80 Jahre und kein bisschen leise
Text
Thomas Fröhlich
Ausgabe
09/2026
Langweilig war’s ja beim Künstlerbund St. Pölten nie. Doch die Jahre 2024 und 2025 waren dann doch irgendwo zwischen „himmelhochjauchzend“ und „zu Tode betrübt“ angesiedelt. Zum heurigen 80-Jahr-Jubiläum ist offenbar alles anders. Thomas Fröhlich fand hochmotivierte und -qualifizierte Menschen vor, die eine klare Vision des Gegenwärtigen wie des Zukünftigen besitzen. Eine Institution im Umbruch …
Zur Geschichte
Im Jahr 2026 feiert der Künstlerbund St. Pölten sein 80-jähriges Bestehen. Acht Jahrzehnte Tradition, zeitgenössische Kunst und Engagement für die lokale Kulturszene und darüber hinaus machten den Verein, dem bildende Künstler unterschiedlichster Ausrichtung angehören, zu einer festen Größe in St. Pölten.
Der heutige Vereinsname Künstlerbund St. Pölten geht auf den historischen Namen „St. Pöltner Künstlerbund“ zurück und ist seit seiner Gründung Teil seiner Identität. Der Begriff „Künstler“ wird hier übrigens als generische Bezeichnung verstanden und meint alle Künstlerinnen und Künstler – unabhängig von Geschlecht, Identität oder Ausdrucksform.
Gegründet wurde der Künstlerbund am 16. November 1946 im Haus Domgasse 5; erster Obmann war Adolf Peschek. Bereits 1947 fand die erste Ausstellung statt – ein Zeichen für den Willen der Künstler, trotz schwieriger Nachkriegsbedingungen Kunst zu schaffen und sichtbar zu machen. Früh engagierte Mitglieder wie Maria Sturm, Iris Hahnl-Faerber oder Ignaz Mühlbacher legten den Grundstein für den Aufbau und die Entwicklung des Vereins.
Ab 1973 leitete der mittlerweile verstorbene Friedrich Martin Seitz den Künstlerbund. Er bemühte sich stets um den Ausgleich zwischen den verschiedenen künstlerischen Richtungen (hier die Traditionalisten, dort die moderne Auffassung) und etablierte den Verein als stabile Plattform für Kunstschaffende in der Region.
Mit Ernest Kienzl, der dem Künstlerbund von 2006 bis 2023 vorstand, begann eine neue prägende Phase. Seine Obmannschaft umfasste organisatorische Stabilität, professionelle Struktur und künstlerische Weiterentwicklung. Unter seiner Ägide erhielt der Künstlerbund zudem erstmals einen eigenen Ausstellungsraum, der 2008 als KUNST/WERK im historischen Löwinnenhof eröffnet wurde. Seitdem verfügt der Verein über einen festen Standort im Zentrum von St. Pölten, der als lebendiger Treffpunkt und Ausstellungsort für Mitglieder und eingeladene Künstler dient.
Von 2024 bis April 2025 leiteten Flora und Martin Szurcsik-Nimmervoll, besser bekannt als Mars & Blum, eine Phase struktureller Weiterentwicklung ein. Manche sahen darin allerdings auch eine mitunter etwas erratische Vorgehensweise, die den Intentionen des Künstlerbundes eher entgegengesetzt zu sein schien, zumal sie Lokales in den Augen vieler komplett ignorierten. Es folgte Mai bis Mitte Oktober donhofer., der zwar Aufbruchsstimmung signalisierte, als Teamspieler aber vielleicht nicht ganz am richtigen Platz war und seinen baldigen Rück- und Austritt als medienwirksame Performance inszenierte.
Seit Ende 2025 wurde der Künstlerbund St. Pölten von Brigitte Saugstad und nun von Eva Bakalar unaufgeregt, aber zielstrebig und hocheffizient geführt. Gemeinsam entwickelten sie über den Jahreswechsel das umfangreiche Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm für das 80-Jahr-Jubiläum.
Die Jahresausstellungen im Stadtmuseum St. Pölten, die Vergabe der Adolf-Peschek-Jury- und Publikumspreise sowie der kontinuierliche Ausstellungsbetrieb im KUNST/WERK zeigen jedenfalls, wie der Künstlerbund St. Pölten Tradition und zeitgenössische Kunst miteinander verbindet. Heute versteht sich der Verein als offene, lebendige Plattform für Künstlerinnen und Künstler und lebt von der Vielfalt seiner Mitglieder, unterschiedlichsten künstlerischen Ausdrucksformen und letztendlich generationsübergreifenden Perspektiven. Am 16. Oktober wird die Jubiläumsausstellung im Stadtmuseum eröffnet – dazu erscheint ein Buch/Katalog mit Glückwünschen von Wegbegleitern und Gästen, aktuellen künstlerischen Positionen der Mitglieder sowie persönlichen Beiträgen der Künstlerinnen und Künstler unter dem Titel „Stimmen aus dem Künstlerbund“.
DAS INTERVIEW
Während des Aufbaus der aktuellen Ausstellung „Flora bringt Blumen“ wurde vom mfg ein Interview geführt: Anwesend waren Obfrau Eva Bakalar (EB), Obfrau-Stellvertreter Marcus Hufnagl (MH) sowie Vorstandsmitglied und Kassierin Brigitte Saugstad (BS). Zu Vorstandsmitglied und Schriftführerin Beatrix Mapalagama (BM) gab es einen schriftlichen Kontakt.
Wo steht der Künstlerbund heute? Und wofür steht er?
EB Der Künstlerbund steht heute für Vielfalt, Eigenständigkeit und Offenheit – auch für unterschiedliche künstlerische Positionen. Wir wollen auch mehr Austausch mit der Öffentlichkeit und wieder eine aktivere Rolle im kulturellen Leben von St. Pölten spielen. Und wir wollen unsere Qualität zeigen, die in den letzten Jahren leider unsichtbar geworden ist.
MH So sehe ich das nicht. Er war nicht unsichtbar.
BS Die Kunstszene hat sich verändert, und damit wird heute auch von einem Verein viel mehr verlangt. Gerade deshalb ist mir die Teamarbeit so wichtig. Einer allein kann das alles gar nicht mehr schaffen – schon gar nicht ehrenamtlich. Eva und ich haben in kürzester Zeit gemeinsam das umfangreiche Programm für unser 80-Jahr-Jubiläum entwickelt. Das war eine tolle Zusammenarbeit – und das Ergebnis spricht für sich.
BM Generell hat uns Mars & Blum nicht ernstgenommen und donhofer. war als Obmann nicht ernst zu nehmen.
EB Ich würde diese Zeit nicht ausschließlich negativ bewerten. Sie haben den Künstlerbund wieder stärker ins mediale Interesse gerückt und damit auch eine Diskussion darüber ausgelöst, wofür dieser Verein eigentlich steht. Aber ja, bei Mars & Blum sowie donhofer. hatte ich nicht das Gefühl, dass wirklich ein Interesse daran bestand, den Künstlerbund kennenzulernen – und damit meine ich vor allem seine Mitglieder und seine gewachsene Struktur.
MH Aber es hat eine gewaltige Bewegung hineingebracht.
EB Genau, manchmal braucht es eben einen kleinen Anstoß. Ich glaube, der Künstlerbund braucht wieder mehr Bewegung, mehr Offenheit und vor allem mehr „Miteinander“. Er soll wieder ein lebendiger Ort sein, an dem etwas passiert, an dem man miteinander diskutiert, auch „Neues“ wagt und sich manchmal vielleicht auch ein bisschen reibt... Die Geschichte gehört dazu.
BM Der Künstlerbund ist eine Diskursgemeinschaft, eine ständige Herausforderung für das eigene fixierte Denken, eine Gemeinschaftserfahrung.
Das Problem ist halt mitunter: Wenn’s nicht kracht, wird man unter Umständen medial gar nicht wahrgenommen.
BS (lacht) Stimmt schon – wenn‘s kracht, ist die Aufmerksamkeit oft größer. Das ist ja in der Kunst nicht anders: Mit Provokation oder einem Skandal bekommt man oft besonders viel Aufmerksamkeit. Aber das ist etwas anderes als interne Konflikte in einem Kunstverein. Bei uns gäbe es genug über die Kunst selbst zu erzählen – über unsere Mitglieder, ihre Arbeiten und unsere Ausstellungen.
Wie sieht‘s mit Kooperationen aus?
EB Kooperationen sind gewünscht! Wir knüpfen gerne neue Kontakte – besonders zu jungen Menschen und Bildungseinrichtungen. Erste Gespräche laufen bereits. Und wenn wir zusätzlich wieder den Austausch mit anderen Vereinen suchen, dann kann daraus wirklich etwas Spannendes entstehen. Ich glaube, da ist noch viel Luft nach oben.
BS Kontakte zu anderen Vereinen gab‘s immer. Heuer etwa mit Heidenheim, unserer Partnerstadt: Im Mai haben wir gemeinsam die Ausstellung „CALL: Heidenheim ↔ St. Pölten“ im KUNST/WERK gezeigt. Für mich ist bei solchen Kooperationen wichtig, dass sie auf Augenhöhe stattfinden.
EB Ich bin offen für Kooperationen und gemeinsame Projekte oder Veranstaltungen, wenn sie für beide Seiten sinnvoll sind. Der Künstlerbund ist ein eigenständiger Verein und das soll auch so bleiben. Bei Kooperationen muss man nur darauf achten, dass kein Ungleichgewicht entsteht. Denn es macht natürlich einen Unterschied, ob hinter einem Verein ein Geschäftsführer und ein bezahltes Team stehen oder ob vieles ehrenamtlich geleistet wird. Auch Zeit und Engagement haben einen Wert – und darauf wollen wir bei Kooperationen achten und es nicht aus den Augen verlieren!
Wie schaut’s mit Mitgliedern aus? Also: Wie werde ich Mitglied beim Künstlerbund?
EB Künstlerische Qualität und Eigenständigkeit sind wichtig. Das Geschlecht spielt da überhaupt keine Rolle.
BM Wenn der eigene Ausdruck ein wichtiger, sinnstiftender Teil der Identität der Bewerber ist, kann man das spüren.
EB Früher galt eine Drei-Jahres-Frist. Heute sprechen wir Künstlerinnen und Künstler auch aktiv an, und bei Bewerbungen gibt es ein persönliches Hearing. Und wer weiß – vielleicht gehören in Zukunft nicht nur bildende Künstler zum Künstlerbund ...
Kann Letzteres nicht in Beliebigkeit münden?
MH Wir sind eigentlich jetzt schon unheimlich breit aufgestellt: sehr unterschiedliche Sichtweisen und Personen!
EB Wir freuen uns natürlich über jedes neue Mitglied, über unterschiedliche Persönlichkeiten, Positionen und Ideen, und sind wie gesagt aktiv auf der Suche.
BS Es gibt nun auch mehr kuratierte Ausstellungen – mit Kuratorinnen und Kuratoren aus dem Künstlerbund, aber auch von außen. Je nach Ausstellung laden wir auch Gastkünstlerinnen und Gastkünstler ein. Bei unserer Jubiläumsausstellung „WIR FEIERN UNS!“ im Stadtmuseum sind allerdings ausschließlich Mitglieder des Künstlerbundes vertreten.
EB Im Vorstand sind wir derzeit sehr gut aufgestellt. Gleichzeitig gibt es einiges an administrativer Arbeit aufzuarbeiten, die in den vergangenen Jahren liegen geblieben ist. Das ist für einen ehrenamtlich geführten Verein natürlich eine Herausforderung. Deshalb bin ich eine große Freundin davon, Aufgaben nach den jeweiligen Stärken zu verteilen: Jeder sollte das machen, was er am besten kann. Und wenn jemand etwas besser kann als ich, dann lasse ich ihn das auch gerne machen. Deshalb ist zum Beispiel Marcus unser öffentlicher Redner – das kann er einfach besser, da ist er brillant.
MH Dafür haben wir jetzt eine Obfrau, die sich stark einbringen kann, die Leute verstärkt anspricht, reist und Menschen vernetzt. Und das alles auch noch ehrenamtlich!
EB (lacht) Stimmt. Ehrenamt ist wertvoll, aber nicht selbstverständlich – darüber sollten wir reden!
KÜNSTLERBUND ST. PÖLTEN
KUNST/WERK
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