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Das Ende der Geschichte?

Text Johannes Reichl
Ausgabe 06/2026
Es gibt diese einschneidenden (Welt)Ereignisse, die sich so tief ins Gedächtnis eingebrannt haben, dass man noch genau weiß, wo man am jeweiligen Tag gerade gewesen ist. In meinem Fall war das etwa der Anschlag auf das World Trade Center 2001 oder die Tsunamikatastrophe 2004. Die Erhebung St. Pöltens zur Landeshauptstadt am 10. Juli 1986, ich gestehe, gehört nicht dazu. Zu meiner Verteidigung: Ich war damals gerade mal 12 Jahre alt. Wenn, dann ist bei mir das Jahr 1986 wie überhaupt die 80er Jahre – weniger intellektuell, denn mehr vom Gefühl eines Kindes her – eher als bedrohlich und feindselig hängengeblieben. Ich erinnere mich etwa an Fernsehbilder von grauen Arbeitervororten in England, wo streikende Arbeiter von Polizisten auf Pferden niedergeknüppelt wurden, oder dass in den Nachrichten vom Falkland-Krieg die Rede war, wobei ich nicht den blassesten Schimmer hatte, wo die genau liegen, geschweige denn, warum man darum Krieg führt. Überhaupt schien auf der ganzen Welt Krieg zu herrschen - Iran, Irak, Afghanistan - und über allem schwebte bleiern der Kalte Krieg und die Angst vor DER Bombe. In Mittelamerika kämpften Guerillas gegen Militärdiktatoren, in Europa verübten Terrororganisationen mit komischen Kürzeln wie RAF, IRA, ETA Bombenanschläge, und gefühlt wurde ununterbrochen irgendwo ein Flugzeug von Terroristen vom Himmel geholt, während in Äthiopien Menschen verhungerten. Auch Umweltverschmutzung (das Wort Klimakatastrophe existierte noch nicht) war bereits allgegenwärtig. Ich erinnere mich etwa an Pickerl, auf denen in großen Lettern senkrecht untereinander das Wort „WALD“ prangte - dazu waagrecht die Worte „Wir Alle Leben Davon“. Eine Initiative gegen den „Sauren Regen“, der das „Waldsterben“ auslöste und mich mulmig in den Himmel blicken ließ. Dort versuchte ich auch das Ozonloch zu entdecken, von dem es hieß, wir würden alle Hautkrebs bekommen. Schließlich der „Supergau“,  die Atomreaktor-Katastrophe in Tschernobyl, als wir plötzlich nicht mehr das Gemüse aus Omas Garten essen durften. Die Landeshauptstadterhebung ging für mich in all dem unter, bestenfalls nahm ich 1986 noch peripher die aufgeheizte Stimmung rund um die Waldheim-Affäre wahr.
Wenn die Leute heute also lamentieren, wir lebten in der schlimmsten aller Zeiten, muss ich erwidern: Freunde, die 80er-Jahre waren auch nicht ohne, vom Feeling her aber ganz ähnlich. Auch damals machte sich so etwas wie Endzeitstimmung breit, Zukunftsangst, dass alles den Bach runtergeht, der Turbokapitalismus alles auffrisst und Friede für alle Zeiten eine Utopie bleiben wird. ABER, und daran sollten wir uns ein Vorbild nehmen: Die 80er waren auch eine Zeit des Handelns. FCKWs wurden im Eiltempo verboten, das Ozonloch schloss sich wieder. Die Wälder erholten sich dank Maßnahmen gegen Luftverschmutzung und der Einführung des Autokatalysators, wie sich Umweltschutz überhaupt den Weg in Volksvertretungen bahnte – 1986 zogen die Grünen erstmals in den Nationalrat ein. Waldheim wurde zwar aus einer „Jetzt erst recht“-Attitüde gewählt, die ehrliche Aufarbeitung der österreichischen Geschichte während des Nazi-Regimes war aber nicht mehr aufzuhalten. Und – am Ende dieses teils düsteren Jahrzehnts – passierte das Unvorstellbare: Der Kommunismus brach in sich zusammen, der Eiserne Vorhang fiel, und ich – da schon als fast 16-Jähriger elektrisiert und verstehend – sah, wie sich Menschen lachend und weinend zugleich in den Armen lagen und ihre neu gewonnene Freiheit kaum fassen konnten.
Francis Fukuyama rief damals das Ende der Geschichte aus, weil er die Demokratie als endgültige Siegerin im Kampf der Systeme wähnte. Heute wissen wir, dass er vielleicht zu voreilig war. Aber wir wissen auch, dass man Dinge verändern kann. Mit Mut. Mit Optimismus. Mit Zuversicht. Indem man das Heft des Handelns in die Hand nimmt – wie die Niederösterreicher, die sich 1986 eine eigene Landeshauptstadt gaben.  
Das war kein Ende der Geschichte. Das war ein fulminanter Anfang – Happy Birthday St. Pölten!