Das 6. Weltwunder
Text
Johannes Reichl
Ausgabe
09/2026
Also wenn DAS kein Weltwunder ist?! Der Klangturm St. Pölten wurde im Zuge einer online-Befragung des Magazins „Falstaff TRAVEL“ für die 10 neuen Weltwunder nominiert! Seither treibt viele die Frage um: Wie konnte das passieren? Und, noch drängender: Wer steckt dahinter? Handelte es sich um eine False flag-Operation von „St. Pölten konkret“? Wurden von der städtischen „Abteilung für Digitalisierung und Informationstechnologie“ KI-generierte Klangturm-Bots in die Befragung eingeschleust? Oder lief es eher ganz auf old school ab, und Magistrats- sowie Landesbedienstete wurden in einer hermetisch abgeschirmten Etage der Landhausgarage zum Klangturm-Voting zwangsvergattert? Stecken gar die Russen dahinter, die unsere Weltwundergemeinschaft spalten möchten? Oder doch die üblichen Verdächtigen der CIA? Und warum zum Teufel führt eine ganz heiße Spur zum Verein „Selbsthilfe-Niere“, auf dessen Homepage ein Foto des Klangturms zu finden ist! Nur Zufall???
Ich habe recherchiert und tatsächlich ein paar Ungereimtheiten entdeckt, über die sich die Welt wundert. Zunächst – weil wir hier bitteschön auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen haben – ist der Klangturm samt Antenne 76,67 m hoch. „Hä,76,67 m?!“, werden sie einwerfen. Crazy Zahl, oder?! Aber nicht etwa, weil der Architekt ein Faible für Zahlenpalindrome oder Numerologie hatte, sondern weil sich das der Legende nach die Katholische Kirche, damals noch mächtig und von streitbaren Schwergewichten wie Bischof Kurt Krenn vertreten, ausbedungen hatte. Der Domturm ist nämlich offiziell 77 Meter hoch und überragt damit seinen weltlichen Bruder im Regierungsviertel um 33 cm. Gott ist so betrachtet der Politik in St. Pölten immer um eine Nasenlänge voraus. Wenn es denn so ist, denn manche munkeln, in Wahrheit sei der Klangturm eh schon immer höher gewesen. Auch im Netz wird er überall auf 77 m taxiert, was im Kampf um „Wer hat den längeren“, äh, den höheren Turm zum Kuriosum führte, dass wir heute eigentlich nicht wissen, welches Gebäude das höchste der Stadt ist. Da darf man sich schon ein bisserl wundern.
Auch darüber, dass der Klangturm – nicht klingt! Der Versuch, das mit Lautsprechersystemen und stylischen Klangkugeln ausgestattete Wahrzeichen als Zentrum der Audio-Art zu etablieren, wurde 2014 „aus bautechnischen Gründen“ endgültig zu Grabe getragen. Der Klangturm mutierte zum Stillturm.
Wobei seine Weltwunder-Qualitäten ohnedies aus einer ganz anderen Ecke kommen, wie ich als Auserwählter am eigenen Leib erfahren durfte! Als ich nämlich – ich plaudere jetzt ein bisschen aus dem Krankheitsnähkästchen – vor einem Jahr einen Nierenstein hatte, empfahl der Arzt, diesem durch Stiegensteigen beim Abgang zu helfen. Als bekennender Schulmedizinhöriger, der den Göttern in Weiß blind vertraut (wobei mein Gott eigentlich in Grün war, Spital Erstversorgung!), fand ich mich tags darauf im Regierungsviertel ein, fuhr mit dem Lift bis zur Aussichtsplattform auf 47 m Höhe und ging den Klangturm über seine 280 Stufen wieder hinunter. Manchmal nahm ich gleich mehrere Stufen auf einmal – hüpfend – weil, merke: „Erschütterung ist des Steines Tod“, wie das Handbuch für angehende Medizinmänner lehrt. Das praktizierte ich den ganzen Vormittag hindurch, stundenlang, immer und immer wieder. Abgesehen davon, dass mich die Klangturm-Besucher spätestens beim dritten „Grüß Gott“ im Foyer beim Besteigen des Liftes für einen (zumindest) Zwangsneurotiker hielten und, verstohlen herüberblickend, einen gewissen Sicherheitsabstand wahrten, der weit über den üblichen Baby-Elefanten hinaus ging, passierte tags darauf das Unvorstellbare! Der Stein ging ab! Seitdem weiß ich um die Wunderwirkung des Klangturms, der ihn freilich eher in eine Reihe mit Orten wie Maria Lourdes rückt.
Im Magistrat macht man sich über derlei Hintergründe aber ohnedies keinen Kopf, sondern bastelt bereits an den nächsten „Operationen“: Weltkulturerbe-Region „St. Pöltner Seenerlebnis“ und „St. Pöltner Sud“ als unser Beitrag zum immateriellen Weltkulturerbe! Auch ein neuer Slogan ist bereits gefunden: „St. Pölten – hier werden Sie Ihr Wunder erleben“



