Im Anfang war der Regen
Text
Johannes Reichl
Ausgabe
09/2026
Dass „schlechtes Wetter“ nicht immer „schlecht“ sein muss, sondern manchmal durchaus positive Effekte und Folgen zeitigen kann, lehrt der Beginn der Großfestival-Ära in St. Pölten vor 20 Jahren.
Wir schreiben das Jahr 2005. Das NUKE Festival geht in Hofstetten-Grünau nahe der Landeshauptstadt St. Pölten über die Bühne mit Kapazundern wie Coldplay, Lauryn Hill oder Jamiroquai. Nachdem nach schweren Regenfällen dort aber Hänge zu rutschen beginnen, springt das von NXP betriebene VAZ St. Pölten mit seinen befestigten Parkplätzen ein, von wo aus die Festivalgäste ins Pielachtal geshuttelt werden. Der Rest ist Geschichte …
2006 schlägt das NUKE ein und beginnen Lovely Days
… denn das Jahr darauf, wir schreiben 2006, entschließt sich Veranstalter Harry Jenner – dem Vernehmen nach von VAZ-Manager René Voaks Dauerwerbung für sein Haus weichgekocht – das NUKE Festival auf dem befestigten Gelände des VAZ St. Pölten durchzuführen – der Beginn der Großfestival-Ära in St. Pölten sowie einer langen, gedeihlichen Partnerschaft zwischen VAZ St. Pölten und der Stadt St. Pölten als „Herbergsgeber“ mit Musicnet/Barracuda als Veranstalter. Beim NUKE allein sollte es nämlich nicht bleiben! Bereits im selben Jahr wird auch das Lovely Days Festival (im Premierenjahr u. a. mit dem letzten Open-Air Konzert von The Who in Österreich) aus der Taufe gehoben. 2009 übersiedelt schließlich das damals größte Festival Österreichs, das Frequency Festival, vom Salzburg-Ring in den St. Pöltner Greenpark in und rund ums VAZ St. Pölten!
Seither haben sich – kleines Best Of – die größten Pop- und Rockstars ihrer Zeit in St. Pölten die Klinke in die Hand gegeben wie 30 Seconds To Mars, Bad Religion, Beastie Boys, Bilderbuch, Billie Eilish, Billy Idol, Billy Talent, Blink-182, Bloc Party, Cypress Hill, Die Ärzte, Die Toten Hosen, Eddy Grant, Ed Sheeran, Foo Fighters, Fritz Kalkbrenner, Gary Moore, Gorillaz, Grace Jones, Imagine Dragons, Jethro Thull, Jovanotti, Lenny Kravitz, Limp Bizkit, Linkin Park, Macklemore, Mando Diao, Manu Chao, Massive Attack, Mumford & Sons, Muse, Pixies, Placebo, Queens of The Stone Age, Radiohead, Robert Plant, Roxy Music, Seeed, Sido, Snoop Dog, Sportfreunde Stiller, Tenacious D, The Cure, The Chemical Brothers, The Killers, The Prodigy, The Offspring, The Who, Twenty One Pilots, Uriah Heep, Will Smith u.v.m.
Im Rahmen des diesjährigen Frequency Festivals bedankte sich VAZ-Hausherr René Voak bei Veranstalter Harry Jenner für die nunmehr bereits zwanzigjährige Zusammenarbeit und überreichte ihm als kleines Dankeschön und Andenken ein Bild, auf dem die Top-Acts der vergangenen 20 Musicnet-Jahre im VAZ St. Pölten angeführt sind. Harry Jenner strich vor allem den positiven Gesamtkosmos von Festivals hervor: „20 Jahre im Leben eines Festivalveranstalters sind verbunden mit unendlich vielen aufregenden Momenten, einzigartigen Begegnungen mit tollen Menschen vor wie auch hinter den Kulissen, und ‚unpackbar‘ vielen gutgelaunten Besuchern, die dankbar sind, dass wir so etwas mit einem großartigen Team auf die Beine stellen … auf die nächsten 20 Jahre!“
Von Holi bis Beatpatrol
Neben den Festivals von Musicnet fanden zudem in Folge auch immer wieder weitere größere und kleinere Festivals im VAZ St. Pölten statt, vom Mittelalterspektakel mit Acts wie Subway To Sally, Saltatio Mortis oder In Extremo über das Holifestival bis hin zum über die Jahre vom Open-Air Festival zum größten Indoor-Festival Österreichs mutierten Beatpatrol Festival, das in den St. Pöltner Jahren zwischen 2009 und 2019 Jahren noch für Positiv-Schlagzeilen und Electronic-Music-Superstars am Fließband sorgte. Auch hier lässt man sich das Who is Who, das in St. Pölten auf der Bühne stand, am besten auf der Zunge zergehen: Afrojack, Armin van Buuren, Avicii, Deadmau5, Faithless, Justice, Marshmello, Moby, Parov Stelar, Paul van Dyk, Paul Kalkbrenner, Robin Schulz, Scooter, Stereo MCs, Steve Aoki, Tiësto uvm.
VAZ- und NXP-Geschäftsführer René Voak, der schon vor dieser Zeit etwa mit Konzerten wie David Bowie am St. Pöltner Domplatz 1996 für Furore gesorgt hatte, kann es selbst kaum glauben, was im VAZ St. Pölten über die Jahrzehnte entstanden ist. „Es ist schon beeindruckend, welche Acts hier in St. Pölten aufgetreten sind. Die Festivals – dafür ist allen voran Harry Jenner als Veranstalter, ebenso aber auch der Stadt St. Pölten mit ihrem klaren Bekenntnis zu den Großfestivals zu danken – haben sich zu DEM positiven Imagetreiber für die junge Hauptstadt St. Pölten entwickelt und ihren Ruf weit in die Welt hinausgetragen. Die nachhaltigen Effekte auf Image, Tourismus und Wirtschaft suchen ihresgleichen!“ Die Festivals haben auch das VAZ St. Pölten als Veranstaltungslocation von internationalem Format etabliert, denn im Fahrwasser der Festivals folgten auch zahlreiche Einzelkonzerte von Schwergewichten wie Beth Hart, Suzanne Vega, Zucchero, Rea Garvey, Lynyrd Skynyrd, Tom Jones, ZZ Top oder zuletzt The Hollywood Vampires rund um Alice Cooper, Johnny Depp, Joe Perry und Tommy Henriksen. „Irgendwie fügt sich heuer alles zu einem runden Ganzen zusammen“, so Voak. „1996 gastierte David Bowie am Domplatz, 2006 waren The Who der Headliner des ersten Lovely Days Festivals im VAZ St. Pölten und 2026 spielten, ebenfalls Open Air im VAZ, The Hollywood Vampires im Zuge ihres einzigen Österreich-Konzerts ‚Baba O’Riley‘ von The Who und ‚Heroes‘ von David Bowie! So, als würde sich ein Kreis schließen – da bekam ich schon Gänsehaut!“, gesteht der nimmermüde Manager, der selbst einer der Heroes ist, die das St. Pöltner Festivalwunder möglich machen – not „just for one day“, wie es in Heroes heißt, sondern seit nunmehr 20 Jahren!
Jüngste Landeshauptstadt wurde zur Festivalhauptstadt
Vor 20 Jahren begann mit dem NUKE die Erfolgsgeschichte St. Pöltens als Festivalhauptstadt Österreichs – auch weil damals ein junger Bürgermeister namens Matthias Stadler die damit einhergehenden Chancen für die Hauptstadt erkannte.
Was sind Ihre Erinnerungen an die Anfangszeit der Großfestivals?
2006 war für St. Pölten eine spannende Zeit. Ich war noch nicht lange Bürgermeister und wir waren als Stadt gerade dabei, uns in vielerlei Hinsicht neu zu positionieren. St. Pölten hatte lange Zeit den Ruf, dass hier nicht besonders viel los sei. Die Großfestivals haben diesem Bild sehr deutlich widersprochen.
Ich erinnere mich vor allem daran, wie schnell sich gezeigt hat, welches Potenzial darin steckt: Tausende junge Menschen kommen nach St. Pölten, die Stadt wird überregional wahrgenommen und plötzlich wird auch außerhalb der Stadt über St. Pölten als Veranstaltungs- und Kulturstadt gesprochen. Die jüngste Landeshauptstadt wurde zur Festivalhauptstadt.
Viele mutmaßen, dass unter Ihrem Vorgänger ein derartiges Bekenntnis und eine derartige Unterstützung der Großfestivals nicht möglich gewesen wären – warum waren Sie davon von Anfang an überzeugt?
Ich möchte die Arbeit meiner Vorgänger nicht beurteilen – Zeiten ändern sich und mit ihnen auch die Möglichkeiten. Für mich war entscheidend, nach vorne zu schauen und die Chancen zu erkennen, die solche Veranstaltungen für St. Pölten bieten: Umwegrentabilität, Image und natürlich auch ein Angebot vor Ort, das einer Landeshauptstadt und ihrer Hauptstadtregion würdig ist. Eine Stadt muss sich auch entwickeln und etwas ausprobieren. Ich war überzeugt, dass wir den Mut haben sollten, neue Wege zu gehen und auch jungen Menschen etwas anzubieten. Natürlich bringen Großveranstaltungen Herausforderungen mit sich – etwa bei Verkehr, Sicherheit oder Lärm. Aber wenn man diese professionell organisiert, überwiegen für mich ganz klar die Chancen.
Welche Rolle spielen die Festivals heute 20 Jahre später für die Stadt?
Sie sind heute ein wichtiger Teil des Stadtbildes und der Positionierung St. Pöltens. Sie bringen Besucherinnen und Besucher in die Stadt, schaffen Wertschöpfung für die regionale Wirtschaft und sorgen für eine überregionale mediale Aufmerksamkeit.
Noch wichtiger ist für mich aber die Wirkung nach innen: Eine Stadt braucht Orte und Veranstaltungen, auf die ihre Bewohnerinnen und Bewohner stolz sind. Die Großfestivals haben mitgeholfen, das Selbstverständnis St. Pöltens zu verändern. St. Pölten hat heute den Anspruch, eine Stadt zu sein, in der etwas los ist – und gleichzeitig eine Stadt, in der die Lebensqualität der Menschen vor Ort ernst genommen wird. Beides miteinander zu verbinden, ist die Herausforderung und gleichzeitig unsere große Stärke.











