.“ Da ist eine schlimme Befürchtung, „die sich spätestens nach dem Krieg, als sie sich nicht meldeten, als Gewissheit entpuppte: Sie waren alle umgekommen.“ Während die Urgroßmutter 1941 in Wien stirbt „wodurch ihr Gott sei dank die Deportierung erspart geblieben ist“, werden die eine Großmutter sowie die Tante nach Theresienstadt deportiert und schließlich in Auschwitz ermordet. Die zweite Großmutter findet in Litzmannsstadt den Tod. „Wie sie genau umgekommen sind, weiß man nicht – ob in der Gaskammer oder schon vorher durchs Lagerleben.“

Die Rückkehr

Trotz der Vertreibung aus der alten Heimat sowie der an den Juden begangenen Gräueltaten durch die eigenen Landsleute beschließen Morgensterns Eltern 1947 nach Österreich zurückzukehren. „Mein Vater war einfach Österreicher. In Palästina hat er sich nie wohl gefühlt.“ Den neunjährigen Hans, der zu diesem Zeitpunkt die dritte Klasse Volksschule besucht, lassen sie in dem Glauben, es gehe nach Jerusalem. „Sie hatten einfach Angst, dass ich etwas ausplaudere: Wer zu den Nazis zurückkehrte, galt in Israel als charakterlos!“
In einem von der UNICEF organisierten Flüchtlingstross geht es zunächst nach Port Said, „wo wir zwei Monate in einem Zeltlager festsaßen, weil das englische Militärschiff aufgrund der Verminung des Mittelmeeres zwei Monate Verspätung hatte.“ Als es endlich eintrifft, setzen sie nach Venedig über. Von dort geht es „per Bahn in einem Viehwaggon nach Wien, wo wir am Südbahnhof von Leopold Figl empfangen wurden und es ein Paar Würstel gab – wir wurden als Flüchtlinge begrüßt, die in die Heimat zurückkehren.“
Die ersten drei Wochen verbringen die Morgensterns in Wien, wo es ein freudiges Wiedersehen mit einem überlebenden Onkel gibt. „Der Bruder meiner Mutter hat in Prag in Mischehe überlebt. Hätte der Krieg länger gedauert, hätten sie wohl auch ihn noch geholt. Meine Tante wurde immer wieder von der GESTAPO vorgeladen und unter Druck gesetzt, sie solle sich scheiden lassen. Aber sie weigerte sich und sagte ‚Ich bin keine Mörderin!‘ – eine Scheidung wäre für die Juden in Mischehe ja einem Todesurteil gleichgekommen.“
Während die meisten heimgekehrten Juden, auch jene aus den Bundesländern, sich in Wien eine neue Existenz aufbauen, zieht es Egon Morgenstern zurück nach St. Pölten. „Das war für viele unverständlich, denn dort gab es ja keine jüdische Gemeinde mehr, wir waren sozusagen allein. Aber ich glaube, mein Vater fühlte sich aufgrund seiner Behinderung in St. Pölten einfach sicherer als in der Großstadt, und er war in St. Pölten ein angesehener Anwalt gewesen und hoffte es wieder zu sein – in Wien wäre er nur einer von vielen gewesen.“ Ein Jahr später kehrt auch die Familie Kohn aus Israel nach St. Pölten zurück, „dadurch waren wir nicht mehr ganz allein“, und auch die Familie Allina siedelt sich wieder in der Heimatstadt an. Drei jüdische Familien – von ehemals etwa 80!
Das erste halbe Jahr sind die Morgensterns im Hotel Böck einquartiert, „dort hatten wir zwei Zimmer, in einem davon hat mein Vater sofort wieder seine Kanzlei eröffnet – auch seine ehemalige Sekretärin hat wieder für ihn gearbeitet.“ Die Restitution der ehemaligen Gebäude gestaltet sich hingegen schwierig. Das Haus in der Kremsergasse gehört mittlerweile einem Deutschen und gilt somit als ehemaliges deutsches Eigentum, auf das die Sowjets Anspruch erheben. „Das hätten wir wohl frühestens nach Unterzeichnung des Staatsvertrages zurückbekommen, mein Vater verkaufte es daher an den nunmehrigen Besitzer.“ Zu einem Bruchteil des ehemaligen Wertes. Das Haus in der Schubertstraße wiederum hatte einen Bombenvolltreffer abbekommen, „wir bekamen daher nur mehr eine Entschädigung für das Grundstück.“
Eine neue Heimstatt, in der Hans Morgenstern noch heute wohnt, findet seine Familie schließlich in der Heßstraße, wo der Vater auch seine Anwaltskanzlei situiert – Egon Morgenstern vertritt zu dieser Zeit u. a. vertriebene St. Pöltner Juden bei ihren Ansuchen um Rückstellung ihres enteigneten Eigentums. Hans kommt in die dritte Klasse der Daniel Gran Volksschule „die ich aber zweimal absolvieren musste, weil ich zwar gut Deutsch reden, es aber nicht schreiben oder lesen konnte.“ Danach besucht er, nach erfolgreich bestandener Aufnahmeprüfung, das Gymnasium. Ein „normales“ Leben nimmt allmählich seinen Lauf.

Unter Mördern?

Ein Leben freilich, das – bis heute – unter dem Eindruck des Holocausts steht, der zum steten Existenz- und Reflexionshintergrund für Morgenstern wird, zu einer Art vegetativem Grundgewebe des Lebens.
Als der Bub älter wird und allmählich zu begreifen beginnt, fängt er an, Fragen zu stellen, sich für die Geschichte seiner Familie, für den Holocaust zu interessieren. „Als Gymnasiast habe ich ja – freilich nicht in der Schule, da wurde das totgeschwiegen – viel aus den Zeitungen erfahren, da habe ich zum ersten Mal das ganze Ausmaß mitbekommen. Meine Eltern haben mir dann erzählt, was passiert ist, und wenn Verwandte oder Bekannte auf Besuch gekommen sind, wollte ich auch von diesen alles ganz genau wissen.“ Je mehr er aber weiß, desto größerer Widerspruch regt sich im Jugendlichen. „Irgendwann habe ich meine Eltern gefragt, warum sie eigentlich in ein Land voller Mörder zurückgekehrt sind.“ Der Vater antwortet dem Sohn damals mit beeindruckender menschlicher Größe, die auch Hans Morgenstern zeit seines Lebens auszeichnen wird. „Es waren nicht alle Mörder. Und es war ein Gewaltregime damals.“
Dennoch ruft das Wissen um das Vorgefallene, besonders in der direkten Konfrontation mit den Tätern von damals gemischte Gefühle hervor. „Es war schon manchmal unangenehm, wenn man auf der Straße ging und wusste, der ist ein Nazi gewesen, und der, und der ... aber es war kein allzu großes Problem.“ Opfer und Täter begegnen einander in diesen ersten St. Pöltner Nachkriegsjahren nach außen hin unverbindlich. „Eigentlich waren die Nazis ganz freundlich zu uns, haben uns ins Gesicht gelächelt. Ob sie hinterrücks geschimpft haben, weiß ich natürlich nicht. Aber vielleicht lag es auch daran, dass die Nazis in St. Pölten nicht so fanatisiert waren wie anderswo. In Polen etwa wurden viele jüdische Heimkehrer ermordet – von einem Teil der Bevölkerung, die zwar keine Nazis, aber schlimme Judenhasser waren.“
Hass, der für die Familie Morgenstern – obwohl er nur allzu verständlich gewesen wäre – nie eine Kategorie darstellte, vielleicht, weil sie trotz allem an eine Art Läuterungsfähigkeit des Menschen glaubten. „Mein Vater hat zum Beispiel regelmäßig Dr. Thums getroffen, der ein überzeugter Nazi gewesen war. Thums hat späterhin begonnen, viele Bücher jüdischer Autoren zu lesen. Da war ein echtes Interesse da – ich glaube nicht, dass er das getan hätte, wenn er noch ein Nazi gewesen wäre bzw. wenn er nicht eingesehen hätte, dass er einen Fehler begangen hat – obwohl ich es natürlich nicht weiß. Aber ein echter Nazi hätte nie mit einem Juden verkehrt, und umgekehrt war es für viele Juden undenkbar, sich mit einem Nazi abzugeben.“ Zuletzt schreibt das Leben in dieser Beziehung noch ein berührendes, vielleicht versöhnliches Kapitel. Denn nach dem Tod Dr. Thums, des Nazis, schenkt seine Witwe Hans Morgenstern, dem Juden, dessen umfangreiches Theaterlexikon „in dem ich immer zwecks Recherche für mein jüdisches Lexikon nachgeschlagen hatte.“ Eine kleine Geste mit einer möglicherweise großen, unausgesprochenen Bitte – zu verzeihen.
Auf seinem späteren Lebensweg wird Hans Morgenstern, der mittlerweile als Hautarzt in der ehemaligen Kanzlei seines Vaters ordiniert, immer wieder mit derart historisch aufgeladenen Begegnungen konfrontiert. „Eines Tages etwa kam eine prominente St. Pöltnerin zu mir in die Ordination, die eine fanatische Nazi gewesen war, Hitler vergöttert hatte. Während ich sie untersuche, erzählt sie mir plötzlich – ohne dass ich sie danach gefragt hätte – dass sie in Wien eine Cousine gehabt hätte, die mit einem Juden verheiratet gewesen war. Aber was wollte sie mir damit sagen? Was half das? Ihre Cousine war sicher kein Nazi – aber sie war eine gewesen.“

Lebenslänglich
Letztlich steht die Frage der Schuld, wenn oft auch unterschwellig und unbewusst, immer im Raum, ebenso jene, wie man damit umgeht: als Täter mit der eigenen, als Opfer mit jener der Täter.
Hans Morgenstern hat diesbezüglich nie etwas von Sippenhaftung gehalten, und die Vorstellung einer Kollektivschuld lehnt er kategorisch ab. Einstellungen wie diese haben ihm – was eine besondere, fast übermenschliche Leistung darstellt sowie Beleg menschlicher Größe ist – befähigt, zu verzeihen. Gerade der Erhalt dieser möglicherweise höchsten aller menschlichen Tugenden, die sich Menschen wie Morgenstern – trotz allem – nicht von den Nazis haben rauben lassen, hat sie in all der Tragödie letztlich über diese obsiegen lassen. „Manche Nazis haben eingesehen, dass es ein Fehler war – das kann ich verzeihen“, bekennt Morgenstern sodenn und versucht sogar so etwas wie Verständnis aufzubringen. „Viele haben in gewisser Weise nichts dafür können, denn sie sind von Klein auf so sozialisiert worden. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass, wenn Hitler nicht die Juden ausgewählt und verfolgt hätte, auch etliche Juden Nazis geworden wären. Es zeigt einfach nur, dass der Mensch eben doch nicht so frei ist, wie wir uns das wünschen würden. Er ist, wie er sozialisiert und erzogen wird.“ Umgekehrt entbindet ihn dies aber nicht von seiner individuellen Verantwortung für sein Tun. So, wie es keine Kollektivschuld gibt, ist auch eine Kollektivamnestie nicht möglich. „Wer heute noch ein Nazi ist – das ist unverzeihlich!“
Dabei haben die Nazis und ihre Sympathisanten den Juden nicht nur unendliches Leid angetan, sie ermordet, vertrieben, gequält, ihre Existenz und ihre Würde zerstört, sondern sie haben den Überlebenden zugleich ein lebenslanges Leitthema aufgezwungen – die eigene Geschichte.
Hans Morgenstern ergeht es da nicht anders. Schon früh beginnt er, sich auf die Suche nach den Mitgliedern der ehemaligen jüdischen Gemeinde St. Pöltens zu begeben. Er stellt Kontakt zu den in alle Weltteile verstreuten St. Pöltner Juden her, ersucht sie um Fotos ihrer selbst und ihrer ermordeten Verwandten. Stück für Stück trägt er so die Gemeinde wieder zusammen, lässt ein berührendes Album entstehen, das späterhin zu einer der wichtigsten historischen Quellen für die weitere Erforschung der St. Pöltner Kultusgemeinde wird. „Irgendetwas war da in mir, das mich zu dieser Auseinandersetzung angeregt hat, ja dem ich mich gar nicht entziehen konnte – bis heute nicht.“ Wie kein anderer kämpft er gegen eine Art zweite Auslöschung der Gemeinde an, gegen ihr Vergessen. So ist es nicht zuletzt Morgensterns nimmermüdem Engagement zu danken, dass die Synagoge 1980 restauriert wird, und auch die Errichtung einer Gedenktafel für die St. Pöltner Holocaust-Opfer geht auf seine Initiative zurück.
Irgendwie scheint es, als wollte sich Morgenstern, der Entwurzelte, seiner Wurzeln versichern, als versuchte er, die ausgelöschte Gemeinde wieder greif- und sichtbar zu machen, sie für sich in gewisser Weise wiederherzustellen, damit aber auch ein Stück seiner eigenen Identität. Es ist seine Art, mit dem Unbeschreiblichen umzugehen, seine ganz persönliche Form von Trauerarbeit. „Eine Rolle spielte sicher, dass ich aufgrund des Holocausts meine Großeltern nie kennenlernen konnte – da war immer ein Gefühl von Trauer in mir, auch eine gewisse Einsamkeit, dass es hier keine jüdische Gemeinde mehr gibt.“
Dieser „Wiederherstellungsversuch“ endet freilich nicht auf lokaler Ebene, sondern Morgenstern spürt dem Jüdischen, den Juden weltweit nach. „Bereits im Alter von 18 Jahren habe ich damit begonnen, Biografien berühmter jüdischer Persönlichkeiten zu sammeln.“ Im Laufe der Jahre trägt er so über 6.000 Lebensgeschichten zusammen, die schließlich 2011 als „Jüdisches Biographisches Lexikon“ im Lit Verlag erscheinen. Da ist vor allem eine Frage, ein Widerspruch, der ihn zeit seines Lebens nicht loslässt: Warum? Wie konnte so etwas wie der Holocaust passieren? „Ich habe das nie verstanden – die Juden haben einen so bedeutenden Beitrag für die Gesellschaft geleistet, aber trotzdem wurden sie ausgerottet. Warum? Waren sie wirklich so niederträchtig, so minderwertig? Und natürlich wusste ich, dass sie es nicht waren – aber dieses Abarbeiten war so, als wollte ich mich dessen versichern, als wollte ich den Gegenbeweis antreten, als gelte es irgendeinen Komplex zu kompensieren.“
Als ich Hans Morgenstern zuletzt frage, ob er in seiner lebenslangen Auseinandersetzung eine Antwort auf seine Frage gefunden hat, schüttelt er fast unmerklich den Kopf. „Nein, eigentlich nicht, obwohl mindestens die Hälfte meiner Bibliothek mit Büchern zu dem Thema voll ist. Natürlich kann man den Holocaust wissenschaftlich analysieren, kann ihn historisch, soziologisch herleiten, aber da bleibt doch immer ein letzter Rest offen ... es bleibt mir ein Rätsel!“
Das klingt wie ein Schlusssatz, mehr ist nicht hinzuzufügen. Hans Morgenstern nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und lächelt sanft. Wir schweigen einige Sekunden gemeinsam in uns hinein, als eine Frau vom Nebentisch an uns herantritt. Sie ist sichtlich bewegt, ihre Worte purzeln rasch und ohne Pause aus ihr heraus. „Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass ich heimlich mitlauschen durfte.“

Mag sein, dass Hans Morgenstern dereinst der letzte Jude der ehemaligen Kultusgemeinde sein wird, der am jüdischen Friedhof St. Pölten bestattet wird. Aber seine Geschichte, die Geschichte seiner Gemeinde, die zugleich unsere eigene Geschichte ist, wird weitererzählt werden. Und ihm braucht auch nicht bange zu sein, dass sich niemand findet, der auf seinem Grabstein dann das noch fehlende Sterbejahr anbringen lässt. Es wird vielen eine Ehre sein, dieser großen Persönlichkeit unserer Gemeinde diesen letzten Dienst zu erweisen.