Baum fällt
Text
Sascha Harold
Ausgabe
09/2026
Die geplante Fällung von 26 Linden in der Heidenheimer Straße im Zuge einer Sanierung lässt nach wie vor die Wogen hochgehen. Wie kam es dazu?
Seit 90 Jahren befindet sich in der Heidenheimer Straße zwischen Mariazeller und Viktor Adler Straße eine Lindenallee. In einem Gemeinderatsbeschluss vom 11. Mai wurde entschieden, den Straßenabschnitt zu sanieren. Gründe sind einerseits die Erneuerung des in die Jahre gekommenen Straßenbelags, andererseits der Tausch der Wasserleitungen und die Verlegung von Leitungen für Fernwärme, die mehrere Wohnbauten betrifft. Für Aufregung sorgte das deshalb, weil im Zuge der Straßensanierung auch die alten Linden gefällt werden sollen. Aus dem Rathaus heißt es, dass die Sanierung gerade wegen des Baumbestandes mehrfach aufgeschoben wurde, die Versorgungssicherheit in Zusammenhang mit dem Zustand der Leitungen aber keinen weiteren Aufschub zulasse. Der Zustand der Bäume war im Baumkataster der Stadt großteils als „schwer beeinträchtigt“ angegeben, die verbleibende Lebenserwartung nur auf rund zehn Jahre geschätzt – so die Lage im Mai. Die parteilose Gemeinderätin Susanne Binder-Novak (früher ÖVP) sah das anders und forderte zunächst ein unabhängiges Sachverständigengutachten von der Stadtregierung, was SPÖ und Grüne ablehnten. Sie beauftragte daraufhin gemeinsam mit der Bürgerinitiative Pro St. Pölten den Sachverständigen Rainer Prosenz, um den Zustand der Bäume zu eruieren. „Der von uns beauftragte Gutachter kommt zu einem anderen Ergebnis als die Stadt, die Bäume haben nicht einmal die Hälfte ihrer Lebenserwartung erreicht“, so Binder-Novak. Der Gesamtzustand der meisten Bäume müsse als „gut“ bezeichnet werden, heißt es im Gutachten weiter. Woher kommt diese unterschiedliche Auffassung? Bürgermeister-Stv. Walter Heimerl-Lesnik von den Grünen hält mit Blick auf das Gutachten fest: „Wir haben zusammen mit dem Koalitionspartner die Umsetzung des Projekts sofort gestoppt und weitere Prüfungen veranlasst. Diese sind aktuell noch im Laufen. Das Ergebnis soll in den nächsten Wochen vorliegen.“
Rathaussprecher Thomas Kainz fügt hinzu, dass es einen Unterschied zwischen Straßen- und Parkbäumen gebe und es aus Sicht von Sachverständigen kaum möglich sei, die Bäume im bestehenden Bauumfeld zu erhalten. Welche Sachverständigen das sind, bleibt offen. Fest stehe jedenfalls, heißt es von der Stadt weiter, dass der laut ÖNORM vorgesehene Schutzbereich der Bäume mit dem vorliegenden Bauprojekt nicht umsetzbar sei. Im Gutachten von Prosenz heißt es lediglich allgemein: „Viele Straßensanierungen werden bei Erhalt der Bäume durchgeführt, das ist also grundsätzlich üblich und somit auch möglich.“ Die Details der geplanten Arbeiten wurden im Gutachten allerdings nicht berücksichtigt. Binder-Novak vermutet jedenfalls einen anderen Grund für die Fällung: „Uns wurde in der Gemeinderatssitzung im Mai der Plan für ein Betriebsfeuerwehrgebäude vorgelegt, das auf einem Grundstück direkt an der Heidenheimer Straße entstehen soll. Vermutlich wird dieses Bauvorhaben durch die Bäume gestört.“
Betriebsfeuerwehr für Voith?
Das Grundstück, um das es geht, ist laut Grundbuch im Eigentum der Voith, die unweit davon einen Standort hat. Aktuell befindet sich dort ein Spielplatz. Das Unternehmen reagierte auf Nachfragen nicht und auch aus dem Rathaus kommen nur allgemeine Informationen: „Die Entwicklung des Areals inklusive der Verlegung Zufahrt zum Voith-Gelände wird im Rahmen der gesamtkonzeptionellen Planungen berücksichtigt.“ Zum geplanten Projekt könne sonst noch nichts Genaues gesagt werden, weil es noch keine Einreichung gebe. Man sei aber zuversichtlich, heißt es vonseiten der Stadt, dass der Spielplatz erhalten bleibe.
Zurück zur Sanierung der Heidenheimer Straße: Aktuell abgeschlossen sind bereits die Verlegung der Wasserleitung sowie die Anschlüsse der Häuser an die Fernwärme, offen ist jedoch noch die Sanierung der Straße. Sollte die Fällung der Allee notwendig werden, sind bereits Ersatzmaßnahmen geplant. Heimerl-Lesnik: „Bei der Sanierung der Heidenheimer Straße werden in jedem Fall eine Reihe positiver Maßnahmen gesetzt. In einer Querstraße der Heidenheimer Straße werden erstmals beidseitig Bäume gesetzt werden. Zusammen sollen die beiden Straßenabschnitte in Zukunft 10 Bäume mehr als bisher aufweisen. Die neuen Bäume bekommen wesentlich größere Pflanzgruben als bisher in St. Pölten üblich.“ Klar ist aber auch, dass solche Ersatzpflanzungen den Wegfall der Allee erst in Jahrzehnten kompensieren können. So hält auch das Gutachten von Prosenz fest: „In der Jungbaum- und Reifephase entwickelt der junge Baum primär seine Baumhöhe. Dabei ist das Kronenvolumen relativ klein, die Borke meist glatt, Spechtlöcher, Totholz und Nisthöhlen noch nicht vorhanden. Daher ist seine ökosoziale Dienstleistung gering. Typische Stadtbäume brauchen 30 bis 60 Jahre für diese Entwicklung.“ Bäume treten erst dann in ihre Alterungsphase ein, die den ökosozialen Wert deutlich steigere.
Maßnahmen gegen die Hitze
Der vergangene Hitzesommer rückt die wichtige Rolle von Grünflächen und Bäumen – unabhängig von der Lindenallee – noch stärker in den Fokus. Wie plant die Stadt auf die immer heißer werdenden Sommer zu reagieren? Neben Begrünungsmaßnahmen, unter anderem im Regierungsviertel und der Innenstadt sollen auch sogenannte „klimafitte Gärten“ mit Beratung gefördert werden. Auch am politischen Bekenntnis zur Klimaneutralität 2040, an dem unter anderem die Industrie auf Bundesebene zuletzt gerüttelt hat, hält die Stadt weiterhin fest. Heimerl-Lesnik ergänzt: „Für die kommenden Jahre haben wir uns mit dem Koalitionspartner ein ambitioniertes Programm zur Begrünung der Stadt vorgenommen. Dazu gehört auch der Beschluss der ersten Baumschutzverordnung für St. Pölten. Sie wird vor allem wirksame Schutzmaßnahmen zum Erhalt des städtischen Baumbestandes festlegen, aber auch klare Pflichten und Ausgleichsmaßnahmen für die Fälle, in denen ein Schutz nicht möglich ist.“ Ob diese Baumverordnung im aktuellen Fall der Heidenheimer Straße einen Unterschied gemacht hätte, ist unklar. Eine Verordnung würde aber jedenfalls klare Regeln festlegen. Im Rathaus geht man jedenfalls weiter davon aus, dass das Sanierungsprojekt mit Ende des Jahres abgeschlossen sein wird – was aktuell wohl auch das Ende der Lindenallee in ihrer heutigen Form bedeutet.




