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Deine Schweinerei

Text Michael Müllner Ausgabe 06/2018

Sellen Sie sich vor, Sie arbeiten am Land. Auf einem Bauernhof versorgen Sie täglich ihre Tiere. Rund 300 Ferkel pro Monat müssen kastriert werden, innerhalb der ersten sieben Tage nach ihrer Geburt. Dazu gehen Sie in den Stall und spritzen jedem Ferkel des Wurfs ein Mittel, das die Schmerzen reduzieren wird, die sie ihm gleich zufügen werden. Nach dem Spritzen kommt ein Schwein nach dem anderen dran.

Sie halten es fest und schneiden ihm mit einem Messer den Hodensack auf. Mit einem Querschnitt. Dann drücken sie mit den Fingern zusammen, damit die Hoden aus dem Körper raustreten. Sie hängen dann quasi in der Luft. Und jetzt zwicken sie den Samenstrang mit den Fingernägeln zusammen und reißen fest an. Sie reißen mit einer Hauruckbewegung die Hoden und den Samenstrang raus und schmeißen das Gewebe in einen Kübel. Ein großer Wurf hat zehn Ferkel, nach ein paar Minuten sind sie fertig.
Sind Sie ein perverser Sadist? Oder haben Sie kein schlechtes Gewissen, weil Sie Ihre Ferkel schon immer so kastriert haben, wie man es Ihnen vor zwanzig Jahren im Rahmen Ihrer Ausbildung erklärt hat? So haben Sie es auch ihrer Mutter gezeigt. Und dem Landarbeiter, der seit drei Jahren bei Ihnen beschäftigt ist. Und wegen der Art und Weise, wie Sie zehn Jahr lang rund 36.000 Ferkel kastriert haben, stehen sie nun vor Gericht. Dabei müssen Ferkel eben kastriert werden, damit sie am Markt was wert sind. Andernfalls würde ihre natürliche Hormonentwicklung dazu führen, dass das Fleisch dem späteren Kunden nicht schmeckt. Ja, Landwirtschaft ist ein dreckiges Geschäft. Und wir Konsumenten sind schuld.
Viel wurde schon geschrieben, fotografiert und gefilmt. Wer nicht ganz bescheuert ist, der weiß, dass industrielle Landwirtschaft nichts mit dem zu tun hat, was uns Lebensmittelproduzenten und Händler in ihrer Werbung vorgaukeln. Wir lassen uns aber gerne verarschen. Denn würden wir den ganzen Irrsinn dieser Industrie begreifen, wir müssten unser Leben radikal ändern.
Keine Angst, ich will niemand belehren, geschweige denn bekehren. Ich bin ja selber ein Sünder. Ein williger Konsument dieser Industrie. Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, dass ich in der glücklichen Lage bin, bei entsprechender Auswahl eben zum teureren Produkt greifen zu können – mit „bio“ und „regional“ wähle ich sozusagen das kleinere Übel und hoffe auf Vergebung.
Nein, wir brauchen wirklich nicht diskutieren. Als Fleischfresser pfeifen wir auf Ethik. Mit jedem „ja, aber“ konstruieren wir uns nur eine Scheinwelt. Wenn Sie mir nicht glauben, fahren Sie zu einem industriellen Mastbetrieb und fragen den Bauern, ob Sie mal einer Sau in die Augen schauen dürfen. Dort finden Sie ihn wieder, den Irrsinn dieser Welt. „Gö, Bauer!
Wenn wir also weiter in der Illusion leben wollen, dass wir halbwegs redliche Menschen sind, obwohl uns unser köstliches Schnitzel schmeckt, dann sollten wir versuchen jene zu stärken, die versuchen aus diesem Irrsinn auszubrechen. Jene Betriebe, die die paar Extrameter gehen und sich um eine artgerechtere, biologischere Haltung bemühen. Wir müssen uns unsere Souveränität zurückholen, am Kühlregel, wenn wir unsere Kaufentscheidung treffen. Wir sind doch Idioten, wenn wir glauben, dass wir uns oder den Tieren und unserer Umwelt etwas Gutes tun, wenn wir zum Mega-Rabatt zuschlagen und unsere Tiefkühltruhe mit Fleisch anfüllen. Wir finanzieren eine Landwirtschaft, in der Tiere schon vor dem Abstechen nur mehr Ware sind.
Ware, der man ruhig die Eier rausreißen kann, denn Abschneiden wäre ja ein zusätzlicher Handgriff mehr Arbeit. Und für diese Sauerei sind letztlich nicht Richter, Behörden oder Bauern zuständig, sondern wir, die mündigen Konsumenten.



ROH MISSHANDELT
Im Herbst 2017 veröffentlichte der „Verein gegen Tierfabriken“ (VGT) Aufnahmen aus einem Schweinestall im Bezirk St. Pölten und zeigte den Betrieb wegen zahlreicher Mängel an. MFG berichtete in der Ausgabe vom Februar 2018 im Detail über den Fall und ließ auch die Verantwortlichen zu Wort kommen. Am 7. Mai fand nun am Landesgericht St. Pölten gegen drei Personen eine Verhandlung wegen Tierquälerei statt.
Von den vielen Vorwürfen, die der VGT erhoben hatte, war nach Ansicht der St. Pöltner Staatsanwaltschaft nur ein Punkt strafbar: die Kastration von Ferkeln durch das Herausreißen des Samenstrangs mit bloßen Händen, dies falle unter den Tatbestand des unnötigen Quälens von Tieren. „Wir reden von industrieller Tierhaltung, das brauchen wir uns nicht schön zu reden“, so der Richter. Jedoch habe der Landwirt auch eine Pflicht sich fortzubilden und heutige Standards einzuhalten. Die von ihm gewählte Methode sei ein „Fehler in der Tierhaltung gewesen“, dafür seien die Angeklagten auch zu bestrafen. Drei Monate bedingte Haft, die Probezeit wurde auf drei Jahre angesetzt, das Urteil ist nicht rechtskräftig. In seiner Urteilsbegründung führte der Rat weiter aus, dass es sich um einen Durchschnittsbetrieb handelt, viele Kritikpunkte der Anzeige seien aber gar nicht angeklagt worden, merkt er an und schließt: „Sie sind nicht der Horrorbetrieb, als der sie in den Medien dargestellt wurden.“