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Der Lauf seines Lebens

Text Dominik Leitner Ausgabe 06/2015

Manche Geschichten klingen wie Märchen, die schicksalsschwer beginnen und dann doch eine positive Wendung hin zum Happy End nehmen. Die Geschichte von Wings For Life Sieger Lemawork Ketema, der aus Äthopien flüchtete und in Österreich um Asyl ansuchte, ist eine solche.

Herr Ketema, Gratulation zum diesjährigen Sieg des Wings for Life Run, wo Sie sich gegen rund 70.000 Läuferinnen und Läufer durchgesetzt haben! Wie fühlt es sich an, in dieser außergewöhnlichen Disziplin bisher ungeschlagen zu sein?
Vielen Dank, natürlich fühle ich mich gut und freue mich den Wings for Life Run das zweite Mal gewonnen zu haben. Ich habe mich sehr gut auf den Lauf vorbereitet und meine Taktik ist aufgegangen. Die Mühen der letzten Monate haben sich gelohnt.

Wie trainiert man für einen Lauf wie den Wings for Life Run, wo das Ende stets davon abhängt, wie lange man sich vor dem so genannten Catcher Car halten kann?
Auf alle Fälle viel trainieren! Ich habe mich vier Monate auf den Lauf vorbereitet, bin bei jedem Wetter zwei Mal am Tag gelaufen, egal ob es regnet oder schneit. Um so einen Lauf zu gewinnen, muss man an seine Grenzen gehen.

Sie sagten nach dem Wings for Life Run 2015, dass Sie nicht ihre ganze Power genutzt haben. Welche Distanz wäre denn möglich?
Das kommt auf die Umstände an. Dieses Mal waren 45 Kilometer Gegenwind, das ist natürlich nicht günstig, da muss man mit seiner Power haushalten, damit man am Ende noch Kraft hat. Bei günstigen Bedingungen kann ich mir eine Distanz von 85 Kilometer nvorstellen.

Wie empfinden Sie die Strecke, die ja ihren Anfang in St. Pölten hat?
Ich liebe diese Strecke, die vielen Menschen am Start und auf der Strecke, das ist einfach wunderschön. Und wenn ich dann die Donau entlang laufe, fühle ich mich wie zu Hause. Ich habe ja eineinhalb Jahre in Greifenstein an der Donau gewohnt und bin natürlich oft an der Donau entlang gelaufen.

Waren Sie selbst schon einmal in der niederösterreichischen Landeshauptstadt?
Ja ich war schon oft in St. Pölten. Ich habe Freunde dort und freue mich immer mit ihnen durch die Fußgängerzone zu spazieren und gemütlich in einem Café zu sitzen.

Wie war es für Sie, dass in diesem Jahr ihr größter Gegner vom letzten Jahr, Remigio Quispe, nicht in Peru, sondern in Österreich, sozusagen an ihrer Seite gegen sie antrat?
Remigio und ich haben uns im Jänner in Salzburg kennengelernt und sind Freunde geworden. Außerdem ist es immer gut, wenn man so eine lange Strecke nicht alleine laufen muss, leider hatte er bei Kilometer 70 einen Durchhänger und ich musste Gas geben, um zu gewinnen.

In welcher Form und in welchem Ausmaß stehen Sie in Verbindung mit Red Bull bzw. der Wings for Life Foundation?
Ich bekomme dankenswerterweise 2015 eine finanzielle Unterstützung, unter anderem auch von Red Bull. So kann ich meinen Sport professionell ausüben. Natürlich habe ich auch Kontakt zum Wings for Life-Team. Ich wurde sogar zum Ambassador vom Wings for Life-Team ernannt, was mich natürlich sehr geehrt hat. Natürlich werde ich versuchen, dieser Auszeichnung gerecht zu werden.

Wie kamen Sie selbst überhaupt dazu, am allerersten Wings for Life Run mitzulaufen?
Ich habe von Freunden und meinem Manager davon gehört und war gleich begeistert von dieser Idee. Ich wollte unbedingt dabei sein. Da ich vorher noch nie Langstrecke gelaufen bin, es keine Ziellinie gibt und noch dazu der Gegner ein Auto ist, war ich am 4. Mai 2014 am Start nicht sicher, ob mein Training in den letzten fünf Monaten das Richtige war und meine Taktik für einen guten Platz ausreichen wird. Dass ich weltweiter Sieger wurde, konnte ich am Ende des Laufes noch gar nicht so richtig begreifen. Das ist mir erst Tage später bewusst geworden. Dieser Sieg hat mich nicht nur in Österreich, sondern auf der ganzen Welt bekannt gemacht.

Am 8. Mai 2016 wird der nächste Wings for Life Run stattfinden – darf ich annehmen, dass Sie wieder versuchen werden, ihren Titel zu verteidigen, und somit dreimal in Folge gewinnen wollen?
Wir haben die Wettkampfplanung für das nächste Jahr noch nicht gemacht. Vorerst konzentriere ich mich auf den nächsten wichtigen Wettkampf, den Marathon in Rio de Janeiro im Juli. Dort bin ich dank meiner Leistung beim Wings for Life Run vom Veranstalter eingeladen. Dann lauf ich im Oktober noch einen Marathon entweder in Amsterdam oder Frankfurt und wenn es sich ausgeht noch einen Halbmarathon am Wörthersee (Österreichische Meisterschaft).

Wer waren und sind Ihre Förderer? Wie kann man sich die Unterstützung im Profisport in Äthiopien und Österreich vorstellen – welche Unterschiede gibt es?
Meine Förderer sind 2015 Red Bull, Vorwerk Thermomix, Adidas und Garmin. Da ich noch kein österreichischer Staatsbürger bin, bekomme ich weder staatliche noch Landesförderungen. In Äthiopien werden Profisportler vom Verein bezahlt, das kann man mit europäischen Ländern nicht vergleichen.

In diesem Jahr bekamen Sie einen positiven Asylbescheid, sind also anerkannter Flüchtling in Österreich. Das ermöglicht es Ihnen, Ihr Ziel, bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro anzutreten, voll und ganz zu verfolgen. Warum ist es Ihnen ein Anliegen, für Ihre, wie Sie sagen, „neue Heimat Österreich“ diesen möglichen Erfolg anzustreben?
Ja, ich habe im November Gott sei Dank in Österreich Asyl bekommen, das Ansuchen um die Staatsbürgerschaft ist eingereicht. Ich hoffe, dass das Ansuchen bald positiv erledigt wird und ich das Limit im Herbst erreiche, dann möchte ich 2016 für Österreich starten. Dieses Land und die Menschen haben mir in der schwersten Zeit meines Lebens sehr geholfen und Österreich ist meine neue Heimat geworden.

Wie kann man sich ihre Flucht nach Europa vorstellen?

Ich hatte für den Marathon in Salzburg ein Visum bekommen und bin ganz legal per Flugzeug eingereist und habe nach dem Marathon (dritter Platz, Anm.) um Asyl angesucht. So musste ich nicht wie viele diese furchtbare Route über das Mittelmeer nehmen.

Was sagen Sie dazu, dass aktuell Flüchtlinge in Österreich in Zelten untergebracht werden?

Das ist natürlich nicht optimal, ich kann natürlich verstehen, dass Österreich überfordert ist mit dieser Menge an Flüchtlingen, glaube aber auch, dass diese jungen Männer, die in den Zelten vorübergehend untergebracht sind, froh sind in einem sicheren Land zu sein und wenigstens ein Dach über den Kopf zu haben.

Wie stehen Sie in Kontakt mit ihrer Familie in Äthiopien? Wie funktioniert das im Hinblick auf das autoritäre Regime in Ihrer Heimat?
Ich telefoniere sehr oft mit meiner Familie. Mein Vater ist 91 Jahre und meine Mutter 71 Jahre alt und ich bin der jüngste von den sieben Kindern. Wir haben eine Farm 180 Kilometer von Addis Abeba entfernt und meine Eltern haben mich immer auf meinem sportlichen Werdegang unterstützt. Ich bin sehr froh, dass meine Geschwister sich um meine Eltern kümmern. Natürlich ist es schwer, seine Heimat und seine Familie verlassen zu müssen.

Was empfinden Sie bei der anhaltenden Kritik an Asylwerbern vom politischen rechten Rand?
Leider kenne ich die politische Situation in Österreich nicht genau, dazu ist mein Deutsch noch nicht gut genug. Asylwerber sind in der Regel anständige Menschen, die gezwungen sind ihre Heimat zu verlassen. Ich habe in Greifenstein von der Bevölkerung nur Gutes erfahren und bin mit vielen Menschen aus Greifenstein und Umgebung immer noch in Kontakt.

Und darauf eingehend: Gibt es etwas, was Sie Politikern gerne sagen möchten?

Wenn man mich fragen würde, sollte man die Asylsuchenden gleichmäßig auf alle EU Staaten verteilen und es müssten überall die gleichen Bedingungen gelten. Es kann nicht sein, dass hauptsächlich nur ein paar Mitgliedsländer die ganze Last tragen.

Sie sind jetzt 29 Jahre alt - was sind Ihre großen Ziele im Bereich des Laufens?
Im Moment arbeite ich daran meine Marathon-Zeit bis zum Herbst zu verbessern, um das Limit 2 Stunden und 14 Minuten zu unterbieten und anschließend mich bis zu den Olympischen Spielen nochmals zu steigern. Ich hoffe die Leser des MFG Magazins und die Redaktion halten mir die Daumen. Wir sehen uns spätestens beim Wings for Life Run 2016 in St. Pölten!


ÖSTERREICH IM VERGLEICH
Wenn Red Bull weltweit zu einem Lauf für den guten Zweck aufruft, ist Gedränge am Start garantiert. So auch in St. Pölten, wo der österreichische Teil des Wings for Life World Runs zum zweiten Mal seinen Anfang nahm. Dass die niederösterreichische Landeshauptstadt dabei neben Dubai, Kapstadt, Dublin oder Melbourne erwähnt wird, hat man sich vor wenigen Jahren wohl noch nicht vorstellen können. Doch die Wings-for-Life-Stiftung ist bei der Suche nach einem passenden österreichischen Austragungsort in St. Pölten und dem „Sport.Land Niederösterreich“ fündig geworden: Am 3. Mai ging bereits der 2. Lauf über die Bühne, ebenso zum 2. Mal wurde mit Lemawork Ketema ein Läufer aus Österreich der männliche „World Champion“. Das weibliche Pendant dazu ist in diesem Jahr Yuuko Watanabe aus Japan.Wo ist das Ziel?Das Besondere an diesem Lauf ist, dass es zwar eine fixe Route gibt, aber niemand genau weiß, bei wie vielen Kilometern es zu Ende geht: Eine halbe Stunde nach den Läufern startet nämlich das „Catcher Car“, welches in einem Tempo von 30 km/h das Feld von hinten aufräumt. Man läuft also vor der Ziellinie davon und versucht, diesem Auto so lange wie möglich zu entkommen. Die meisten Läufer in St. PöltenZählte man 2014 weltweit rund 35.000 Teilnehmer, so konnte man die Läuferschar in diesem Jahr verdoppeln – und rund ein Zehntel davon startete in St. Pölten, was sozusagen Teilnehmerrekord war! „Laufen für alle, die es nicht können“ lautet dabei das Motto dieses internationalen Groß­ereignisses, das medial weltweit übertragen wird. Für St. Pölten und Niederösterreich eine unbezahlbare Imagewerbung, zumal - wie von Seiten des Rathauses sowie von Red Bull bestätigt - allein der Energy Drink-Hersteller die Kosten für die Austragung trägt. Das Startgeld hingegen fließt direkt in die Stiftung von Wings for Life. Mit diesem Geld investiert man in Forschung, um in Zukunft Querschnittslähmung aufgrund von Rückenmarksverletzungen heilbar zu machen. 2014 kamen durch den Lauf rund 4,2 Millionen Euro zusammen.Ob auch bei der 3. Auflage wieder in St. Pölten gestartet wird? Zwar steht auf der Website „Niederösterreich“ als österreichischer Austragungsort, doch laut Red Bull ist der genaue Ort noch nicht fix – auch das Rathaus weiß aktuell noch nichts Näheres. Aber so positiv, wie Red Bull über die Strecke spricht, scheint es offenbar nur mehr eine Frage der Zeit zu sein.