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St. Pöltens gute Seite

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Der Innovationsdenker

Text Dominik Leitner Ausgabe 06/2018

Design Thinking kommt nach Jahrzehnten nun doch schön langsam auch im europäischen Raum an. Die St. Pöltner New Design University (NDU) ist dabei ganz vorne mit dabei – und vermittelt in ihrem neuen Studiengang eine neue Form des Managements.

Design Thinking bezeichnet nicht die Überlegungen, die sich Produktdesigner machen sollen – vielmehr ist es „eine gestalterische Herangehensweise, also eine Denkhaltung, wie jemand an Fragestellungen oder Probleme herangeht“. So beschreibt Christoph Wecht, Universitätsprofessor an der NDU, den aus den USA kommenden und seit einigen Jahren in Europa angekommenen Ansatz. Wecht ist Leiter des neuen Studiengangs „Management by Design“ an der New Design University.
Bis Wecht als Dozent und Studiengangsleiter an der NDU angelangt ist, hat er einen aufregenden Karriereweg zurückgelegt: Begonnen hatte er als Entwicklungsingenieur bei Semperit, bevor ihn der Ruf von Continental zuerst nach Deutschland und dann in die USA brachte. Promoviert hat er schlussendlich an der Universität St. Gallen in der Schweiz – dort war er von 2010 bis 2017 Leiter des Kompetenzzentrums Open Innovation am Institut für Technologiemanagement. Auch heute noch lehrt er in der Schweiz, sein Fokus hat sich aber mit dem NDU-Engagement verständlicherweise in die niederösterreichische Landeshauptstadt verschoben. Eine Stadt, durch die der gebürtige St. Pöltner schon vor 40 Jahren geradelt ist.

Mensch-Technologie-Wirtschaft

In den zahlreichen Definitionen zu Design Thinking taucht eine Grafik immer wieder auf – die drei sich überlappenden Kreise Mensch (Bedürfnisse), Technologie (Machbarkeit) und Wirtschaft. An den Stellen, an denen sich die drei Kreise vollkommen überlappen, kommt es zu Innovationen.
Und genau das soll mit dieser Denkhaltung passieren: Durch einen iterativen Prozess, also einen Prozess der ständigen Wiederholung (mit stets verbesserten, aktualisierten Annahmen und Erkenntnissen) soll dafür gesorgt werden, dass das Ergebnis perfekt auf die Bedürfnisse der späteren Kunden abgestimmt wird. Dabei müssen die am Prozess Beteiligten zuerst einmal das Problem verstehen, danach relativ früh einen ersten Prototyp erstellen und die Zielgruppe ebenso früh mit einbinden, um nach und nach zu lernen und ein passendes, innovatives Produkt oder Service zu entwickeln.

Menschenfokus

Das Besondere am Design Thinking ist die Idee, während des Prozesses möglichst viele Experten aus unterschiedlichsten Disziplinen, Hierarchieebenen oder Unternehmensabteilungen mit einzubeziehen – und erste Ergebnisse regelmäßig von jenen Menschen testen zu lassen, die sie später auch nutzen werden. „Wie in Amerika gesagt wird: Es ist human-centered. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Das klingt im ersten Moment selbstverständlich und banal, ist aber in der Realität bei vielen Entwicklungen leider noch nicht immer der Fall.“

Junge Entscheider
Für die NDU ist der von Wecht geführte Studiengang ein Novum: War Management und Betriebswirtschaft bislang maximal ein kleiner Teil des Studiums, so nehmen diese Themen diesmal den Großteil der Inhalte des dreijährigen Studiums ein – hier sollen zukünftige Entscheider ausgebildet werden: „Die Leute, die momentan entscheiden, haben noch andere Ausbildungen durchlaufen und sind anders sozialisiert worden. Es ist ganz schwer, sich nochmal in der Mitte oder gegen Ende seines Berufslebens zu verändern, was solche Herangehensweisen betrifft“, so Wecht. „Die Idee mit dem Bachelorstudium ist, junge Menschen, die frisch von der Matura kommen, von Anfang an mit dieser Herangehensweise vertraut zu machen. Dass es draußen Bedarf dafür gibt, ist unbestritten.“
Seit dem Start im vergangenen September studieren 18 junge Menschen „Management by Design“, nach Ablauf des Aufnahmeverfahrens sollen es im kommenden Studienjahr bis zu 20 neue Studierende werden. Wie Wecht erklärt, ist die Entwicklung und Erweiterung des Studiums auch Teil des Plans, den Wirtschaftszweig an der Privatuniversität zu vergrößern. Billig ist die Ausbildung nicht – 495 Euro pro Monat oder 2.950 Euro pro Semester kostet ein Platz.

Denken lernen
Seit Anfang diesen Jahres lädt die NDU auch regelmäßig Schulklassen ein, um den jungen Menschen schon in der Schulzeit das Design Thinking näher zu bringen. Die Resonanz ist überaus positiv, so Wecht. Seiner Meinung nach könnte das auch Teil des ganz normalen Schulplans werden: „Es könnte ein Fach sein, in dem die Methode vermittelt wird. Die Idee müsste aber zugleich sein, dass diese Methode in allen anderen Fächern angewandt werden kann.“
Im Oktober 2017 konnten auch Besucher des NÖ Kreativ-Wirtschafts-Kongresses erstmals bewusst gedanklich über den Tellerrand blicken: Unter der Führung von Wecht und der NDU-Assistenzprofessorin Eva Ganglbauer suchte man eine Lösung für das „Problem“ Linzer Straße. In diesem Workshop entstanden zahlreiche Ideen, weitere seien in den vergangenen Monaten noch dazu gekommen, wie Wecht verrät. Die gesammelten und aufbereiteten Ergebnisse werden dem Stadtbaudirektor noch vor dem Sommer präsentiert.

St. Pölten neu denken
Doch nicht nur die Linzer Straße sei ein Thema, so Wecht: „Ein weiterer Punkt, wo sich Design Thinking sehr gut eignen würde, ist die Nutzung des ehemaligen Glanzstoff-Geländes. Wir stehen im Kontakt mit den Verantwortlichen und können uns sehr gut vorstellen, im Herbstsemester ein gemeinsames Projekt zu starten. Erste Konzepte für ein mögliches Vorgehen haben wir bereits entwickelt.“ Grundsätzlich sei es für die Studierenden wichtig zu sehen, dass ihre Überlegungen und ihre Arbeit an der Universität auch in Umsetzungen münden und nicht in der Schublade landen.
Anwendungsbereiche gibt es in einer Stadt wie St. Pölten viele: „Grundsätzlich kann man fast jede Fragestellung, die sich bei der Stadtentwicklung ergibt, also vom Verkehr, Wohnbau bis hin zu Veranstaltungen, mit einer gestalterischen Denkhaltung und somit solchen Prozessen angehen.“ Und „das wird auch schon oft gemacht“, zum Beispiel unter Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger. Design Thinking ist keine Denkweise, die stets nach einem strikten Plan ablaufen muss, so Wecht. Fragt man Bürger nach ihren Meinungen, ihren Wünschen und Bedürfnissen, so erzeugt das automatisch einen offenen Prozess, eine Einbindung unterschiedlichster Menschen und einen direkten Kontakt mit dem Kunden.
Design Thinking scheint also kein Kurzzeittrend zu sein, Sondern ein durchdachter Weg, damit nicht nur junge Startups, sondern auch alteingesessene Unternehmen wieder lernen, innovativ zu sein. Oder eben auch junge Städte auf dem Weg zum nächsten Entwicklungsschritt.



"Design Thinking ist eine gestalterische Herangehensweise, also eine Denkhaltung, wie jemand an Fragestellungen oder Probleme herangeht." CHRISTOPH WECHT